Das Ding nach Hause bringen

Das Ding nach Hause bringen

Man kennt das ja, am Ende geht es nur darum, das Ding nach Hause zu bringen. Unsere Mannen in Brasilien versuchen das beim Fußball, bei der Baltic Sea Circle Rallye versuchen es 106 Teams mit ihren Autos. Nun bin ich wahrlich nicht der Richtige, um über Automobiltechnik zu schreiben, aber mir ist schon klar, dass wenn man den Schlüssel umdreht und den Joke zieht (ja, mit solch alten Autos sind wir unterwegs) und sich nichts tut, irgendwas nicht so ist, wie es sein soll.

Woher ich das weiß? Hörensagen. Natürlich schnurrt unser Feuerwehrwagen wie ein Kätzchen (ein lautes) 8.400km rund um die Ostsee – fast immer. An einem Morgen tut sich gar nix. Obwohl wir eine Mörderbatterie unter dem Fahrersitz haben, hat ein kleines Funkgerät, das nicht mal gefunkt hat, es über Nacht geschafft, die Batterie leer zu saugen. Was tut man da? Man klemmt sich an einen anderen Mercedes an, schmeißt den Motor an, lässt ihn einen Moment laufen, den man wunderbar nutzen kann, um unseren Song „Fire & Ice“ an den Außenlautsprecher zu stöpseln und dann dreht man noch eine Runde über den Platz, damit alle wissen, dass man wieder im Rennen ist. Dies und zwei „verschwundene“ Tankdeckel waren unsere technischen Macken zwischen Hamburg und Nordkap. Menschliche hat aber auch jeder von uns, haben wir während der 15 Tage erkannt…

Andere haben es technisch nicht ganz so glücklich erwischt. Einem Team verreckte der Wagen schon bei der Anreise zum Start, Backblech musste bei einem der vier Fahrzeuge des Teams bereits auf den ersten 100 Kilometern den Motor tauschen, der Postbulli des Eck-Trios blieb in Schweden auf der Strecke, beim Porsche von Hardstuff stand in Finnland der Motor in Flammen, Team Full Trottel musste ab Estland mit 5 von 6 Zylindern auskommen, In Rust wie Trust ohne Stabikopf (was immer das ist) in Lettland in die Werkstatt, hier ein Getriebe, da ein Kühler. Doch 102 von 106 gestarteten Wagen schafften es ins Ziel… und manche sogar noch ein paar Kilometer weiter wie Chasing Elks, die ihren BMW nach dem Zieleinlauf in Hamburg noch bis in den bayrischen Freistaat dirigieren konnten – um dann die letzten 200km Huckepack mit dem ADAC in der Münchner Heimat anzukommen.

Als wir am vorletzten Rallyetag zu sehr sehr später Stunde Polen erreichen und uns auf einem Campingplatz Zugang verschaffen, fühlen wir uns schon wie angekommen. Dies ist das letzte Ausland bevor wir wieder auf deutschen Straßen sind. Noch ein echter Rallyetag steht uns bevor, bevor am letzten Tag die Autobahnsperre fällt und es nur noch gilt, das Ding nach Hause zu bringen.

Polizistin auf den Arm genommen

Polizistin auf den Arm genommen

Allerdings gibt es da noch zwei kleine Probleme. Zum einen müssen wir bei der Zieleinfahrt das Roadbook mit allen eingeklebten Fotobeweisen für unsere absolvierten Rallyeprüfungen abgeben – zum anderen haben wir eine noch nicht absolviert: Einen Polizisten auf den Arm zu nehmen. Sowohl in Norwegen als auch in Russland habe ich meinen übermütigen Kollegen bei akutem Polizeikontakt ausgeredet, die jeweiligen Polizisten auf den Arm zu nehmen und habe optimistisch verkündet, dass irgendwann die richtige Polizistin für das perfekte Foto kommt. Damit sind wir am letzten Tag in Zugzwang. Heute muss es passieren. In Gdansk.

Nahe des Stadtzentrums parken wir unser Feuerwehrauto und sind kaum auf dem Marktplatz angekommen, als Michel irgendwas vergessen hat. Er zurück zum Auto während Ahmet und ich uns dem Sightseeing hingeben. Keine drei Minuten und Michel ist wieder da – und hat zwei Polizistinnen entdeckt. Die eine kann immerhin süß lächeln und dürfte wahrscheinlich bei 55kg liegen. Ich weiß, das habe ich schon mal geschrieben. Aber diese spricht Englisch, hat dunkle lange Haare und versucht sich mit einem so strahlenden Blick rauszureden, dass ich die 30 Rallyepunkte schon spüren kann. Ich schnappe die junge Polizistin geschickt schwungvoll, hebe sie hoch und Michel schießt das Bild, das wir noch brauchten, um das Projekt „Entwicklung“ anzugehen. Wir brauchen also nur noch ein Fotoladen, der die Bilder von Michels HTC One runterkriegt. Ich glaube, in den nächsten 1,5 Stunden hat Michel sich mehr als einmal ein richtiges Telefon gewünscht.

Geburtstagsmenu für Zwei

Geburtstagsmenu für Zwei

Ein letzter Weltuntergang, prasselnder Regen, Blitze die über den Himmel zucken, Donner und Licht nicht einmal eine Sekunde auseinander. Ahmet navigiert uns durch Polens Strandorte, Michel steuert den Feuerwehrwagen zu einem Strand am Bodden. Die letzte Nacht werden wir gemeinsam mit DaMista und Team Full Trottel an einem riesigen Lagerfeuer verbringen und den 25. Geburtstag eines der Trottel (sorry Jungs, Ihr habt Euch den Namen ausgedacht) feiern. Eine Flasche Schampus kommt auf den Tisch, obwohl der BMW der Full Trottel aus dem letzten Zylinder pfeift sind wir in Ziellaune. Jetzt müssen wir nur noch das Ding nach Hause bringen.

Trotz einer langen Nacht ist unser Team früh auf den Beinen. Da man Freunde nicht zurücklässt, ohne sich zu verabschieden, werfen wir mal wieder Fire & Ice in den Außenlautsprecher und wenden den Wagen so geschickt, dass jedes der vier Zelte eine Strophe abbekommt. Vielleicht werden wir uns trotzdem irgendwann wieder vertragen ;-)

Alle Mann auf Deck!

Alle Mann auf Deck!

Die frühe Stunde lässt uns Handlungsspielraum für den Abschlussplan. 50 Punkte – mehr als für eine Polizistin – gibt es dafür, mit dem am besten umgepimpten Wagen ins Ziel einzulaufen. Und in uns schwelt da schon seit ein paar Tausend Kilometern so eine Idee. Gegen 13:00 Uhr fahren wir mit dem Feuerwehrwagen in die Hafencity ein. Natürlich ziehen wir die Blicke auf uns, noch mehr als wir die Absperrungen überwinden und durch den Fußgängerbereich bis vors Langenese Café fahren. Das frisch bestückte Roadbook in der Hand zeige ich, zu welch verrückter Aktion wir unterwegs sind. Und natürlich alles für einen guten Zweck. Wie soll man dazu schon „Nein“ sagen? Sagen sie auch nicht und mit mehreren Langnese Camping-Stühlen, einem Langnese-Sonnenschirm und einem Langnese-Stehtisch an Bord räumen wir das Feld.

Abschlussbild mit Nestwärme

Abschlussbild mit Nestwärme

Auf St. Pauli wird der Feuerwehrwagen umgepimpt. Aus „Fire & Ice“ wird „Fire & Eis“. Unser norwegischer Eiseskimo kommt aufs Dach, mit Spanngurten wird der Tisch befestigt, die drei Stühle arrangiert und aus unserem Dachgepäckträger ist ein Beachclub mit Aussicht geworden – im Moment von oben in die Herbertstraße. Bevor die Luden uns aus dem Feld schlagen, wechseln wir unsere Außenmusik von „Fire & Ice“ zu „Like ice in the sunshine“. Und damit geht es die Davidstraße entlang, runter zu den Landungsbrücken, durch die Hafenstraße und auf den Fischmarkt. Erst dort besteigen wir das Beach Deck und rollen auf das Veranstaltungsgelände. Erst als wir dort ankommen, wird mir bewusst, dass etwas völlig Verrücktes gerade zu Ende geht. Die Melancholie schlägt von einer Sekunde zur anderen zu und wird davon wieder weggeschwemmt, dass man versucht den erwartenden Lieben die ganzen Erlebnisse in einem Wortschwall zu schildern – und davon dass immer wieder Rallyeteams einfahren, die gefeiert werden müssen! Momente, die schwer zu toppen sind…

Die Bretter die Platz 1 bedeuten

Die Bretter die Platz 1 bedeuten

… es sei denn, man erhält an diesem Abend noch den Pokal überreicht – nicht für das am besten gepimpte Auto, der Pokal geht an die Vulkanier und ihr Batmobil – aber Platz 1 bei der Baltic Sea Circle Rallye 2014, der nördlichsten Abenteuer Rallye der Welt, geht an ein Team, das mit einem untermotorisierten Fahrzeug und dem olympischen Gedanken angetreten ist, sich mal auf eine bekloppte Geschichte einzulassen – an uns. Wir haben das Ding nach Hause gebracht!

Fire & EIS

Fire & EIS

So bleibt am Ende nochmal der Dank an die, die uns haben fahren lassen, an die, die diese Rallye mit Spenden begleitet haben (Agency Scan, ALEA, Fixum, infinitus, KNOX, label.co.uk, Pacoon, Round Table Ratzeburg, Steuerberater Kück und traveldiary), an die Hamburger Feuerwehrhistoriker, die gastfreundlichen Feuerwachen Osteuropas, das Langnese Cafe, an die Teams, die unsere Route begleitet und gekreuzt haben und insbesondere auch an die, die es mit uns so lange ausgehalten haben – uns selbst ;-)

traveldiary
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