Löffelliste und die Träume der anderen

Löffelliste und die Träume der anderen

Es ist einige Tage her, da telefonierte ich mit einem guten Bekannten. Im Rahmen einer beruflichen Veränderung haben sich in seinem Kalender 3 Monate aufgetan, die er für die Dinge nutzen möchte, für die man sich sonst zu wenig Zeit im Leben nimmt.

Wir sprachen über das Reisen, tauschten uns über Indien und Irland aus. Zwei Länder, die nicht viel mehr gemein haben, als dass sie beide mit „I“ anfangen – und dass sie beide auf Stephans Löffelliste stehen. Was noch drauf steht, fragte ich interessiert nach. „Eine 24-Stunden-Wanderung“, war sein nächstes Beispiel. „Eine 24-Stunden-Wanderung“, sinnierte ich, „das klingt ganz lustig. Wenn du das machst, kannst du gerne Bescheid sagen, dann klinke ich mich ein.“

FreeImages.com/Bill Davenport

FreeImages.com/Bill Davenport

Zwei Tage später klingelt mein Telefon. Stephan. „Ich habe eine 24-Stunden-Wanderung für uns. Die ist aber schon in drei Wochen und die Anmeldefrist ist eigentlich schon abgelaufen, aber wenn wir uns noch heute entscheiden, dann nehmen die uns noch mit rein.“ „Was?!“ „Na, eine 24-Stunden-Wanderung, um den Edersee. Ich hätte noch eine andere, in Berchtesgaden, da wäre die Landschaft natürlich reizvoller…“ Während Stephan redet, habe ich bei Google bereits den Edersee gefunden. Zählt das wohl noch zu den Kasseler Bergen? Aber Berchtesgaden liegt doch in den Alpen? Kommt überhaupt nicht in Frage. „Landschaft ist doch egal, geht doch um’s Erlebnis. Und nachts ist eh dunkel. Und die Anreise zum Edersee ist viel unkomplizierter…“, versuche ich den Schaden zu minimieren. Aber natürlich stehe ich zu meinem Wort – und melde mich an.

In den nächsten Tagen verfluche ich Löffellisten und die Träume der anderen. Welcher Idiot ist auf die Idee mit Löffellisten gekommen? Eine Liste, auf der man festhält, was man vor dem Abgeben seines Löffels noch erleben will, nur um sich die Ideen von der Seele zu schreiben, sie in eine ungewisse Zukunft zu schieben anstatt sich seine Träume zu erfüllen. Seine Träume! Seine Träume!!! Warum laufe ich nun die Löffelliste eines anderen ab? Okay, vielleicht weil ich keine eigene hab. Nicht dass es da nicht genug gäbe, aber eine DINA1-Kreidetafel wäre wahrscheinlich besser bei mir. Zu viele Dinge müssten drauf, zu viele Einträge müssten wieder ausgetauscht werden. Und warum soll ich diejenigen der 194 Länder dieser Erde aufschreiben, in denen ich noch nicht war. Auch so weiß ich: Verdammt viele! Und in der Hinsicht wird mir der Edersee nicht helfen.

Die Situation hellt sich nicht auf, als ich mich näher mit der „24-Stunden-Wanderung“ befasse. Genau genommen heißt sie „Extremwanderung“ und es geht nicht darum, 24 Stunden nach Lust und Laune rumzuspazieren und so weit zu kommen, wie man eben kommt. Die Distanz steht fest. 81 Kilometer. So weit entfernt vom Ziel werden die Busse uns nämlich aussetzen. Doppelte Marathondistanz! Aber mein Gott, ich soll ja nicht joggen, nur wandern! Wenn man sich allerdings das Online-Video anschaut mit dem Interview eines mir völlig unbekannten Wandercracks, der die Route im letzten Jahr in 22 Stunden geschafft hat, bin ich doch froh, dass der Start am frühen Freitag morgen ist und ich im Zweifel erst Montags wieder in Hamburg sein muss. Ob es eine Extra-Wandernadel gibt, wenn ich eine 72-Stunden-Wanderung mache? Also natürlich nicht mit einer größeren Strecke, aber um die 81 Kilometer irgendwie zu überleben …

Als Wanderer bin ich nämlich nicht wirklich erfahren, habe zwar ein paar ausgelatschte Pseudotreckingschuhe, die mit mir schon auf allen Kontinenten dieser Welt waren (wenn auch nirgendwo viel gelaufen), ein paar neue Treckingschuhe, mit denen ich gut zurecht komme und die auch schon 81 Kilometer gelaufen sind. Der linke und der rechte zusammen – ingesamt – seit ich sie vor ein paar Monaten gekauft habe.

Schuhbuffet

Schuhbuffet

Und gestern war ich im Sportladen einer Hamburger Shoppingmall. Hingelaufen – bisher wusste ich nicht einmal, dass neben der Straße ein Fußweg existiert und man nicht einmal Parkgebühren zahlen muss, wenn man ohne Auto kommt. Mit den Treckingschuhen. Hab mir leichtere Wanderschuhe gekauft und bin damit zurück gelaufen.

Zumindest habe ich nun Auswahl. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele „Wanderschuhe“ besessen. Noch nie im Leben bin ich 81 Kilometer gelaufen. Noch nie bin ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht durch gewandert. Und es sind nur noch 6 Tage bis ich bei einer 24-Stunden-Extremwanderung starte …

Aber wer will behaupten, ich sei schlecht vorbereitet für eine 24-Stunden-Wanderung? Ich hab ja ne Stirnlampe, Stephan nicht …

Jens Freyler
Jens Freyler
1Comment
  • claudia freyler
    Posted at 11:46h, 12 September Antworten

    toi, toi, toi….“.these boots are made for walking….“

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