Zugvögel … Einmal nach Inari

Zugvögel … Einmal nach Inari

10cm Vorsprung vor den Schweizern

10cm Vorsprung vor den Schweizern

Wir haben gemerkt, dass man sich irgendwann entscheiden muss, ob man eine Rallye fährt oder reist. Zum Reisen kommt man erst, wenn man sowieso aussichtslos zurück liegt – oder einen Vorsprung herausgefahren hat ;-)

Viele Teams sind über Tromsö zum Nordkap gefahren, andere sind stoisch der E6 gefolgt. Wir haben eine vermeintliche Abkürzung gewählt, sind einer kleinen Straße westlich des Lyngenfjords gefolgt und haben die Fähre nach Olderdalen genutzt. Doch auch hier waren wir nicht die einzigen Rallyeteams. Bei einem Fotostop hat die Bullyparade uns passiert und eine Fähre vor uns erwischt, während wir das Schweizer Volvoteam noch hinter uns halten konnten – auf der Fähre ziemlich genau 10cm hinter uns. An Bord zudem ein paar in einem alten Audi 100, das mit diesem Youngtimer rund um die Ostsee fahren will. Als er hört, dass er mit der Kiste an unserer Rallye hätte teilnehmen können, standen ihm die Tränen in den Augen, macht er es doch nur um zu reisen.

Wir stehen Kopf am Nordkap

Wir stehen Kopf am Nordkap

Am folgenden Tag starten wir mit Vorsprung: Das Tagesziel heißt Nordkap, unser Ziel noch darüber hinaus zu kommen. 131km Stichstraße führen von der Abzweigung bei Russenes bis zum Nordkap. 131km, die wir hin und zurück müssen. 131km, auf denen uns nur zwei Teams entgegenkommen. Doch am Nordkap sind bereits einige. Der nördlichste Punkt Europas ist heute fest in der Hand der Baltic Sea Circle Rallye – und zahlreicher anderer Touristen – und nahenden Kreuzfahrtgästen. Doch die Tagesaufgabe, ein Foto des Rallyefahrzeugs vor einem Globus zu machen, ist kaum zu erfüllen – es sei denn, man liest die Rallyeaufgabe richtig. Was wir genausowenig gemacht haben, wie zahlreiche andere Teams und so versuchten, zu DEM offensichtlichen Globus zu kommen. Nun, am Ende durften wir das auch mit einer mit der General Managerin ausgehandelten Sondergenehmigung. Manche Leute erkennen einfach, dass wir nicht gut sind im Lockerlassen!

Nach getaner Arbeit und einigen Grüßen vom nebelumwobenen Nordkap in die Ferne, geht es mit den Full Trottel an der Stoßstange wieder gen Süden. Während wir Strecke machen, kommen uns zahllose Teams entgegen, die eine vermeintlich unlösbare Tagesaufgabe noch vor sich haben.

Der Abend mit den Regensburger Full Trottel wird nett, auch wenn der Übernachtungsplatz bestenfalls als Notlösung zu bezeichnen ist und das Wetter eine Katastrophe bleibt. Was die Rallye angeht, sind wir 200km vor dem Zeitplan. Zumindest das hätte uns gut schlafen lassen sollen.

Eskimo aufs Dach

Eskimo aufs Dach

Finnland ist was Ziel des nächsten Tages und der Morgen beginnt bei Kälte und Regen mit Katzenwäsche und Kickstart des Feuerwehrwagens. Durch unseren Vorsprung werden es heute nur 237km werden. Doch vorher müssen wir noch die Tauschaufgabe für dieses Land erfüllen. Aus Schweden haben wir ein historisches Telefon mitgebracht. An einem Campingplatz steigen wir mit dem Besitzer in den Keller hinab und mit einem Eskimo-Eisverkaufsaufsteller wieder herauf. Und jetzt hat Fire & Ice einen Eiseskimo auf dem Dach!

Ein Stück weiter, die finnische Grenze bereits hinter uns, landen wir im Tipi eines Samen. Er kocht gerade giftige „Ohrenpilze“. Dreimal muss man die Pilze kochen und den Sud wegkippen, bevor aus den Giftpilzen eine Delikatesse entsteht. Zum Glück ist es der erste Kochgang und wir kommen nicht in Verlegenheit zu probieren. Von der Lebensweise der Samen erfahren wir von ihm, den Rentieren, der Zeit der Dunkelheit im Winter, dem Tag, an dem die Sonne sich erstmals für 5 Minuten zeigt. Er meint, wir müssen im Januar wiederkommen – und dann noch einmal im Mai. Und tatsächlich klingt der Gedanke, die dreimonatige Dunkelheit zu erleben faszinierend. Einige Teams ziehen an uns vorbei in dieser Zeit, doch wir reihen uns einfach dahinter ein.

Einsiedlerkirche

Einsiedlerkirche

Einen nächsten Stop legen wir nördlich von Inari ein. Bis auf 4,5km kommen wir an die Einsiedlerkirche von Pielparjärvi heran, dann starten wir zu unserer ersten Trekking-Tour durch urwüchsige finnische Wälder. Zwischen Seen nästelt sich der Weg hindurch und wir stoßen auf Rentierkötel und Elchscheiße. Und auf die Kirche aus dem Jahre 1752, die tatsächlich völlig verlassen an einem verwunschenen Ort liegt. In Sichtweite davon eine Feuerstelle, eine Schutzhütte und eine Sauna, nur 5m vom See entfernt. Michel versucht uns dafür zu begeistern, doch gleich dort zu saunieren. Es ist auch alles da, inkl. Streichhölzer – von der Nässe völlig durchgeweicht. Doch als Rallyemänner und Outdoorprofis haben wir natürlich keine Alternative zur Hand. Also bleibt es bei einer Entdeckungstour in die finnischen Wälder und die finnisch-samische Historie bevor wir in Ivalo einen Campingplatz ansteuern.

Denn duschen steht auf dem Programm, Sauna steht auf dem Programm und Fußball-WM steht auf dem Programm. Ein paar Telefonate und Funksprüche und wir Lotsen zahlreiche Teams, die noch hinter uns hängen auf den Platz südlich von Ivalo. Am Ende sind es mehr als 20 Fahrzeuge und es wird neuerlich ein schöner Abend, obwohl das Ergebnis unentschieden ist. Das Highlight des Tages: Aus der Sauna heraus in einem Fluss abzukühlen mit Blick auf Rentiere am gegenüberliegenden Strand!

Und morgen und übermorgen werden wir wieder Rallye fahren. Russland erwartet uns. Nastrowje!

P.S.: Michel sagt, ich soll schreiben, dass wir längst wieder einen Tankdeckel haben. Dank Michel! Aber dank Michel brauchten wir ja auch nen neuen…

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