Harzreise

Harzreise

Jedes Jahr zu Himmelfahrt fahre ich in den Harz. Genauer gesagt zu einem kleinen feinen Tagungshäuschen im von Berlin aus Harzhinterland. Bei Göttingen. Ich liebe diese Reise, das erste Grün an den Bäumen, den kommenden Sommer in Erwartung, ein schönes – mittlerweile fast familiäres – Treffen für ein langes Wochenende. Es ist diesmal der Tag nach meinem Geburtstag, dem 50. Hart. Ich bin in diesem Jahr Mitorganisatorin dieses Treffens und schon Mittwoch angereist. Vor genau zwei Jahren hat mir genau hier eine andere Teilnehmerin das erste Mal von geocaching erzählt und es war schon vor meinem ersten gefundenen Cache sowas von klar: das ist es, super, eine wunderbare Idee!  Technik, Rätsel, Schatzsuchen, was will eine mehr? Dafür gehe selbst ich in die Natur. Das ist wie für mich gemacht. Und so bin ich mittlerweile schon bei ca. 400 Caches angelangt. Keine blutige Anfängerin mehr, sollte man zumindest  meinen. Tja. Am Abend vor dem Schlafengehen sehe ich mir die Karte an, suche nach Mysteries. Finde einen D5 und habe auch noch gleich ne Idee! Wow, das verspricht ein guter Tag zu werden. Und tatsächlich, ich kriege alles raus, habe einen grünen Geochecker und stelle fest: 210 Meter! Nicht mal mit dem Auto losmüssen. Wie wunderbar. Ich stelle mir also den Wecker und rechne mit einem kleinen Stündchen vor dem Frühstück mit den anderen. Höchstens zwei, mal sehen. Da ich den Wald gegenüber natürlich mit den Jahren schon kennengelernt hatte, ist klar, die 210 Meter sind nicht nur ein Spaziergang, sondern ein klein wenig Steigung, aber machbar. Also halb sieben die kleine Cachertasche genommen und los. Und tatsächlich muss ich den Waldweg im Grunde sofort verlassen und steil nach oben, die Koordinaten sagen es eindeutig. Warum hab ich mir eigentlich nicht mal ne Wasserflasche mitgenommen? Es ist steiler als ich dachte, ich keuche mich den Zielkoordinaten entgegen. Die GPS-Anzeige schwankt dauernd, wie immer im Wald, verflucht, ich soll also ganz nach oben? Na gut. Unterwegs immer mal ein Hoffnungsschimmer: da! Das könnte was sein?! Ach ne, nur ne alte Kaugummidose, ach ne, nur ein zufällig wie angeordnet aussehender Stock, ach ne, nur ein Stein, der da schimmert. Oben am Berg ist eine Felsformation. Die liegen so derart günstig im Gelände, dass sich unter ihnen geradezu riesige Spalten auftun. Idealste Verstecke. Ich bin begeistert. Und finde nichts. Sowas von ideal, was hat der Owner sich dabei gedacht, die nicht zu nehmen. Ich soll also rauf auf die Felsen? Na gut. Nochmal gut 5 Höhenmeter, mittlerweile schwitze ich wie verrückt und finde mich schon ziemlich blöd, kein Wasser dabei zu haben. Oben weitersuchen, aber nichts. Habe ich schon erwähnt, dass das Tal, in dem das Tagungshäuschen liegt, ein einziges Funkloch ist? Naja, hier oben jedenfalls überrascht mich mein Handy mit funktionierendem Netz. Immerhin. Nochmal nach der Beschreibung des Caches geguckt, ob es denn einen Hint gibt, der mir weiterhilft. Nichts. Nochmal runter an den Fuss der Felsen, Nochmal wieder rauf. Es ist bereits 8, bald werde ich in Zeitnot geraten, weil das Frühstück mit den anderen naht. Ich setze mich auf einen Stein oben und werde von einem Schwarm Mücken überfallen. Bin frustriert, verschwitzt und ratlos. Nochmal den Cache aufrufen, vielleicht mal in den Logeinträgen lesen? „Beschwerlicher Aufstieg, aber dann gut gefunden.“ Jaja, aber wo denn nur? Dann ein kleiner Beitrag: „Da hier schon länger keine Dose liegt, haben wir uns erbarmt und eine neue ausgelegt. Wir hoffen, das ist im Sinne des Owners, auch wenn es erstmal nur eine leere Kaugummidose ist. …“ Ich erstarre und mir wird heiß und noch heißer. Das kann doch nicht wahr sein? Die Kaugummidose?! Ich habe sie über die Schulter entsorgt, haha. Ich sitze und kann mich kaum bewegen, allein auf einem Felsen mitten im Wald bei Göttingen, bin ein Festmahl für die Mücken und könnte mir selbst ans Schienbein treten. Aber es hilft ja nichts, ab nach unten. Aber keine Spur von ihr. Nun also weder Cache noch Ersatzdose. Und ich habe die auch noch so richtig weggeschmissen! Schande über mich. Bin verzweifelt und will trotzdem erstmal aufgeben. Bin ja noch ein paar Tage hier, werde also noch einmal wiederkommen müssen und versuche mich erstmal am Abstieg. Der ist schwerer. Ich habe Hunger und Durst und sowas von Frust. Und dann sehe ich sie. Ja, da ist diese Kaugummidose! Und wirklich, ein Ersatzlogbuch mit einem Eintrag drin. Ein Energieschub. Gemeinsam sind wir allerdings leider wieder 30 Meter weiter unten. Das geht auf keinen Fall. Also wieder hoch. Ein Versteck suchen, alles fotografieren, irgendwie müssen die Dosen ja vielleicht mal wieder „zusammengeführt“ werden? Dem Owner muss ein ausführlicher Bericht geschrieben werden. Geschafft. Ein bisschen sogar glücklich. Gegen 9 komme ich dann zum Frühstück an, verschwitzt und völlig fertig, die anderen überraschen mich mit einem Geburtstagstisch. Puh, was ein Morgen. Und was eine Geschichte zur allgemeinen Erheiterung am Frühstückstisch.

Zwei Dinge werde ich von nun ab hoffentlich nie wieder versäumen: Wasser mitnehmen! und vor allem: Logbucheinträge vorab lesen!

jadziajoe
No Comments
  • Jens
    Posted at 18:47h, 01 Oktober Antworten

    Die Dose selbst entsorgen, das hab ich auch noch nicht angestellt ;-)

  • Tobias Zimmermann
    Posted at 15:39h, 02 Oktober Antworten

    VOR dem Frühstück auf einen Berg zu krabbeln ist schon eine sehr sportliche Entscheidung.

  • Bernhard Hoecker
    Posted at 09:19h, 15 Oktober Antworten

    Wieso, vor dem Frühstück geht doch. Man muss nur spät frühstücken

Post A Comment

nine × one =