Weltanschauungen

Weltanschauungen

Eigentlich sollte dieser neue Blog erst starten, sobald auch unsere neue Webseite gestartet ist. Aber wie das manchmal so ist im Leben, macht die Welt andere Pläne.

Einerseits weil die neue Webseite wohl länger auf sich warten lässt, als wir dies einkalkuliert hatten, andererseits weil ich einen Beitrag habe, der einfach perfekt ist, um den Auftakt für diesen Blog zu stellen: Thema „Weltanschauungen“.

So oft spricht man von der Vogelperspektive, eine Übersicht haben, die Erde von oben sehen, Weitblick beweisen oder genießen können. Und doch oder gerade deswegen beeindrucken Monumentalbauten mindestens genauso, Wolkenkratzer, Baumriesen, Hühnengräber ;-) Tatsächlich scheinen wir uns die meiste Zeit des Tages in der Froschperspektive zu bewegen, die Welt von unten betrachten.

Auch meine Heimatstadt Hamburg kann man aus der Vogel- wie auch der Froschperspektive erleben. Man kann mit Tante Ju über der Stadt kreisen, mit einem Ballon von den Deichtorhallen aus angeseilt gen Himmel fahren, vom Michel blicken oder vom Beachclub auf dem Einkaufszentrum Hamburger Straße. Und mit Sicherheit machen dies mehr Menschen, als das Abwasser- und Sielmuseum zu besuchen. Zugegeben, das habe ich selbst noch nicht getan. Den Alten Elbtunnel dagegen, den kann ich jedem Hamburgbesucher nur ans Herz legen.

HotRod Lager

HotRod Lager

Und die HotRod City Tour. Die was? Die HotRod City Tour!

Der gewünscht und bekommene Gutschein sollte eingelöst werden, solange noch bzw. wieder Sommer in Hamburg herrscht. Und solch ein Tag war heute. Mit Glück habe ich noch einen Platz bekommen, nicht ganz zur Wunschzeit, aber Flexibilität will ich mir ja nicht absprechen lassen.

So wurde ich Teil einer kleinen Runde aus 3 Hamburgern und 3 Holländern. Einige Worte zu Technik und Sicherheit begleiteten unsere ersten skeptischen Blicke auf die schlanken Seifenkisten. „… auch das kennt Ihr von RTL. Was passiert, wenn einer von hinten dem anderen auf den Reifen fährt? Der geht ab wie `ne Rakete. Und so würd`s Euch mit den Dingern auch gehen. Also immer schön versetzt fahren.“

HotRod Detail

HotRod Detail

88 km/h, ein bisschen GFK um einen rum, das bei einer Karambolage zersplittert wie Glas, kein Gurt, keine Frontscheibe, dafür eine Brille und einen Helm – gegen Steinschlag. Trommelbremse, Direktlenkung, keine Federung. Alles Begriffe, unter denen ich mir etwas zusammenreimen aber kaum etwas vorstellen kann.

Die Gelegenheit bekommen wir jedoch bei einem Test auf dem mit hohen Gittern abgesicherten Gelände der HotRod City Tour. Einer der Holländer macht den Anfang und den so zaghaft, dass er gleich nochmal ran muss. „Gas geben, hab ich gesagt. Richtig drauf treten und richtig in die Bremsen hauen, damit Ihr spürt, wie die greifen!“, ruft Martin, unser Guide.

Ich bin als zweiter dran und will die Anweisungen beherzigen, trete also gleich richtig aufs Gas, versuche das Ausbrechen des HotRods nach links zu korrigieren, taumele nach rechts, halte dagegen, wieder links, haue in die Bremsen. Gebremst habe ich zweifelsohne gut, den Rückwärtsgang kriege ich dafür gar nicht rein.

Martin fordert von mir keinen zweiten Versuch, hat wohl Angst, dass ihm die Teilnehmer abspringen, wenn ich den HotRod unter die hier parkenden LKWs nagele. Dafür wird mir gleich der erste HotRod direkt hinter dem Guide zugeteilt. Alter Journalistentrick. Wenn man direkt hinter dem Guide sein will, um die beste Sicht zu haben und den unmittelbaren Zugriff auf alle Infos, dann muss man sich nur bescheuert genug anstellen, um als beobachtungswürdig eingestuft zu werden. Ist mir gelungen! Nur deshalb …

Nach Ende der Einweisung geht es los. Vorbei an den Landungsbrücken, den Hintern nur durch eine GFK-Wanne und 5 cm Bodenfreiheit vom Asphalt getrennt, Nase und Mund auf gleicher Höhe mit den Auspuffrohren von Lastverkehr und SUVs. In solch einem Ding sitze ich sonst auch, wegen des guten Überblicks.

Jetzt hab ich keinen und doch werden wir von allen gesehen. Überall werden Handys hochgerissen, wird unsere kleine Kolonne geknipst, gefilmt, belächelt, beklatscht und bejubelt.

HotRod Perspektive

HotRod Perspektive

Durch die Hafencity Richtung Industriehafen kommen wir aus der Stadt heraus und erstmals zieht der Guide vor uns auf 80 km/h hoch. Ich bin sicher, die Verkehrsschilder besagten explizit, dass das hier so vorgesehen ist – konnte sie aber nicht erkennen aus meiner Froschperspektive. Immer wieder flattert das Lenkrad zwischen meinen Händen, vibriert die Karosserie auf Kopfsteinpflaster, über Gleise oder Gullideckel. Doch wie die Verbissenheit verfliegt, kommt der Fahrspaß. Abgase nehme ich nicht mehr wahr, aus den Hallen des Freihafens strömen die Düfte zahlloser Gewürze in meine Nase, Nelken glaube ich zu erkennen. Ist der Duft von Gewürzen auch schwerer als normale Luft oder bilde ich mir nur ein, dass man das auf der Höhe eines Wiesels intensiver riecht?

Mit südlichem Blick auf die Elbphilharmonie die erste Pause. „Wir fahren jetzt in die City, Hauptbahnhof, Lange Reihe, Außenalster, Schöne Aussicht, Ballindamm, Jungfernstieg, Gänsemarkt. Hier gilt besonders, dass wir zusammen bleiben müssen und uns nicht ablenken lassen dürfen. Es ist sonnig, 25 Grad und wir haben die Dinger nur so niedrig gebaut, da wir so den Fahrradfahrerinnen unter den Rock blicken können.“

Doch wie soll man das, wenn man im zweispurigen Verkehr alles im Blick haben muss, was um einen rum passiert?! Unser Parcours ist eine schöne Runde um Hamburgs Innenstadt, verbindet Sehenswürdigkeiten, bietet aber auch ein paar untypische Perspektiven. Ich bin allerdings recht froh, dass ich Hamburger bin, all diese Orte kenne und mich nicht grämen muss, dass ich kaum was davon sehe, wo ich doch voll in die Steuerung meiner Seifenkiste vertieft bin.

Über den Inneren Ring geht es auf die Reeperbahn, einmal über St. Pauli, das dank des Reeperbahnfestivals auch zu dieser Tageszeit brechend voll ist. So voll, dass wir zwar nur stockend aber erstmals fast unbemerkt voran kommen. Am Museumshafen Övelgönne brandet dagegen wieder Jubel auf. Wahrscheinlich hält man uns für verwegene Rennpiloten, die in den Seifenkisten gerade ein Rennen bestreiten. Zwangsläufig müssen wir die Führungsgruppe sein. Erstmals traue ich mich eine Hand vom Lenker zu nehmen und den Jubel mit einem souveränen Gruß zu beantworten, bevor wir über die Palmaille schon wieder auf den Fischmarkt zusteuern.

In der Seifenkiste

In der Seifenkiste

Martin beugt sich zu mir rüber: „Vor einem Jahr saß ich da so wie du und hab zum ersten Mal so ne Tour mitgemacht. Und am Tag danach hab ich die angerufen und gefragt, ob sie noch nen Guide brauchen.“ Er grinst. „Und seitdem mach ich das …“

Ob es auffällt, wenn ich nicht auf das Gelände abbiege sondern einfach weiterbrause mit meiner Seifenkiste? Wie viel Benzin habe ich wohl im Tank? Fährt das Ding überhaupt mit Benzin? Könnte man mit so einem eine richtige Rallye fahren?

Ach was soll`s, stell ich ihn halt wieder ab. Ich kann ja morgen mal anrufen und fragen, ob sie noch nen Guide brauchen …

Jens Freyler
Jens Freyler
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