St. Michaelisdonn – Hamburg

St. Michaelisdonn – Hamburg

St. Michaelisdonn – Hamburg-Kirchwerder – nur noch 128 km
Morgens in Dithmarschen, beim Fruehstueck ist nur fuer zwei gedeckt. Peter from Manchester und ich.
Bei der Verabschiedung weiht mich Peter in sein Geheimnis ein – er will zunächst nach Istanbul und dann? Wie kommst du zurück? Über Australien ist seine Antwort. Peter will mit dem Fahrrad über die Tuerkei, den Iran (wenn sie ihn durchlassen), mit oder ohne groeßeren Umweg (Afghanistan?), evtl. durch die ehemaligen Teilrepubliken der verflossenen Sowjetunion, China u/o Pakistan und Indien nach Nepal (dort will er im November sein), Indien Burma (Frage an die Weltreisenden – geht das?), Malaysia, Singapur, Indonesien usw. auf den 5. Kontinent. Das alles in einem Jahr, seine Frau und die beiden kleinen Kinder haben es ihm zugestanden, seinen Kindheitstraum in einem Jahr zu realisieren. Tolles Ziel, wahnsinniges Abenteuer. Erinnert mich an zwei Buecher, die ich in meiner Kindheit gelesen haben – Mit dem Fahrrad um die Welt.
Gegen 9.00 Uhr geht es los. Wetter ist sehr ordentlich, Wolken-Sonne-Mix, aber Gegenwind.
An der heruntergegangenen Bahnschranke in St. Michaelisdonn rollt Peter zu mir auf und bezeichnet mich als „The Crazy German“ – ich weiß nicht warum, wer ist hier Crazy? Doch wohl eher er – oder?
Wir fahren kurz zusammen, da er aber nur bis Kolmar will und ich um 12.15 Uhr nach ca. 55 km die letzte Öffnung des Krueckausperrwerkes fuer Fußgänger und Radfahrer erreichen möchte, um mir den 25 km langen Umweg über Elmshorn zu ersparen, muß ich Gas geben. Bye, bye Peter and good luck for your fantastic trip.
Ich fahre nicht nach Brunsbüttel hinein sondern ueber die Schnellfähre Ostermoor über den Nord-Ostsee-Kanal (dort herrscht fast so viel Verkehr an diesem Morgen wie auf der Autobahn vorm Elbtunnel in HH), um km und Zeit zu sparen. Durch die riesigen Industriegebiete von Brunsbüttel (wobei dort noch sehr viel Platz für Neuansiedlungen ist) geht es nach St. Margareten und damit sehr nah am tiefsten Punkt Deutschlands vorbei (Neuendorf bei Wilster, 3,54 m unter dem Meeresspiegel gelegen).
Ich erreiche den Elbdeich und rolle eigentlich bis Wedel fast immer am Elbdeich außen oder innen entlang durch Schafgatter und Unmengen an Schafen vorbei Richtung Heimat.
Vorbei am „wunderschoenen“ AKW Brokdorf (nachdem ich auf der Landseite bereits das eben so „schoene“ AKW Brunsbüttel passiert habe) komme ich zum Störsperrwerk und kurz darauf nach Glückstadt – Matjes-City. Ein kurzer Rundgang und ein paar Fotos.
Die Historie von Glückstadt ist sehr interessant, ich kannte sie vorher nicht. Christian IV., König von Dänemark und Herzog von Schleswig-Holstein, ließ 1616 den Bau einer neuen Stadt an der Elbe beginnen. ‚Damit wollte er seine Interessen in Norddeutschland machtpolitisch optimieren und den Handel in Hamburg in seine neue Stadt zu bekommen. Der Name Glückstadt entstand, da es ein großes Wagnis war, die Stadt zu gruenden, zumal auf einem unwirtlichen Geländer an der Rhin-Mündung. Bei der Namensbekanntgabe soll er gesagt haben: „Dat schall glücken und dat mut glücken und denn schall dat ok Glückstadt heten“. Und so kam die Glücksgöttin Fortuna ins Stadtwappen.
Die Stadt selbst ist im Zentrum geprägt vom Grundriss, der dem Ideal der italienischen Renaissance nachempfunden wurde. Ein zentrales Platz mit sieben zu drei Seiten des Platzes abgehenden Straße und einem geraden Wasserlauf zur vierten Seite, begleitet von beidseitigen Alleen. Sehr nettes Städtchen mit den bekannten Matjes-Lokalen.
Weiter, es drängt die Zeit, um 12.00 Uhr erreiche ich nach 52km das Krueckau-Sperrwerk. Auf der anderen Seite warten schon ein paar mehr Radler. Auf meiner Seite kommt kurz nach mir ein Ehepaar aus Köln, das von Sylt nach Hamburg radelt. Um 12.10 Uhr öffnen die beiden Sperrwerk-Mitarbeiter den Weg über die Krueckau, indem sie die Fahrbahn so schwenken, daß man ueberqueren kann. Warum hier in der Woche vom 1.5. bis 30.9. nur stundenweise die Schranken für ca. 10 Minuten hochgehen (Mo, Di, Mi 9.15 – 15.15., Do bis 14.15 Uhr, Fr. bis 12.15 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen durchgehend von 9.00 bis 13.00 Uhr und ab 14.00 Uhr bis 17.00 oder 18.00 Uhr) – keine Ahnung, da hat wohl wieder eine Bürokratenstube eine praxisfremde Idee gehabt – wenn ein Schiff durchwill, was vermutlich deutlich seltener vorkommt, könnte man doch die Fahrbahn kurz wegschwenken – nun ja wir sind in Deutschland.

Durch die Seestermüher, Haseldorfer und Wedel Marsch erreiche ich Wedel. In einem Gasthaus kurz vor Wedel stärke ích mich letztmalig auf einer Tour mit Rhabarber-Baissee-Torte und verursache eine mittlere Panik mit einem Anruf bei Frauke, in dem ich ihr aufgebe, daß ich zwischen 17.00 und 17.30 Uhr in Kirchwerder einrollen werde (Frauke hatte mit einer späteren Ankunft gerechnet).
Inzwischen „eiert“ mal wieder mein Hinterrad, Speiche Nr. 7 hat sich verabschiedet.
Durch Wedel (ein letztes Mal falsch abgebogen) geht es hinter dem dortigen Kraftwerk ueber eine ziemlich „bescheuerte“ Treppe hinunter zum Elbufer und rolle bis Oevelgoenne dahin. Einfach eine schoene Strecke, rechts die Elbe, links der Elbhang, viel, viel Gruen usw. usw.
Auch der Kampf mit den Touri-Strömen vom Fischmarkt bis zum Spiegel-Hochhaus am Hafenrand entlang ueberstehe ich ohne blaue Flecken und rolle in die Vier- und Marschlande ein, mein heimatliches Trainingsgebiet.
17.06 Uhr Ankunft und ein für mich doch sehr ueberraschender Empfang mit Girlande, Willkommensgruß und allem was so dazu gehört von Frauke, meinen Kindern und Christoph.
Dafür ein ganz besonderes Dankeschön.
Die erste Etappe meines Traums ging nach 2.195 gefahrenen Kilometern zu Ende – eine herrliche Zeit. Das Fazit folgt in den nächsten Tagen. Euch allen, die ihr mich aktiv auf der Tour begleitet habt, auf diesem Wege schon einmal ganz ganz großen Dank – es ist einfach toll wenn man fern von zu Haus vertraute Namen im internet sieht, die mich mit großem Interesse, Unterstuetzung und Aufmunterung immer wieder auf dem Weg von Kristiansand nach Hamburg begleitet haben. Danke!!!!

Horst Reimers
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