Im Land des Donnerdrachens

Im Land des Donnerdrachens

Chorten bei TrashigangIm Osten Bhutans gibt es nur Berge! Vielleicht sollte einen dies nicht verwundern, bei einem Land, das mit seiner gesamten Fläche groß wie die Schweiz im Himalaya liegt. Doch auch den Himalaya haben wir uns anders vorgestellt…

Der Himalaya ist das höchste Gebirge der Welt, Mount Everest, K2, Annapurna, Lhotse, so viel haben wir doch alle aus dem Erdkunde-Unterricht behalten. Massiver Fels, monumentale Gipfel, von Schnee und Eis gekrönt, bei Temperaturen, die jede Funktionskleidung an ihre Grenzen führen. Nun sind wir einerseits keine Bergsteiger, können uns wahrscheinlich nicht einmal ernsthaft „Trecker“ nennen, und haben in Bhutan nichts höheres als 4.000er auf dem Reiseplan – und ist der Hochhimalaya in Bhutan anderseits sowieso den Göttern vorbehalten. Seit einigen Jahrzehnten sind alle Berge über 6.000m für den Menschen gesperrt und der höchste Gipfel des Landes, der 7.541m messende Gangkar Puensum ist gar bis heute unbestiegen. Und doch, wir kennen das ja aus den Alpen, zwischen 3.000 und 4.000 Höhenmetern ist die Baumgrenze längst überschritten, man bewegt sich auf dem ewig Eis und Schnee der Gletscher.

GoldlemurAuf dem Weg zum 3.800m hohen Thumsing La-Pass, sind plötzlich Affen vor uns auf der Fahrbahn. Die Goldlemuren ziehen sich auf die nächsten Bäume zurück, können kaum glauben, dass sich ein Fahrzeug hierher verirrt hat und sie in ihrer tropischen Bergwelt stört. Tatsächlich scheinen sie in dem urwüchsigen Wald, der den Zentralhimalaya überzieht, besser akklimatisiert zu sein, als wir, die wir viel zu warme Klamotten eingepackt haben. Das ist der Zentralhimalaya? Wirklich?

Ein paar Tage zuvor sind wir von der indischen Grenze nach Norden vorstoßend in Trashigang angekommen, einem winzigen Städtchen im Osten Bhutans, mit einem kleinen Marktplatz, zwei Hand voll Häuser drumherum, alle im traditionellen Stil erbaut. Meist dreigeschossig gehörte ursprünglich das unterste Geschoss in den kalten Wintern dem Vieh, das erste Obergeschoss diente als Lagerraum, im zweiten OG lebte die Familie. Dabei hatte die Familie oft weniger Raum, als Tiere und Vorräte, da man sich die „Belle Etage“ natürlich mit den Göttern teilen und Platz für einen Altarraum lassen muss, der nicht selten dem Wohnraum zumindest ebenbürdig ist. Das Wohngeschoss ist dabei mit handbemalten Fachwerk versehen, darüber ein freischwebend wirkendes Dach. Am Marktplatz von Trashigang sind im Erdgeschoss heute eher Läden, Teestuben und kleine Restaurants, denn Tiere. Nichts davon auf Ausländer ausgerichtet, einerseits sieht man die hier zu selten, andererseits werden für diese überraschend gute Hotels vorgehalten, die mancherorts leider etwas außerhalb liegen.

Traditionalles Haus im ReisfeldSo sitzen wir am Abend vor dem Hotel auf einem Berg über Trashigang. Gegen 19:00 Uhr wird es dunkel. In einem Land ohne Straßenbeleuchtung, mit schlechten Straßen und nicht immer verfügbarem Strom bedeutet dies, dass das Leben zum Erliegen kommt. Es wird unglaublich still. Stockfinster, der Sternenhimmel strahlt heller als in unserer überleuchteten Zivilisation und die wenigen Lichtpunkte am gegenüberliegenden Berghang scheinen zum Greifen nah. Und sie sind es auch, denn der Osten Bhutans besteht nur aus Bergen. Nur aus Bergen. Nicht aus Bergen und Tälern. Der Himalaya hat kein Platz gelassen für Täler! Zwischen zwei Bergkämmen mag eine enge Schlucht liegen, tief unten ein Fluss rauschend Quell- und Schmelzwasser führen, doch es gibt kein Tal dazwischen. Entsprechend nah scheint immer der nächste Bergkamm – entsprechend weit sind die wenigen Häuser gegenüber von uns entfernt. Denn der einzige Weg dorthin führt mehrere Hundert Höhenmeter zum Boden der Schlucht, um über ein winziges Brückelchen die Seiten zu wechseln und drüben die Bergwand wieder in Serpentinen zu erklimmen. „Talbrücken bauen wir keine, da sie zu teuer sind und die Umwelt verschandeln“, klärt uns unser Guide Taidin auf.

Eine Woche lang waren wir in allen Hotels die einzigen Gäste, eine Woche lang haben wir keine „Westler“ gesehen außer uns beiden. Erst in Bumthang ändert sich das Bild. Historisch mag die Grenze anders sein, doch für uns beginnt hier der Westen Bhutans. Jakar in Bumthang ist die erste Ortschaft, die wir sehen, die nicht an einer Felswand klebt, sondern ein Tal für sich erschließen konnte. Auf gleich vier Täler bringt es die Region Bumthang und was man hier Täler nennt, liegt zwischen 2.600 und 4.000m hoch. Hier begegnen uns die ersten anderen Westler – vereinzelt, bis zum Ende unserer 16-tägigen Reise werden wir nicht einmal 20 Personen zählen können. Außerhalb der regionalen Hauptsaison ist Bhutan kein international beliebtes Reiseziel, was uns den Vorteil verschafft, die meisten Tempel, Klöster und Dzongs ungestört, in Ruhe und in der Zeit erkunden zu können, die wir uns dafür nehmen wollen.

Dzong von PunakhaDie buddhistischen Klöster und die Dzongs zählen zu den Hauptattraktionen des Himalaya-Königreichs. Dzongs sind Kloster- und Verwaltungsfestungen und zeugen davon, dass der Buddhismus nicht immer so friedlich war, wie wir ihn wahrnehmen. Über Jahrhunderte prägten Kämpfe mit Tibet die Geschichte des Landes, doch mit den Dzongs, auf Felsvorsprüngen oder in Flüssen gelegenen, manchmal von Wachtürmen überblickten massiven Festungsbauten, hatte Bhutan fast uneinnehmbare Zentren für Religion und Politik geschaffen. Noch heute dominieren diese Dzongs fast jedes Stadtbild und bieten noch heute in jeweils einer Hälfte einem Kloster Raum, in der anderen der Provinzregierung. Dabei folgen natürlich auch die Dzongs dem üblichen Baumotiv. Aus massivem Stein geformte Mauern, weiß getüncht, und ganz oben das Wohngeschoss mit handbemaltem Fachwerk.

Welcher Dzong uns am besten gefallen hätte, fragt Taidin. „Trongsa, Punakha, Thimphu!“ Ich kann nicht nur einen nennen, unmöglich mich zu entscheiden. Wie gut, dass er nicht verlangt, den schönsten Tempel zu benennen, denn dabei wäre die Qual der Wahl noch größer.

In Punakha besuchen wir eine der heiligsten buddhistischen Stätten des Landes. Ein uralter Tempel ist hier von der Königin Mutter mit einem neuen Chorten überbaut worden – einem Chorten im nepalesischen Stil mit den bekannten Augen, die einen in allen Himmelsrichtungen anschauen. Nepalischer Chorten in PunakhaIn Bhutan sind Chorten (Stupas) im nepalesischen Stil, im tibetanischen, wie auch im bhutanischen keine Seltenheit, alle scheinen gleichberechtigt nebeneinader stehen zu können. Im Hof der Tempelanlage gehen wir auf eine Gruppe junger Mönche zu, die von einem älteren, beleibteren Mönch unterrichtet wird. In Anbetracht der Hitze trägt der Lehrer nur ein bordeauxrotes Trägershirt, vor ihm steht ein Getränk, in einer Porzellantasse des FC Barcelona. Taidin spricht den Mönch an, ob wir das Heiligtum besuchen dürfen. Woher wir kommen, fragt der Mönch auf Dzongkha, der bhutanischen Einheitssprache. „Germany“, antwortet Taidin, einen Begriff in Landessprache gibt es für „Deutschland“ nicht. Ein Grunzen, das an die Auferstehung des Shogun erinnert, ein freudiges Strahlen und der Mönch streckt uns die Hand entgegen. Wir verstehen zwar kein Wort, aber wir kennen den Ritus schon. Bhutan ist fußballfanatisch und sobald irgendwo unsere Nationalität ins Spiel kommt, werden wir persönlich zu unserem Weltmeistertitel beglückwünscht. Natürlich läuft dann auch alles weitere wie am Schnürchen. Der Mönch erklärt, dass WIR uns natürlich alles ansehen dürften, ruft einen Mönch zu sich, beauftragt ihn, alle erforderlichen Schlüssel zu beschaffen und uns persönlich Tür und Tor zu öffnen.

Trotz all der Eindrücke, die wir bis hierher schon im Land des Donnerdrachens aufgenommen haben, im einzigen Land der Welt, das das Bruttonationalglück seiner Bevölkerung in der Verfassung festgeschrieben hat, so ist das eindrücklichste doch am wenigsten greifbar. Es sind die Gelassenheit und das Glück der Menschen. Die Gelassenheit, an die buddhistische Wiedergeburt zu glauben und dafür zu leben, in diesem Leben Gutes zu tun, sein Karma zu reinigen, um auch im nächsten Leben ein gutes zu haben. Und das Glück, dem der König des Landes sich verschrieben hat. Wir sprechen Taidin darauf an. „Ja, 80% der Menschen in Bhutan haben Zugang zu Strom, sauberem Wasser und Anschluss an eine Straße, deswegen sind wir glücklich.“ Hm, haben in Deutschland nicht 99% der Menschen Strom, sauberes Wasser und eine Straße vor der Haustür? Wenn dies das Rezept ist, wir dürften vor Glück kaum noch aus den Augen sehen können!

Monumentaler Buddha von ThimphuZwei Höhepunkte erwarten uns allerdings noch, eines das wohl bekannteste Wahrzeichen Bhutans – eines das antritt, ihm den Rang abzulaufen. Zweiteres blickt uns schon von weitem entgegen, als wir uns der beschaulichen (rd. 90.000 Einwohner) Hauptstadt Thimphu nähern. Zwei Hongkonger Geschäftsleute sollen zusammen 100 Millionen US-Dollar gespendet haben, um auf einem Bergrücken über der Hauptstadt Bhutans die größte Buddhastatue der Welt zu errichten. 51m misst der sitzende Siddhartha Gautama und auch wenn an der Anlage, die ihn umgeben soll noch gebaut wird, so scheint die goldglänzende Figur doch von fast jeder Ecke des Tales zu sehen zu sein. Unweigerlich sucht der Blick immer wieder nach dem Buddha, sei es tags, sei es nachts vom Balkon unseres Hotels aus. Der größte Buddha der Welt wird sicherlich eine Pilgerstädte werden – bis irgendwer irgendwo einen größeren bauen wird.

Diese Zeit überdauern wird allerdings mit Sicherheit das Tigernest-Kloster. Vielen dürfte dieses Bild vertraut sein, das als Synonym für ein Shangri-La, eine verborgene Welt irgendwo in Asien steht. Doch das Tigernest-Kloster gibt es wirklich, und tatsächlich gibt es eine Felswand in Bhutan, die so karg, unwirtlich und steil ist, wie man sie vom Himalaya erwartet. In sie soll einst Guru Rinpoche, der Religionsstifter Bhutans, im 8. Jahrhundert auf dem Rücken eines Tigers eingeflogen sein, um dort in einer Höhle zu meditieren und die bösen Geister des Ortes zu unterwerfen. Heute ist das Kloster die wohl touristischste Stätte des Landes – auch wenn rund 1.000 Höhenmeter jeden Besucher herausfordern. Kein steiler Aufstieg, doch sicherlich eine anspruchsvolle Wanderung, deren erste zwei Drittel man auch zu Rücken eines Pferdes überwinden kann. Vom Wendepunkt der Pferde ist es nicht mehr weit bis zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man bereits Auge in Auge mit dem Tigernest-Kloster steht. Atemberaubend, welche Baukunst es ermöglicht hat, in die Felswand ein aus mehreren Gebäuden bestehendes Kloster zu heften. Doch der Platz bleibt begrenzt. Ein Mönch läuft über das Dach eines der Tempel, um Wäsche darauf zum Trocknen auszulegen. Würde er vom durch die Wäsche feuchten Dach rutschen, er würde mehrere Hundert Meter keinen Halt finden. Doch der buddhistische Glaube an das Karma und an die vielen Leben, die noch kommen werden, lässt einen wahrscheinlich gar nicht erst auf derartige Gedanken kommen.

Blick auf das Tigernest-KlosterUns trennen vom Tigernest-Kloster nun nur noch ein beachtliche Anzahl Stufen nach unten, eine Brücke, die unter einem Wasserfall hindurchführt, und auf der gegenüberliegenden Seite wieder einige Stufen nach oben bevor wir am Tigernest-Kloster stehen. In der Hauptsaison soll sich eine Ameisenstraße an Besuchern diesen Berg hinaufziehen, Zeitfenster werden vergeben, die jeder Besucher einhalten muss, um auch den nächsten noch erleuchtende Einblicke zu ermöglichen. Uns reicht die Besucheranzahl, die sich jetzt hier tummelt, vor uns beschwert sich ein asiatischer Tourist, dass dies russische Methoden seien, als er Fotoapparat und Handy abgeben muss, bevor er eine der heiligsten Stätten des Landes betritt…

Wie in vielen buddhistischen Tempeln des Landes, so wird uns auch hier heiliges Wasser gereicht, das wir trinken und womit wir unseren Kopf reinigen können, erhalten wir ein Stück gesegneten Kuchens und können etwas der Ruhe und Spiritualität an diesem Ort genießen, an dem auch unser Guru Rinpoche sich zu Hause fühlen muss. An Claudias wie an meinem Hals baumelt seit Bumthang ein entsprechendes Amulett. Sowohl für Claudias Geburtsjahr wie auch für meines ist Guru Rinpoche der richtige Schutzpatron und er soll einen besonders auf Reisen schützen. Bei den Straßen Bhutans hatten wir den Eindruck, dass seine Hilfe angeraten war…

 

 

 

Jens Freyler
Jens Freyler
1Comment
  • Claudia
    Posted at 18:19h, 09 August Antworten

    es war eine unbeschreiblich aufgregende und interessante Reise, in vielerlei Hinsicht….

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