Tuva – Ein unbekanntes Kleinod?

Tuva – Ein unbekanntes Kleinod?

Tuva, diese abgelegene, weitgehend isolierte Republik der GUS, liegt im Zentrum Asiens an der nordwestmongolischen Grenze.

01-Karte2 TUVABei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich nicht nur als Kleinod an herber landschaftlicher Schönheit, sondern auch als ein Dorado längst vergessener Lebensformen. Das allerdings merkt man erst nach einer Weile und einzig, falls man bereit ist, sich Land und Leuten ohne Einschränkung zu öffnen. 02-reiseb3

Abgesehen von der beruhigenden Weite in dünn besiedelter Steppe, Halbwüste oder Taiga, erleben „Westler“ die Lebensweise tuwinischer Viehzüchter- und Jägernomaden zwar als für unsere Begriffe archaisch, doch auf eigentümlich Weise anheimelnd. Selbst in der gemütlich wirkenden Hauptstadt Kysyl ist das spürbar, obwohl dort moderne Technik mit Handy, PC und Internet-Cafes inzwischen Einzug gehalten hat.
Wegen der harten Klimabedingungen mit einem sieben Monate währenden harten Winter und einem heißen, trockenen Sommer, haben die Tuwiner ihre Zeitvorstellung zwangsweise der Natur angepasst. Sonnenauf- und -Untergang haben das Sagen und nicht unbedingt die Uhr. Zeit-Not gibt es nicht. „Zeit-Haben“ heißt die Devise. So fangen beispielsweise selbst hochoffizielle Veranstaltungen häufig mit einer halben Stunde Verspätung (oder mehr) an. Und niemand stört sich daran. Darüber zu reden wäre für einen Tuwiner undenkbar, denn über Negatives oder Unangenehmes spricht man nicht. Allerhöchstens wird es weitschweifig umschrieben. Allerdings ist das keineswegs eine tuwinische Besonderheit. Asienreisende können es allenthalben in diesem Erdteil beobachten.03-reiseb4
Zeit-Haben und Naturverbundenheit bestimmen auch die Sprechweise der Tuwiner. In Tuva nimmt man sich Zeit, wenn es etwas zu erzählen gilt. Der tuwinische Gesprächspartner redet, falls er sich dazu entschließt, bedächtig, logisch aufgebaut und – lange. Unterbrechungen seitens der Zuhörer gelten als unschicklich. Lautes Sprechen, selbst in zorniger Erregung, ist verpönt. Man hört tatsächlich kein lautes Wort in Tuva! Und Schimpfwörter mit Tiernamen gibt es nicht aus Achtung vor der mit dem Menschen lebenden Kreatur. Keinem Tabu hingegen unterliegen Gespräche und Äußerungen über Altern und Sterben. Diese Lebensphasen gehören für einen Tuwiner zum Ablauf jeglichen Lebens, der mit der Geburt beginnt. „Alle – gleich, ob Tier, Pflanze oder Mensch – werden geboren, leben ihre Lebensform, altern, sterben und werden, in welcher Form auch immer, wiedergeboren.
04-reiseb5Das ist nun mal so“, erläuterte der Schamane Kara Ool die Lebensauffassung der Tuwiner und ergänzte: „Warum sollte man Angst vor dem Sterben haben oder es ausklammern im Denken? Und dass sich im Alter hie und da gesundheitliche Probleme einstellen, was soll’s. Auch die gehören dazu.“
Diese fatalistisch anmutende Einstellung hindert aber die Tuwiner nicht zu feiern, wenn es etwas zu feiern gibt, selten mit Wodka, versteht sich. Denn der ist teuer. Ein Fläschchen Bier tut es auch. Wichtig dabei ist der Gesang, der 05-reiseb6berühmte Khöömij (Obertongesang), der meist alte Heldensagen zum Thema hat. Und wenn man in Tuva von einem Konzert spricht, so meint man stets eine Veranstaltung mit diesem Gesang, mit traditionellem Tanz und einigen kurzen Sketches dazwischen. Selbst im Anschluss an ein hochoffizielles buddhistisches Abendgebet, das eine hoher Lama aus Dharamsala im Stadion der Hauptstadt zelebrierte, gab es ein solches „Konzert“.
Etwas anderes wird ebenso augenfällig: In öffentlichen Anlagen, Parks oder am Jenissei-Ufer sieht man niemanden Bier oder Alkohol trinken, obwohl die Tuwiner nur allzu gerne mit Freunden im Freien sitzen und plaudern. Falls jemand ein „Fläschchen“ dabei hat, wird es schamhaft versteckt, nicht ohne Grund: Alkoholgenuss ist in der Öffentlichkeit – außer in Straßencafes – verboten und die Miliz kassiert saftige Strafen, falls jemand erwischt wird. Strafen gibt es übrigens auch für Eltern, deren Kinder (selbst Jugendliche bis 18 Jahre) nach 23 Uhr auf der Straße erwischt werden. Diese Maßnahmen sollen die Kriminalität eindämmen.
Sehr interessant war die Begegnung mit Keenin-Lobsan, dem Nestor der tuwinischen Literatur, promovierter Historiker, Eth06-reiseb7nologe, Mitglied der New Yorker Akademie der Wissenschaften. Er schrieb den ersten Roman in tuwinischer Sprache, der 1965 erschienen ist; Titel: „Des großen Flusses magische Kraft“. Die Übersetzung stammt von mir, wie die offizielle Übersetzung des Titels lautet, konnte ich leider nicht erfahren. In dem Werk geht es um das Pferd seines Vaters, endet tragisch und hat einen nicht zu verkennenden Doppelsinn. Das wird klar, wenn man erfährt, dass der Roman in den Jahren 1948-1952 entstanden ist. Keenin-Lobsan ist als Ethnologe auch Schamanenforscher. Ich vermute, dass er selbst zuweilen als Schamane arbeitet. Diese Rolle erklärt sich aus seinem Umfeld. Denn die Tuwiner sehen in ihm etwas Besonderes, in ihrem Verständnis etwas „Schamanisches“.
Das wäre erst einmal das Wichtigste. Es gibt noch viel zu erzählen: von der 07-AratVielzahl heilkräftiger Seen und Quellen, von abenteuerlichen Badeorten, in denen sich Tuwiner und Kranke aus den umliegenden Republiken quasi in „Eigen-Regie“, manchmal auch mit Hilfe von Schamanen, kurieren, von der Förderung begabter Kinder, einem besonderen Kindergarten und einer Kinder-Sozialstation, die nur mit Mühe ausfindig gemacht werden konnte. Es wäre zu berichten von liebevollen, heiter-gelassenen buddhistischen Lamas aus Lhasa, die wegen eines bedeutenden Rituals (Sand-Mandala) in die Hauptstadt kommen und im Vergleich dazu vom buddhistischen tuwinischen Klerus, der sich im Aufbau befindet, von einem eindrucksvollen Festakt im Musik-Dramen-Theater der Republik Tuva und natürlich von – Schamanen.

08-ObeliskDer Obelisk am Jenissei-Ufer ist ein Muss für alle Touristen. Dieses interessante, vergleichsweise unscheinbare Denkmal markiert das von Douglas Carruthers ermittelte Zentrum der größten Landmasse auf unserem Planeten, das Zentrum Asiens. Für die Tuwiner, die selbstredend stolz sind auf „ihren“ Obelisken, hat dieses Denkmal noch eine andere Bedeutung. Am liebsten dort posiert man für das Hochzeitsfoto. Es gibt noch andere markante Orte, die demselben Zweck dienen, wie beispielsweise das weithin sichtbare Denkmal des Araten, des Hirtennomaden, an der Stadtgrenze Kyzyls. Doch den Obelisken mögen sie am liebsten, vor allem die Hochzeitspaare aus Kyzyl, der Hauptstadt.
In ferner Zukunft vielleicht könnte etwas anderes dem Obelisken den Rang ablaufen, ein Freilichtmuseum. Es soll im „Tal der Zaren“ nördlich Turan, der ältesten Stadt Tuvas, errichtet werden. Obwohl es in der Hauptstadt Kyzyl eine ganze Reihe gut ausgestatteter Museen gibt, wäre dies etwas Besonderes. 09-Tal der ZarenDenn im Tal der Zaren wurden bisher zwei skythische Fürstengräber aus dem 6. – 5. Jahrh. v. Chr. gefunden und von einem russisch-deutschen Archäologen-Team ausgegraben. Die wertvollen, gut erhaltenen, mit kunstvoll verziertem Goldschmuck und Edelsteinen übersäten Funde werden zurzeit in der St. Petersburger Eremitage restauriert. „Die Archäologen hielten und halten sich an schamanische Landessitten“, berichtet die Schamanin Larissa. Vor dem ersten Spatenstich zu Beginn einer Grabung schamaniert ein Schamane oder eine Schamanin, d. h. es wird eine Seance gehalten, um die Geister der Verstorbenen zu besänftigen.
10-LarissaSelbst als wir zusammen mit Larissa das Tal der Zaren besuchen, zündet sie aus dem gleichen Grunde ein Büschel wohlriechender Koniferenzweige an. Larissa nannte übrigens die Gegend dort „Das Ende der Welt“, warum? Das blieb ihr Geheimnis. „Wir nennen es so“. Mehr konnte und wollte sie wohl nicht sagen. Sicherlich hatte sie Gründe dafür.
Über Larissa und die Schamanen Tuvas gibt es viel zu erzählen. Ist doch der Schamanismus neben dem Buddhismus tibetisch-tantrischer Prägung die seit der Wende wieder öffentlich praktizierte Hauptreligion in der Republik Tuva. 11-SchamanenhausAllein in der Hauptstadt Kyzyl gibt es drei Schamanen-Häuser, in Reiseführern irreführend als „Schamanenkliniken“ bezeichnet. In diesen Häusern wird keineswegs ausschließlich geheilt, was die Bezeichnung „Klinik“ vermuten lässt. Hingegen handelt es sich schlicht um Gemeinschaftspraxen, in denen Schamanen, aus welchen Gründen auch immer, wie in einer Kooperative zusammenarbeiten. „Natürlich arbeiten wir niemals zur gleichen Zeit in unserem Haus“, erklärt Kara Ool, Vorsitzender der Schamanenvereinigung Adyg Ereen (Geist des Bären). „Wir würden uns sonst gegenseitig stören. Allerdings gibt es zuweilen auch Gründe für eine gemeinsame Seance. Das aber kommt seltener vor.“ Ähnliches war bei der Schamanenvereinigung „Dungur“ (Trommel) zu hören. Larissa übrigens arbeitet allein. Sie hat sich von ihrer Schamanenvereinigung gelöst.
12-Heilige QuelleFalls erforderlich, begleiten Schamanen ihre Klienten zu einer der vielen Heilquellen, die es in dieser Republik gibt. Etwa fünfzig, zum Teil hochwirksame heilkräftige Quellen haben Geographen in Tuva gezählt. An Quellen, die am leichtesten zugänglich sind, kurieren Tuwiner, aber auch Kranke aus den Nachbarrepubliken, wie Chakassien, Altai oder aus dem Krasnojarsker Gebiet ihre Leiden.
„Die Heilquellen nennen wir Tuwiner Ardjan. Das bedeutet Heiliges Wasser, Mineralwasser, heilende Quelle“, erklärt Larissa, die uns nach Bai Chaak, einem Landkreiszentrum mitgenommen hat. Im Waldgebiet unweit dieses kleinen Ortes gibt es eine solche Quelle. Vergebens suchen wir dort nach Häusern, Kuranlagen oder zumindest hüttenartigen Unterkünften für die Patienten. Stattdessen finden sich allenthalben kleine oder größere Zelte einfachster Bauart im Wald und an den Waldwegen. „Die Patienten kommen für zwei bis drei Wochen hierher, leben in ihren Zelten, verköstigen sich selbst und suchen nach einem von der Tradition bestimmten Plan die Kureinrichtung auf“, lächelt Larissa, in unser Erstaunen über die archaisch anmutende Art der Unterkünfte. „Sie baden im Heilwasser, trinken es, gehen im Wald spazieren oder ruhen sich in ihren Zelten aus. Als Badehaus dient das Holzhäuschen dort“, ergänzt sie und deutet auf ein nicht sonderlich stabil aussehendes, verwittertes Gebäude. „Die Winter sind hart hier und lang“, meint sie entschuldigend, als wir unsere abermalige Enttäuschung nicht verbergen können. „Für erforderliche Renovierungen fehlt uns zurzeit das Geld.“13-See
Auch an den Ufern der heilkräftigen Seen sieht es nicht anders aus. Dreizehn soll es in diesem mit 430 teils großflächigen Seen reich gesegneten Land geben. Die beliebtesten Seen liegen in der Nähe der Hauptstadt Kyzyl. Chol Tscheder und Duus Chol heißen sie. Im schwefelhaltigen Wasser des Tschedersees kurieren überwiegend Senioren ihre Leiden aus, begleitet von einem Arzt, der erst kürzlich für seine Verdienste geehrt worden ist. Der Duus Chol enthält salzhaltiges, stets warmes Wasser. Sein Salzgehalt soll höher sein als der des Toten Meeres. Es scheint zu stimmen. Wir haben es getestet.
Die übrigen, keinen Heilzwecken dienenden Seen verwöhnen wegen ihres Fischreichtums Angler mit reicher Beute. Wenn da nur nicht ein Haken wäre: Die zurzeit noch reichlich dürftige Infrastruktur. Wegen mangelnder Straßenverbindungen oder Landstraßen, die dringend repariert werden müssten, ist es schwierig, die Seen zu erreichen. Es gibt nur eine gut passierbare Staatstraße, die vom Norden der Republik bis in den Süden zur mongolischen Grenze führt. Alle anderen Straßen zu befahren, kann recht abenteuerlich sein. Eisenbahnverbindungen gibt es nicht, auch nicht zwischen Tuva und den Nachbar-Republiken. Eine Anbindung an die Transsibirische Eisenbahn ist für die ferne Zukunft geplant.14-Landstrasse003
Als einfachste und schnellste Transportmöglichkeit bietet sich der Flugverkehr an, den man bemüht ist auszubauen. So wurde im Jahr 2006 vorerst einmal das neue moderne Abfertigungsgebäude eingeweiht, damit vor allem die Flüge zu anderen bedeutenden Orten Sibiriens, wie Irkutsk, Nowosibirsk, Krasnojarsk oder nach Abakan und im Sommer – während der Ferienzeit – nach Moskau zügiger abgefertigt werden können. Auch innerhalb Tuvas gilt das Fliegen als zeitsparende, nicht unbedingt kostspielige Reisemöglichkeit. So verbinden regelmäßige Flüge die Hauptstadt mit Provinzstädtchen wie Kungurtug, Toora-Chem, Ürban und anderen.15-Staatsstrasse002
Die Infrastruktur mag zurzeit noch eine Schwachstelle sein in dieser an landschaftlich Reizvollem reichen Republik und könnte so manchen auf Bequemlichkeit bedachten Touristen von einer Reise zurückhalten. Eigenständige Kunst und Kulturelles hingegen, traditionelle Feste wie Naadym, dürften für Touristen interessant sein, vor allem, weil alles ohne größere Überlandfahrten, gewissermaßen „Vor Ort“, in der Hauptstadt Kyzyl erlebt und erfahren werden kann. Wenn man weiß, wo…
Ein weithin leuchtendes goldenes, pyramidenförmiges Dach weist Besuchern von Ferne den Weg ins Zentrum der Hauptstadt zu einem der interessantesten Museen der Russischen Förderation, zum neuen Museum der Republik Tuwa. Weil das alte Museum in der Leninstraße wegen der Fülle seiner Exponate – es sind inzwischen weit mehr als 77.000 – förmlich ,aus den Nähten platzte‘, wurde das neue Gebäude an zentraler Stelle gebaut. In unterschiedlichsten, mit Liebe zum Detail gestalteten Abteilungen erhält der Besucher einen nahezu vollkommenen Überblick über Landschaft und Natur Tuwas, über seine wechselvolle Geschichte, das kulturelle Leben und vor allem über die beiden Religionen Schamanismus und Buddhismus. An hervorragender Stelle werden die archäologischen Ausgrabungen im Norden der Republik, die berühmten Skythengräber gewürdigt.
16-M-Fran1Kunst interessierten Touristen bietet sich außerdem die Ausstellung tuwinischer Künstler im Saal des Künstlerhauses in der Kotschetowastraße an. Neben modernen Werken der Malerei findet der Besucher dort vor allem traditionelle Gemälde in Öl, Aquarell oder eindrucksvolle Zeichnungen. Eine besondere Augenweide sind die nach alten Überlieferungen und Vorlagen geschnitzten Tierskulpturen aus Stein oder Jade, und das nicht von ungefähr. Tuwa gilt als ein Mekka der Steinschnitzkunst.
17-Ringer_aus_TuvaDer beste Einblick in die tuwinische Kultur gelingt an Naadym, an den Tagen der sportlichen Wettspiele mit den seit Dschingis Khans Zeiten geübten drei Disziplinen: Ringen, Pferderennen und Bogenschießen.
Das große Fest findet alljährlich im August statt und ähnelt stark dem mongolischen Naadam. So stehen wie in der Mongolei die Ringkämpfe im Mittelpunkt des Geschehens, bei denen beide Beteiligte ganz ähnlich gekleidet sind wie ihre mongolischen Vettern. Sie tragen knappe Seidenhöschen und gleichermaßen knappe seidene Boleros mit langen Ärmeln. Auch wird nach den gleichen Regeln gekämpft wie in der Mongolei.
18-Schachspieler_aus_Tuva_LargeDas Pferderennen auf der Strecke von Tscheder (am Chol Tscheder See) nach Kysyl mit Kindern als Jockeys zieht, gleich den Ringkämpfen, viele sachkundige Zuschauer an. Wir hatten viel Freude an der fröhlichen, gelösten Volksfeststimmung, die auch unter den Wettkampf -Teilnehmern zu spüren war. Da gab es kein verbissenes „Ich muss siegen“. Hingegen war allenthalben „Dabei – Sein ist alles“ zu hören. Das Bogenschießen allerdings fällt in Tuwa mangels entsprechend qualifizierter Wettkämpfer aus. Stattdessen gab es ein Schachturnier, einen Marathonlauf und ein Radrennen, 19-Radrennen_in_Tuva_Largean dem auch Amateure teilnehmen durften . Das wurde weidlich ausgenutzt. Wer ein nur halbwegs passables Fahrrad besaß, machte mit, vor allem die Jugendlichen aus den Sportvereinen.
Naadym ist in Tuwa zugleich ein nationales Fest, das stets von einem großen Festakt im Musik und Dramentheater begleitet wird. Das beeindruckende Bauwerk am Platz der Araten verbindet geschickt modeme Erfordernisse mit einem traditionellen Äußeren, und es ist schon ein Erlebnis, in diesem riesigen Gebäude an einem Festakt teilnehmen zu dürfen. Doch nicht allein die Ausmaße des Saales beeindruckten. Es war die Art, wie die als ,Konzert‘ angekündigte 20-M-Fran2Veranstaltung ablief. Sie fing keineswegs pünktlich an. Schließlich hat man in Tuwa Zeit, und so mancher Besucher kam von weit her. Darauf wurde Rücksicht genommen. Es ging spürbar familiär zu. Beispielsweise saßen die Honoratioren fast alle, außer dem Präsidenten, mitten unter den Gästen. So musste sich der Parlamentspräsident seinen Weg zum Podium durch die Besucherreihen bahnen, was für einen Außenstehenden ungewöhnlich anmutete, die Tuwiner aber völlig in Ordnung fanden. Nach den obligaten Festreden und Ehrungen verstanden es zwei versierte Moderatoren, das Programm und die ausführenden Künstler wirkungsvoll in Szene zu setzen. Wie in allen Konzerten hier, nahm auch bei diesem Festakt der Khöömij, der Obertongesang zentralasiatischer Steppenvölker, eine zentrale Stellung ein. Es versteht sich von selbst, dass wir die bekanntesten, auch im Ausland bekannten, Künstler dieses Genres hören durften.
An künstlerischem Nachwuchs gibt es keinen Mangel. So pflegt vor allem die staatliche Internatsschule für begabte Kinder in Kysyl traditionelle Musik und nicht nur die. Auch traditioneller Tanz, Malen und Steinschnitzen werden gelehrt. Zudem können künstlerisch begabte Kinder die Kysyler Musikschule besuchen, die außer den traditionellen Künsten auch Modernes, ,Westliches‘ lehrt, wie beispielsweise klassisches Ballett.
21-Ferienlager_KinderFür Kinder tut man offenbar viel in Tuwa. Sogar einen Walldorfkindergarten haben wir entdeckt – für Kinder, deren Eltern es sich leisten können.
Gewissermaßen am unteren Ende der sozialen Leiter gibt es das Gegenstück. Es heißt Humannaya und ist eine Kindersozialstation. Diese Entdeckung hatten wir einem Zeitungsbericht über die Leiterin der Institution zu verdanken. Unsere tuwinischen Begleiter verloren kein Wort darüber, getreu dem Motto: „Über Unangenehmes oder Negatives spricht man nicht“. Obwohl dort für Kinder, die keine Eltern haben oder aus irgendeinem anderen Grund alleine sind, viel getan wird, überwiegend ehrenamtlich, versteht sich, war es nicht leicht, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Auch das hatte seinen – vermutlich tuwinischen – Grund: Mit einem sozialen Engagement zu räsonieren, schickt sich ebenso wenig wie negative Sachverhalte zu erörtern.
Der wahre Grund eines solchen Verhaltens mag jedoch woanders zu suchen sein. Vermutlich ist es der Buddhismus. Denn der Buddhismus tibetischer Prägung wie auch Schamanismus bestimmen seit der Wende wieder das Leben der Tuwiner. Und in den Regeln des von diesen Buddhisten zu verwirklichenden Achtfachen Pfades geht es u.a. um ,untadelige Rede und vollkommenes Handeln‘.
Noch befinden sich die buddhistischen Klöster im Aufbau, die meisten Mönche in Ausbildung. Denn sämtliche Klöster, in Tuwa, ‚Churee‘ genannt, waren zwischen 1929 und 1940 liquidiert worden. In Kysyl konnten wir das neue, im Jahr 2000 fertiggestellte Kloster Zetschenling besuchen. Es ist als Sitz des obersten Lamas, des Kamba Lamas, gedacht. Selbst hier gleicht der Klosterbetrieb noch ein wenig einem Provisorium. Zwar werden die täglichen Zeremonien gehalten, doch sind nicht alle Mönche anwesend, weil sie größtenteils außerhalb studieren. Freude herrscht, wenn ausländische Lamas zu Besuch kommen, um beispielsweise ein Sandmandala zu zelebrieren. Die heitere Gelassenheit dieser Lamas, ihre liebevolle Freundlichkeit, nehmen die tuwinischen Buddhisten dankbar und hoffnungsvoll an.
Eine Fülle anderer Lebensformen und, wie gesagt, die Schönheit einer herben Landschaft haben wir in Tuwa erleben dürfen, ein Volk, das den Frieden liebt und im langen Schatten seiner wechselvollen Geschichte es verstanden hat, Traditionen zu wahren. Eines nur verwehrten uns widrige Umstände und mangelhafte Verkehrsverhältnisse: ein Besuch in Todschin, dem malerischen Landschaftsschutzgebiet im Nordosten Tuwas mit seinen Bergen, Wäldern und Seen, mit seinen Jägernomaden, Viehzüchtern und seltenen Wildtieren. Todschin muss schon etwas Besonderes sein.22-M-Fran3
Denn der Volksmund weiß: „Wer Todschin nicht gesehen hat, hat Tuwa nicht gesehen“. Ob sich allerdings die Lebensformen, die Traditionen der Tuwiner in Todschin wesentlich von denen im restlichen Tuwa unterscheiden, mag zu bezweifeln sein. Doch die Landschaft Todschins, die möchten wir einmal sehen, später, wenn wir Tuwa erneut besuchen.

Margarete Franz
1Comment
  • Josef Kern
    Posted at 18:08h, 19 Januar Antworten

    Finde den Bericht so lebendig und anschaulich, als wäre man direkt dabei. Absolut lesenswert!

Post A Comment

− six = four