Tagebuch einer Tupperdose – III

Tagebuch einer Tupperdose – III

Leise kratzte jemand an meinem Deckel. Es war meine kleine Spinnenfreundin Trudi, sie zog sich gerade mühsam auf meinen Deckel herauf. Oben angekommen, tippelte sie ganz aufgelöst von rechts nach links und begann kräftig zu schimpfen. Ich hatte sie in der ganzen Aufregung völlig vergessen nachdem der dicke kahlköpfige Geocacher sie einfach mit einem Fingerschnip aus dem Weg befördert hatte. Da sie sich aber offensichtlich in bester Verfassung befand, war ich erstmal nur froh dass es ihr gut ging und beachtete ihr gemecker nicht weiter.

In den darauf folgenden Wochen kamen mich immer öfter Geocacher besuchen. Sie holten mich behutsam aus meinem Versteck, hinterließen ihre fantasievollen Namen und meist ein paar freundliche Zeilen in meinem Logbuch. Es waren alles nette Menschen. Sie tauschten rücksichtsvoll die Gegenstände in meinem Behälter und sorgten stetig für reichlich glänzende Münzen. Jetzt wusste ich auch endlich welche Aufgabe diese Münzen hatten. Sie nannten sich Geocoin und wanderten von Geocache zu Geocache. Somit hatte ich dann auch bemerkt, dass ich nicht der einzige Geocache meiner Art war. Es gab uns auf der ganzen Welt verteilt und ich war mittlerweile stolz einer von ihnen sein zu dürfen.

Doch dann kam ein Tag, den ich so schnell nicht wieder vergessen sollte. Die ersten Herbststürme pfiffen durch mein Versteck und das Wetter wechselte häufig zwischen Regen und Sonne. Trudi und die Ohrwürmer hatten sich etwas tiefer in die Baumwurzel zurückgezogen und bereiteten sich langsam auf ihren Winterschlaf vor. Die meiste Zeit verbrachte ich nun allein mit mir, meinen Gedanken und immer wartend auf die nächsten Besucher. Auch heute hörte ich in der Ferne sich nähernde Geräusche. Es waren Menschen und sie waren lustig aufgelegt. Ich freute mich, denn sie wollten sicherlich mich besuchen kommen. Einen Moment später hörte ich dann auch den mir mittlerweile sehr vertrauten Signalton eines GPS-Gerätes. Jetzt waren sie nicht mehr weit. Meine Freude stieg ins unermessliche. Ein paar nette Bilder entstanden in meinem Kopf. Ich sah mich diesmal oben auf meinem Baumstumpf sitzen, wie auf einem Thron blickte auf meine Freunde, die Geocacher. Ich war dabei unbeschwert und glücklich. Davon überzeugt, dass es genauso kommen würde, erwartete ich nun voller Vorfreude meine Besucher. Noch saß ich aber in meiner Höhle und musste erstmal gefunden werden. Ich hörte lautes Lachen und ein paar klirrende Flaschen. Wieder rieselte der Dreck auf mich herab, es wurde heller und ich sah eine kleine Hand auf mich zukommen. Im Nu war ich ans Tageslicht befördert und durfte meine Finder begutachten. Es waren vier junge Männer und zwei Frauen, Anfang zwanzig, sehr nett und überschwänglich gut gelaunt. Das gefiel mir. Es folgte die übliche Prozedur, sie notierten ihre Namen in meinem Notizbuch und wühlten in meinem Behälter nach Geocoins. Sie waren ganz schön grob und nahmen alles was ihnen gefiel heraus, ohne etwas zu tauschen. Langsam wurde ich misstrauisch und beobachtete ihr Treiben etwas kritischer. Sie tranken Bier, stießen die Flaschen immer wieder gegeneinander und blödelten rum. Waren die betrunken? Einer kam erneut auf mich zu, schloss meinen Deckel mit einem ruppigen „KLICK“ und setzte mich zielstrebig oben auf den Baumstumpf hinauf.

Nun saß ich auf meinem Thron, wie in meiner Vorstellung und schaute mir die jungen Leute beim feiern an. Ganz wohl war mir dabei nun aber nicht. Trotzdem nutzte ich erstmal die Gelegenheit und nahm einen tiefen Atemzug voll frischer Luft. Diese Möglichkeit hatte ich schließlich nicht alle Tage. Mir rutschte ein entspannter Seufzer heraus. Ich war zufrieden in meinem neuen Leben als Geocache angekommen. Meine neue Aufgabe gefiel mir, sie war viel gelassener und jetzt versuchte mich keiner mehr regelmäßig in der Spülmaschine zu ertränken.

Die Sonne versteckte sich langsam hinter ein paar aufziehenden grauen Wolken und ein frischer Wind wehte mir um die Dose. Der Herbst war da. Die Blumen auf der Lichtung waren vertrocknet und buntes Laub tanzte mit dem Wind dahin. Ich bemerkte viel zu spät, dass sich die Cacher langsam von mir entfernten. Kurz hoffte ich, sie würden mich sicher gleich noch verstecken. Doch diese Hoffnung verpuffte nur einen Augenblick später, als ich erkannte, dass sie schon lange das Interesse an mir verloren hatten.

Dösken Teil 3

Ich rief so laut ich konnte: “Haaaallloooo, ihr habt was vergessen!!!! Ihr müsst mich wieder versteeeecken!!!“ Doch es hörte mich niemand mehr. Die lustige Gruppe war zwischen den mächtigen Fichten verschwunden. Ich hörte noch, wie eine Bierflasche klirrend auf einem Stein am Rande der Lichtung zerbrach, dann verstummte allmählich ihr Gelächter in der Ferne.

Nun saß ich hier oben auf meinem Baumstumpf. Ich hatte jetzt zwar einen schönen Rundumblick, aber in meiner Höhle fühlte ich mich doch um einiges sicherer. Mittlerweile hatte sich auch eine ziemlich dunkle Regenwolke vor die Sonne geschoben und ich hörte die ersten fetten Regentropfen neben mir nieder gehen. Mit einem dröhnenden Gong landete auch der erste Tropfen auf meinem Deckel, darauf folgten kräftige Trommelschläge und der Regen prasselte auf mich herab. So musste sich Folter anfühlen! Mein Behälter wurde zum Resonanzkörper und jeder weitere Einschlag ließ einen pulsierenden Kopfschmerz in mir anschwellen.

Zum Glück wurde es nur ein kurzer Schauer. So kräftig er kam, so schnell war er wieder vorbei. Mir blieb eine kleine kalte Pfütze auf dem Deckel, welche das schmerzhafte Brummen in meiner Dose ein wenig zu lindern versuchte. Solch ein Erlebnis brauchte ich so schnell nicht wieder!

Nun brach die Nacht herein, es wurde langsam kälter und sachte kroch der Bodennebel zwischen den Bäumen hindurch auf die Lichtung. Die Sonne war untergegangen, die Regenwolken hatten sich verzogen und ein riesiger Vollmond tauchte die Umgebung in ein mystisches Licht. Die langen Schatten der großen schwarzen Fichten verschwammen mit den Nebelschwaden in tiefer Stille. Lediglich der Laut einer Eule rundete die gespenstische Atmosphäre mit einem tiefen HUUHHUUU ab. Ich fror und mein Doseninhalt klapperte mit mir vor Kälte um die Wette.

Plötzlich huschte ein Schatten über die Lichtung. Ich erschrak! Sicher nur eine Einbildung, dachte ich und versuchte mich zu beruhigen. Da, wieder! Jetzt hatte ich Angst! Angestrengt versuchte ich etwas zu erkennen. Das Wesen war zwischen den Fichten aufgetaucht und verschwand binnen weniger Sekunden wieder im Nebel. Ein kalter Schauer lief mir über den Deckel. Nun war es totenstill, selbst die Eule war verstummt. Ein Zweig zerbrach ganz in meiner Nähe und ich zuckte erneut zusammen. Einen Moment später sauste der Schatten an meinem linken Augenwinkel vorbei und wirbelte den Dunst auf.

Wie gelähmt versuchte ich etwas zu erkennen. Da stand die Gestalt, nur wenige Schritte von mir entfernt. Langsam bewegte sie sich auf mich zu. Die Angst flutete mich und ich saugte den Deckel fest an meinen Behälter! Doch was war das? Da war noch jemand, ein weiterer Schatten lief mit hoher Geschwindigkeit über die Lichtung, direkt auf mich zu. Es war ein Tier, ich hörte wie die großen Tatzen im Galopp auf den Boden schlugen. Wie ein Erdbeben näherte es sich mir an und nur einen Augenblick später sprang das Ungetüm gegen meine Behausung, der ganze Stamm bebte.

„PAKO, AUS! MACH SITZ!“ rief die unheimliche Gestalt, erbost. Sie stand nun direkt vor mir. Jetzt hatte ich auch die Stimme wieder erkannt. Es war der Wilddieb mit seinem großen Hund, beide hatten mich damals vor den Wildschweinen gerettet. Freundlich und mit wedelndem Schwanz nahm der ungewöhnlich große Schäferhund Platz und beobachtete sein Herrchen. Dieser griff im selben Moment nach mir. Seine Hand war entgegen seiner rauen Erscheinung sehr zart und roch nach Handcreme. Er trug einen langen grünen Mantel und wirkte auf mich wie ein Förster. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, es wurde durch den breiten Hut auf seinem Kopf verdeckt. Jetzt griff er zielstrebig nach meinem Logbuch und notierte etwas hinein. Es waren mehrere Zeilen, doch diese waren so undeutlich geschrieben, dass ich sie bis heute nicht entziffern konnte. Dann ging alles ganz schnell, er verschloss meinen Deckel wieder und schob mich auf dem direkten Weg zurück in meine dunkle Behausung unter den Baumstumpf. Wie gewohnt rieselte der Dreck auf mich herab und ich atmete erleichtert auf. Jetzt war ich wieder in Sicherheit und dankbar, nochmal mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Entkräftet fiel ich in einen tiefen Schlaf und begann von meinen zukünftigen Abenteuern zu träumen…

„Und wenn die Tupperdose nicht gemuggelt wurde, dann wartet sie noch heute auf…“

ENDE

Christina Busch
Christina Busch
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