Tagebuch einer Tupperdose – II

Tagebuch einer Tupperdose – II

Es regnete nun schon seit Tagen. Mein Unterschlupf hatte sich langsam in ein Wasserloch verwandelt und die modrige Suppe stand mir bis zum Hals. Ich hatte wieder eine lange Nacht hinter mir. Nicht nur die Feuchtigkeit machte mir zu schaffen, immer häufiger nahm ich um mich herum unheimliche Bewegungen wahr. Es waren keine Wildschweine, diesmal war es etwas anderes. Einige Male flackerten helle Lichtblitze aus der Ferne in mein Versteck. Ein Gewitter war es nicht, denn es hatte nicht einmal gedonnert. Der Regen hatte auch kurz zuvor aufgehört. Es gab keinen Sturm oder spürbares Unwetter, es waren nur Blitze. Hier musste etwas ganz anderes unterwegs gewesen sein! Zeitweilig glaubte ich sogar Stimmen gehört zu haben. Sie redeten irgendwas von: „Ich finde hier nichts, die Koordinaten springen! Mein GPS spinnt total rum!“

Von Koordinaten und GPS hatte ich irgendwo schon mal was gehört. Das waren doch diese Dinger von denen man uns aus dem Weltraum orten konnte. Oder waren das Satelliten? Ich wusste es nicht mehr genau. Mir ging diese Sache aber einfach nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht planten Außerirdische eine Invasion auf die Erde? Nein, das klang zu sehr nach Science Fiction! Wer weiß, vielleicht hatte ich es auch nur geträumt? Mein Gefühl sagte mir aber, dass ich bald erfahren würde, was hier vor sich ging. Doch nun begann erstmal ein neuer Tag und tatsächlich fanden mal ein paar Sonnenstrahlen den Weg in meine Höhle. Das wurde auch allerhöchste Zeit, denn die Feuchtigkeit hier drin, drohte langsam in meine Deckeldichtung zu kriechen. Noch hielt ich der Nässe stand, aber ein Stockfleckenbefall meines Doseninhaltes lag jenseits meiner Ehre.

Plötzlich tauchten wieder Geräusche um mich herum auf, ein leiser Signalton machte sich kurz bemerkbar, dann Schritte und Rascheln. Nun rieselte wieder Dreck auf meinen Deckel, das bedeutete bis hierhin nie etwas Gutes. Ein leichter Schauer schlich mir über den Deckel. Schnaufende Geräusche durchdrangen mein Versteck, nur zu gut kannte ich solche Laute bereits. Meine Angst ließ sich nicht mehr verbergen. „Bitte keine Wildschweine, bitte nicht schon wieder.“ flehte ich. Zitternd blickte ich den einzelnen Lichtstrahlen entgegen und versuchte etwas zu erkennen. DA! EIN AUGE! Suchend blickte es durch ein paar Hölzer vor meinem Höhleneingang direkt in meine Richtung. Mir wurde ganz bang. Ich kauerte mich zusammen und schloss die Augen. Im nächsten Moment brach vor mir der Eingang zu meinem Versteck zusammen und ich sah eine riesige dreckige Hand auf mich zukommen.

Jetzt stand mir das Wasser wirklich bis zum Hals und da waren die letzten Regentage überhaupt nichts gegen! Ein schnaufendes Ungetüm von Mensch hatte mein Versteck ausfindig gemacht und war genau in diesem Moment damit beschäftigt mich aus meiner Behausung zu graben und heraus zu zerren! Ich zog meinen Deckel fest an mich heran und hielt die Luft an. Trudi, die mir sehr ans Herz gewachsene Langbein-Spinne, klammerte sich an mir fest. Die Ohrwurm Familie, die mittlerweile unter mir eingezogen war, lief in alle Richtungen zerstreut davon.

Es war zu spät, mit einem festen, aber beherzten Griff hatte mich die schmutzige Hand aus meiner Behausung gezogen, wirbelte mich einmal durch die Luft und ließ mich ins weiche Moos gleiten. Die Sonne stach mir in die Augen und blendete mich für einen Moment. Doch nur einen Augenblick später erkannte ich den Schatten eines großen, dicken Mannes, welcher sich gerade über mich beugte. Er wirkte abgehetzt, als hätte er an einem Wettlauf teilgenommen. Der Schweiß stand ihm auf der hohen Stirn und ein Tropfen ran ihm bis zur Nasenspitze herunter. Er blitzte im Sonnenlicht und drohte sich jede Sekunde von seinem Wirt zu lösen. Der Mann roch, als hätte er sich schon mindestens acht Tage nicht mehr gewaschen und ich wünschte mir nur eins, dass er mich nicht noch einmal anfassen würde.

Trudi saß immer noch unerschrocken auf mir und rebellierte lautstark. Sie versuchte mich wohl zu beschützen und zählte auf die Spinnenangst mancher Menschen. Doch davon ganz unberührt, schnippte dieses grässliche Ungeheuer von Mann, sie einfach mit seinen dicken Fingern von meinem Deckel. Es herrschte sofort Ruhe.

Zu diesem Menschen wollte ich nicht mit nach Hause. Der würde doch sicherlich nur ranzige Ölsardinen in mir aufbewahren wollen, dachte ich und blickte voller Demut zu ihm hinauf. Er lachte und erneut kamen beide Hände auf mich zu. Seine dreckigen Fingernägel hakten sich unter meine Verschlüsse. Er zog kräftig und sein Gesicht lief rot an. Ich saugte meinen Deckel fester als je zuvor in meinem Leben an mich heran und begann zu beten! Um keinen Preis wollte ich mein lieb gewonnenes Notizbuch gegen einen alten Fisch oder Ähnliches eintauschen! Als gestandene Tupperdose, wollte ich mich auf solch ein schmutziges Geschäft keinesfalls einlassen.

Er fluchte und rief: „Du blöder Cache, geh endlich auf!“

Und das war dann wohl mein Zauberwort, denn ohne es großartig steuern zu können, öffnete ich mich mit einem lauten PLOPP! Erleichterung auf beiden Seiten. Irgendwie wusste ich auf einmal, warum auch immer, dass dieser Mensch mir nichts Böses wollte. Er war ein Geocacher! Was auch immer das war..

Freudig nahm er mir meine Kappe ab und kippte meinen gesamten Inhalt ins weiche Moos auf den Waldboden. Herrlich dachte ich, einmal durchlüften. Der Mann untersuchte kurz die Gegenstände und griff dann nach dem Notizbuch. Nervös blätterte er die Seiten durch. Prüfend beobachtete ich ihn dabei. Doch just in diesem Moment löste sich der mittlerweile ordentlich herangewachsene Schweißtropfen von seiner Nasenspitze. Wie in Zeitlupe sah ich, wie er sich auf mich zubewegte und im Flug immer breiter wurde. Ein langes NEEEEIIIIINNNNN zog durch meinen Körper und mit einem dumpfen Platsch, landete er direkt in der Mitte meiner geöffneten Dose.

IIIHGITT IIIHGITT IIIHGITT, ich schüttelte mich und konnte nur schwer meinen Ekel verbergen. Ich begann zu husten und war bemüht meinen Würgereiz zu unterdrücken. Ein salziger Geschmack machte sich breit und ich spürte den Pelz auf meiner Zuge wachsen. Der Wunsch nach einem Abwasch mit viel Spülmittel drängte sich mir auf. Doch es half alles nichts, ich musste die Kontamination meiner schlimmsten Albträume irgendwie ertragen.

Davon bekam der Dicke aber nichts mit. Hastig war er immer noch damit beschäftigt mein Notizbuch nach dem Eintrag eines anderen zu durchblättern. Ich überwand meinen Ekel und sagte angewidert zu ihm: „ Es ist leer, du bist ERSTER!“ doch er hörte mich nicht.

Meine Neugier begann mich langsam zu beruhigen und ich nutzte die Gelegenheit vorsichtig einen Blick in die Umgebung zu werfen. Große Tannen umzäunten die Lichtung auf der sich eine wild gewachsene Wiese befand. Hohe Gräser und bunte Blumen wiegten sich leicht im Wind. Letzte Tautropfen tummelten sich an den Blättern im Sonnenlicht, bevor sie von einem lauen Lüftchen zu Fall gebracht wurden. Direkt neben mir erkannte ich einen gewaltigen Baumstumpf mit dicken Wurzeln, die sich fest in den Boden gegraben hatten. Ein absolut solides Versteck, welches mir bis heute einen guten Schutz geboten hatte. Bei meiner näheren Betrachtung fielen mir sofort die tiefen Kratzspuren vom Hund des Wilddiebes am Stamm auf. Sie erschienen mir, wie die Spuren eines gewonnenen Kampfes.

FTF-LogDer Geocacher hatte nun endlich die erste Seite meines kleinen Notizbuches gefunden. Er wirkte sehr erleichtert und begann sofort damit etwas einzutragen: „25.September 2014/09:24Uhr -FTF- Ein schöner Platz, hier gehört wirklich ein Cache hin! DFDC NAVST@R – Coin in“ Er malte noch ein Bildchen unter seinen Text und machte ein Foto von mir mit dem Logbuch. Ich bemühte mich dabei um mein schönstes Lächeln, welches mir leider nicht ganz leicht fiel, mit dem Schweißtropfen in meiner Dose. Dieser Mann war wahrlich nicht der angenehmste Geselle in seiner Erscheinung. Aber mir gefiel, dass hinter seiner ungepflegten Hülle ein weicher Kern zu erkennen war. Wir saßen noch ein Weilchen gemeinsam auf dem Waldboden. Er guckte zu mir herab und ich erwiderte seinen Blick. Ich stellte mir die Frage, was nun als nächstes passieren würde. Nimmt er mich nun mit? Oder bleibe ich hier und diese Geschichte beginnt an dieser Stelle erst richtig?

Eine Plastikdose im Wald versteckt, viele nette Geocacher die nach ihr suchten und eine Widmung in das darin enthaltene Logbuch schreiben würden. Eine ziemlich eigenwillige Geschichte für mich als herkömmliche Tupperdose, aber so könnte es tatsächlich kommen, dachte ich mir. Während ich mit meinen Gedanken beschäftigt war, begann der Dicke hastig in seiner Jackentasche nach etwas zu suchen. Im nächsten Moment zog er dann ein paar glänzende, bunte Münzen aus dieser und ließ sie direkt in meine Dose fallen. PLING! Sie funkelten prächtig im Licht der tief stehenden Spätsommersonne und weckten in mir einen unheimlichen Drang sie besitzen zu wollen. Fast hypnotisiert stammelte ich: „Mein Schaaatzzzzz…!“ Ich war völlig begeistert über den neu erworbenen Inhalt in meiner Dose und meine Augen begannen kräftig zu leuchten. Ob der Mann ein überdimensionierter Kobold war, der heimlich Schätze im Wald versteckte? Doch dazu fehlte der Regenbogen, der genau an meinem Baumstumpf endete. Meine Fantasie begann erneut mit mir durchzugehen. Doch ich kam schnell wieder zu mir, als er im selben Moment alle Gegenstände, sowie das Notizbuch in mich zurück legte und mir wieder meinen Deckel aufsetzte. Er drücke meine Verschlüsse zu und schob mich behutsam zurück in meine Höhle. Gewohnt rieselte der Dreck auf mich herab und es wurde binnen weniger Sekunden um mich herum dunkel. Meine Illusion vom Kobold war erloschen, es blieben ein paar kalte Münzen und die mir mittlerweile bekannte Einsamkeit holte mich zurück. Eigentlich hatte ich mir das alles etwas anders vorgestellt. Wenigstens ein paar Antworten auf meine Fragen hätte ich mir noch gewünscht, aber ich bin ja lediglich ein Stück Plastik, ein Nutzgegenstand. Mich hört keiner, wenn ich rede. Leicht beleidigt kauerte ich mich zusammen und seufzte tief. Die Gedanken in meinem Kopf begannen wieder zu kreisen. Ich dachte an die ersten Stunden in meinem Versteck, die beängstigenden Geräusche aus dem Wald, die wilden Tiere, den Wilddieb mit seinem Hund, die Lichtblitze der letzten Nacht und den ersten Geocacher der mich hier besucht hatte. Ich hatte in den letzten Tagen viel erlebt und erklären konnte ich mir rein gar nichts davon. Aber mir war nun klar, zurück nach Hause in meinen schönen Küchenschrank würde ich wohl nie wieder kommen. Dieser kräftige alte Baumstumpf war nun mein neues Zuhause. Meine Ängste der letzten Tage waren fast verschwunden, denn hier in meinem Versteck fühlte ich mich nun eigentlich sicher.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht alles über die Welt da draußen…

(Fortsetzung folgt)

Christina Busch
Christina Busch
1Comment
  • Florian
    Posted at 14:04h, 19 Dezember Antworten

    Sehr schön geschrieben, weiter so! :)

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