Mother Russia

Mother Russia

Camp am See

Camp am See

Russland hat viele Seiten. Nicht, dass wir sie alle gesehen hätten, aber gerade weil wir nur 1.300km durchs Land gefahren sind und dabei nur am westlichen Rand rumkratzen, scheint klar, dass da hinten noch ganz schön viel kommen muss.

Doch nicht für uns. Selbst ohne Karte (ja, wir sind weiter östlich, als unsere Karten reichen), wage ich mal zu behaupten, dass wir den östlichsten Punkt unserer Rallye schon hinter uns gelassen haben. Von hier aus geht es westwärts – durch den Osten Europas.

Doch fangen wir am Nordmeer an. Vom relativ entspannten Zoll irgendwo im Nirgendwo ging es durch endlose Wälder Richtung Murmansk. Bis 1991 war der russische Nordmeerhafen mit dem Hauptsitz der Nordmeerflotte eine gesperrte Zone – die gesamte Stadt! Und die ist nicht klein! Betonbettenburgen für das Militär, grau, farblos, lieblos. Das Zentrum scheint aus einem McDonalds, einem eher asiatisch anmutenden Minishoppingcenter und einem Parkplatz zu bestehen. Da wir das nicht glauben können, kreisen wir erst einmal eine Stunde durch die Einbahnstraßen eines gescheiterten Kommunismus (wow, gibt es für diesen Satz den Pulitzer-Preis?), bevor wir wieder auf dem gleichen Parkplatz zum Stehen kommen. Willkommen in Murmansk!

Aussicht auf Murmansk

Aussicht auf Murmansk

Doch unsere Tagesaufgabe, uns vor einem Schiff der Nordmeerflotte salutierend zu fotografieren, ist hier nicht zu lösen. Ich recherchiere und stelle fest, dass Murmansk nur der „Wohnvorort“ ist. Seweromorsk oder so ähnlich – wer will das bei diesen Buchstaben schon erkennen können – ist der eigentliche Heimathafen der Nordmeerflotte. Also wieder den Feuerwehrwagen bestiegen und ab in den Norden.

Dort erwartet uns einiges nördlich eine Kontrollstelle. Nichts Ungewöhnliches in Russland, nichts das uns in Unruhe versetzt. Wir kommen in Frieden. Allerdings hat der Eskimo auf unserem Dach keine Papiere dabei. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum wir rausgefischt, zur Seite gewunken werden und alle aussteigen müssen. Außer der Eskimo. Wir müssen alle Ausweise vorzeigen und bekommen erklärt, dass wir versucht haben, in ein militärisches Sperrgebiet einzudringen. Naja, eindringen… und deswegen unsere Pässe und unser Fahrzeug fotografiert werden muss. Aber das seie nicht schlimm, sonst passiere nichts.
Nach einigen Minuten kommt der Grenzpolizist mit unseren Pässen und einer schnuckeligen Kollegin zurück. Die kann gar kein Englisch, aber immerhin süß lächeln und dürfte wahrscheinlich bei 55kg liegen. Sollten wir uns nicht noch mit einem Polizisten auf dem Arm ablichten lassen?
In Seweromorsk hätten wir nichts verloren, aber in Murmansk dürften wir tun und lassen, was wir wollten, erklärt uns der männliche Grenzpolizist bevor er uns mit einem Händeschütteln und einem persönlichen „my friend“ verabschiedet und so wie seine Kollegin nochmal ein Handyfoto von unserem Wagen schießt. Das ist der Moment! Ich schnappe die junge Grenzpolizistin geschickt schwungvoll, hebe sie hoch und Michel läuft erst einmal zum Auto, den Fotoapparat holen, während ich in ratlos überraschte Augen blicke. Soll nochmal einer sagen, man könne das russische Militär nicht noch überrumpeln!
Aber was soll ich sagen, den Schneid hatten wir natürlich nicht in der Hose – genau genommen hatte in der Situation keiner von uns überhaupt daran gedacht und wir ziehen stattdessen von dannen, um etwas weiter südlich vor dem Wappen der Nordmeerflotte ein Flashmob-Salut-Foto zu machen.

Obwohl wir damit schon mehr in dieser Stadt erlebt haben, als ein Städtereisenanbieter überhaupt zu versprechen gewagt hätte, kreisen wir nochmal eine weitere Stunde um Murmansk, um ja jeden Eindruck in uns aufzusaugen. Betrachtet man unseren GPS-Track, mag man den Eindruck gewinnen, wir hätten uns verfahren und seien orientierungslos herumgekurbelt beim Versuch, den Nordmeermoloch zu verlassen. Dieser Eindruck ist natürlich falsch!

BSC auf Russisch

BSC auf Russisch

Kaum sind wir aus Murmansk raus, folgen 1.000km Wälder, Seen, Moore, Wälder, Seen, Moore. Zwei Übernachtungen brauchen wir auf dem Weg nach Süden, einmal lauschig an einem See, einmal auf dem abgelegenen Feld eines Bauern.

Und dann sind es nur noch 270km bis St. Petersburg, bis zur Goldenen Stadt. Auf dem Weg dahin noch ein kurzer Stop bei Obi. Wo sonst sollte man problemlos 3x Hammer & Sichel bekommen zur Erfüllung unserer Russland-Aufgabe. Es mag nicht häufig vorkommen, dass drei Ausländer bin einem russischen Obi ein Stativ aufbauen und sich in Positur stellen. Wahrscheinlich war es eine Premiere. Und bei der Gelegenheit nehmen wir gleich noch einen neuen Tankdeckel mit … wir brauchen schon wieder einen!

Russendisko

Russendisko

Sankt Petersburg (die meisten unterwegs nannten es noch Leningrad) erwartet uns mit stockendem Stadtverkehr. Für drei Männer aus der Wildnis ein ungewohnter Eindruck. Doch mit Händen und Füßen (Englisch kann man sich hier selbst an touristischen Hotspots meist sparen) finden wir unsere Unterkunft und erkennen in dem Moment, in dem wir die Dreipersonenbesenkammer betreten: Jetzt sind wir in Russland! Die Tapete hat wahrscheinlich noch die Frau von Breschnew designt, Sitz- und Schlafmöbel haben noch nie von Perestroika gehört und an dem Schminktischchen könnte Anna Karenina gesessen haben.

Str. Petersburg

Str. Petersburg

Die Goldene Stadt? Nachts sind alle Katzen grau und so kann auch St. Petersburg im Nachmittagsregen nicht den vollen Flair entfalten. Doch der Himmel reißt auf und ohne Stadtplan sind wir nicht als klassische Touristen auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten sondern lassen uns jeder in seinem Tempo durch die Straßen der 5-Millionen-Metropole treiben. Zahllose Arme und Seitenkanäle der Newa durchziehen die Stadt, Brücken und Brückchen, Kirchen, Paläste, Touristengruppen. An einer Kirche, die das Steinmuseum beherbergt (steht dran), deren Namen ich aber mangels Stadtplan nicht kenne, setze ich mich in die Sonne, nehme mir ein russisches Bier und lasse Russland an mir vorbeiziehen. Schöne Städte ziehen schöne Menschen an, St. Petersburg scheint eher modern zu sein, Touristengruppen strömen durch die Straßen, die Hermitage zieht das Interesse auf sich, goldene Kuppeln glitzern am nächsten Morgen unter blauem Himmel und die Goldene Stadt spielt alle Asse aus.

Blick nach Westen

Blick nach Westen

Doch jetzt müssen wir weiter. Richtung Westen – und „Leningrad“ weist uns den Weg!

traveldiary
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