Herausforderung Afrika

Herausforderung Afrika

Marius Kundler - huckepack nach LufusiDer Staub wirbelt meterhoch durch die Luft. Ich drücke meine Nase in den Ärmel meiner Stoffjacke. Mit aller Kraft umklammere ich eine Eisenstange, die vor dem Führerhaus aus der Ladefläche des Lasters emporragt und warte auf das nächste Schlagloch. Die letzten Häuser Mpwapwas sind längst im Schatten des gewaltigen, in den Sonnenstrahlen bläulich schimmernden Bergmassivs verschwunden, das mit der rotbraunen Erde sein wahrlich magisches Spiel der Farben treibt. Affenbrotbäume und mächtige Sukkulenten führen, in der staubigen Halbwüste nach Wasser dürstend, einen stillen Kampf ums Überleben.
Immer wieder durchqueren wir verlassene Dörfer, deren Lehmbauten von ihren Bewohnern verlassen der Witterung längst nicht mehr standhalten. Die Überreste der Grundmauern werfen ihre Schatten auf den ausgemergelten Boden. Es ist eine verlassene und trostlose Gegend.
Wir durchqueren einen ausgetrockneten Flusslauf. Der Laster schlingert in dem feinen Sand des Flussbetts so stark, dass der Mehlsack, auf dem ich sitze, zur Seite rutscht.
Vor einer kleinen Ansammlung von Hütten kämpft ein älterer Mann mit dem Verkauf selbstgemachter Waren und kleiner Speisen gegen die Abgeschiedenheit. Glücklicherweise scheinen die Arbeiter die Gelegenheit zu einem kurzen Halt nutzen zu wollen und der Fahrer hält am Wegesrand. Offenbar gehört der Zwischenstopp im Laden des Greises zum festen Ritual eines jeden Durchreisenden. Eine andere Erklärung für das Überleben des Geschäfts gibt es nicht.
Ich wische den Staub aus meinem Gesicht und springe von der Ladefläche. Die kleine Gastwirtschaft besteht nur aus ein paar Hockern und provisorisch als Tisch dienenden Holzbrettern, die von dünnen, in den Boden gerammten Pfosten gestützt werden. Aus einer großen Pfanne, die über einer offenen Feuerstelle brutzelt, steigt mir der Geruch von Reis und Gemüse in die Nase. Ein aus gegorener Milch hergestelltes, säuerlich riechendes Getränk schwitzt in Tonkrügen in der Sonne. „Maziwa ya mgando!“, strahlt der Verkäufer und bietet mir einen der Krüge an. Ich nippe kurz an dem ranzigen Brei, kann die Entgleisung meiner Gesichtszüge jedoch nicht unterdrücken. „Karibu sukari!“, meint einer der Arbeiter lachend und reicht mir einen Pott Zucker. Tatsächlich ähnelt das Getränk mit einer Unmenge an Zucker gemischt beinahe einem Joghurt. Zumindest scheint die Kraft nach dieser gewaltigen Menge an Zucker in meine Arme zurückzukehren, als ich mich zurück auf die Ladefläche hocke.
Irgendwann erhebt sich aus der Staubwolke, die uns umhüllt, wie eine Oase des Lebens inmitten der trostlosen Halbwüste ein kleines Tal, das wie durch die Launen eines unsichtbaren Malers vor dem öden Hintergrund der vertrockneten Steppe in beinahe grelle, saftig-grüne Farben getaucht, regelrecht zu strahlen scheint. Der kleine Fluss Lumuma gibt dem kleinen Dorf, das sich zu beiden Ufern erstreckt seinen Namen.
Wir springen von der Ladefläche und gehen unter der Anleitung unseres Freundes Ima einen kleinen Pfad, der vom Hauptweg am Ufer abzweigt, hinauf zu einer kleinen Anhöhe. Offenbar erstaunt über den unerwarteten Besuch eines Weißen, der den langen Weg hierher auf sich genommen hat, kommen immer mehr Menschen aus ihren Hütten hervor. Wir waren Imas Einladung, ihn in seinem Heimatdorf zu besuchen gerne nachgekommen. Doch wieder einmal fühle ich mich unwohl, stehe durch meine Hautfarbe unweigerlich im Mittelpunkt.
Offenbar hat die Fahrt länger gedauert als erwartet. Die Sonne ist mittlerweile gänzlich hinter die Berge gesunken. Wir sind uns einig, den Aufstieg zum Dorf schnellstmöglich hinter uns zu bringen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.
Nach ein paar Metern versperren bereits meterhohe Dornenbüsche den Blick auf das friedliche Tal. Die knochigen Äste werfen dunkle Schatten auf den Pfad. Die aufkommende Kälte erinnert uns daran, in was für einer Höhe wir uns bereits befinden. Die Dämmerung färbt den schmalen Trampelpfad, der sich steil zwischen den Felsen hindurch in die Berge windet, in ein dunkles Rot.
Nach einer halben Stunde strammen Fußmarsches wird der Weg schlechter. Die Dunkelheit macht das Vorwärtskommen immer schwieriger. Der Vollmond thront mächtig über den Kronen der Affenbrotbäume am Wegesrand, deren knochige Äste wie die Arme stummer nach uns greifender Wächter ihre unheimlichen Schattenspiele auf den Pfad werfen. Wir folgen Imas Vorschlag und nehmen eine Abkürzung abseits des Weges – schließlich ist er in dem kleinen Ort in den Bergen aufgewachsen und kennt die Gegend genau. Durch ein kleines, trotz des hellen Mondscheins finsteres und beinahe undurchdringliches Waldstück erreichen wir eine kleine Bergkuppe. Der Wind fegt über die Anhöhe. Eigentlich sollte ich dem lichtspendenden Mond dankbar sein. Doch sein Schein taucht die Umgebung in die unheimlichsten Farben. Verdorrte Sonnenblumen und Maispflanzen tanzen auf der Anhöhe schauerlich im Wind. Abgeknickte, halb verrottete Bäume sind stumme Zeugen der Naturgewalten, die über den Berg fegen.
Wir kämpfen vorsichtig gegen den Wind an und erreichen schließlich ein kleines, einsames, am Ende des Hügels errichtetes Haus. Plötzlich schießt ein Wachhund unter ohrenbetäubendem Gebell zähnefletschend auf uns zu. Mir gefriert das Blut in den Adern. Ich kann keinen Schritt mehr tun. Als der Besitzer unseren Freund Ima erkennt, pfeift er das Tier entschlossen zurück. Der Hund gehorcht sofort. Ich atme tief durch.
Irgendwann erscheint an einem der gegenüberliegenden Berghänge der Schein eines in weiter Ferne am Nachthimmel flackernden Lagerfeuers. Mir zittern noch etwas die Knie, als wir endlich die ersten schützenden Häuser des kleinen Bergdorfes Lufusi erreichen. Auf dem Dorfplatz schreien und tanzen die Bewohner lauthals um das Lagerfeuer. Ausgelassen wird ein Kanister selbstgebrauten Maisbiers nach dem anderen herumgegeben. Doch uns ist nach der anstrengenden Anreise nicht wirklich zum Feiern zu Mute. Wir begrüßten schnell den Dorfobersten, der in einiger Entfernung majestätisch auf einem Baumstamm unter einer Akazie thront, bevor wir weitergehen. Der Weg windet sich ein weiteres Mal in die Berge hinauf. Hinter uns brennen die Feuer des Dorfes, noch immer sind die Stimmen der feiernden Meute zu hören. Schließlich erreichen wir das Haus unseres Freundes.
Wir kämpfen uns rasch durch einen von einem kleinen, aus den Bergen quellenden Zufluss des Lumuma bewässerten Bananenhain. Über ein paar wackelige Steine durchqueren wir das Flussbett und gelangen schließlich zu einem ärmlichen, aus Beton und Wellblech gefertigten, auf einer kleinen Halbinsel inmitten des Bachs gelegenen Haus. Trotz der späten Stunde harrt eine zierliche ältere Frau tapfer im Schein des Lagerfeuers aus, um uns mit einem Krug Wasser und ugali, zu begrüßen. Eine Schar zerzauster Hunde tollt über das Grundstück, Hühner zanken sich um ein Reiskorn. Stolz begrüßt sie uns und bittet uns, auf ein paar Schemeln am Feuer Platz zu nehmen. Ein kleines Enkelkind bringt neues Feuerholz. So verbringen wir noch einige Zeit am schützenden Feuer.

Leben in LufusiVöllig übermüdet, von Rückenschmerzen gequält und dennoch voller Dankbarkeit für die Gastfreundschaft der Menschen, kämpfe ich mich aus dem Bett nach draußen, um mich im Fluss zu waschen. Wir haben die Nacht zu dritt in einem beschädigten, kleinen, in der Mitte bis auf den Boden durchhängenden Bett verbracht. Dabei hat jede Bewegung einer gründlichen Überlegung bedurft, um nicht zu riskieren, dass jemand hinaus fällt. Entweder haben Imas nackte Füße oder der Ellenbogen meines Freundes in mein Gesicht gedrückt. Der Rest der sechsköpfigen Familie hat trotz unserer Widerworte teils in einem anderen Bett, teils auf dem Boden geschlafen.
Ich spüle mir mit dem Flusswasser den Mund aus und packe mein Zeug zusammen. Die morgendlichen Strahlen der Sonne blitzen über die endlosen Bergwälder und machen die anstrengende Nacht bald vergessen.
Nach einem kleinen Frühstück mit dem selbstgemachten Hefegebäck maandazi und einer Tasse Schwarztees schlagen wir uns ein paar Orangen vom Baum und verbringen den restlichen Tag in den Bergen.
Zurück im Haus setzten wir gleich einen Kessel auf, um über dem Feuer etwas Trinkwasser abzukochen. Über dem anderen Lagerfeuer kocht eine junge Nachbarin pombe. Ich probiere mich an einem Schluck des abartig riechenden, noch unfertigen Maisbiers. Die Menschen hier nennen die noch alkoholfreie Vorstufe des späteren Biers kilusu. Bis in die Nacht sitzen wir im Schein des Feuers und vergessen darüber fast, genügend Kraft für unsere morgige Abreise zu tanken.
Heute ist der Dorfplatz bis auf ein paar schwatzende alte Frauen menschenleer. Fröhlich begrüße ich sie, werde jedoch sofort mit einem markdurchdringenden Blick der Verachtung gestraft. Im selben Moment zieht mich Ima erschrocken zur Seite. Ich muss ihm schließlich versprechen so etwas nie wieder zu tun. Ich kann mein Entsetzen nicht verbergen und starre ihn fragend an. Er beginnt immer schneller zu laufen. Es scheint uns, als hätte er es plötzlich besonders eilig das Dorf zu verlassen. Schließlich erklärt er, die alten Frauen seien gefährlich, wir würden das nicht verstehen. Ich beschließe den Vorfall so schnell wie möglich zu vergessen.
Durch die erbarmungslose Mittagshitze geschwächt, entscheiden wir, einen kurzen Zwischenstopp in der nahegelegenen Mission einzulegen. Eine gute Bekannte von mir, die ich bei meiner Arbeit im Muyuji Health Centre kennengelernt habe, arbeitet seit einiger Zeit dort. Ima ist von dem Vorschlag alles andere als begeistert und besteht darauf, sofort in die Stadt zurückzukehren. Als sich jedoch auf dem Dorfplatz keine Mitfahrgelegenheit ergibt und er jede Alternative einer Rückkehr in sein Dorf vorzieht, willigt er letztlich ein.
Schwester Theresia umarmt mich freudestrahlend und wir tauschen bei einem langen Abendessen Neuigkeiten aus. Die Stimmung ist ausgelassen. Nur Ima scheint mit jeder Minute, die der Sonnenuntergang näher rückt, nervöser zu werden. Als die Sonne schließlich beginnt, hinter den Bergen nieder zu sinken, hält es ihn kaum noch auf seinem Stuhl.
Die Nonnen haben uns überredet, die Nacht bei ihnen zu verbringen und so richten wir uns in einem Nebengebäude der Mission häuslich ein.
Nur Ima läuft von blanker Panik gepackt vor dem Fenster seines Zimmers auf und ab. Ich erkenne durch die halb geöffnete Tür, wie er immer wieder erschrocken auf den kleinen Trampelpfad hinter dem Haus starrt, der in die Berge Lufusis führt. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus uns stelle ihn zur Rede.
Nach einer ganzen Weile angespannter Stille bricht er schließlich sein Schweigen. Die alten Frauen im Dorf, die uns mit so verachtenden Blicken gestraft hätten, seien Hexen gewesen. Ich blicke ihn etwas erstaunt an, versuche jedoch mein Unverständnis nicht zu zeigen, um ich nicht noch mehr zu verunsichern. Vor einigen Jahren hätten sie versucht, ihn trotz seiner Pläne, das Dorf für immer zu verlassen, um in Dodoma Arbeit zu finden, mit einer ihrer Enkelinnen zu verheiraten. Als Strafe für seinen Widerwillen hätten sie ihn mit einem Fluch belegt. Er hätte an ihrem Blick gesehen, dass etwas Furchtbares geschehen würde. Heute Nacht kämen die Dämonen, um ihn zu holen.
Ich versuche ihn zu beruhigen so gut ich kann, gebe mir Mühe trotz der sonderbaren Geschichte nicht abwertend oder gar überheblich zu reagieren. Der flehende Blick unseres Freundes dringt mir durch Mark und Bein. Er starrt wieder erschrocken auf sein Fenster, auf das mittlerweile ein dunkler Schatten fällt. Schließlich beichtet er uns zitternd, er habe außerdem noch niemals zuvor alleine in einem Zimmer geschlafen. Der karge Raum macht ihm sichtlich Angst.
Ich mache mich schließlich auf die Suche nach einem Kruzifix. Den meisten Menschen, die ich in Afrika bisher getroffen hatte, hilft trotz ihres Aberglaubens kaum etwas mehr als ihr Glaube an Gott. Ich muss allerdings feststellen, dass in dem Neubau abgesehen von einem riesigen Holzkruzifix im Eingangsbereich und einem Hirtenbrief des Papstes, nichts dergleichen zu finden ist. Als ich zur Tür hinaustreten will, fällt mein Blick auf das riesige hölzerne Kreuz an der Wand. Noch immer verunsichert von der sonderbaren Situation, kehre ich mit einer Taschenlampe in das Hauptgebäude der Mission zurück. Die Äste der Bäume rauschen im Wind. In den Bergen ertönt das Jaulen eines Hundes. Der Mond ist noch immer voll. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu und kämpfe gegen den Wind an, stets darauf bedacht unter all den nächtlichen Geräuschen in der Dunkelheit nicht selbst dem Aberglauben zu verfallen.
Schwester Theresia kommt gerade von ihrem abendlichen Gebet, als ich durch die Forte in den Garten trete. Ich erkläre ihr, mein Freund habe in der Stadt sein Kruzifix vergessen, das er für sein abendliches Gebet benötige. Ohne das abendliche Ritual könne er nicht einschlafen. Ich fühle mich zwar mehr als unbehaglich bei dem Gefühl, einer Nonne nicht reinen Wein einzuschenken, möchte Imas Ansehen in der Mission jedoch nach seinem sonderbaren Benehmen nicht vollkommen ruinieren. Schließlich verschließe ich die Tür unseres Hauses mit besonderer Sorgfalt und schiebe den schweren Eisenriegel zu. Ima steht wie versteinert im Eingang seines Zimmers, als ich ihm den Rosenkranz gebe. Ohne ein Wort zu sagen reißt er mir das Kreuz aus der Hand und legt es um seinen Hals. Ich gehe sprachlos zu Bett.
Am Morgen strahlt bereits die warme Sonne durch die Fenster. Der einzige Schaden der letzten Nacht scheint Imas steifer Hals als Folge seiner aus Angst völlig verkrampften Haltung zu sein.
Am späten Vormittag fahren wir zusammen mit einigen Angehörigen der Mission mehr als glücklich über die Mitfahrgelegenheit in einem komfortablen Geländewagen in Richtung Mpwapwa davon. Ich freue mich nach einem abenteuerlichen Wochenende in die Beschaulichkeit Miyujis zurückzukehren.

Marius Kundler ist mit dem Freiwilligendienst weltwärts nach Tansania und berichtet in „Changamoto“ von seiner Herausforderung Afrika – und der erwachten Liebe zu einem besonderen Kontinent!

Marius Kundler
No Comments

Post A Comment

+ 56 = sevenundfifty