15. Bericht Wladiwostok – Berlin

15. Bericht Wladiwostok – Berlin

15. Bericht: Wladiwostok – Berlin

 

Die Transsibirische Eisenbahnstrecke mißt 9288 km von Wladiwostok bis Moskau; bis Berlin kommen noch mal 2000 km dazu. Ich habe sie oft gesehen, passiert, bin an ihr entlanggefahren, habe an ihr (im Zelt) geschlafen. Ich habe viele hilfsbereite Menschen entlang dieser Strecke kennengelernt, meist abends, nach vollbrachter Tagesleistung, wenn ich mich, müde und entkräftet, nach Dusche und Unterkunft sehnte.

Jetzt will ich mich von Land und Leuten würdig verabschieden. Ein Flug käme einer Flucht gleich. Das wäre unwürdig.

Außerdem interessiert mich, ob sich in den letzten 20 Jahren Entscheidendes geändert hat. Während der Perestroika war eine Bahnfahrt durch die Staaten der ehemaligen SU eine hoch interessante Angelegenheit. Die Menschen schwärmten mit ihrem wenigen Hab und Gut wie aufgescheuchte Insekten durch die weiten Lande, suchten im Handel ihr Glück, da die Produktion allerorten zusammenbrach. Das machte mitteilsam: kaum eine Mahlzeit, die man in den gemütlichen 4er-Kupees alleine einnahm. Problemlos hätte man ohne Eigenversorgung durch das gebeutelte Land reisen können.

 

Zunächst war ich ganz von den Abschiedsbegegnungen entlang der Strecke gefesselt. Immer wieder, besonders zwischen Chabarowsk und Tschita, standen meine ehemaligen Gastgeber bei inzwischen empfindlichen Temperaturen bis -10 Grad am Bahnsteig, um mir „Produkte“ (Eier, Fleisch, Piroggen, Eingewecktes) oder Andenken zu überreichen, oft früh am Morgen oder spät. Die 11. Klasse des Amasarer Gymnasiums hatte ein Plakat entrollt, das mir in deutscher Sprache zum „Sieg“ gratulierte; in Krasnojarsk schenkten mir die ehemaligen Gastgeber meine Lieblingscremetorte „Tscherepacha“ (Schildkröte), die man in den überheizten Waggons schnell aufessen mußte.

Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig, als Lebensmittel  zu verteilen, wollte ich sie nicht wegwerfen. Ich ging dazu in den Platzkartenwagen, den „Billigwaggon“, wo keine Türen zwischen den dünnen Hartfaserwänden der Abteile existieren. Dort vermutete ich „bedürftige“ Passagiere. Doch ich hatte mich getäuscht. Mein Anliegen wurde kaum verstanden. Waren die Tische der Reisenden auch nicht gerade überfüllt, Hunger litt keiner. Und der Informationsfluß stockte. Die offene Atmosphäre, die früher eine solche Nachricht in Windeseile im Waggon verbreitet hätte, gab es so nicht mehr. Die Leute hockten, höchstens unzufrieden mit den billigeren Plätzen, die weniger Komfort boten, in Erwartung des Zieles  in ihren Abteilen. Schließlich stellte ich die Lebensmittelfuhre zwischen ein paar „Ausländer“, Tadshiken oder Usbeken, Gastarbeiter, die mir sogar noch Geld dafür geben wollten. Lächelnd lehnte ich ab.

Das nochmalige Treffen mit meinem Wirt aus Ulan-Ude, Alexej, beschämte mich. Der in Deutschland geborene Offizierssohn war inzwischen in meiner Heimat auf Urlaub auf Spurensuche gewesen, hatte in einem Friedrichshainer Hostel gewohnt. „Und“, fragte ich ihn, „wie war es mit der deutschen Gastfreundschaft? Hast du auch ein paar interessante Begegnungen gehabt?“ „Leider nein“, antwortete er, ohne enttäuscht zu wirken. „Die Menschen hatten alle keine Zeit. Aber es war trotzdem sehr schön…“ Ich wurde nachdenklich. War das nicht einer der Gründe gewesen, die mich zu dieser Reise motiviert hatten: Ermüdung von der Überzivilisation, der gefühlten Kälte in unserer Gesellschaft? Russen, die ich nach einem Deutschlandaufenthalt über ihre Meinung zum Land gefragt hatte, hatten geantwortet: „Bei euch ist es langweilig.“ Ja, so konnte man das auch ausdrücken, sagte ich mir, war aber nicht froh darüber.

Natürlich gab es auch interessante Begegnungen im Zug. Auch wenn keiner wie ich die ganze Strecke (etwa 10 Tage) abfuhr – bei mehr als 24 h im Zug, behaupte ich mal, entwickelt der Mensch das natürliche Bedürfnis sich mitzuteilen. An die hinter den Fenstern träge vorbeiziehenden Steppen- und Waldlandschaften hat man sich schnell gewöhnt; Bahnhöfe, an denen man sich die Füße vertreten kann, tauchen nur alle paar Stunden auf.

Ich habe – auch 20 Jahre nach der Perestroika – meine Mahlzeiten nicht immer allein einnehmen müssen, den Abend mit einem Gläschen Wodka beschließen können. So schnell krempelt der allmählich auch das Riesenreich erfassende Kapitalismus die Gewohnheiten der Menschen nicht um. Ich wage sogar zu behaupten, dass es nie ganz gelingen wird. Und ich hoffe es, denn die Botschaft, die ich aus den fernöstlichen und sibirischen Weiten mit nach Hause bringe, hat mir noch nie so deutlich vor Augen gestanden wie jetzt, am Ende dieser Reise: Mögen die russischsprachigen Völker von dem immer noch hoch geschätzten Deutschland Impulse zur Vervollkommnung des materiellen Wohlstandes empfangen, wir können von der „breiten russischen Seele“, der Wärme und Herzlichkeit, ihrer Mitmenschlichkeit lernen oder „profitieren“, um ein gebräuchlicheres Wort zu benutzen. Ich habe meine Tour nur deswegen so meistern können, weil ich die hilfreichen Hände, die sich mir so oft entgegenstreckten, nicht ausgeschlagen habe. Für diese Angebote bin ich unendlich dankbar, sie allein machen eine solche Reise sinn- und gehaltvoll. Danke Euch allen!

In Moskau mußte ich umsteigen, hatte ich einige Stunden Aufenthalt. Als ich auf dem Twersker Boulevard Leute nach einer Buchhandlung befragte, sahen mich viele bloß schräg an, hasteten weiter. Willkommen in der Moderne, dachte ich nur.

Das Zugabteil nach Berlin war komfortabler, ich mußte es mit niemandem teilen, aber ich war auch allein! Wie zum Ausgleich hatte man ins Abteil einen Spiegelschrank eingebaut, indem Gläser und eine Glaskaraffe zum Alkoholgenuß einluden. Armseliger Ersatz, dachte ich, schloß den Schrank und griff zu meinen Büchern, die mir die Zeit bis zur Ankunft am Berliner Hauptbahnhof verkürzten.

Und hier, am 26.10., um 0.29 Uhr, empfingen mich die ganz Harten, eine Handvoll Freunde, Tochter und meine Gabi, die jeden Abend aus erster Hand ein Lebenszeichen von mir erhielt. Hier endet meine halbjährliche Reise mit dem Fahrrad von Berlin nach Wladiwostok. Über 8000 Fotos und Videos wollen gesichtet werden, ein Tagebuch voller Erinnerungen wartet auf Verarbeitung.

Befriedigt, diesen Traum verwirklicht zu haben, beginne ich damit…

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9288 km sind es mit der Transsib von Wladiwostok nach Moskau.DSC07842

Das Fahrrad muß mit der Post zurück.

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Abschied von Amasar.

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Ein Gläschen in Ehren…

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Der Winter beginnt auf dem Kontionent etwas früher…

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Ankunft auf dem Belorussischen Bahnhof Moskau.

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Ankunft auf dem Berliner Hauptbahnhof.

Uwe Meißner
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