Nordamerika

Welch eine Freude, in Ross River den einzigen Automechaniker im Umkreis von 300 Kilometern kennen zu lernen! Nicht nur dass Paul Minder an jenem herrlich sonnigen Sonntagnachmittag zu Hause ist – dass Montag ein Feiertag ist, war uns erst gar nicht bewusst –, sondern dass er auch gerade auf dem Weg in seine Werkstatt ist, um einen Truck zu untersuchen, können wir mal wieder unter der Rubrik ‚Glück im Unglück’ verbuchen. Die Reifenreparatur ist Routinesache, das mit dem Schluckauf schon weniger. Pauls Diagnose bestätigt die negativste Variante, dass nämlich ein ‘Injection Module’ anscheinend dabei ist, den Geist aufzugeben. Ein nicht nur teures, sondern vor allem für ein 1984er Modell made in the US of A schwer aufzutreibendes Ersatzteil. Er baut es aus, wir untersuchen es auf eventuelle sichtbare Schäden – sieht innen drin aus wie ein Transistorradio – finden aber keine. Wieder eingebaut, fest verschraubt, Steckkontakte gereinigt … “Try to find one in Whitehorse.”
Straßen in die Einsamkeit – davon gibt es im Norden Kanadas viele. Eine der abenteuerlichsten ist sicherlich die Canol Road. In den vierziger Jahren als Begleittrasse zu einer sehr kurzlebigen Ölpipeline zwischen Norman Wells am Mackenzie River und dem Alaska Highway in die Wildnis geschlagen, verkam sie schon kurz danach zu einer wertlosen Buschpiste. Brücken wurden im Laufe der Jahre von den Frühjahrsfluten der Flüsse zerstört, Straßenabschnitte ausgewaschen. Nördlich der Mackenzie Mountains, auf dem Gebiet der Northwest Territories, existiert sie nur noch als Relikt. Inzwischen wieder unberührte Wildnis, Land der Wölfe und der Grizzlies … und einiger wagemutiger Wanderer, die sich zu Fuß auf den 350 Kilometer langen Canol Heritage Trail machen.
‘Wow, they’ve got water everywhere!’ Alletha ist ganz fasziniert von den vielen Seen und Flüssen hier in Kanada. Das ist alles so anders als in ihrer Heimat Namibia, wo es außer an den Grenzen zu den Nachbarländern Angola, Zambia, Botswana und Südafrika keinen einzigen ganzjährig Wasser führenden Fluss gibt. Auf meinen Reisen in Namibia zwischen 2002 und 2005 habe ich Menschen getroffen, die im Erwachsenenalter zum ersten Mal überhaupt ein Fließgewässer gesehen haben. Das Landesinnere ist einfach zu trocken: Dornbuschsavanne zwischen den großen Wüstengebieten der Namib und der Kalahari.
Die Wellen der Nisutlin Bay plätschern gegen das steinige Ufer. Das vertraute Surren um die Ohren lässt die Hände hochschnellen und in die Luft greifen – wieder zwei Moskitos zerquetscht. Diese Abwehrbewegung erfolgt inzwischen automatisch und fast schon unbewusst, aufgelockert hin und wieder durch gezieltes In-die-Hände-Klatschen, wenn ein all zu tollkühner Angreifer eine Frontalattacke wagt. Zum Glück sind die Plagegeister der kanadischen Wälder ziemlich reaktionsträge, so dass fast jeder Abwehrschlag zum Erfolg führt. Was aber nicht verhindert, dass zur gleichen Zeit ein Dutzend Kollegen sich unbemerkt von hinten anschleicht und zusticht: hinters Ohr, zwischen den Haaren in die Kopfhaut, in den Nacken … oder unterm Tisch in die Knöchel – auch durch die Socken.