Ein Besuch beim Torsomörder

Ein Besuch beim Torsomörder

Es war mal wieder einer dieser ganz gewöhnlichen Tage in meinem 366-Tage-Statistik-Jahr als Geocacher. Ich hatte mir vorgenommen an jedem einzelnen Tag im Jahr einen Cache zu finden und somit die 366-Tage-Matrix für mich zu vervollständigen. Eigentlich totaler Blödsinn und unglaublicher Stress, aber nachdem alle meine Freunde damit angefangen hatten, musste ich irgendwie auch mitmachen. Der Herdentrieb hatte mich mitgerissen und so machte ich mir jeden Tag auf‘ s Neue Gedanken, wo ich fündig werden könnte.

Ein Frisörtermin nach Feierabend im Nachbarort schränkte die heutige Zielauswahl zeitlich etwas ein. Aber ich hatte Glück, auf einem der zahlreichen Harzer Berggipfel lag tatsächlich noch eine Dose die ich bisher nicht gesucht hatte. Um dort hin zu kommen, musste ich gut einen Kilometer bergauf laufen. Das war vermutlich auch der Grund, warum ich diese Dose noch nicht besucht hatte. Heute war mir das jedoch egal, denn ich brauchte ja meine Matrixdose und dafür war ich bereit jede Hürde zu nehmen. Zudem klang die Beschreibung des Caches sehr aufregend. Den Logeinträgen und Fotos zufolge, handelte es sich bei diesem Cache um einen sehr mysteriösen Ort. Hoch über der Stadt an einem kleinen Waldstück angrenzend, befand sich ein liebevoll gepflegter Steingarten mit einer wunderschönen Aussicht bis zum Horizont. Zahlreiche Erzählungen rankten sich um dieses herrliche Kleinod und niemand wusste genau wer es angelegt hatte. Die Geocacher sprachen dabei von der schauerlichsten Variante, angeblich lebte dort der Torsomörder. Wie auch immer man einen Torsomörder definieren würde, ich hatte dabei keine Vorstellung im Kopf und machte mir wenig Gedanken über eventuelle Gefahren, die dort auf mich lauern könnten. Ich hatte nur meine Statistik im Kopf.

Foto: T.I.N.E.

Auf dem Weg zum Cache..

Völlig außer Atem erreichte ich dann die erste Anhöhe. Ein starker Schneeregenschauer peitschte mir hier oben ins Gesicht und zwang mich in der dort stehenden Rasthütte zu einer kurzen Pause. Ich schaute auf mein GPS-Gerät, von hier waren es nur noch 500 Meter über eine abgeholzte Fläche, den Weg hinauf und dann müsste der Cache direkt hinter der angedeuteten Kurve liegen. Ich ärgerte mich jetzt schon, dass der zu vorige Besuch beim Frisör völlig um sonst gewesen war. Mittlerweile war ich auf dem Kopf so zerzaust, dass ich mit der Frisur jeden Torsomörder hätte erschrecken können. Mir war kalt und meine gute Laune drohte zu kippen. Ich zog mir die Kapuze über den Kopf und begab mich weiter auf den Weg. Ich rannte im Laufschritt das letzte Stück bis zu einer kleinen Biegung. Nun waren es nur noch 50 Meter bis zu den angegebenen Koordinaten. Schon bei der Annäherung, spürte ich die Magie dieses Ortes. Ein paar eigenartige Steinhaufen zwischen den Bäumen erregten sofort meine Aufmerksamkeit. Sie wirkten auf mich wie kleine Hügelgräber. Ob da irgendwo der Cache drin versteckt lag? Auf Steine umschichten hatte ich eigentlich keine Lust. Da sucht man nämlich auch schnell mal die Nadel im Heuhaufen, oder die Dose im Steinhaufen. Vielleicht begrub der Torsomörder da aber auch seine Opfer? Wer weiß? Irgendwie begann sich in diesem Moment, in meiner Magenregion, ein ganz komisches Gefühl zu entwickeln. Dieses verstärkte sich als ich hinter der Kurve den Steingarten entdeckte. Mühevoll hatte hier jemand mitten im Wald viele Steine zu einer Mauer aufgeschichtet, eine Brombeerhecke rankte hinüber und gab ihr etwas Stabilität. Eine relativ moderne Sitzgruppe, Modell Baumarkt, zierte im vorderen Bereich das Kleinod und wies darauf hin, die traumhafte Aussicht zu genießen. Ich blieb stehen als ich das brennende Windlicht auf dem Tisch stehen sah. War hier noch jemand? Es war keiner zu sehen, lediglich der Wind rauschte mit einem unheimlichen Ton durch die Fichten.

Ein schauerlich-romantischer Ausblick..

Ein schauerlich romantischer Ausblick..

Zaghaft rutschte mir ein: „Hallo? Ist hier jemand?“ über die Lippen. Doch es regte sich nichts. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass vermutlich nur ein Wanderer vergessen hatte, die Kerze vor seinem Aufbruch zu löschen. Vorsichtig betrat ich den mysteriösen Platz. Es war eine Fläche von circa hundert Quadratmetern und alles war so liebevoll hergerichtet, dass sich jeder Schritt wie Hausfriedensbruch anfühlte. Doch ich befand mich ja mitten in Wald, es gab keinen Zaun und kein Verbotsschild. Man wurde quasi zum Betreten eingeladen. Ich warf einen eingeschüchterten Blick auf mein GPS-Gerät, es waren noch 16 Meter bis zum Cache und der Richtungspfeil zeigte mitten in den Garten an einen kleinen Hang. Sehr zögerlich bewegte ich mich über den angelegten Weg, immer wieder blickte ich mich wachsam um und prüfte die Umgebung auf Bewegungen ab. Hätte in diesem Moment einer „BUUHHH“ gerufen, ich hätte mir in die Hose gemacht und wäre schreiend davongelaufen. Noch hatte dies aber niemand getan, ich lebte auch noch und augenscheinlich wirkte es als wäre ich allein.

Blick auf die Futterstelle...

Wo liegt denn nun der Cache?

Ich wollte nichts anfassen oder aus Versehen kaputt machen, so suchten erstmal nur meine Augen nach einer Unregelmäßigkeit im Gelände. Vielleicht lag die Dose hinter ein paar eigenartig angeordneten Steinen, unter einem Häufchen Zweige oder war mit etwas alter Baumrinde abgedeckt. Es fiel mir schwer bei der Sache zu bleiben, ich fühlte mich sehr beobachtet und war in meinem Handeln völlig verunsichert. Im hinteren Bereich hatte der Torsomörder eine Futterstelle für Tiere bereitet, ein Dutzend frische Maiskolben lagen am Boden verteilt. Er schien die Tiere und die Natur sehr zu lieben. Ein kleiner Unterschlupf aus dicken Ästen an eine Fichte angelehnt, erregte meine Aufmerksamkeit. Ob er dort drin saß, mich bereits beobachtete und nur auf den richtigen Moment für den Überfall lauerte? Musste ich dort vielleicht rein? Lag der Cache dort drin versteckt? Mein unliebsames Gefühl verstärkte sich und mir wurde ganz heiß. Ich hatte eindeutig zu viele Horrorfilme gesehen, meine Fantasie begann mir mal wieder gruselige Bilder in den Kopf zu pflanzen. Als ich dann einen kurzen Blick aus sicherer Entfernung in die Butze warf, wurde mir ganz bang. Ich sah nichts außer Dunkelheit und eine frisch polierte Axt die im Eingang angelehnt stand. Ihre Schneidfläche blitzte mich an und in meinem Kopf hallte nur ein Wort: „Torsomööörder!!!“

Foto: Zonker0815

Foto: Zonker0815 – die Axt des Torsomörders

Die kleine Kerze vorn bei der Sitzgruppe war schon fast heruntergebrannt, die Flamme flackerte um ihr Leben, so wie ich gerade um mein Eigenes. Der Wind rauschte kräftig durch die Bäume und die Wolken tobten über den Himmel. Ich ging drei Schritte von der Hütte zurück ich wollte eigentlich nur noch weg. Aber ich brauchte doch diesen Cache für meine Matrix und nun war ich schon hier oben. Ich rief noch einmal verängstigt: „Hallo? Ist hier jemand?“ Doch meine Frage blieb unbeantwortet. Das Gefühl, hier nicht allein zu sein und das mich jemand beobachtet, es blieb.

Ungewöhnlicher Weise hielt mich der starke Drang diesen Cache zu finden. Immer wieder stellte er bei mir jede noch so große Angst in den Hintergrund und zwang mich über die eigenen Grenzen hinweg. Mein Herz klopfte laut. Eilig begann ich meine Suche nach dem Cache fortzuführen und versuchte mir krampfhaft das Spoiler Bild in Erinnerung zu rufen. Ich suchte hektisch die Umgebung ab. Irgendwo ganz in meiner Nähe, musste die kleine Dose versteckt liegen. Vermutlich biss sie mich bereits in die Nase. Ich begann vorsichtig jeden Stein umzudrehen und anzuheben. Nebenbei nahmen meine Ohren jedes Geräusch aus der Umgebung wahr. Ich hatte große Angst, dass der Torsomörder mit seiner Axt jeden Moment hinter mir stehen würde, doch ich suchte weiter. Das Wetter war mittlerweile richtig ungemütlich geworden, es stürmte kräftig und immer wieder hagelte Schneegraupel vom Himmel auf den Boden. Plötzlich fiel mein Blick auf eine abgetretene Stelle am Hang, ähnlich wie eine Cacherautobahn und immer ein Indiz für ein Dosenversteck. Dort lagen ein paar Steine an einer Wurzel, ein idealer Platz um etwas zu verstecken. Ich bückte mich und räumte die Steine zur Seite. Tatsächlich, da war das Objekt meiner Begierde. Ich blickte nochmal um mich herum und versicherte mich, dass mich auch wirklich niemand beobachtete. Aufgeregt nahm ich die Dose aus ihrem Versteck. Es war eine Blechdose die einst als Verpackung für urzeitliche Armbanduhren diente, jetzt nagte aber der Rost an ihr. Ich öffnete sie, der Deckel klemmte etwas, aber mit etwas Kraft war er schnell überwältigt. Ein muffiger Geruch stieg mir entgegen. Der Inhalt war feucht und in eine Plastiktüte gewickelt. Hastig schlug ich das Logbuch auf und schrieb meinen Namen mit Datum ein. Ich war nun zwar erleichtert über den Fund und meinen somit erledigten Matrix-Punkt für heute, aber ich fühlte mich in der Gesamtsituation mehr als unwohl. Schnell stopfte ich den Inhalt zurück in die alte Büchse und versteckte alles wieder gut. Noch einmal warf ich einen Blick in die unheimliche Umgebung und überprüfte ob da auch wirklich niemand war. Nun aber schnell weg hier, dachte ich und lief zügig zum Weg. Im Vorbeigehen losch ich noch schnell die Kerze auf dem Tisch. Sie hätte sicherlich zu dieser Jahreszeit keinen Flächenbrand ausgelöst, aber sicher ist sicher.

Flink lief ich den Pfad hinab ins Tal. In Gedanken überlegte ich schon, wie ich im Internet meinen Logeintrag schreiben würde. Eher kurz und knapp, oder doch lieber ausladend mit allen Ängsten? Ich musste mich jetzt aber erstmal beeilen, denn bald wurde es dunkel, das Wetter ließ immer noch zu wünschen übrig und so langsam spürte ich auch wieder die Kälte durch meine dünne Jacke kriechen. Der Weg war schmal und recht steil, ich musste ein bisschen aufpassen wo ich hintrat. Plötzlich drang völlig unerwartet ein Nachrichten-Ton einer bekannten Smartphone-Marke in mein Ohr. Wie versteinert blieb ich stehen und griff mir an beide Jackentaschen, doch darin tastete ich nur meinen Autoschlüssel. Mein Handy konnte es nicht gewesen sein, das lag im Auto. Das GPS-Gerät hatte ich in der Hand und das war es garantiert auch nicht, der Signal-Ton klang ganz anders. Erschrocken blickte ich um mich. Ganz sicher war es keine Einbildung, der Ton kam direkt aus dem Gebüsch neben mir. Der Torsomörder!!!! Die ganze Zeit war er hinter mir und beobachtete mich, dessen war ich mir nun sicher! Ich versuchte etwas in der Hecke zu erkennen, doch mehr als dichte Zweige sah ich nicht. Auch der Nachrichten-Ton war wieder verstummt. Mir wurde ganz heiß, Adrenalin strömte durch meinen Körper.

Obwohl ich bis hierhin augenscheinlich ganz allein unterwegs gewesen war, ging mein Verstand nun offline und die Panik flutete mich. Ich holte tief Luft und rannte so schnell ich konnte den steilen Pfad hinunter. Wie von einem Geist gejagt lief ich als ginge es um mein Leben. Es dauerte nur wenige Minuten und ich erreichte mein Auto. Zittrig griff ich den Schlüssel, öffnete die Tür, stieg ein und riegelte direkt hinter mir wieder zu. Puhhh.. ich atmete tief durch. Noch einmal blickte ich ängstlich auf die Rückbank meines Autos, denn wer die einschlägigen Horrorfilme kennt, der weiß, dass der Torsomörder dort nun ganz sicher mit einem hämischen Lachen gesessen hätte. Aber das einzige was dort saß und lachte, war meine wilde Fantasie die mal wieder mit mir durchgegangen war.

Noch auf der Heimfahrt entschied ich mich für einen harmlosen kurzen Logeintrag, in dem ich kein Wort über mein wildes Kopfkino verlieren würde.

 

* Bei der Recherche zu dieser Geschichte begab ich mich erneut auf den Weg, um den Torsomörder zu besuchen. Ich wollte nochmal ein paar Fotos machen und den Ort auf mich wirken lassen. In weiser Voraussicht nahm ich diesmal aber meine bessere Hälfte mit. Dafür bin ich meinem Paddy sehr dankbar, denn allein hätte ich mich hier nicht noch einmal her getraut. Wie auch beim letzten Mal, spürten wir sofort die unheimliche Atmosphäre. Man kommt sich beobachtet vor. Während ich schnell ein paar Fotos machte, kam auf einmal ein Mann den Weg hinauf. Er schob ein schwer beladenes Fahrrad und wirkte in Gedanken versunken. „Ohje“ dachte ich, wenn das mal nicht unser Torsomörder ist. Als er uns erblickte, schreckte er auf. Ich glaube, wir hatten in diesem Moment alle etwas Angst voreinander… Mutig und ohne mir etwas von meiner Unsicherheit anmerken zu lassen, ging ich auf ihn zu und fragte ihn, ob er diesen Platz angelegt hat. Schnell verwickelten wir uns in ein nettes Gespräch. Er zündete die Kerze auf dem Tischlein an und beantwortete mir freundlich alle meine Fragen. Seit 16 Jahren geht er zweimal in der Woche hier herauf, füttert die Tiere, pflegt seine Anlage und genießt die Aussicht. Er ist 55 Jahre alt und neben der Pflege dieses herrlichen Kleinods ist er Mitarbeiter in einem großen Baumarkt. Manchmal kommen Leute vorbei und suchen den hier versteckten Geocache, erzählt er uns. Sie stören ihn keines Falls, er freut sich sogar wenn hier mal Besuch vorbei kommt.

Ein wenig musste ich mich zusammen reißen, dass ich ihn nicht aus Versehen mit „Herr Torsomörder“ anspreche. Im Nachhinein machte er aber auf uns nicht den Eindruck, als wäre er eine solche Angst einflößende Gestalt.

Manchmal muss man noch einmal zurückgehen, um festzustellen das Realität und Wahrnehmung zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind.

 

T.I.N.E.

Christina Busch
Christina Busch
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