Skellig Michael und die Rückkehr der Jedi-Ritter

Skellig Michael und die Rückkehr der Jedi-Ritter

„Für Irland kann ich dir viele Tips geben, aber einer davon ist ein Muss: Skellig Michael. Da müsst Ihr unbedingt hin!“, hatte Wolfgang mich vor der Reise gebrieft. Wolfgang war schon viele Male in Irland, scheint mit der Insel fest verwachsen, hat sie wiederholt alleine, mit einem gemeinsamen Freund wie auch mit Kind und Kegel bereist und scheint diesen westlichen Außenposten Europas wie seine Westentasche zu kennen.

Skellig-Portmagee1Die ausgediente Karte eines Autovermieters, die wir von Wolfgang erhalten, und die übersät ist mit Pfeilen, Anmerkungen, Hinweisen zu Pubs und Unterkünften und dem großen Ausrufezeichen als unübersehbare Markierung vor der Küste Kerrys. Die alte Karte, die am Ende der Reise so zerfleddert sein wird, dass wir sie nicht mehr zurückgeben müssen, wird zu einem der wichtigsten Ratgeber für unseren Trip rund um die irische Insel werden. Von den drei Reiseführern, die wir haben, werden nur zwei uns auf die Reise begleiten, und auch mit diesen haben wir es kaum geschafft uns vorzubereiten. Die Karte wird uns den Weg weisen, das Wetter die Reisegeschwindigkeit bestimmen – und dies stärker als wir vorab ahnen (Irischer Reisere(i)gen) …

Neben dem Ausrufezeichen für Great Skellig steht „Joe Roddy & Sons“, der Name eines mehrerer Anbieter, die mit kleinen Fischerbooten Besucher von Portmagee am Ring of Kerry zu den Skelligs bringen – nur wenn das Wetter es zulässt, nur so viele wie die Limitierung des UNESCO Weltkulturerbe erlaubt. Maximal 230 Besucher am Tag.

Bereits von Deutschland aus habe ich Joe Roddy & Sons angemailt, doch keine Rückmeldung erhalten. Ich will es dem Schicksal überlassen, einfach vor Ort mich darum kümmern, doch Wolfgang lässt nicht locker, schickt mir eine Handynummer und so habe ich eines Abends in Irland Ken Roddy am Telefon. „2 Personen? Für in 3 Tagen? Ja, hat er noch frei. Abfahrt ist morgens um 9:00 Uhr. Ich schicke dir gleich eine Nachricht auf diese Handynummer als Bestätigung und mit den Infos wo Ihr Euch dann einfinden sollt.“

Wir haben Tickets für Skellig Michael! Für eine wilde Insel in der Atlantischen See, die vielleicht zu den absoluten Höhepunkten Irlands zählt! Für diesen geschichtsträchtigen und unwirtlichen Felsen, der bereits im 7. Jahrhundert Heimstätte einer Klostereinsiedelei war! Für den Ort, der so außerirdisch wirkt, dass er in Star Wars Episode 7 den geheimen Standort der Jedi-Akademie stellt!

Doch die SMS bleibt aus. Ich werde unruhig, google mich durch das Internet und lese katastrophale Bewertungen über den von Wolfgang empfohlenen Bootsbegleiter und dessen Zuverlässigkeit. Anstatt erneut nachzuhaken, schreibe ich meine Bestätigung selbst, schicke Ken eine SMS, dass ich noch nichts erhalten hätte, wir uns aber am besagten Tag um 9:00 Uhr an seinem Boot einfinden. Wo das sein wird, wird uns in Portmagee schon jemand sagen können.

Und tatsächlich braucht man in Portmagee diese Frage gar nicht zu stellen. Von den zahlreichen kleinen Küstenörtchen, die es in Irland gibt, scheint Portmagee unzweifelhaft eines der kleinsten zu sein. Ein paar Häuser ziehen sich an den Zufahrtsstraßen entlang, direkt am Wasser sind es zwischen Harbour View und der Brücke nach Valtentia Island gerade mal 20 Häuser, es gibt ein Pub, ein Restaurant und auch nur einen Bootssteg.

Das Wetter für den kommenden Morgen – unseren Morgen – soll bombastisch sein, die Prognosen verkünden den schönsten Tag unserer bisherigen Reise, doch die See soll hart sein hier, die Überfahrt zu den Skelligs ein Abenteuer. So will ich eigentlich am nächsten Morgen auf ein Frühstück verzichten, um nicht schon auf dem Hinweg die Fische zu füttern, doch wie fast jeden Morgen auf dieser Reise duftet das warme irische Frühstück so verlockend, dass wir ausgiebig zuschlagen bevor wir die wenigen Schritte zum Hafen gehen.

Skellig-AbfahrtDort erwartet uns bereits eine große Traube von Menschen. Besuchern. Der Bootssteg ist mit einer Gittertür abgeschottet, dahinter sind zwei Männer zu sehen, die sich an einem Boot verdingen. Keines der Boote trägt eine Aufschrift von „Joe Roddy & Sons“. Wir kommen mit den anderen Gästen ins Gespräch und realisieren, dass das Wetter sie alle aus ihren Löchern gescheucht hat, kaum einer ein Ticket hat, ein paar bereits das siebte Mal hier ist, um auf eine Überfahrt zu hoffen, bereits 6 Mal mussten sie unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen, da das Wetter eine Überfahrt nicht zuließ. Nur 10x sei in den letzten 3 Monaten eine Überfahrt möglich gewesen. Und auch heute werden sie wieder von dannen ziehen müssen. Nicht weil das Wetter es nicht zulässt, aber weil die Anzahl und Kapazität der Boote auf die Limitierung der UNESCO ausgerichtet ist und auch heute nur 230 Besucher Great Skellig betreten werden dürfen.

Ich beginne erneut um die Verlässlichkeit unserer Buchung zu bangen, spreche einen der Seeleute an, der den vergitterten Bootssteg heraufkommt. „Ken Roddy? Der werde schon noch kommen…“

Skellig-AnnäherungUnd tatsächlich, kurz vor 9 taucht Ken Roddy auf. Eine großgewachsene Version von Mr. Bean, zückt er ein kleines Notizheftchen. „Jens, 2 Leute?“ Wir stehen drin. „Lass uns das Finanzielle jetzt klären.“ Ich strecke ihm 100 Euro für die Überfahrt entgegen, in unserem Reiseführer ist noch von 35 Euro pro Person die Rede. „Wir rechnen 60 pro Person“, ist Kens Antwort. Ich packe 20 dazu, wer will über Geld diskutieren, wenn einen Meister Yoda am Ende der Reise erwartet? Und was soll Ken verhandeln angesichts der Traube von Menschen, die in seinem Rücken steht und um einen frei werdenen Platz bangt.

Kurze Zeit später sind wir unterwegs, unser Boot ist das erste, das den Hafen von Portmagee verlässt, zwischen den saftig grünen Hügeln Kerrys und Valentia Islands unter strahlender Sonne über stahlblaues Wasser hinwegzieht. Kein Boot vor uns, hinter uns legt irgendwann am Rande der Sichtweite ein weiteres ab. Wir haben wirklich einen Traumtag erwischt, das Glück ist uns hold, das Wetter bombastisch und selbst als wir die offene See erreichen bleibt die Dünung sanft. Skelling-Rocks1Wir sitzen in der Sonne, schießen Fotos, kommen mit den wenigen anderen Gästen an Bord ins Gespräch, die es aus aller Herren Länder – Irland, Spanien und den USA – mit uns nach Skellig Michael unterwegs sind. Das hinter uns liegende Boot lässt sich nach Süden abfallen, startet mit der Umrundung der Vogelinsel Little Skellig während wir direkt auf Great Skellig zuhalten, den markanten Felsen, der sich bei der 50-minütigen Überfahrt nur träge aus den Meer zu erheben scheint.

Je näher wir kommen, desto mehr Details lassen sich erkennen. Grün bewachsene Steilhänge durchwachsen die massiven Felsklippen, ein Pfad scheint sich den Weg zum Gipfel zu erkämpfen, fast senkrecht wirken manche Passagen, in spitzen Serpentinen windet er sich an anderen Stellen. Einer der alten, verwitterten Pfade der Mönche ist es, den wir sehen, nicht unser Weg, der uns zu den alten Klosteranlagen führen wird.

Skellig-Rocks2Unser Weg ist ein betonierter Pfad, der am Rand der Skellig Rocks langsam an Höhe gewinnt, von der Landeplattform zum Helikopterpad und zu einem der beiden Leuchttürme der Insel führt. Doch weder das Helikopterpad noch die Leuchttürme sind für die Besucher zugänglich, beides ist auch nicht unser Ziel, beides sind ebenfalls Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Bereits 1826 wurde der erste der Leuchttürme errichtet, bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts bemannt durch einen auf der Insel lebenden Leuchtturmwärter, seit 1987 als vollautomatische Leuchtanlage ihren Dienst verrichtend.

Skellig Michael kann auf eine wechselvolle Geschichte zurück blicken. Im 7. Jahrhundert wurde der unwirtliche Felsen wohl von Mönchen besiedelt, die zu dieser Zeit – Irland von keltischen Stämmen geprägt, eine Christianisierung noch Jahrhunderte entfernt – auf diesem abgelegenen Eiland ihrem Glauben nachgehen konnten. Doch auch der uninteressanteste Felsen scheint nicht sicher zu sein, im Jahre 823 sollen Wikinger die Skelligs überfallen aber wohl nicht eingenommen haben. Die Möche blieben weitere 270 Jahre, bevor Sie um das Jahr 1100 dem Frieden auf Irischen „Festland“ soweit trauten, mit ihrem Kloster in das nahe Ballinskelligs umzusiedeln. Anfangs pendelten Möche wohl noch regelmäßig zu ihrem Außenposten, später – im 15. Jahrhundert – wurde die mittelalterliche Klosteranlage Ziel regelmäßiger Wallfahrten.

Skellig-Puffins1Und genau dies ist es heute wieder. Der Mythos um die alte Mönchsansiedelei, das UNESCO Weltkulturerbe, die Heimstatt der Jedi-Akademie, die wetterlaunische Erreichbarkeit, die skurrile Szenerie und nicht zuletzt die Puffins machen Skellig Michael zu einem außergewöhnlichen Kleinod Irlands – und tatsächlich auch zu unserem absoluten Highlight dieser Reise.

Skellig-Puffins2Heute scheint die Insel fest in der Hand der Puffins. Zigtausende von Papageientauchern besiedeln Skellig Michael, nisten unter jedem Felsüberhang, in jeder Nische, in jeder Höhle, stolpern über die grün bewachsenden Hänge, sonnen sich auf Felsen und tapsen unsicher zwischen den Füßen der Besucher hin uns her, die nicht minder sicher die 600 ausgetretenen Mönchsstufen erklimmen, dabei ständig den Fotoapparat auf Puffins ausrichtend. Die kleinen Vögel schätzen die Nähe der Menschen, sagt man, haben gelernt, dass der Mensch ihnen nichts tut, im Gegenteil sogar ein Schutz für ihre Gelege darstellt vor den räuberischen Möwen, die sich nicht herantrauen an Tagen, an denen 230 Besucher den Felsenpfad ersteigen.

Neben den Puffins sind drei Ranger auf der Insel, geben uns eine Sicherheitseinweisung, unterstreichen den Umweltschutz des UNESCO Welterbes, berichten von der Geschichte der frühmittelalterlichen Klosteranlage. Atemberaubend ist der Anstieg dorthin, atemberaubend ist auch der Blick von dort. Im Meer um die Insel dümpeln die Fischerboote, die ihre Besucher bereits ausgespuckt haben, eine kleine Gruppe Delphine tanzt um eines der Boote, Little Skellig steht als weiteres Steinmonument in den blauen Wellen, Gischt bricht sich an den scharfen Kanten des Felsenzackens.

Skellig-InterstellarerKreuzerIch frage mich, wie man an den drei Tagen im letzten April hier auf Skellig Michael für Star Wars Episode 7 gedreht hat. Hat man die Klosteranlage als Kulisse der Jedi-Akademie gewählt oder die markante Felsenszenerie an sich? Wird man die Horden von Puffins als einheimische Spezies darstellen oder in der Bildbearbeitung ausmerzen? Wird die Insel überhaupt wiederzuerkennen sein wenn der Blockbuster im Weihnachtsgeschäft startet oder wird alles so digitalisiert sein, der Ausschnitt auf so wenige Sekunden zusammengedampft, dass nur wenig von der Insel bleibt? Und doch könnte Skellig Michael ein weiteres Tatooine werden – noch für viele Jahrzehnte ein Pilgerort, geschützt durch das Wetter und die Besucherlimitierung der UNESCO.

Skellig-Rocks3Nach strammem Aufstieg erreichen wir die historische Klosteranlage, die wie eine Mischung aus Machu Picchu und den für diese Zeit typischen Bienenkorbsiedlungen Irlands wirkt. Die Tempelanlage trohnt auf dem höchsten Plateau der Insel, eine atemberaubende Aussicht in alle Richtungen, uneinnehmbar für die Wikinger, jeder Freund oder Feind weithin sichtbar. Drei Klettersteige führten die Mönche in drei unterschiedlichen Himmelsrichtungen bis auf Meeresniveau, so dass sie abhängig von der Witterung an unterschiedlichen Ecken der Insel fischen oder auch die Puffinhöhlen plündern konnten. Sowohl die Eier der Papageientaucher als auch die Vögel selbst waren wichtige Nahrungsbestandteile auf der kargen Speisekarte der Einsiedelei. Und tatsächlich wären die bunten Vögel auch heute leicht zu fangen, mit einem Griff in eine der Erdhöhlen hätte man einen Puffin sofort in der Hand.

Doch der Fotoapparat bleibt für die Besucher die einzige Jagdwaffe, die Beute üppig.

Skellig-Kloster2Zu den Erläuterungen der Rangerin sammeln sich die Besucher im ehemaligen Klosterhof zwischen den Bienenkorbhäusern, einem erodierten Kreuz und einem alten Friedhof. Einer der Bienenkörbe stellte wohl Kirche oder Andachtsraum dar, die anderen Wohnräume, karg, ohne Mörtel, nur durch die richtige Schichtungstechnik der Steine zu stablien Gehäusen geformt. Es sind keine 230, vielleicht aber 70 – 80 Besucher, die den engen Hof füllen, auf Steinstufen sitzen, den Worten lauschen. Fast zu voll wirkt es in diesem Moment hier, doch gerade durch den Rangertalk zieht die Erzählende alle Besucher auf sich und lässt den Rest der kleinen Anlage wieder zu einem verlassenen, mystischen Ort werden, an dem ich allein herumstreifen kann, als wäre kein anderer Besucher auf der Insel. Die Stimme entfernt sich, vermischt sich mit dem Rauschen des Meeres, wird verschluckt vom Wind, der inzwischen aufgefrischt ist und auch die See rauer werden lässt.

Skellig-Kloster1BSo ist die raue See doch noch da, als wir das Boot wieder besteigen und Skellig Michael verlassen. Unser Weg führt uns nicht direkt zurück, zuerst werden auch wir Little Skellig umrunden, ein ebenso bizarrer Felsen, auf den allerdings kein Mensch einen Fuß setzen darf, gar keinen Platz darauf finden würde, denn Little Skellig ist die zweitgrößte Basstölpelkolonie Europas. 27.000 Brutpaare sollen hier leben, es ist ein ständiges Kreischen, Flattern, Kreisen und Landen. Nur ein paar Robben liegen träge an den untersten Füßen der Felsen, halten sich die Ohren zu und lassen sich von der Brandung umspülen.

Skellig-ReturnUnser Boot schaukelt wie eine Nussschale, bei manchen Wellen pressen wir uns mit dem Füßen gegen die Bordwand, haben das Gefühl mehr zu stehen als zu sitzen. Schwere Regenüberhänge wurden ausgeteilt, nicht weil der Himmel sich zugezogen hätte, aber weil immer wieder Wellen über das Boot rollen. Rucksäcke, Kameras, Handys sind in der halboffenen Kajüte des Bootes verstaut, eine Hand für Fotoexperimente hätten wir eh nicht mehr frei, wie auf einer Achterbahn schaukeln wir uns zurück in den geschützten natürlichen Kanal zwischen der Küste Kerrys und Valentia Island und in den Hafen von Portmagee.

Skellig-Portmagee2Etwas wackelig sind die ersten Schritte auf festem Grund, die uns unmittelbar zur besten irischen Toilette 2012 führen. Das Salz waschen wir uns von der Haut, die Erinnerung an diesen Höhepunkt Irlands wird noch lange bleiben. Gemeinsam mit mehreren Hundert Puffin-Fotos …

In einem muss ich Wolfgang recht geben: Skellig Michael ist ein Muss. Es ist ein unglaubliches Abenteuer am Outer Rim Europas!

Jens Freyler
Jens Freyler
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