Tagebuch einer Tupperdose – I

Tagebuch einer Tupperdose – I

Ich hörte sie schon lange über mich reden. Sie wollten mich wegbringen und sprachen von einer grandiosen Idee, die mein Leben verändern sollte. Beunruhigt lauschte ich auch heute wieder den Stimmen am Tisch in der Küche. Sie wollten mich in den Wald bringen und in einem Loch verstecken. Was sollte ich dort? Wollten sie mich lebendig begraben? Womit hatte ich das verdient? Ich begann mir große Sorgen zu machen und blickte traurig durch die trübe Glasscheibe von meinem Platz aus einem der oberen Küchenschränke. Lange lebte ich hier zufrieden und glücklich. Treu ging ich meiner Arbeit nach und schenkte vielen Dingen ein wenig mehr Haltbarkeit.

Am nächsten Tag war es dann soweit. Es war früher Nachmittag und die Sonne schien durchs Fenster direkt auf dem Küchentisch. Man holte mich aus dem Schrank, stellte mich auf den von Sonnenstrahlen angewärmten Tisch und klebte mir behutsam einen hässlichen, grünen Aufkleber auf die Stirn. Der Klebstoff biss in der Nase und ein kräftiges „HATSCHI!“ rutschte mir heraus. Ich kniff die Augen zusammen, spuckte und rümpfte die Nase. Den Menschen blieb das leider unbemerkt. Wäre auch ungewöhnlich, wenn Frischhaltedosen wie ich sprechen könnten.

Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, erkannte ich die Schrift auf dem Aufkleber. Man hatte mich als „Offiziellen Geocache“ markiert und mein ruhiges Leben sollte nun ein jähes Ende finden!

Plötzlich klackte mein Deckel auf. Man legte ein leeres Notizbuch, einen Stift mit Anspitzer, einen Schlüsselanhänger und ein paar andere Gegenstände in mich hinein. Der Deckel ging wieder zu und ich verschwand auf direktem Weg in einem Rucksack. Mein Schicksal schlug nun einen neuen Weg ein. Hilflos und verängstigt stützte ich mich an den weichen Wänden ab. Es rüttelte kräftig und die Reise begann.

allein im WaldEine Ewigkeit später landete der Ranzen gemeinsam mit mir und einem „RUMS“ auf hartem Boden. Ich hoffte auf das Erwachen aus diesem Albtraum. Ein Lichtschein von oben, ein erneutes kurzes Rappeln und ich purzelte auf den nassen Waldboden. Die Luft war feucht und duftete nach einem lauen Spätsommerregen. Die Vögel zwitschern, der Wind ließ die Blätter der Bäume rascheln und es fühlte sich eigentlich schön an. Ich öffnete die Augen und blickte mich vorsichtig um. Mir blieb jedoch keine Zeit, um zu erkennen, wo ich mich befand. Mit einem Schubs rutschte ich in eine Höhle im Erdreich, direkt unter einer alten Baumwurzel. Sandige Erde rieselte auf mich herab. Ein paar Zweige und etwas Moos wurden über mir verteilt, bis auch die letzten Lichtstrahlen von der Dunkelheit zu ersticken drohten.

Es wurde still! Meine Angst wuchs zu einem großen Ungeheuer heran. Ich versuchte es mit einer Flut aus Tränen und einem kläglichen Wimmern zu vergraulen. Doch es gelang nicht. Entkräftet fiel ich irgendwann in einen leichten Schlaf. Schreckliche Träume begleiteten mich. Immer wieder wachte ich auf und weinte mich zurück in den Schlaf. Die Zeit verstrich. Nun lag ich bereits drei Tage und zwei Nächte in diesem Loch. Es war kalt, feucht und es roch nach vermoderten Blättern. Immer öfter bemerkte ich wie kleine Spinnenfüße über meinen Deckel tippelten. Es krabbelte überall um mich herum und meine Ekelgrenze war eigentlich schon lange überschritten. Gelähmt ertrug ich dieses gruselige Grab.

Ich dachte an meine Besitzer und ließ meine Trauer für einen kurzen Moment in Vergessenheit rücken. Wie konnten mich die Menschen nur so bestrafen? Ich hatte meine Arbeit doch immer zu ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt!? Nicht einmal ließ ich etwas bei meiner Aufgabe als Frischhaltebox in meinem Bauch verderben. Und nun so etwas! Lebendig begraben hatten sie mich, mit all dem nutzlosen Zeug, was ich in mir aufbewahrte. Ich verspürte ein bisschen Wut und dachte einen kurzen Moment an Rache. Sollte ich hier irgendwann wieder rauskommen und meiner normalen Arbeit nachgehen, dann lasse ich das erst beste Lebensmittel in mir verfaulen! Das hatte ich mir fest vorgenommen.

Die nächste Nacht nahte bereits. Es wurde kühler in meinem Versteck und erste unheimliche Geräusche tauchten aus den Untiefen des Waldes auf. Ich fröstelte. Die Einsamkeit hatte mich wieder in seinem festen Griff und ich fiel langsam zurück in einen Dämmerschlaf. Mich umgab auf einmal wieder ein sehr bekannter Geruch. Ich war zu Hause und kümmerte mich gerade um einen Käsekuchen. Er duftete ganz lecker nach süßem Quark und Zitrone. Ein angenehm erfrischendes Gefühl stieg in mir auf, denn ich liebte meine Arbeit als Frischebehälter doch sehr!

Plötzlich durchdrang ein kräftiger Ruck meinen Traum. Mit einem Schreck öffnete ich die Augen und blickte wieder in die Dunkelheit meiner Höhle. Mein Herz pochte! Dreck rieselte auf mich herunter, ein intensiver Gestank kroch mir in die Nase. Nein, so konnte nicht mal ein vergammelter Käsekuchen riechen! Es war ein ekelhafter Geruch! Süßlich, herb, vielleicht etwas nussig, aber auf jeden Fall stark nach Verwesung riechend. Die Baumwurzel unter der ich lag, bebte. Es schnaubte und grunzte um mich herum. Immer wieder stieß etwas gegen mein Versteck, meine Behausung drohte auseinander zu brechen. Es waren viele! Sie wühlten den Boden in der Umgebung um, vereinzelt rieben sie sogar ihren dreckigen Pelz an meiner Herberge. Was waren das für Wesen? So wie sie grunzten und rochen, besaßen sie sicherlich eine abscheuliche Gestalt.

Ein schrecklicher Gedanke keimte in mir. Was ist, wenn sie meine Höhle zerstören würden? Wenn sie mich hier ausgraben würden? Ich hatte schreckliche Angst! Unaufhaltsam rieselten Kieselsteine und Sand auf meinen Deckel. Ich wusste nicht, wie lange meine Behausung dem Angriff noch standhalten würde. Sämtliche Kriechtiere, die mit mir hier wohnten, hatten sich in ihre Löcher verzogen. Nur eine kleine Spinne klammerte sich an mir fest und quietschte ängstlich.

Ein ganzes Rudel Monster wühlte auf der Lichtung um mein Versteck. Immer wieder kamen diese hässlichen, stinkenden Viecher und rieben ihre Körper an meinem Baumstumpf ab. Es roch erbärmlich und ich hörte ihre rauen Borsten am Holz des Stumpfes kratzen. Sie suchten etwas. In meiner Angst dachte ich natürlich sie wollten mich finden! Panisch begann ich nach Luft zu schnappen. Dabei entwich mir ein lauteres Wimmern. Ich erschrak und hielt die Luft an. Beruhige dich, sagte ich mir still.

„PENG!“ Es fiel ein Schuss! Ich schrie auf! Es folgte lautes Quieken, eine trampelnde Herde lief davon und dann wurde es für einen Moment ganz leise. In der Ferne hörte ich einen Hund bellen. Er muss groß und kräftig gewesen sein, denn seine Stimme klang tief. Einen Augenblick später näherte sich ein Auto. Die Wagentür klappte und ich glaubte an meine Besitzer, die mich nun endlich nach Hause holen würden. Doch dem war nicht so, der Hund der eben noch weit weg war, schnüffelte nun intensiv an meiner Behausung. Ich spürte, wie er mit seiner mächtigen Pranke an der Wurzel kratzte. Seine kräftigen Krallen streiften über das Holz und hinterließen vier tiefe Kerben. Ich erstarrte, er hatte die Witterung aufgenommen und wollte mich haben. Vermutlich roch er letzte Speisereste an mir. Abermals verspürte ich die Panik in mir aufsteigen. Ich war gerade von der einen Gefahr in die Nächste gestolpert. Sowas konnte unmöglich real sein.

Unerwartet hörte ich einen Menschen rufen: „Pako, komm! Wir müssen uns beeilen und das tote Wildschwein hier wegschaffen, bevor uns einer erwischt!“

Bevor uns hier einer erwischt? Wildschwein? Ich verstand kein Wort. Dafür ließ der mächtige Hund von meinem Versteck ab und rannte zu seinem Herrchen. Erneut klappte eine Tür und das Auto verschwand mit durchdrehenden Rädern in der Nacht. Einen kurzen Moment später war ich wieder allein in meinem bedrückenden Loch. Aber ich lebte noch und das erschien mir wie ein kleines Wunder. So langsam fing ich auch an mich an meine neue Behausung zu gewöhnen, denn eigentlich war ich ja gar nicht allein. Das kleine Spinnentier und ich, wir kamen uns näher. Sie sprach sogar und erzählte mir, sie wäre die kleine Schwester von Opa Langbein. Sie hieß Trudi und plapperte oft wie ein Wasserfall. Mit ihren Spinnenbeinen klackerte sie ja schon länger wie eine ganze Gruppe Bürokauffrauen mit Stöckelschuhen auf meinem Deckel herum. Ich hatte sie bis hierhin nur mit Widerwillen ertragen, aber heute hatte ich die liebenswerte Gestalt in ihr erkannt, als wir einander in der Not zusammen hielten.

Gleich nebenan lebte auch noch ein brummiger Ohrwurm mit Familie. Er hatte sich mir nie mit Namen vorgestellt, aber er wollte gleich am ersten Tag unbedingt mit seiner ganzen Familie in meine Dose einziehen. Vehement hatte ich mich gewehrt und meinen Deckel fest angesaugt! Immer wieder kratzte er an meinem Behälter, aber auf sowas hatte ich ja überhaupt keine Lust! Diese Kriechtierart schien ziemlich lästig zu sein, darum nannte man sie sicherlich auch Ohrwurm oder Ohrenkneifer. Ich vermute auch ganz stark, dass er wegen meiner Absage immer so schlecht gelaunt war. Vermutlich hatte er mächtig Stress mit seiner Frau, weil sie unbedingt mit den 13 Kindern in eine größere Wohnung ziehen wollte. Trotzdem schien die Familie doch eher friedliebend zu sein und ich akzeptierte sie als Nachbarn.

Wenn ich drüber nachdachte, musste ich mir doch recht schnell eingestehen, dass es hier bestimmt nicht langweilig werden würde. So schlecht hatte es mich hier nicht getroffen. Doch eine Frage ließ mich nicht in Ruhe, was war meine Aufgabe? Ein Notizbuch, ein Stift, die ganzen Gegenstände, die ich in mir beherbergte. Was war ein offizieller Geocache?

Ich sollte es bald erfahren… (Fortsetzung folgt)

Christina Busch
Christina Busch
4 Comments
  • Jörg
    Posted at 18:26h, 06 November Antworten

    Wunderschön geschrieben… jetzt wissen wir Geocacher endlich, wie sich die Dose fühlt! Bin gespannt auf weitere Berichte!

    Liebe Grüße, Jörg

  • Ursel Scheffler
    Posted at 10:10h, 27 November Antworten

    Eine schöne, phantasievolle Geschichte! Da möchte man gleich weiterschreiben…

  • Rösslix
    Posted at 19:10h, 14 Dezember Antworten

    Einfach prima zu lesen … Ich bin auf die Fortsetzung gespannt!

  • Andre
    Posted at 10:44h, 08 Januar Antworten

    Ob ich jemals wieder eine Dose „aussetzen“ kann?

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