Boxenstopp

Boxenstopp

Das Jahr neigt sich langsam dem Ende entgegen und an den Tagen zwischen den Tagen (unser Lektor würde nun sagen, dass es „zwischen den Jahren“ ja nicht geben kann) legen viele einen Boxenstopp ein. Unmittelbar gefolgt vom Jahreswechsel und dem Großen Vornehmen. Mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport machen, mehr Zeit für sich nehmen, Work-Life-Balance, mehr Zeit draußen verbringen, weniger Essensvöllerei – und das sind nur Beispiele.

Und das mit dem Sport – nun es hat in meinem Fall nichts mit dem Jahreswechsel zu tun – das könnte ich auch mal wieder mehr machen. Denn genau genommen – Geocacher, Ihr müsst nun ganz tapfer sein – sind meine aktuell am stärksten (und immer noch wenig genug) gelebten Hobbys Motorradfahren und Geocachen kein Sport. Wirklich nicht! Gut, es gibt Motorsport, doch bewegt sich dabei wenn man ehrlich ist mehr das Fahrzeug als der Fahrer, was ich übrigens auch beim Reiten behaupten würde, während beim Schach zumindest der Spieler mehr schwitzt als die Figuren. Und das Geocachen selbst… nein, es ist kein Sport! Und es wird auch bei den Spielen 2024 („Feuer und Flamme für Hamburg!“) noch nicht olympisch sein. Geocachen kann sportlich sein, dann wenn man es mit anderen Aktivitäten kombiniert, wenn man zu hoch hängenden Dosen klettert, einen Multi abradelt, einen Powertrail erwandert oder mit dem Kanu zu der Dose auf dem Stadtparksee paddelt. Aber das Versteck auf dem Parkplatz von McDonalds zu öffnen und sich anschließend für den gelungenen Fund mit einem Big Mäc-Menu zu belohnen – das ist weder Sport noch klima- oder kalorienneutral.

Es war schon lange anhängig, das Thema Sport. Und die Antwort kam überraschend. Ein Freund, cooler Typ, unglaublich sympathisch, aber körperlich nun nicht unbedingt als Double für Dolph Lundgren geeignet, eher schlacksig, manchmal fahrig, mit einem zu weichen Händedruck, berichtete mir, dass er dreimal wöchentlich zum Boxen geht. „DU?!“, fährt es mir mit einem Blick auf seine spindeldürren Ärmchen heraus und ich stelle mir vor, wie sich ein Gegner mit einer Fliegenklatsche seiner Angriffe erwehrt.

Während ich noch versuche, das Bild wieder aus meinem Kopf zu verdrängen, habe ich schon gesagt, dass ich dies auch mal probieren würde. Und gestern war es dann soweit. Der Eingang zum Boxclub liegt in einem Hinterhofkeller der Schanze, damit in einem Ambiente, das zwar nicht gerade der Ritze auf St. Pauli gleich kommt, andererseits aber schon gelegentlich als Gefahrengebiet betrachtet wird, was in diesem Jahr auch den Baumarktumsatz mit Klobürsten in Hamburg hat kräftig ansteigen lassen. Doch das ist eine andere Geschichte. Epeios heißt der Boxclub, was nach einem griechischen Gott klingt, womit man auch nicht allzufern der Mythologie ist. Epeios war der Sohn des Panopeus (Geschichtsstudenten werden sich nun mit der Hand an die Stirn schlagen und so tun, als würden sie ihn nun einsortieren können) und hat das Trojanische Pferd gebaut. Schon mal pfiffig das Kerlchen, muss man ihm lassen. Im Homers Ilias geht er jedoch im Faustkampf aus einem Sieg über Euryalos (auch ein Grieche) hervor und gewinnt dadurch einen Maulesel. Ist es das, was mich erwartet? Sich nach einem absolvierten Training wie ein Sieger fühlen aber als Esel vom Platz gehen?

90 Minuten später bin ich schlauer. Nicht dass ich ernsthaft geboxt hätte, „nur“ trainiert. Mit 4 Mädels und 8 Jungs, keiner davon eine Statur, dass man unbedingt sofort Angst bekommen müsste. Eigentlich eher sogar Typen, die einem auf der Straße sympathisch vorkommen könnten – manche davon. Aber solche Begrifflichkeiten sind im Boxsport bestimmt gar nicht zulässig. In jedem Fall ist mir klarer, warum die im Fernsehen trotz der Millionenpreisgelder nach 3 Minuten immer schon so müde rumstehen. Mangelndes Fitnesstraining, war bisher mein Urteil. Jetzt kann ich selbst kaum noch die Arme hochhalten, habe bestimmt mehr geschwitzt als jemals irgendein Schachspieler und überlege tatsächlich, im neuen Jahr aufgerüstet mit Bandagen und Mundschutz wiederzukommen. Falls dann der Muskelkater weg ist.

Aber Silvester kommt ja noch und ich könnte mir auch einfach vornehmen, mehr zu geocachen und Motorrad zu fahren …

Jens Freyler
Jens Freyler
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