Tief in den Osten …

Tief in den Osten …

Mit dickem Schädel radel ich dem Lkw hinterher und bin überzeugt, dass meine Angewohnheit, auf dem Fahrrad eigentlich nichts zu trinken, gar nicht so verkehrt ist. Allerdings habe ich – dank meines Katers – nun keinen Kopf frei, Steffen hinterher zu trauern. Aber ich habe auch wirklich keinen Grund, mich alleine zu fühlen: Erstens habe ich mein Fahrrad und zweitens gibt es unterwegs so viele tolle Begegnungen!
21_N03B32-102-kleinSchon die ganz kleinen Gesten lassen mein Herz höher schlagen und geben mir Kraft – sei es ein Nicken, ein Grinsen oder ein Winken vom Straßenrand. Diese kurzen Momente sind für mich wie das Salz in der Suppe. Es ist einfach schön, an einer Wiese vorbeizuradeln, auf der gerade ein alter, rundschnäutziger Lkw mit Heu beladen wird. Zwei Männern hieven das trockene Gras mit ihren Heugabeln hinauf auf die Ladefläche. Bis übers Fahrerhaus hinaus ist sie bereits voll und oben auf dieser weichen Fracht nehmen zwei weitere Männer das Heu entgegen. Als sie mich sehen, unterbrechen sie kurz ihre Arbeit und winken mir fröhlich zu.
Oder das Hupen im Vorbeifahren. Anfangs habe ich jedes Mal einen riesigen Schreck bekommen – habe ich etwas falsch gemacht oder ist etwas nicht in Ordnung? Mittlerweile weiß ich längst, dass es immer nur als Gruß gemeint ist, wie ein freundliches Zuwinken und gerne winke ich zurück. Übrigens habe ich dies so stark verinnerlicht, dass ich später in Deutschland weiterhin fröhlich zurückwinke, wenn mich ein Autofahrer anhupt …
Die meisten Gesten sind aber schon international verständlich – „Daumen hoch“ ist auch in Russland eine Anerkennung. Oft wird sie von einem bestätigenden Kopfnicken begleitet. Meist sind es Männer, die mich so anspornen – Frauen dagegen wünschen mir manchmal im Vorbeifahren laut rufend eine glückliche Reise. Dankbar antworte ich: „spasibo!“
Auch wenn ich mich nicht im Geringsten einsam fühle, freue ich mich natürlich trotzdem, als mir Steffen ganz unerwartet nochmal ganz nah ist: Als ich am Morgen nach unserem Abschied beim Frühstück vor dem Zelt sitze, höre ich Flugzeuglärm. Es ist nebelig, aber über mir gibt es ein Stückchen blauen Himmel und genau daher fliegt das Flugzeug. Es kommt aus Richtung Irkutsk. Ich schaue auf die Uhr, es ist 8:25 Uhr, zwanzig Minuten nach Steffens Abflugzeit – das ist er! Sofort springe ich auf und winke wie verrückt. Bestimmt hat Steffen den Piloten bestochen, diesen Kurs zu fliegen. Ach, es war wirkliche eine tolle Zeit mit ihm! Und so gerne ich alleine unterwegs bin, so gut ist es auch, dass es jemanden gibt, der mich ein Stückchen begleitet hat. Danke Steffen!

Kurz nachdem ich Steffen bei hochsommerlichen Temperaturen verabschiedet habe, werde ich etwas beunruhigt. Denn kaum ist er weg, kommt der Winter! Jetzt habe ich den Wettlauf doch tatsächlich verloren, und er hat mich 300 Kilometer vor Irkutsk eingeholt. Aber irgendwie hätte es auch gar keinen Ausweg gegeben. Ich hätte noch so schnell fahren können, am Winter vor Irkutsk und dem Baikal ist einfach kein Drumherumkommen. Der Grund dafür ist einfach: Auf dem Weg liegt eine kleine Stadt und die heißt Sima (Winter). Und da es vorher noch die Orte Njura (weiblicher Vorname) und Schuba (Mantel) gibt, hat sich folgende Redensart gebildet: „Njura, zieh deinen Mantel an bald kommt der Winter.“ Aber selbst im sibirischen Winter ist es so heiß, dass man auch in T-Shirt und kurzer Hose ins Schwitzen kommt – zumindest Ende August. Abgeerntete Getreidefelder, große Heuberge, aufgefüllte Brennholzlager und reihenweise Menschen, die säckeweise Kartoffeln von den Ackerflächen sammeln sind allerdings untrügerische Zeichen, dass die Hitze wohl bald vorbei sein wird. Also gehe ich auf Nummer sicher und fahre sehr zielstrebig weiter.

Da kurz vor Irkutsk die Stadt Angarsk aber direkt auf meinem Weg liegt, mache ich dort noch einen kleinen Besuch. Pawel und Tatjana hatten mit ihren drei Kindern vor ein paar Tagen neugierig angehalten, als sie gerade aus der Ukraine zurückkamen, wo sie seine Eltern besucht und Urlaub gemacht hatten. Seit gut fünf Tagen waren sie auf dem Rückweg und strahlten auch dieses „es ist so toll unterwegs zu sein“-Gefühl aus. Beim Weiterfahren haben sie mir ihre Adresse zugesteckt. Sie haben überhaupt nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich wirklich in Angarsk vorbeikomme und sind total aus dem Häuschen, als ich plötzlich vor der Tür stehe. Bevor ich überhaupt reagieren kann, schnappen sich Pawel und sein 19-jähriger Sohn Sergej mein Fahrrad und tragen es – ohne es abzusetzen – mitsamt den Packtaschen in den fünften Stock hinauf. Was für eine Meisterleistung! Eigentlich versorge ich ja lieber selbst mein Rad, weil bei den gut gemeinten Tragehilfsaktionen das Material doch sehr leidet und mir Angst und Bange wird. Nicht die erste Stelle von Gepäck oder Fahrrad, die man in die Finger bekommt, ist auch die stabilste. Pawel und Sergej sind aber sehr vorsichtig und schauen genau, wo sie anfassen.
48_F100B12-kleinEs wird ein sehr schöner Abend – im wahrsten Sinne des Wortes, denn Tatjana und Pawel arbeiten für die schwedische Kosmetikfirma Oriflame. Beide sind dort im Direktvertrieb tätig. Tatjana ist richtig im Karrierefieber, erst vor kurzem ist sie vom Teammanager zur Direktorin aufgestiegen und stolz zeigt sie mir das Video der Urkundenverleihung mit anschließendem Ball in Moskau. Ich bin fasziniert von so viel Begeisterung für eine Firma. Tatjana ist so Feuer und Flamme, dass sie mich direkt mit in das Unternehmen holen und sich deswegen in Moskau erkundigen will. Hihi, ich und Kosmetikvertrieb, da hat sie ja den richtigen Fisch an der Angel. Wenn ich da nicht mal aus Versehen Nagellack als Lidschatten verkaufe …

Den nun wirklich letzten Zwischenstopp vor dem Baikal mache ich in Irkutsk. Bei der Stadteinfahrt sind am Straßenrand auf hohen Brettergerüsten knalligbunte Plastikblumen zum Verkauf drapiert, wenn das mal keine Begrüßung ist! Nun bin ich wirklich kurz vor dem Ziel. Denke ich mir die Autoabgase in der Stadt weg, kann ich den Baikal quasi schon riechen. Oh Mann, so langsam werde ich doch aufgeregt. Trotzdem lege ich noch einen Pausentag in Irkutsk ein. Erstens regnet es und zweitens fülle ich noch einmal meine Vorräte auf.
Zwar sind es von hier nur noch siebzig Kilometer bis zum Baikal, aber ich werde wohl 3 – 4 Tage mit dem Rad brauchen. Ich möchte zunächst nicht an den nahen „Hauptstrand“ in Listwjanka fahren, sondern die 300 Kilometer zur Insel Olchon. Die Spannung bleibt also noch ein paar Tage erhalten. Ganz bestimmt ist der See noch nicht zugefroren, aber der Schiffsverkehr zum Baikal ist wegen Saisonende bereits eingestellt – doch die letzten Meter kann ich ja nun wirklich auch noch radeln.
In Irkutsk schlafe ich bei Sankt Spiritus. Den Tipp hab ich von den zwei Fernradlern bekommen, deren E-Mail-Adresse mir unterwegs von den Motorradfahrern aus Barnaul zugesteckt wurde. Seitdem stehen wir in lockerem Mailkontakt. Als sie mir von Sankt Spiritus schrieben, dachte ich, sie seien besoffen und machen Scherze, von wegen Sankt Spiritus Kathedrale … Aber die gibt es wirklich und wird von einem polnischem Priester geleitet. Der bietet Reisenden Platz zum Schlafen, sogar mit echter Waschmaschine und Warmwasser zum Duschen!
Die zwei Fernradler kommen übrigens aus Stuttgart und heißen Mats und Ingo. Ich habe sie kurz im deutschen Zentrum in Nowosibirsk getroffen und da hatten wir natürlich viel zu erzählen. Die beiden finden irre, dass ich allein fahre und ich finde irre, was sie von ihrer gemeinsamen Fahrt berichten. Sie hatten wohl schon einige Tiefphasen. Als erste Konfliktlösung haben sie sich ein zweites Zelt gekauft und sind dann auch streckenweise mal getrennte Wege gefahren.
Überhaupt scheinen sie eine ganz andere Reise zu erleben, obwohl wir ja mehr oder weniger die gleiche Strecke fahren. Eine der ersten Fragen von Mats und Ingo ist, ob ich die Versorgungslage unterwegs auch so schlecht finde? Nein, das ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Im Gegenteil, ich bin immer eher ein bisschen zu gut versorgt. Ja, aber die Auswahl in den Tante-Emma-Läden auf den Dörfern sei ja nun wirklich sehr beschränkt, nur selten hätten sie Marsriegel oder Bananen. Ein Radfahrer muss doch jeden Tag eine Banane essen! Mhm, ich war bisher eigentlich mit dem vielseitigen Beerensortiment und auch mal mit ‘nem Apfel völlig zufrieden und habe auf der ganzen Fahrt noch keine einzige Banane gegessen. Auch die russischen Süßigkeiten finde ich klasse.
In Nowosibirsk machten Mats und Ingo aber einen sehr entspannten, satten und harmonischen Eindruck. Und es sah eine Zeit lang so aus, als ob wir vielleicht ein Stückchen zusammen fahren können. Denn, als ich mit Steffen nach unserem Tuwa-Abstecher wieder auf der Trasse war, hörten wir von zwei Radlern, die knapp einen Tag vor uns unterwegs waren. Das hörte sich doch nach Mats und Ingo an. Und da wir recht zügig unterwegs waren, dachten wir, dass wir die beiden vielleicht noch einholen könnten. Dann aber kamen mehr und mehr verwirrende Nachrichten über die zwei vor uns, plötzlich waren es vier und der Abstand wurde rasant größer.
29_F063B08kleinBei Sankt Spiritus in Irkutsk treffe ich Mats und Ingo wieder und bekomme die Auflösung der rätselhaften Informationen. Die beiden hatten zwei Schweden auf dem Rad getroffen und sind dann zu viert weitergefahren. Von da an hat sich keiner mehr getraut zu sagen: „Ich bin müde“ oder gar: „Ich brauche eine Pause“. Fast ununterbrochen sind sie geradelt – über 200 Kilometer jeden Tag. Eigentlich waren alle fix und fertig und es hat wohl auch keinem mehr so richtig Spaß gemacht, aber der Mannesstolz war zu groß, um als erster „aufzugeben“. Ach ja, diese Männer …

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Nicola Haardt
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