Wir schreiben das Jahr 2033, Eine Vision zum Thema Geocaching in der Zukunft

Wir schreiben das Jahr 2033, Eine Vision zum Thema Geocaching in der Zukunft

Wir schreiben das Jahr 2033. Nach 19 Jahren, 5 Monaten, 3 Tagen (ja, die Logeinträge aus vergangen Tagen machen dieses Zeitangabe so präzise möglich) bin ich endlich mal wieder in Berlin, stehe am Helmut-Kohl-Platz, dem ehemalige Pariser Platz, der anlässlich zu Ehren des ehemaligen Bundeskanzlern zu seinem 100. Geburtstag 2030 feierlich mit viel Tamtam umbenannt wurde, und blicke von dort aus auf das Brandenburger Tor. Eigentlich hat sich hier, wenn meine Erinnerungen mich nicht täuschen, in den letzten Jahren nicht viel verändert. Ja, die Autos fahren in den Innenstädten nur noch elektrisch und man sieht auch hier in der Bundeshauptstadt eine Armada von E-Bikes über den Platz düsen. Aber architektonisch hat sich hier nicht viel getan. Immer noch hat die amerikanische Botschaft hier ihren Sitz, immer noch gibt es hier das Luxus-Hotel Artlon.
Nur bei meiner Geocaching-Ausrüstung hat sich seit dem einiges getan. Mein mobiles Navi von damals hat schon lange ausgedient, nachdem das europäische Satellitensystem Galileo es 2021 endlich geschafft hat, seine Satelliten alle korrekt in die Umlaufbahn zu bekommen, und sich die Genauigkeit der Satellitenortung auf 15 bis 20 cm erhöht und damit auch die Suche nach einer Dose extrem vereinfacht hat. Lang, lang ist es her, dass man in einem Umkreis von 5 oder mehr Metern nach einem Versteck suchen musste, in der man eine Dose vermutete.
In der Zwischenzeit hat sich das iGlas in der modernen Welt etabliert und so auch bei den Geoachachern. Diese Brillen, mit integrierten Monitor, wo wie bei einem Hubdisplay alle möglichen Infos und Bilder in das Gesichtsfeld des Nutzers eingespielt werden können, sind mit dem iCenter über Bluemouth verbunden, der zentralen Einheit der heutigen mobilen Datenkommunikation, welches all die mobilen Peripheriegeräte wie iGlas, iWatch, etc. über ein Nahbereichsfunknetz mit einander verbindet. Nein, iWatch, iGlas, und Co. sind keine Produkte von Apple. Apple hat schon vor langer Zeit mit anderen Herstellern wie LG, Samsung, Sony und wie die Firmen damals so alle hießen zu iFruits fusioniert. Als Logo findet man nun einen Früchtekorb mit diversen angebissen Früchten, wie Birnen, Bananen, Äpfeln, etc. auf den Geräten dieses Herstellerkonsortiums. Die jungen Leute von heute kennen meist den Hintergrund der Geschichte nicht und sehen das Logo meist nur als ein albernen Gag an.

Das iGlas, die Brille in der Zusatzinformationen, die Ziele, Entfernungen, oder auch Infos zu einem Objekt im Sichtfeld einblenden kann, ist zusätzlich mit einem Kopfhörer und einem Mikrofon ausgestattet, so dass man zum einen Sprachbefehle erteilen, zum anderen auch Informationen über den Kopfhörer erhalten kann. Da aber mindestens jeder zweite Mensch in den Hightech-Ländern mit so einem Gerät am Kopf durch die Gegend läuft und Kommandos mehr oder weniger leise ins Mikro spricht, ist der Lärmpegel an Orten wo viele Menschen zusammen kommen, dem entsprechend angewachsen. Gelöst haben die Ingenieure dieses Problem, in dem der Kopfhörer, mit Hilfe eines Umgebungsmikrofons solche störenden Geräuschquellen einfach aus dem ganzen Wust von Störgeräuschen herausfiltert, so dass eigentlich nur wichtige Geräusche übrig bleiben, die über den Kopfhörer das menschliche Trommelfell dann erreichen. Das in dem Filter hin und wieder auch mal ein paar wichtige Infos verloren gehen, wenn z.B. die geliebte Ehefrau neben einem einen anspricht, das kann halt passieren und als Mann hat man eine Ausrede mehr, warum man was nicht weiß. Aber wie fast alles, kann man dieses ganz individuell im iCenter konfigurieren auf seine Bedürfnisse anpassen.

So stehe ich nun am Brandenburger Tor mit dem Ziel den Cache mit dem gleichnamigen Namen zu suchen und zu finden. „Eva, zeige mir die Geocaches in der Nähe“. Ein kurzer Piep auf den Kopfhörern zeigt mir an, dass Eva, das Sprachsystem auf dem iCenter, der mobilen Zentrale die ich heute in meinem Rucksack mit mir rumschleppe, inkl. einiger angeschlossenen Zusatz Akkus, meine Anfrage verstanden hat. Kurze Zeit später meldet Eva, in ihrer sanften und überhaupt nicht digital wirkenden Stimme: „Kai, ich habe sieben Geocaches in unmittelbarer Nähe unseres Standortes gefunden. Soll ich sie Dir zeigen?“ Ich bejahe, ihre Frage und auf meiner Brille werden vier kleine bunte grüne Dosen herein projektiert, die die Fundorte der Caches in der Umgebung ziemlich genau in der realen Welt markieren und die je nach dem wo ich auch hinblicke, virtuell fest dort stehen bleiben. Darüber angezeigt wird der Name des Caches. Eine Dose, scheint hinter einer Leitplanke, einer an einer Parkbank unten links an der Sitzfläche, einer an einer an der Bushaltestelle, an der elektronischen Anzeigetafel in 2 Meter 30 Höhe angebracht zu sein. Das alles sieht man nun direkt durch diese Brille. Eine Suche vor Ort entfällt somit fast immer. Der Begriff „Look und Found“ ist somit in der Cacherwelt zum Synonym der Dosensuche geworden.
Ich entscheide mich aber für die grüne Dose mit dem Namen „Brandenburger Tor“ und teile meine Entscheidung Eva, was aus dem hybräischen kommt und übersetzt übersetzt Begleiterin heißt, mit. Daraufhin verschwinden die anderen Dosen erst einmal aus meinem elektronischen Blickfeld und nur noch die notwendigen Infos zu der von mir gewählten Dose werden mir in der Brille angezeigt. Bei dem Cache handelt sich dabei um ein E-Nano, einem Chip von der Größe eines Stecknadelkopfes, der vor Ort dann zu finden ist. Dieses hört sich für einen Cacher aus der Jahrtausendwende wie eine unlösbare Aufgabe an, doch die moderne Technik macht es heute leicht möglich. Manchmal sogar zu leicht, finde ich. Denn in meiner Brille erscheint der Ort des Geocaches als roter Zielpunkt, der virtuell in die Umgebung hinein projiziert wird. Zusätzlich erscheinen weitere Infos zum Beispiel über die Entfernung mit eingeblendet. 382,5 Meter in Richtung 261 Grad. Auch der kürzeste Weg unter Berücksichtigung der Umgebung wird als blauer virtueller Pfad auf dem Boden vor mir angezeigt. Also folge ich diesem Weg, durchs Tor, vorbei an den eingelassenen Steinen in der Fahrbahn, die den ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer anzeigen. Und vorbei an diesen neumodischen Currywurstbuden, die wie Pilze in den Großstädten aus dem Asphalt heraus wachsen und die im inneren des etwa telefonhäuschengroßen, rot lackierten Quaders, vollautomatisch Pommes, Currywürste und andere alt- und neumodischen Fastfood-Kreationen personallos computergesteuert zubereiten. Ich folge weiter dem virtuellen Pfad den meine Brille mir in die Wirklichkeit hineinprojiziert bis ich schließlich vor einem Verkehrsschild stehe. Ich wechsel in die Nahbereichsuche und einen kurzen Augenblick später, wird mir per rotem blinkenden Punkt der Fundort in quasi Greifweite angezeigt. Und wirklich dort klebt an dem Schild ein kleiner etwa stecknadelkopfgroße Aufkleber, das Ziel meiner Suche. Ich halte meine iWatch in die Nähe des Chips, der sich unter dem Kleber versteckt. Durch das NFC-Feld der Uhr aktiviert, gibt das elektronische Bauteil seine Infos, vom Owner hinterlegten, frei und wird dann von der Uhr erfasst. In diesem Datenstrom versteckt ist dann auch der Link um direkt ins elektronische Logbuch zu schreiben. Somit gebe ich Eva, den Befehl „Link öffnen“ und diktierte: „Heute bei meinem Besuch in Berlin mal wieder am Brandenburger Tor gewesen und nach 30 Jahren noch einmal diese Dose gesucht und Dank moderner Technik gut und schneller gefunden als beim ersten Mal. Danke für die Pflege dieses Caches, der in der Zwischenzeit zu den ältesten in Deutschland gehört.“ Mit diesem ausführlichen Log erhöhte sich meine Dosenzahl im Display von 3552 auf 3553 und meine Friendly Points von 1270 auf 1275 Punkte. Diese sogenannten „Friendly Points“ wurden vor ca. 10 Jahren von Geocaching.com eingefügt, nachdem viele Cacher dazu übergegangen waren ihre Funde nur noch mit „:-)“ oder auch „TFTC“ zu loggen. Heute wird über einen recht geheimen und viel diskutierten Algorithmus der Logeintrag vom System direkt bewertet und in Friendly Points umgerechnet. Nach diesem Schritt hat sich die Länge der Logbucheinträge auf wundersame Weise wieder erheblich verlängert.
Erneut frage ich Eva nach weiteren Caches in der Nähe. Nachdem die Cachegröße sich so extrem verkleinert hat und die Cacheanzahl weltweit bei weit über 25 Millionen Caches liegt, wurde vor wenigen Jahren auch die Abstandsregel von 161 Meter auf nur noch 10 Meter reduziert, so dass man nun an interessanten Orten, wie diesen, durchaus auch mal eine größere Anhäufung von Caches findet. Und darum werden mir von Eva auch weitere Dosen in der unmittelbaren Nähe in meiner Brille angezeigt. Bei der Durchsicht des Angebotes fällt mein Blick auf einen Quickly-Cache. Diese Cacheart entstand erst vor wenigen Jahren. Ziel bei dieser Art von Cache ist es von einem vorgegeben Punkt möglichst schnell den Cache zu erreichen. Hierbei wird unterschieden zwischen Short, Middle und Long. Short sind Dosen in einer Entfernung bis 100 Meter, Middle bis 800 Meter, und Long weiter als 800 Meter liegen. Auf Grund des Alters, Geschlecht, Größe, etc. des Suchenden werden dann Punkte berechnet, die dann den eigenen Fit-Points zugerechnet werden. Diese Art der Caches hat nun natürlich zur Folge, dass man immer wieder Leute wie von der Tarantel gestochen möglichst auf einem direkten Weg durch die Gegend laufen sieht, und die dann meist irgendwie im Unterholz, in Gräben, in Einfahrten und sonstiges uneinsehbaren Orten verschwinden sieht. Die Startkoordinaten von meinem auserkorenen Quicky-Cache liegen nur ca. 150 m von meinem jetzigen Standpunkt entfernt, mitten auf der Wiese in dem Park vor dem Reichstag. Als ich den Startpunkt für meine Suche erreicht hatte, erfahre ich von Eva das Ziel meines bevorstehenden Runs, welches genau 253 m in westlicher Richtung liegt. Auf dem direkten Weg liegen ein paar Parkbänke, ein Zaun von ca. 30 cm Höhe und noch ein paar andere Kleinigkeiten die den direkten Run zum Cache mehr oder weniger erschweren. Am Schluss der Beschreibung zu diesem Cache taucht der alt bekannte Hinweis, aus vergangen Tagen auf: „In der Nähe befindet sich eine Bank“ Früher um in Ruhe zu loggen heute zum Erholen“.
Ich muss mich nun entscheiden, welchen Weg ich nehmen will. Denn man hat hier nur einen einzigen Versuch um diese Dose zu finden. Danach wird sie gesperrt, um zu verhindern dass man zu lange trainiert und die Muggel dadurch auf den Cache aufmerksam werden. Ich beschließe somit, auf Grund meiner der Zeit nicht so tollen körperliche Fitness nicht über die Bänke zu springen, sondern diese einfach zu umlaufen, was sicher Zeit und Punkte kosten würde, aber das Springen über die Bänke wollte ich doch eher den jugendlichen Cachern überlassen. Alles Weitere würde sich dann beim Run finden und würde ich spontan entscheiden. Ich gebe EVA den Befehl „Los“ und meine digitale Begleiterin beginnt langsam von 10 herunter zu zählen“10…9…8…7…6…5…4…3…2…1…“ Ich zucke zusammen, denn der Knall eines Schusses kracht durch die Kopfhörer, Eva hat manchmal ein seltsamen Humor, und ich renne los, umlaufe die Bänke, springe über den kleinen Zaun und rein ins Gebüsch, unter einem umgekippten Baumstamm hindurch, ein Sprung über einen Graben in dem Wäldchen, der aber leider etwas misslingt und so einer Landung in einem Bach endet. Eva feuert mich an: „Entfernung nur noch 25 m, Zeit 75 Sekunden – Du schaffst es!“ Sehr motivierend klingt dieses aus Evas Munde zwar nicht, aber ich rapple mich fluchend wieder auf, krabble den Hang hinauf und durchquerte das vor mir liegende kniehohe Brennnesselfeld, was als nächstes Hindernis vor mir liegt. Fluchend beiße ich die Zähne zusammen und versuche das Brennen auf meinen Händen und Armen zu ignorieren, so gut es halt geht. Aufgeschreckt durch mich, den Elefanten im Porzellanladen, umschwirren mich nun auch noch zig tausend Mücken, die mich sofort als lohende Mahlzeit identifiziert haben und nun versuchen sich auf mir nieder zu lassen um ihr Mittagessen einzunehmen. Ich beiße die Zähne zusammen, Fuchtel wild mit dem Armen um mich und renne unbeirrt weiter. Meine Brille zeigte dass die Dose wohl in einer Baumhöhle in ca. zwei Meter Höhe in einer alten Kastanie zu finden sei. Mit aller letzter Kraft, meine derzeitige Kondition lässt wirklich arg zu wünschen übrig, erreiche ich diesen Baum und stecke meine Hand inklusive iWatch in die Höhle um die Zeit zu stoppen. Ein Juhu-Ruf von Eva erreichte mich über die Kopfhörer und meine Begleitung stellte sachlich fest „Deinem Punktekonto wurden so eben weitere 175 Punkte gut geschrieben. Du bist somit auf dem Platz 25 von 2312 gelandet. Gratulation!“ Röchelnd liege ich am Boden vor dem Baum, nach Luft schnappen. „Pling, Sie haben eine neue Mail erhalten!“ ertönt es in meinen Ohren. Ich ahne schon was jetzt kommt und richtig. Auf Grund meines Kalorienverbrauchs, meinem Pulsschlag, etc. erhalte ich direkt von der nahen Currywurst-Bude am Brandenburger Tor eine Werbe-Email, das heute die Currywurst mit Pommes und Majo inkl. einer großen eisgekühlten Cola nur 4,72 iCons kosten würde. Ja, die schöne vernetzte Welt hat natürlich auch solche ungewünschte aber personifizierte, situationsbezogene Werbung zur Folge. Nur mit Not kann ich mich diesem doch sehr verlockendem Angebot entziehen, richte mich auf und setze mich auf die nahe Bank, nicht wie früherem in Ruhe zu loggen, nein, sondern zum Erholen. Ich lasse meinen Blick umherschweifen. So wie erhofft hat kein Muggel von meinem peinlichen Sprint Notiz genommen. Keiner ist stehen geblieben – keiner hat guckt.
Ich aktiviere die Infofunktion „Geocacher“. Dies hat nun zur Folge, dass mir alle Personen im näheren Umfeld angezeigt werden, die auch das Hobby Geocaching in ihrem persönlichen Profil hinterlegt haben. Hierzu wird dann in der Brille bei den entsprechenden Personen überhalb deren Köpfe das altbekannte Geocacher-Symbol angezeigt. Ich blicke um mich und siehe da, vier potentielle Geocacher befinden sich in der Gegend. Unter anderem ein Cacher mit dem Cacher-Namen BERTA. Ich gebe Eva den Befehl: „Gib mir Infos über BERTA“. Eva greift nun kurz im Web auf diverse Seiten wie Boddybook, und anderen Portalen zu und stellt mir säuberlich geordnet die Infos über BERTA zusammen, die als Liste in der Brille, am Rande meines Gesichtsfeldes, angezeigt werden. Geburtsdatum, Beruf, Hobbys, etc. inkl. dem aktuellen Beziehungsstand: „Partner suchend“. Mit dem kurzen Befehl: „Zeige Partner“ taucht kurze Zeit eine List mit den Ex-Partnern von BERTA auf. Eine doch recht lange Liste mit Namen und Bildern der Ex-Partner. Schon interessant wie viele Menschen doch ihre Daten im Web offen für alle frei zugänglich machen. Mit dem Befehl: „Bilde Schnittmenge Gemeinsamkeiten Partner“, erteile ich Eva im Hintergrund den Auftrag alle diese Personen zu sortieren und zu gruppieren. Interessent stelle ich fest, dass ihre Expartner meist blond, über 180 cm groß, technische Berufe haben, alle schon zig Beziehungen hinter sich haben und meist Geocacher waren. Ein Hobby was wohl zusammenführt aber keine Garantie für eine feste Beziehung ist, dachte ich mir. Den Befehl „Zeige Fotos“ schenke ich mir, denn wer weiss was ich da für miese Überraschungen erleben würde, die gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind.
Durch mein Zugriff auf BERTA’s Datenbestand hat BERTA automatisch eine Short-Mail, auf iCenter bekommen, mit dem Hinweis, dass jemand in Ihrer Nähe auf ihre Profildaten zugegriffen hat. Unsicher, suchend umschauend, sieht sie sich um, denn nun zeigt ihre Brille ihr, welche Person es war, die sich für sie interessiert hat, sobald diese im Sichtfeld der elektronischen Sehhilfe auftaucht. Nachdem mich ihr System auch als Geocacher identifiziert hat grüßt Sie mich, immer noch ein wenig unsicher, freundlich durch das heben ihrer rechten Hand und ein fast unmerkliches Kopfnicken. Ich grüße freundlich zurück und sie zieht Kommentarlos ihre Wege. Es war ein Treffen, mit einem kurzen digitalen Datenaustausch zwischen zwei Personen, wie es jedem zigmal am Tag widerfährt, ohne dass sich darüber heute noch jemand Gedanken macht.
Langsam komme ich wieder zur Kräften und beschließe meine nächste Dose zu suchen – einer Dose die auch seit über 30 Jahren hier in Berlin steht, unter den Top 10 bei den Favoritenpunkten gelistet wird und quasi ein Muss für jeden Geocacher darstellt der in die Bundeshauptstadt kommt: „Ein Stein zu viel“.
So mache ich mich auf den Weg zur nächsten U-Bahn Station in Richtung Potsdamer Platz. Und wieder hilft mir Eva dabei den kürzesten Weg dorthin zu finden, denn diese Funktion funktioniert halt nicht nur bei der Dosensuche. Ich durchquere erneut das Tor, nachdem ich den Currywurststand passiert habe, an dem sich jetzt zur Mittagszeit eine lange Menschenschlange gebildet hat, überquere den Platz, den viele Berliner nach der Umbenennung nun „Place de la Vegitabel” nennen, und lande schließlich an der Treppe die zur Unterwelt der Berliner U-Bahn führt.
Am Zugang zum Bahnsteig halte ich meine Uhr an den Chip-Kartenleser, der dann das Drehkreuz freigibt. Eva erzählt mir währenddessen, dass ich die Linie 7 in Richtung Potsdamer Platz nehmen muss und die Bahn in wohl 78 Sekunden planmäßig den Bahnhof verlassen wird. Ich frage mich immer wieder, was die Programmierer sich wohl dabei gedacht haben, als sie das System konzipiert haben und mit diesen viel zu vielen und zu detaillierten Informationen die User überhäufen und gar überfordern?
Als ich den Bahnsteig erreiche fährt quasi parallel der Zug ein. Computergesteuert, fahrerlos und von vielen Kameras vollständig überwacht. Dank der digitalen Chips, die jeder Mensch heute mich sich herumträgt, weiß der Computer des Betreibers natürlich auch, wer sich alles auf dem Bahnsteig und in seinen Zügen befindet, so dass auch Lautsprecher-Ansagen wie: „Herr Matthias Müller bitte treten Sie von der Bahnsteigkante zurück und beachten Sie bitte das Rauchverbot auf den Bahnsteigen!“ oder „Herr Frank Römer, bitte heben Sie ihr Kaugummipapier wieder auf!“ keine Seltenheit sind.
Die Türen der eingefahrenen Bahn öffnen sich und ich steige ein. Da es nur ein paar Stationen sind, bleibe ich im Bereich der Türen stehen (Eva meint es sind nur 3 Minuten und 25 Sekunden Fahrt). Um mich herum stehen einige Muggels, wie Eva mir auf Anfrage mitteilte, die alle für mich lautlos ihre Lippen bewegen um entweder mit Ihren Evas oder anderen Menschen über ihr System virtuell miteinander kommunizieren. Ich ziehe kurz meine Kopfhörer aus und ein geblubbert aus Befehlen und Telefonatfetzen dringen zu mir durch. Schnell stecke ich die Kopfhörer wieder in meine Ohren und genieße die „virtuelle“ Ruhe. Eva teilt mir unaufgefordert mit, dass ich mein Zielbahnhof in knapp 1 Minute erreichen werde und der Ausstieg in Fahrtrichtung links zu finden ist. Ich mache mich bereit zum Aussteigen.
Am Bahnhof angekommen orientiere ich mich rechts in Richtung iFruits-Center. Am Ausgang zur U-Bahn halte ich meine Uhr wieder an einen Leser und Eva teilt mir mit, dass diese Fahrt mich 5 iCons gekostet hat. Das Drehkreuz gibt mir den Weg frei zurück in die Oberwelt. Wieder an der Oberfläche angekommen aktiviere ich erneut die Geocaching Such-Funktion und in der angezeigten Liste taucht dann auch unter Position 5 der von mir gesuchte Cache auf. Ich mache mich auf dem Weg zum Ziel, welches mir in der Brille als 345 m entfernt liegend angezeigt wird. Ich laufe vorbei an einer schier unendlichen Menge von leer stehenden Geschäftsräumen, die wohl, Dank E-Shopping im Internet, alle ihre Dasein-Berechtigung verloren haben. Doch ein Shop hat noch überlebt – ein Sex-Shop. Hier scheinen die Leute wohl zu meinen, dass ihre Einkäufer anonymer als übers Web verlaufen. In der Aussage sehe ich Filme wie: „Ariel die nicht mehr Jungfrau“ oder „In Diana Jones“. Kopfschüttelnd gehe ich weiter meinem Ziel entgegen und als die Entfernung zum Cache sich auf 47 m reduziert hat und ich um die letzte Hausecke biege, sehe ich bereits mein Ziel – eine ca. 25 m (Eva behauptetet es wären ganz genau 24,7532 m) hohe Lego-Giraffe, die vor einem Gebäude steht und weit sichtbar Werbung für ein dänisches Spielzeug-Museum macht. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber als ich zum erstenmal vor 29 Jahren hier war, war dieses Plastik-Tier noch einiges kleiner. Na ja, sie ist wohl in den letzten Jahren noch etwas gewachsen. Warum auch nicht schließlich ist ja vieles in den letzten Jahren größer geworden: so zum Beispiel die Wolkenkratzer in den Großstädten, die Geschwindigkeit der Züge in und zwischen den Metropolen, und nicht zuletzt die Staatsverschuldung.
Ich nähere mich weiter dem Dosenversteck. Und wie beim letzten Besuch stehe ich wieder vor einer Giraffe und suche nach einem Lego-Stein der hier eigentlich nicht hingehört. Letztes Mal habe ich über 40 Minuten nach der verdammten Dose gesucht, dazu fast an jedem der gelben und braunen Steine gerüttelt, in der Hoffnung den einen lockeren mit geheimen Inhalt zu finden. Ich erinnere mich noch gut, als wäre es gestern, wie ich bei meiner Suche nach dem vermaledeiten Logbuch immer wieder unter der Giraffe her und um diese herumgelaufen bin. Damals kamen zig Eltern mit ihren Kindern vorbei, die ihre Kinder vor der Giraffe posieren ließen um diese fürs Familienalbum zu verewigen. Ich frage mich seit dem immer mal wieder in wie viele Familien- oder Online-Alben ich es damals wohl aus Versehen geschafft habe – als der komische Kauz der dauernd um die Giraffe herumgelaufen ist und der nichts Besseres zu tun hatte als an dieser immer wieder herum zu ruckeln. Zwanzig, Dreißig, ich habe damals nicht mit gezählt. Und ganz ehrlich gesagt, es war mir damals auch egal. Denn ich hatte, wie jeder Cacher, der unmittelbar bei einer Dose ist, nur noch das eine einzige Ziel mich in dem Logbuch zu verewigen. Und wieder stehe ich hier. Doch dieses mal mit einer hoch modernen Geocaher-Hightech-Ausrüstung. Dieses Mal sollte es somit um einiges schneller gehen als beim ersten Mal. Schließlich handelt es sich hier und heute nicht mehr um einen Traditional-Cache sondern um einen der modernen Crossing-Caches. Ich schaue noch einmal in der Online-Beschreibung zu dem Cache nach und sehe, dass der Cache auf der Frequenz 84,3 MHz ein Peilsignal senden soll. Ich stelle in meiner Uhr auf diese Frequenz ein und laufe langsam und unauffälliger wie damals einmal um dieses Plastiktier herum. Im Abstand von einer Sekunden empfängt EVA nun das Signal, welches der Cache kontinuierlich von sich gibt und ortet dabei natürlich dreidimensional die Richtung von woher das Signal kommt. Nach nur einer Umrundung erscheint in der Brille ein roter Punkt auf der Giraffe, der genau den einen Lego-Stein markiert, in der sich der Sender versteckt hat. Und wirklich er ist es. Ich halte meine Uhr an den Stein mit dem Chip und der Log ist erfolgt, nun noch kurz einen längeren Logtext diktiert und auch mein Score der Friendly-Points ist wieder um einige Punkte angestiegen.
Ich setze mich auf eine Bank in der Nähe und beobachte das Treiben auf dem Platz mit dem übernatürlich großen Tier. Ich betrachte die Menschen mit Ihren Brillen und elektronischen Geräten die sie mit sich und an ihren Körpern herumtragen. Die Geoacher die quasi im Minutentakt hier an der Giraffe eintreffen und die Dose unauffällig suchen und loggen. Ich träume von der Vergangenheit als die Caches noch Dosen und keine Chips waren, so wie die Logbücher die damals noch aus Papier bestanden und nicht nur virtuell existierten. Wo die Suche noch eine Suche war und nicht nur das Verfolgen von elektronischen Spuren in einer digitalen Brille. Dem Suchen unter Steinen im Wald, unter Wurzel und den unterschiedlichsten, teilweise sehr originell gestalteten Dosenverstecken. Schade, dass man die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann…
War früher wirklich alles schlechter und heute ist alles besser? Ich für meinen Teil kann dieses nicht in allen Belangen bestätige. Ich persönlich finde es wirklich Schade, dass es heute keine Filmdöschen, Petlings, etc. mehr gibt. Aber der Fortschritt lässt sich auch hier nicht aufhalten, oder etwa doch?

Kai Knackstedt
3 Comments
  • Nathus
    Posted at 13:47h, 06 Januar Antworten

    Ein wirklich großartiger Bericht! „Fantastische“ Aussichten erwarten uns :)

  • Saarfuchs
    Posted at 10:03h, 08 Januar Antworten

    Schöne Zukunftsvision mit dem Schwerkpunkt auf der Technik.

    2012 habe ich mir auch mal Gedanken über die Zukunft des Geocachings gemacht und habe dazu die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens etwas „umgedichtet“ – meine Zukunftsvision ist dabei nicht so positiv ausgefallen.

    Den Text findet Ihr hier: http://www.saarfuchs.com/2012/12/dosenadvent-eine-weihnachtsgeschichte.html

    Ein Frohes Neues euch allen und viele Grüße aus dem Saarland,
    Jörg

  • Andre
    Posted at 10:08h, 08 Januar Antworten

    Eva, bitte ergänze zu dem Artikel „Wir schreiben das Jahr 2033, Eine Vision zum Thema Geocaching in der Zukunft“ vom 2. Jan. 2015 auf Traveldiary.de folgenden Kommentar: Lieber Autor, ich stehe gerade vor der Giraffe und erinnere mich an deinen phantasievollen Text von damals. Und – du wirst lachen – es ist fast alles so gekommen, wie du es dir ausgedacht hast. Respekt! Geochachergrüße aus dem Jahr 2033 sendet dir der Andre (alias CacheGeyer)!
    Ach ja, die penetrant penible Eva hat mich ungefragt auf einige Rechtschreib- und Grammatikfehler in deinem Artikel hingewiesen. Aber eine vollautomatische Korrekturfunktion gab es ja damals noch nicht ;-)

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