Tattoos und gedehnte Ohren – auf den Spuren der Dayaks in Kalimantan

Tattoos und gedehnte Ohren – auf den Spuren der Dayaks in Kalimantan

Gleichmäßig heult der Motor des Holzbootes, während das Wasser an die Planken plätschert. Vom Dach des Schiffes sind dicke dunkel Stoffe heruntergelassen. Dicht an dicht liegen Männer, Frauen und Kinder unter bunten Tüchern auf dem Holzboden. In der dunklen Nacht sind wir unterwegs auf dem Sungai Mahakam. Trotz der Enge und des harten Bodens unter mir fühle ich mich seltsam geborgen und sicher.

Kurz zuvor herrschte auf dem Schiff noch helle Aufregung. Mit Einbruch der Dämmerung waren unendlich große Moskitoschwärme aufgetaucht, die sogar die Einheimischen in Panik versetzten, so dass sie aufgeregt durcheinander redeten und wild um sich schlugen. Auch wir hatten Panik und schmierten uns aus Angst vor Malaria dick mit Autan ein. Abertausende Moskitos umschwirrten die einzige spärlich leuchtende Glühlampe an der Decke. Wie aus dem Nichts waren sie aufgetaucht. Es surrte und summte eindringlich. Wie Vogelschwärme im Himmel zogen sie sich zu einem einzigen Gebilde zusammen, bildeten ein großes Knäul, um kurz darauf wieder auseinander zu stieben und sich neu zu formieren. Irgendwann knotete ein Mann eine Plastetüte an das Kabel der Lampe, so dass sich die Tiere darin verfingen. Schon bald war die Tüte prall gefüllt und der Boden darunter übersäht mit toten Tieren. Draußen am Boot zogen die Insektenschwärme wie schwarze Schneeflocken vorbei. Ein entgegenkommendes Schiff mit starkem Scheinwerfer an Bord zog die Moskito wie wehende Schleier hinter sich her. Es war einfach gruselig.

Wir hatten gewusst, dass unserer Reise beschwerlich werden würde. Aber wie anstrengend es sein würde, hatten wir nicht geahnt. Unser Ziel kannten wir nur vage. Wir hatten gehört, dass in den Dörfern rund um Muara Wahu noch einige alte Menschen leben, die die früher üblichen Tätowierungen der Dayaks an den Unterarmen, Händen, Schienbein und Wade tragen. Es sollte auch noch Menschen mit gedehnten Ohren geben. Dayaks ist ein Sammelbegriff für die verschieden Ureinwohnerstämme Borneos. Im 19. Jahrhundert wurden sie bekannt, da sie Kopfjäger waren und die Schädel ihrer besiegten Feinde als Trophäen aufbewahrten. Wir waren auf der Suche nach Ihnen. Wollten ihre kunstvoll geschnitzten und farbig verzierten Langhäuser sehen, bevor diese Kultur gänzlich ausstirbt.

Vor einigen Tagen waren wir in der Hauptstadt Ostkalimantans in Samarinda angekommen. Die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit der größten Insel Asiens und der drittgrößten der Welt machte uns schwer zu schaffen. Jeder Schritt strengte an, die schwüle Luft ließ uns selbst beim Nichtstun schwitzen, so dass Kleidung und Haare ständig am Körper klebten. Während wir sehnsüchtig die eisgekühlten Getränke in beschlagenen Gläsern anschauten, tranken wir aus Angst vor Durchfall und Krankheit lauwarmen Tee.

Per Flusstaxi hatten wir bereits ein gutes Stück unseres Weges hinter uns gebracht. Am Umsteigepunkt Richtung Muara Wahu hatten wir eine zweitägigen Pause eingelegt und Einblick in das Alltagsleben erhalten. Der Sohn des Besitzers unserer Unterkunft ließ es sich nicht nehmen, uns die Umgebung zu zeigen und dabei sein Englisch auszuprobieren. Er führte uns unter anderem zu einer Familie, die einen sprechenden Vogel besaß. Wenige Häuser weiter zeigte man uns auf einem Hinterhof einen kleinen Orang-Utan in einem beengten Holzkäfig. Leider reichten die Sprachkenntnisse unseres Begleiters nicht aus, um zu erfahren, wie der kleine Affe dorthin gekommen war und was mit ihm passieren sollte. Wir hofften allerdings sehr, dass er in eines der Rehabilitationszentren gelangt, welches die Orang Utans aus Gefangenschaft dafür ausbildet, in einem der Schutzgebiete der Insel überleben können. Nach dem Markt besichtigten wie das örtliche Sägewerk. Die alten Maschinen lärmten. Späne wirbelten durch die Luft und es roch intensiv nach Holz. Die Männer arbeiteten ohne jegliche Schutzkleidung in Badelatschen, T-Shirts und Shorts. Ihr Anblick erschütterte uns sehr. Obwohl wir sehr erschöpft waren, konnten wir es am Abend nicht ablehnen, mit unserem Begleiter noch Hochzeitsfotos anzuschauen – so glaubten wir jedenfalls. Im Stockdunklen überquerten wir in einem kleinen Boot den Fluss und waren wenige Minuten später mitten im lauten Trouble eines Hochzeitsfestes. Das Brautpaar war festlich herausgeputzt und wechselte mehrmals am Abend das Outfit. Mal erschienen sie in traditionellen Gewändern, dann wieder in westlicher Kleidung. So nahmen sie die zahlreichen Gratulationen entgegen. Sämtliche Einwohner des Dorfes waren anwesend und festlich gekleidet. Wir fühlten uns in unseren staubigen und verschwitzten Sachen reichlich fehl am Platz. Dennoch wollten die Leute unzählige Fotos mit uns „Weißen“ schießen und drehten immer wieder tuschelnd die Köpfe zu uns. Die Gäste erfreuten sich auf dem hell erleuchteten Festplatz an lauter Musik und reichlichem Essen, dessen exotischer Duft die Abendluft erfüllte.

Bevor wir am nächsten Nachmittag wieder das Flusstaxi bestiegen, zeigte man uns noch eine besondere Attraktion. Wir wurden auf einen Hügel zu einem Haus im Rohbau geführt. Dort erklärte uns ein sympathischer, älterer Herr, dass er hier ein Haus für Schwalben baue. Mit optimalen Bedingungen und Musik wolle er sie anlocken, um ihre Nester dann an Chinesen zu verkaufen, die sie als Heilmittel essen würden. Zum Abschied sagte er zu uns: „Ich bin faul, darum muss ich denken, um Geld zu verdienen.“

Aber all das lag schon hinter uns und war bereits Erinnerung. Als nun mit den ersten Sonnenstrahlen die Menschen in unserem Boot erwachten und die schwarzen Stoffbahnen hochgezogen wurden, war auch der Schrecken der Nacht vergessen. Wir bestaunten die fantastische Morgenstimmung und genossen das laue Lüftchen. Ein leichter Nebelschleier lag dicht über der Wasseroberfläche und der Sonnenaufgang färbte den Himmel in ein fantastisches rotorange in allen erdenklichen Farbabstufungen.

Auch in den Pfahlhäusern am Ufer erwachte das Leben und die Menschen begannen ihr Tagwerk.

An den Stegen, die von den Holzhäusern auf Pfählen in das Wasser reichten, wuschen oder badeten sie sich und putzten die Zähne. Andere spülten Geschirr, bereitete Fisch zu oder wuschen Wäsche. Auf dem Fluss fuhren immer wieder mit dicken Holzstämmen beladene große Frachter. Kleinere Schiffe zogen unzählige zu Flößen verbundene Stämme flussabwärts.

Als wir endlich in Muara Wahau ankamen stand sehr schnell die Polizei vor der Tür und befragte uns nach unserem Woher und Wohin. Sie behielten trotz unseres Protestes unsere Pässe ein und machten zur Auflage, dass wir uns nur mit Führer in der Region bewegen dürften. Am nächsten Morgen brachen wir also mit Moped und dem von der Polizei bestimmten Führer in weißem Hemd und Bundfaltenhose in die umliegenden Dayakdörfer auf. Der Führer war sichtlich genervt, sprach in barschem Ton mit den Dorfbewohnern, was wir seiner Mimik und Gestik entnahmen. Aus einem Haus wurde dann eine Frau mit traditionellen Tattoos und gedehnten Ohren herauszitiert. Es war uns so unangenehm, dass wir uns richtig schlecht fühlten. So wollten wir nicht reisen und fremden Menschen und Kulturen begegnen. Wir wurden genötigt zu fotografieren und auch unser Führer machte Bilder. Zurück in Murah Wahan sollten wir nochmal zur Polizeistation, um Dayakgeschichten zu hören. Wir waren völlig erschöpft von der Hitze, gingen aber aus Höflichkeit mit. Vor Ort gab es dann allerdings keine Geschichten, sondern höllenlaute Karaoke, an der wir nun auch noch fröhlich teilnehmen sollten. Schnell kamen die Nachbarn zusammengelaufen, um uns singen zu sehen. Selbst durch die Fenster schauten sie herein. Es war nicht möglich sich dem zu entziehen und außer uns hatten offensichtlich alle großen Spaß.

Bei der Rückkehr in unsere Unterkunft war die Rezeption voll Militär. Junge Soldaten in grüner Uniform und schweren, schwarzen Stiefeln saßen dort und putzten ihre Waffen. Das war befremdlich. Aber nun erfuhren wir, dass in einigen Regionen wohl Unruhen seien, da die Bevölkerung gegen den massiven Holzeinschlag in den Regenwäldern protestiert. So konnten wir uns das strenge Beobachtetwerden durch die Polizei besser erklären. So richtig schlau wurden wir aus ihrem Verhalten aber nicht. Bis zum Schluss wussten wir nicht, ob sie auf uns aufpassen oder ob sie uns für Vertreter von Umweltschutz- oder Menschenrechtsorganisationen hielten, die sie lieber unter Kontrolle haben wollten. Am nächsten Morgen durften wir dann doch noch allein in ein Dorf, nachdem wir der örtlichen Polizei noch einmal versprochen hatten, anschließend unverzüglich wieder in die Hauptstadt aufzubrechen.

Im Dorf angekommen entdeckten wir ein Langhaus auf Holzpfeilern, welches den Menschen heute als eine Art Gemeindesaal dient. Die äußeren Pfähle waren kunstvoll geschnitzt und schauten als ausdrucksstarke Gesichter auf die Straße des Dorfes. Die Wände des Langhauses waren in traditionellen verschlungenen Mustern in weiß, schwarz, gelb, blau und rot bemalt. Aufgestellte geschnitzte und bemalte Holzfiguren zeigten die alten Trachten und Tätowierungen. Auf den staubigen Straßen durften wir dann einige „Originale“ entdecken. Wir sahen mehrere alte Menschen mit gedehnten Ohren und auch zwei Frauen mit den traditionellenTätowierungen. Im kleinen Lädchen des Orte, welcher gleichzeitig Friseursalon war verbrachten wir einige Zeit und aßen Nasisoup. Der Besitzer kam ins Plaudern über alte Zeiten und erzählte, dass die Tradition sich zu tätowieren ausstarb, als die Menschen begannen die Schule in der Stadt zu besuchen. Dort wurden sie gehänselt. Man sagte ihnen sie sähen aus wie Affen. Dadurch starb der Brauch von einer Generation auf die andere aus. Einige Menschen haben sich die gedehnten Ohrläppchen sogar abgeschnitten. Wir genossen das ungestörte Entdecken des Dorfes und seiner Bewohner und Bewohnerinnen. Auf dem Friedhof zeigte sich ein deutlicher Mix der Traditionen. Neben schlichten schwarzen Holzkreuzen, der mittlerweile christlichen Dayak, standen auch solche mit den dayaktypischen Mustern und Motiven. Gegen Abend brachen wir glücklich wieder auf und fuhren am nächsten Tag, nachdem wir unsere Pässe wieder bekommen hatten, zurück in die Hauptstadt.

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