12. Etappe Tschita – Chabarowsk

12. Etappe Tschita – Chabarowsk

12. Etappe Tschita – Chabarowsk

Der 2000 km-Abschnitt, den ich wegen seiner geringen Besiedlung, weniger Versorgungsmoeglichkeiten, seiner angeblich schlechteren Wege und Unzivilisiertheit am meisten gefuerchtet habe, ist vorueber. Die Hilfe und Solidaritaet, die ich unterwegs erfahren habe, die Begegnungen mit der einheimischen Bevoelkerung, haben ihn fuer mich, wenn vielleicht nicht zum komfortabelsten, so doch zum interessantesten Abschnitt gemacht.

Sicher habe ich wie nie zuvor die Endlosigkeit der Distanzen zwischen den einzelnen Versorgungspunkten gespuert (bis zu150 km) und ich habe die Angst erfahren, nicht rechtzeitig vor Dunkelheit mein Tagesziel zu erreichen, weil sich das Land immer wieder streckt und mein Hauptbeleuchtungssystem, der Dynamo, ausgefallen ist. Ich habe gelernt, mich auf das Erreichen des naechsten Fixpunktes zu konzentrieren und westliche Mimositaeten zur Seite zu schieben sowie alles zu essen, was angeboten wird (z.B. Speck, getrockneten Fisch, saure  Beeren oder altes Brot). Der Herbst mit sintflutartigen Regenfaellen und ersten Kaelteeinbruechen hat mich zwischenzeitlich erreicht und: Ich habe die erste (!) Nacht im Zelt geschlafen.

Doch immer wieder und ueber allem hat mich die Bereitschaft und aktive Hilfe der Sibirier motiviert und weitergetragen, bereichert und dankbar gestimmt, mit Hoffnung ausgestattet.

Wenn meine beiden Reiseengel, die Kurganer Mutter Natascha und der Selenegorsker Biker Dima “versagten”, mir keinen Unterschlupf fuer die Nacht simsen konnten, funktionierte der Buschfunk der Einheimischen oder ergaben sich spontane, der Situation geschuldete Angebote.

Lasst mich von sicherem Terrain aus, eine Mammuttagesreise von Chabarowsk entfernt, aus der Hauptstadt der juedisch-autonomen Oblast Birobidshan, wo ich mich kurz bei Gastgebern erhole, der Reihenfolge nach erzaehlen. (Inzwischen ist Chabarowsk – ohne Zwischenfaelle – erreicht.)

Davon, dass mich in der Folgezeit nicht nur Zuckerschlecken erwarten wuerde, konnte ich mich in der Tschitaer Kirche der Dekabristen ueberzeugen. Aber waehrend die vom Zaren in die Verbannung geschickten Revolutionaere an Entbehrungen litten, war ich fuer die Fortsetzung meiner Reise bestens ausgestattet. Fahrbahrer Untersatz, ausreichend Kleidung, Dach ueberm Kopf, Verpflegung, Geld, Kontakte und Telefon, dazu die Kenntnis der Landessprache liessen mich eigentlich nie daran zweifeln, dass ich auch diesen Abschnitt meistern wuerde. Das Wie war das Interessante.

Meine Herkunft, Deutschland, trug mich jedenfalls nicht ueber die Schwelle der Bewaehrung. Davon ueberzeugte mich die Begegnung mit meinem lieben westdeutschen Landsmann Kai, der mit seinem autoaehnlichen Simsonmoped aus den 60ern “Duo auf Reisen” Aufmerksamkeit erregte. Ich war gerade dabei mit usbekischen Cafehausbetreibern meine Uebernachtung auf dem Boden zu besprechen, als mir nebenbei die Info von dem sich um die Fahrtuechtigkeit seines Gefaehrtes bemuehenden Deutschen zugesteckt wurde. Selbstverstaendlich interessierte mich das. Aber trotz der Hilfe der Einheimischen und meiner Uebersetzungskuenste gelang es uns nicht, das Fahrzeug wieder flott zu machen. Kai, der wie ich nach Wladiwostok wollte, musste nun, auf die Sprachkenntnisse und das Telefon Fremder angewiesen, das “Urteil” des Kolchosvorsitzenden, der ihn die 100 km nach Tschita zurueckzufuehren gedachte, ueber sich ergehen lassen.

In Sbega verbrachte ich meinen ersten ganzen Tag in einem sibirischen Dorf. Die Banja und das hervorragende Landessen (frische Kartoffeln mit fetter Smetana, Tomaten und Himbeerdshem, einer Art eingedicktem Fruchtsaftkonzentrat, auf frischem Brot mit selbstgemachter Butter) hatten mich wieder so weit hergestellt, dass ich die Entscheidung treffen konnte, das erste Mal den russischen Schulbetrieb in Augenschein zu nehmen. Mehr noch, Direktor und Lehrerkollegium waren spontan dazu bereit, mich in den Unterricht zu integrieren. Nach einer Fragerunde in der Schulbibliothek beteiligte ich mich aktiv am Sportunterricht (Ballspiel Lapta) meiner Gastgeberin Oksana. Dass es immer wieder Deckungsgleichheiten im Zustand unserer Gesellschaften gibt, konnte ich feststellen, als ich die Anwesenheit einer 10. Klasse wahrnahm: einige Schueler waren “Geld anschaffen”, einige zogen berufsorientierte Praktika vor, einige schwaenzten, sodass wir nur zu siebent waren.

In Amasar, 200 km weiter, hatte Dima eine ueberaus befaehigte Kulturvermittlerin, Tatjana, ausgemacht. Sie kuendigte mir weit vor Erreichen ihrer Ortschaft eine Ueberraschung an und freute sich, dass ich mich wieder bereit erklaerte, interessierten 11. Klaesslern (die Mehrheit aller Schueler/befaehigt zu Lehre und Studium) Rede und Antwort zu stehen.

Der Empfang war grandios: auf den Stufen des geschmackvollen, restaurierten Schulgebaeudes standen die Jugendlichen Spalier und applaudierten bei meinem Eintreffen. Der Klassenraum war durch eine junge, engagierte Lehrerin gemuetlich wie zur Teestunde vorbereitet und die Fragen wollten kein Ende nehmen. Besonders schoen: es wurde die Idee geboren, mich auf der Rueckfahrt mit der transsibirischen Eisenbahn auf dem Bahnhof zu verabschieden. Auf meine Frage, ob der Zug denn hier ueberhaupt halte, wurde geantwortet: “Er haelt auf jeder Station mindestens 20 Min. (deshalb braucht er ja 8 Tage bis Moskau/Anmerk. des Autors).” – Aber das war noch nicht die Ueberraschung. Unterwegs hatte einmal ein Auto angehalten und ein paar junge Leute hatten sich mit widerspruechlichen Infos mir vorgestellt. Ich hatte dem keine weitere Beachtung geschenkt, doch als ich meiner Gastgeberfamilie zugefuehrt wurde, erkannte ich sie wieder: Es waren Mitglieder einer deutschstaemmigen Familie, die mich unbedingt beherbergen wollten. Die Banja war geheizt, der Tisch gedeckt. Was soll ich sagen, es wurde ein feucht-froehlicher Abend, mit Liedern und Anekdoten zu fortgeschrittener Zeit.

Meine Besuche in Schulen oder Bildungseinrichtungen wiederholten sich noch 2 mal, ich haette sie oefter haben koennen, allein, die Zeit draengte. Im Haus des Kinderschaffens in Schimanowsk, einer Art Freizeitclubhaus, wollten die Kinder sogar Autogramme.

Da Hotels auf diesem Abschnitt rar gesaet sind, ergaben sich die unterschiedlichsten Uebernachtungsmoeglichkeiten: die Feuerwehr, ein Stadion, ein Clubhaus, Journalistenwohnung, Sportschule oder Wohnheim der Wegebaueradministration. Schlief ich im Hotel, teilte ich mein Zimmer mit anderen Reisenden. Nicht so schoen, wenn einer schnarchte, doch wie gesagt, die Verhaeltnisse verboten jegliche Ansprueche. Die haette auch niemand ernst genommen. Vor Magotschi setzte sich die Administration der Kreisstadt, die einen preiswerten Hotelplatz fuer mich gebucht hatte, mit mir in Verbindung. Die Administration, das war eine schlecht bezahlte verheiratete junge weibliche Arbeitskraft, die im Wohnheim lebte und mit ihrem Mann verzweifelt versuchte, den Kredit fuer eine Eigentumswohnung, wie es in Russland ueblich ist, zu ersparen. Als sie mich am naechsten Morgen offiziell verabschiedete, lud ich sie zum Fruehstueck in die Stolowaja ein.

Die Menschen reagierten unterschiedlich auf  die tw. katastrophalen finanziellen Verhaeltnisse hier (Bezahlung mitunter weniger als 200 Euro bei annaehernd gleichen Warenpreisen wie in Dt., sofern Arbeitsmoeglichkeiten). Falls die beruehmte sibirische Gastfreundschaft, die ich so oft erfahren, ueberstrapaziert, in Abneigung gegenueber Privilegierteren umschlaegt – ich koennte es verstehen. Die wenigen Situationen, die mir diese Problematik vor Augen hielten, muss ich nicht beschreiben. Die Sehnsucht derer, die dieser Lage entfliehen wollen, bleibt sowieso unerfuellt.

Wenn du als Auslaender zu Gast bei Russen bist, wollen sie sich, das ist bei uns nicht anders, von der besten Seite zeigen. Sie stellen dir (oft) ihr bestes Zimmer zur Verfuegung, tafeln auf, was vorhanden ist, wollen dir, sofern vorhanden, die Sehenswuerdigkeiten ihrer Ortschaft zeigen. Sie wollen wissen, wie du ueber sie denkst und was dich antreibt, hier unterwegs zu sein. Die Medien, die natuerlich auch im Fernen Osten ueber Neuigkeiten unterrichten, fallen da nicht aus dem Rahmen. Meiner Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen, entsprachen sie oft mit grosszuegigen Hilfsangeboten: da wurde mir in Shimanowsk und Bjelogorsk neben der Unterkunft ein Auto mit Chauffeur in Dienst gestellt, um mich mit der Stadt bekannt zu machen. Bei eventuellen Problemen mit dem Rad wurde Hilfe angeboten, noch Tage spaeter erkundigte sich die Schimanowsker Journalistin Natascha nach meinen Uebernachtungsmoeglichkeiten. Es wurden offizielle Essen veranstaltet und Praesente verteilt, sodas ich mir beim Austausch der Aufmerksamkeiten mit meinen Berlinaufklebern fast klaeglich vorkam. Manchmal fragte ich mich, wie ich dazu komme und ich weiss es bis heute nicht ganz zu definieren. Aber ich weiss, dass mir das Interesse fuer das Leben der Menschen und die Kenntnis ihrer Sprache viel ermoeglichten, und dafuer bin ich unendlich dankbar.

Reparaturrast russischer Fernfahrer: Tee vom Lagerfeuer, waehrend die Sonne den Akku auflaedt

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russischer Babje Leto gruesst deutschen Altweibersommer

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mit Schuelern einer 11. Klasse in Amasar

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Zeltnacht im Schutze der Eisenbahn

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Zeit zum Beerensammeln ist allemal

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Autogrammstunde in Schimanowsk

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dem bedrohlichen Abendhimmel entronnen

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Uwe Meißner
1Comment
  • Carola und Rolf Meißner
    Posted at 21:08h, 24 September Antworten

    Lieber Uwe,
    ganz toll wieder Deine Schilderungen. Außerdem, eine tolle Leistung von Dir.
    Wir wünschen Dir weiterhin alles Gute und komm gesund nach Hause.

    Wann wirst Du wieder in Berlin sein?

    Es grüßen Dich

    Tante Carola und Onkel Rolf

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