Vier auf einen Streich

Vier auf einen Streich

Tallinn

Tallinn

Bei solch einen Ostseetour reißt man ganz schöne Kilometer ab, ist tagelang unterwegs durch Länder, die nicht zu enden scheinen. Wie viel Tage waren wir in Schweden? Wie viele in Norwegen? Wie viele in Russland?

Dabei haben wir nicht rumgetrödelt, die Länder sind einfach riesig! So hetzen wir heute auch nicht, wenn unser Ziel als tapfere Driverlein „Vier auf einen Streich“ heißt. Die Länder sind hier einfach kleiner!

Am Morgen erwachen wir in einer Sackgasse in Lettland etwas südlich der Hauptstadt Riga. Nach dem Besuch der wunderschönen estnischen Hauptstadt Tallinn mit ihrem mittelalterlichen Flair haben wir einen kleinen Zeitsprung zum sowjetrussischen Nuklear-Uboot-Ausbildungszentrum Paldiki gemacht, wo wir uns allerdings schwer taten, die Tagesaufgabe zu erfüllen, unseren Rallyewagen vor einem Atomkraftwarnzeichen zu fotografieren. Das Nuklear-Zentrum und die beiden Reaktoren werden zurückgebaut, die Schilder sind verschwunden. Auch die nahen Ruinen eines ausgedienten Raketenlagers bringen uns dem Tagesziel nicht näher und wir machen das Beste daraus. Insgesamt kostet die Suche uns (und vielen anderen Teams) so viel Zeit, dass wir Riga nicht mehr rechtzeitig zum WM-Spiel erreichen. Trotzdem setzen wir uns in eine Sportsbar, entschädigen uns mit Steaks und drehen im nächtlichen Regen noch eine Runde durch Riga bevor wir uns einen Schlafplatz südlich der Metropole suchen.

Von der lettischen Grenze soll es heute über Litauen und die Kurische Nehrung nach Kaliningrad und aus der russischen Enklave wieder raus nach Polen gehen. Gut zu schaffen, da jedes Land uns nur weniger Hundert Kilometer kostet. Gut zu schaffen, wenn die russische Grenze uns nicht wieder 4 Stunden kostet wie bei der Ausreise bei Ivangorod.

Vier Länder bedeutet aber auch mindestens 3x heute unsere Tauschmission erfüllen zu müssen, denn in jedem Land muss unser Tausch-Hab-und-Gut upgegraded werden. Und in dieser Hinsicht haben wir einen neuen Plan. Neben dem Eiseskimo auf unserem Dach haben wir seit Finnland eine Zeitschrift der Grenzpatroullie im Gepäck. Nichts, was man in Estland unbedingt braucht. Also müssen wir ein anderes Ass ausspielen: den Feuerwehrwagen.

In Estland haben wir an einem Privathaus gehalten, vor dem ein großes Löschfahrzeug verblich. Die Tochter des Hauses sprach etwas Englisch, zu wenig, um zu verstehen, dass wir gegen irgendwas tauschen würden und so kramte der alte Herr den Löschwagen durch und ein finnisches Handbuch für Feuerwehrleute daraus hervor.

Damit klopfen Ahmet und Michel heute bei der Feuerwehr einer lettischen Kleinstadt an, wurden herzlich aufgenommen, durch das Museum geführt, mit T-Shirts, Aufnähern und einem Buch im Tausch gegen unser Buch versorgt. Das kommt nämlich nun in Lettland ins Museum.

In Litauen das gleiche Spiel. Wir besuchen eine Feuerwache, geben das Buch und den Aufnäher wieder preis und erhalten dafür eine Feuerwehrmütze, ein Buch, einen Aufnäher und Kinderfeuerwehrlineale.

Berg der Kreuze

Berg der Kreuze

Diese wiederum „erlösen“ uns bei der heutigen Tagesaufgabe, als wir am Berg der Kreuze in Litauen ein eigenes Kreuz hinterlassen und uns damit fotografieren müssen. Wie ein Waldorf-Musterschüler bastelt Michel aus zwei Linealen ein Kreuz, mit einer Schnur des Moskitonetzes machen wir einen Aufhänger dran und fügen unser Feuerwehrkreuz im prasselnden Hagel zu den mehr als 100.000 hier bereits hinterlassenen. Auch andere Rallyeteams sind vor Ort, der Hagel reduziert den Austausch aber auf ein paar Rufe oder winkende Hände.

Einige Zeit später hat die Ostsee uns wieder. Von Litauens südlichster Hafenstadt Klaipeda geht es auf die Kurische Nehrung. Nationalpark, eine Landzunge schlanker als der Darß, langgezogene Strände als Ausflugs- und Urlaubsdomizil Litauens, beschauliche Küstenorte. Sofort kommt Urlaubsfeeling bei uns auf und wir legen eine Pause am Strand ein. Baden in der eisigen Ostsee und Michel lässt endlich seinen Drachen steigen, bevor er ihn unbenutzt wieder mit nach Hause nimmt.

Überfahrt zur Kurischen Nehrung

Überfahrt zur Kurischen Nehrung

Und zudem hat die Kurische Nehrung die wahrscheinlich entspannteste Grenze Russlands. An dieser sammeln sich gleich 7 Teams und warten auf die wohlgeordnete Abwicklung der Einreise. Kurioserweise ändert sich das Landschaftsbild direkt nach der Grenze. Der Wald wird urwüchsiger, ein Fuchs lauert am Straßenrand, zwei Graureiher stelzen darüber. Zwei Orte, die auf der Karte verzeichnet sind, erweisen sich als Verkaufshüttensiedlungen während diese in Litauen regelmäßig für schicke Badeorte standen. Direkt auf dem Festland erwartet uns allerdings eine neue Retortenstadt mit einer vierspurigen beleuchteten Verbindung nach Kaliningrad. Ganz offensichtlich entsteht hier das russische Tourismusrückgrat der Kurischen Nehrung.

Strandgymnastik

Strandgymnastik

Kaliningrad erreichen wir zu später Stunde und fahren direkt in eine Polizeikontrolle. Freiwillig! Und prompt erklären sich die russischen Freunde und Helfer bereit, uns zu einer Feuerwache zu begleiten. Dort folgt ein sprachlich schwieriges Gespräch, eine Präsentation des Fuhrparks und plötzlich versteht man unser Tauschanliegen und ein litauisches Buch wechselt gegen eine Mütze der Feuerwache von Kaliningrad ihren Besitzer. Wahrscheinlich trug sie bisher das Teddybärmaskotchen der Feuerbrigade, zumindest wirkt die coole armeegrüne Schlappohrcap auf meinem Kopf, als gehöre sie eigentlich in eine Puppenstube.

Eine Forelle und zwei Rentiere später suchen wir in dunkler Nacht den Weg zur polnischen Grenze. Genau genommen suchen Ahmet und Michel, ich sitze hinten und schreibe Blog und versuche meine gelegentlich ungeliebten (und gelegentlich unqualifizierten) Kommentare zu Fahrweise und/oder Richtungsfindung im Zaum zu halten.

Mit der Feuerwehr von Kaliningrad

Mit der Feuerwehr von Kaliningrad

Die letzten 40 Rallyestunden sind angebrochen!

traveldiary
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