Indien – bitte einfach nur noch nach Goa

Indien – bitte einfach nur noch nach Goa

Die erste Adresse, die wir in Indien ansteuern ist Mrs. Bhandaris Guesthouse in Amritsar. Nach der Pakistan Durchfahrt das Beste, was einem passieren kann: wir stehen im wunderschönen grünen Garten, bedienen uns am Kühlschrank mit den kalten Getränken (es gibt wieder Bier!), schwimmen im kalten Pool und ignorieren das laute Gehupe und indische Treiben auf den Straßen hinter der Mauer. Das Bus-Innere wird von seiner dicken Staub- und Dreckschicht befreit, der Laundry-Man bekommt zwei große Säcke Wäsche, die wir am Nachmittag sauber, gebügelt und zusammengelegt zurückbekommen. Leider hat es auf der letzten Pakistan-Etappe auch die Kinder erwischt, das Essen bzw. die Milch kommt oben und unten wieder rausgeschossen. Die beiden brauchen definitiv erst einmal zwei Tage Pause. Auch den einen oder anderen Biker und Busfahrer hat´s erwischt. Aber im Guesthouse von Mrs. Bhandari kann man sich gut erholen.

Ein Teil der Gruppe fährt am nächsten Tag nach Manali hoch. Viel Strecke für einen kurzen Blick auf die Berge, denn am nächsten Tag muss sofort weitergefahren werden, denn in Delhi steigen die Biker-Frauen dazu. Für Harald S. ist die Tour hier zu Ende, sein Rückflug geht am nächsten Tag. Glücklicherweise ohne für das Übergepäck zahlen zu müssen, der Mann am Schalter scheint auch Motorradfahrer zu sein und hat Verständnis für seine drei Gepäckstücke.

Von Delhi geht’s für die B&B-Gruppe nun weiter nach Jaipur und Pushkar. In Ajmer, kurz vor Pushkar passiert es dann, uns fährt ein indischer Motorradfahrer in die Bus-Seite! Wo hatte der bitte seine Augen?!? Es scheppert und kracht gewaltig und der Motorradfahrer stürzt. Was jetzt? Anhalten? Aussteigen? Bloß nicht, aussteigen hieße für Till, er würde gewaltig auf die Mütze kriegen. Im Rückspiegel sehen wir, wie sich eine große Menschenmenge bildet. Ein Inder auf der anderen Straßenseite winkt hektisch. Wir deuten, wir sollen sofort weiterfahren. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Was tun? Wir fahren weiter. Zum nächsten Polizisten, der an der Ecke den Verkehr regelt. Wir fragen nach der Polizeistation und er winkt Richtung Pushkar. Wir geben Gas. Kurze Zeit später werden wir vom Polizisten überholt. Wir halten am Straßenrand an und erklären den Unfall, für den Till nun wirklich nichts konnte. Wir erklären, dass wir zur nächsten Polizeistation fahren und er scheint damit recht entspannt zu sein und lässt uns weiterfahren. Bei der Polizeistation in Pushkar sind sie ebenfalls sehr relaxed. Ob wir eine Anzeige machen wollen. Bloß nicht! Sie notieren daraufhin lediglich unsere Handynummer und Passdaten und wünschen uns noch einen schönen Tag! Glücklicherweise ist nämlich am nächsten Tag Diwali (Neujahrs bzw. Lichterfest) und alle sind in Feierlaune! Wir sind froh als wir ohne Telefonanruf der Polizei weiterfahren können. Scheint also mit dem Motorradfahrer nichts passiert zu sein. Puh!

Udaipur ist das nächste Ziel. Wir, das Busteam, sehen von Udaipur mangels vernünftigem Stellplatz nichts. Wir sind froh, als wir aus der Stadt wieder raus sind. Indische Städte mit ihrem Verkehr und immer enger werdenden Straßen sind mit einem großen Bus einfach nicht zu meistern ohne ständigen Schweißausbruch und Herzinfaktgefahr. Und ganz ehrlich: es muss nicht noch ein Motorradfahrer, eine Riksha, ein Mensch, Tier oder sonstiges mit dem Bus in unerwünschten Kontakt kommen, nur, damit Busmitfahrer oder Gepäckstücke direkt vor einem Hotel abgeladen werden können. Das ist mit Taxi oder Riksha sehr viel leichter zu meistern und mindert die Unfallgefahr um ein Vielfaches.

Von Udaipur geht es am nächsten Tag weiter Richtung Mumbai. Erst am Abend entdecken wir, dass unser Hinterreifen einen riesigen Riss hat und Luft verliert! Dass wir überhaupt noch soweit gekommen sind….! An der Tankstelle, unweit vom Biker-Hotel entfernt, an der wir einen Stellplatz für die Nacht gefunden haben, versucht man uns am nächsten Tag einen neuen Reifen zu organisieren. Klappt natürlich nicht. Unsere Reifengröße hat man in dieser Stadt nicht. Scheibenkleister! Wir müssen aber weiter. Bleibt uns nur eins: Reserverad rauf und die letzten 800 km nach Goa ohne Reifenpanne schaffen. Heißt aber auch: wir können das Risiko nicht eingehen, jetzt noch Busmitfahrer zu haben. Da eh die Idee im Raum stand, dass alle Frauen bei ihren Männern die letzten 500 Kilometer bis nach Goa mitfahren, da die Strecke über die Küstenstraße für die Motorradfahrer sehr viel schöner ist und wir mit dem großen Bus diesen einspurigen und kurvenreichen Highway nicht langfahren, wird diese Idee nun nach der weiteren Etappe in die Tat umgesetzt.

Doch bevor wir diese letzten Streckenpunkte antreten, muss das Reserverad rauf. Wir fahren mit unserem Halb-Platten die Straße runter. Überall Reifenshops. Aber keiner will unseren Reifen wechseln. Der einzige, der es machen will, ist ein Fahrrad-Laden! Nein danke, dann machen wir es eben alleine. Und dann stehen wir wieder an der Tankstelle, wo wir die Nacht verbracht haben. Blättern im Handbuch herum und stellen mal wieder fest, keiner unserer vier (!!) Wagenheber passt hinten unter die Achse. Wir müssen tricksen. Wir fahren auf unsere zwei Plastikkeile, um die Achse höher zu bekommen. Nun passt der kleine Wagenheber drunter und manövriert den Bus in die Höhe. Wir schieben den einen Unterlegkeil weg, so dass der kaputte Reifen in der Luft hängt. Der andere dieser beiden Zwillingsreifen steht noch auf dem anderen Keil. Als wir die Bolzen lösen und dann den Reifen runter haben, rutscht der andere Reifen fast hinterher. Schnell sichern wir ihn mit den Radmuttern. Wir müssen den Bus noch weiter hochhebeln, damit der zweite Reifen wieder richtig drauf sitzt. Erst dann können wir das Reserverad raufwuchten. Was für ein Kraftakt. Mitten in der Mittagssonne. Das gute an diesem Zeitpunkt: Theo ist so müde, dass er die gesamte Reifenwechsel-Aktion verpennt. Und Hugo, der schaut aus seiner Wippe einfach zu. Noch mehr Schweiß fließt, als wir die Radmuttern wieder fest ziehen. Und dann machen wir einen Fehler. Wir setzen den zweiten Unterlegkeil nicht wieder unter das getauschte Rad als wir den Wagenheber runterlassen. Nun klemmt der Wagenheber, das ganze Gewicht ist auf dem inneren Zwillingsreifen und der beult sich inzwischen so aus, das es nicht mehr normal ist. Verdammt! Der Bus zischt, weil er das Gewicht ausgleichen will. Der ganze Bus muss wieder hochgehebelt werden, diesmal mit einem zweiten Wagenheber an anderer Stelle. Dann der zweite Keil runter. Alles muss schnell gehen, weil der Reifen sämtliche unnatürlichen Formen annimmt. Und dann sitzt der Keil endlich drunter, beide Wagenheber sind gelöst und weggestoßen, Till rennt zur Fahrertür und löst die Handbremse, damit der Bus runterrollen kann und das Gewicht sich wieder gleich verteilt. Das war knapp und ein zweites Mal brauchen wir so eine Aktion nicht. Wir rufen unsere Busmitfahrer an und fahren, immer noch unter Adrenalin, am frühen Nachmittag endlich weiter, das letzte Stück mit Mitfahrern. Es darf jetzt nichts mehr schief gehen. Am Tag darauf trennen sich unsere Wege und wir befinden uns auf dem letzten Etappenstück nach Goa.

 

Wir brauchen zwei Tage. Der erste Tag führt uns um 5 Uhr morgens einmal durch Mumbai. Die Straßen sind frei, aber in einem miesen Zustand. Der Gedanke ohne Ersatzrad hier langzufahren ist mal wieder Adrenalin. Wir brauchen 2 Stunden für die Mumbai-Schleife und atmen tief durch, als wir diese ohne Reifenpanne geschafft haben. Bis Belgaum fahren wir Highway – alles ist easy going. Doch als wir am nächsten Tag die letzten 170km vor uns haben, steht uns der Schweiß wieder auf der Stirn. Belgaum bis Goa ist eine einzige Schlaglochpiste. Wie in Pakistan oder schlimmer. Kurz vor Goa nach einer kurzen Pinkelpause für Ole dann der Schock als wir wieder losfahren wollen: wir rollen komisch und man fühlt, dass ein Reifen hinten links eiert. Bitte nicht schon wieder! Mir wird schlecht, mir steckt ein Kloß im Hals und ich könnte aus Verzweiflung einfach nur noch heulen. Es ist Sonntag, wir sind irgendwo zwischen Belgaum und Goa, wir haben kein Ersatzrad mehr und wir haben die Nase voll. Wir wollen einfach nur noch ankommen. Till steigt aus. Und kommt nicht zurück. Ich sitze vorne und überlege, ob ich meinen Kopf aus dem Fenster halten soll um Till zu fragen, wie schlimm es ist. Aber will ich wirklich Gewissheit, dass der Reifen platt ist? Es nützt nichts. Ich sehe im Rückspiegel, wie Till am Hinterrad hockt. Ich atme tief durch, und ruf aus dem Fenster: und? Er ruft zurück: kein Platten! Aber wir haben einen dicken Stein zwischen den Reifen! Ein mindestens genauso großer, den Till dann nach 10min dahinten rausprokelt, fällt mir in der Sekunde vom Herzen! An diesem Nachmittag kommen wir in Goa an. Freudentränen als wir über den Hügel vom Mapsa nach Assagao fahren. Wir sind zurück in unserem Paradies. Endlich! Danke!

 

Die Biker kommen, wie geplant, einen Tag später an. Und auch sie haben ihre Geschichte zu erzählen. Geplant waren drei Etappen á 160km. Doch nicht nur Diwali und die damit voll ausgebuchten Hotels machten ihnen einen Strich durch die Rechnung einer entspannten letzten Tour-Etappe. Der Tod eines wichtigen Ministers aus Maharashtra, dem Bundesstaat, den sie durchquerten, bedeutete, dass plötzlich alle Läden geschlossen waren. Und dazu gehörten auch sämtliche Obststände, Straßenrestaurants, Hotels, Shops, einfach alles! Stundenlang fuhren Werner und Andrea durch die Gegend um einen Schlafplatz und Essen für alle zu organisieren. Und wurden dann endlich fündig. Mehrbettzimmer waren das einzige, was noch aufzutreiben war. Gegessen wurde dann zusammen auf dem Dach des Hauses, zwei Betten als Tische zusammengeschoben und das gegessen, was irgendwie zu organisieren war. Zudem hieß es, sie sollten das Gebäude nicht mehr verlassen, die Leute würden durch den Tod des Ministers vielleicht durchdrehen und so blieben alle bis zum Aufbruch am nächsten Morgen im Hotel. Entsprechend glücklich waren dann auch alle, als sie endlich am Nachmittag das Casa Tres Amigos in Goa erreichten. Und nun heißt es entspannen und Goa genießen. Für manche nur einen bis wenige Tage – für uns zum Glück bis Ende März, wenn es dann ab 1. April heißt: „Bike & Bus to India“ goes Germany!

 

Amelie de Boer
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