9. Etappe Nowosibirsk – Krasnojarsk

9. Etappe Nowosibirsk – Krasnojarsk

9. Etappe Nowosibirsk – Krasnojarsk

8.30 Uhr. Kurz vor der Abfahrt. Ich gehe in einen Lebensmittelladen, um

moderne Architektur in Nowosibirsk

moderne Architektur in Nowosibirsk

 

Waldfriedhof

Waldfriedhof

 

Die alten Festungen broeckeln - Kontrollpunkt der Wegepolizei

Die alten Festungen broeckeln – Kontrollpunkt der Wegepolizei

 

Mit der Faehre ueber den Tom

Mit der Faehre ueber den Tom

 

Der staubige Weg durch die Taiga

Der staubige Weg durch die Taiga

Getraenke zu kaufen. Vor mir 2 junge Maenner in Arbeitsuniform, Wachpersonal. Sie kokettieren mit der freundlichen Verkaeuferin, mehren sich nicht aus. Ich sage: “Geht es vielleicht ein bisschen schneller?” Der eine, noch unter gestrigem Alkoholeinfluss stehende Wachmann, gut gelaunt, checkt meine Bemerkung gar nicht. Der andere mustert mich eindringlich, sagt aber nichts, nachdem ich ergaenzt habe: “Das ist Russland, wie es leibt und lebt.” Dafuer antwortet ein Hinzugekommener: “In Russland muss man halt Geduld haben.” – Wenn es mal so waere! Wie oft habe ich erlebt, dass russische Maenner an der Raststaettentheke, wo die Bestellungen aufgegeben werden, waehrend meiner Bestellung ungeduldig dazwischenfunkten. Und wie oft musste ich wegen von Ungeduld motivierter Ueberholmanoever auf der Strasse ausweichen… Doch die Verkaeuferin vom Lebensmittelgeschaeft laechelt zu allem, damit sagen wollend: So sind sie halt, unsere Maenner.

Zurueck zur Chronologie. Bei Sergej, in einem noerdlichen Randbezirk von Nowosibirsk, bin ich gut aufgehoben. Abends geht es hier lustig zu. Von der Arbeit Heimgekehrte und Beschaeftigungslose finden sich draussen in kleinen Gruppen zusammen und trinken schwatzend ihr Bier. Ich stelle mich dazu, will Tuchfuehlung herstellen, die Atmosphaere einsaugen. Hauptsache teilhaben. Das, was mein guter Gastgeber fuer mich vorgesehen hat, um originaere Eindruecke ergaenzen.

Am naechsten Tag erlebe ich eines der Wunder, die fuer Westeuropaeer schwer zu begreifen sind. Die Vorderradnabe meines Rades, schon in Deutschland nicht richtig justiert, muss ausgetauscht werden. Sascha vom “Test-Zentrum fuer Skiausruestung und Fahrraeder” will trotz mehrstuendiger Arbeit und Materialaufwand nichts dafuer nehmen.

Vor mir liegen gut 800 km in zunehmend huegeligem Gelaende, die ich trotz widriger Windverhaeltnisse in 7 Tagen bewaeltige. Langsam daemmert es mir. Die Maenner von transrussia.com, die auf Rennraedern in einem Monat von Wladiwostok nach Archangelsk fahren wollen – unterwegs treffe ich nach dem Schweizer noch einen Franzosen und einen Russen – haben die Ost-West-Richtung nicht ohne Bedacht gewaehlt. Bei typischem Sommerwetter blaest der Wind auf dem Kontinent aus dem Osten. Dennoch ist fuer mich der Gedanke, erst mit dem Flugzeug oder Zug nach Wladiwostok zu fahren und von dort zurueck unertraeglich. Ich moechte allmaehlich die Veraenderung, die “Entzivilisierung” erleben, bin gespannt, was mich nach dem Erlebten noch erwartet.

Zumindest entscheide ich mich im Hotel “Zur Zeder” in Bolotnoje, nachdem ich die Nacht wegen unisolierter Tueren wieder mal kaum geschlafen habe, nach Einheimischenrat freiwillig fuer die erste Schotterpiste durch den Urwald. Wenn das Abenteuer glueckt, spare ich 100 km.

Nachdem ich mit der Faehre bei Jurga ueber den Tom gesetzt bin, erwarten mich 40 und nach einer Uebernachtung in Jaschkino noch mal 30 km Staub bei vorbeifahrenden Autos. Immer wieder hoere oder sehe ich die Transsib. In dem Ort Taiga, fernab der zentralen Versorgungspunkte, fuettert mich kostenlos Machir, der armenische Wirt eines ehemaligen Cafés, nun Strassenbistros wegen der bescheideneren Umsaetze. Ich darf im Lager am Personaltisch fruehstuecken. “Wegen des Fahrrades mach dir keine Sorgen. Das ruehrt keiner an”, sagt er, breitbeinig vom Podest aus die “schlecht gewordenen Leute” betrachtend. Natuerlich bin ich ihm dankbar, denn mir stehen 30 km ungekennzeichneten Weges entlang der Schienen bevor. “Befahrbar”, war das Zauberwort, das mich von dem ketzerischen Gedanken, mal die Bahn zu benutzen, Abstand nehmen liess.

Anshero-Sedshinsk oder Ansherku, wie es die Einheimischen nennen, ist eine aufstrebende ehemalige Bergarbeiterstadt (Kohle aus dem Kusbass), nicht aelter als 70 Jahre. Die Stadtvaeter haben sich bei der Modernisierung Muehe gegeben. Neue, helle Wohnhaeuser, saubere Strassen, Fussgaengerzonen, neue Ampelanlagen, ein Park mit Spielanlagen, ein Stadion… Am fruehen Abend gerate ich in eine Geburtstagsgesellschaft. Der Tisch voll, die Maenner angetrunken. Laute Musik, Tanz. Ich fotografiere. Ploetzlich ist Sascha weg, der Mann des 30jaehrigen Geburtstagskindes. Im Nachbarzimmer des Cafés, wo eine andere Partei feiert, Tumult. Sascha auf dem Boden, seine Frau mit blutender Nase. Aber es ist schon vorbei. Die Russen sagen: “Was willst du, ohne das geht es bei uns nicht. Die Emotionen muessen raus.” – Naja, ob die Erinnerung an eine Geburtstagsfeier, die auf dem Polizeirevier mit blutigen Kleidern endet, so angenehm ist, wage ich zu bezweifeln.

In Mariinsk gelange ich wieder auf die Trasse, die M 53. Mariinsk ist eine kleine Stadt mit im Zentrum wunderbar restaurierten vielfaeltigen Kaufmannshaeusern. Von Atschinsk, der letzten groesseren Stadt vor Krasnojarsk, habe ich nur die Aluminiumfabrik mit den gigantischen Abraumhalden in Erinnerung.

Noch einmal, in Bogotol, das sich als die Grenze zum Krasny Jar, der Schoenen Senke, bezeichnet, muss ich schlafen. Direkt auf dem Bahnhof, in einem der Zimmer fuer Erholung, gut bewacht von mehr Dienstpersonal als Gaesten auf dem Gelaende. Aber vorher soll ich einen Schriebs unterzeichnen, dass ich nicht auf dem Zimmer rauchen werde. Bei der Bahn, das ist in Deutschland nicht anders, muss eben alles seine Ordnung haben. Mir ein Laecheln verkneifend, unterschreibe ich.

Uwe Meißner
3 Comments
  • Robert Kaufmann
    Posted at 15:14h, 28 Juli Antworten

    Entschuldigung,mit der Bewertung hat es nicht so gut geklappt,wollte eigentlich mit 4 Sternen bewerten.
    Beschreibung von dieser Etappe hat mir gut gefallen,wenigstens ein Paar Sätze über jede Kleinstadt.Freut mich, was positives über Anchero-Sudchensk zu lesen. Die Gegend von Nowosibirsk bis Krasnojarsk ist mir gut bekannt,da ich bei Krasnojarsk geboren und aufgewachsen bin.
    Passen Sie gut auf sich auf und gute weitere Fart!

  • Schade, Sigrid und Dietrich
    Posted at 17:58h, 01 August Antworten

    Lieber Uwe, trotz der Strapazen Deiner Fahrt schaust Du sehr zufrieden auf die Betrachter Deines Fotos von der Fähre. Die Hilfe, die Dir in komplizierten Situationen zuteil wird, ist ein guter Garant für Dein Reiseprojekt. Un nun rolltest Du schon dicht neben der Transsib. Wir grüßen Dich ganz, ganz herzlich.

  • Carola und Rolf Meißner
    Posted at 16:56h, 04 August Antworten

    Lieber Uwe,
    Deine Berichte lesen sich sehr gut.Richtige spannende Reiseschilderungen. Besonders interessant sind Deine Berichte über Begegnungen mit den russischen Menschen und die
    örtlichen Verhältnisse.
    Wirklich schlimm ist, daß ,wohl besonders in kleineren Orten, viele Männer dem Alkohol so stark zuproste.
    Schön finden wir, daß Du aber auch sehr vielen gastfreundlichen Russen begegnest. Sicherlich auch, weil Du perfekt russisch kannst und ein freundliches Wesen hast.
    Eine Bitte. Sei weiterhin vorsichtig und paß auf Dich auf.
    Deine Tante Carola und Onkel Rolf aus Pritzwalk.

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