Gemächlich durch die Zeitzonen – mit Speed durch die Landschaft

Gemächlich durch die Zeitzonen – mit Speed durch die Landschaft

Moskau

Die Nacht war kurz, schließlich gab es am Tag vor meiner Abreise noch einen 60. Geburtstag zu feiern. Aber als ich telefonisch geweckt werde, bin ich schon aufgestanden und beim Rasieren. Das haben wir schon mal schlimmer erlebt, wenn ich an den besagten Flug im Januar denke … Im Bremer Bahnhof treffe ich Anique, sie ist ebenfalls auf dem Weg nach Hamburg, nimmt aber einen anderen Zug. Der Airbus hebt halbwegs pünktlich in Fuhlsbüttel ab und gegen 16.00 Uhr landen wir in Moskau-Scheremetjewo. Russlands Hauptstadt liegt unter einer dicken Wolkendecke. Die Passkontrolle dauert bestimmt über eine Dreiviertelstunde und meine Schlange scheint die langsamste zu sein. Meine Grenzbeamtin hat sich einen Mundschutz umgebunden, ist deshalb relativ schwer zu verstehen und hat die Freundlichkeit nicht erfunden. Endlich aller Kontrollen ledig tausche ich etwas Geld und erhalte für einen Euro rund 60 Rubel. Dann geht es mit dem Aeroexpress ins 30 Kilometer entfernte Zentrum und anschließend vom Bahnhof Beloruskaja mit der Metro zum Ziel. Einmal muss ich die U-Bahn-Linie wechseln und leide beim endlosen Marsch durch die langen unterirdischen Gänge unter dem Gewicht meines Rucksacks doch erheblich. Alfia, eine Mitarbeiterin der Reiseagentur, wartet bereits in der Lobby und händigt mir die reservierten Zugtickets aus. Mein Zimmer im Hotel „Ismailovo Alfa“ befindet sich im 19. Stock. Eine, der englischen Sprache nicht mächtige und sehr unfreundliche, Frau erklärt mir die Handhabung des Safes.

Nach einem guten Frühstück, bei dem wir von einem echten Klavierspieler unterhalten werden, fahre ich anderntags wiederum mit der Metro ins Zentrum und bemühe mich beim Bolschoitheater um eine Karte für die heutige Vorstellung, aber es ist alles ausverkauft. Auch Alfia hat mit ihren Bemühungen keinen Erfolg. Der Rote Platz ist weiträumig bis 15.00 Uhr gesperrt. Später erfahre ich, dass dort eine Zeremonie stattfindet. Vor 70 Jahren war in Russland der Zweite Weltkrieg zu Ende und das muss entsprechend gewürdigt und gefeiert werden. Ab und zu ist Blasmusik zu hören. Auch der Alexandergarten und der Manegenplatz sind momentan nicht zugänglich. In der Ferne leuchtet die goldene Kuppel der Christ-Erlöser-Kathedrale. Pünktlich wird der Zaun entfernt und die Zuschauer, vorneweg Veteranen in Uniform, stürzen durch das Auferstehungstor auf den schönen Platz. Handwerker sind dabei, die Zelte abzubauen. Links die Kasaner Kathedrale und das legendäre Kaufhaus GUM, rechts das Lenin–Mausoleum zwischen dem Erlöser- bzw. Spasskij- und dem Nikolaus–Turm und gegenüber in der Mitte besagte Kirche mit den wunderschönen Zwiebeltürmen. In der Basilius-Kathedrale bleibe ich nur kurze Zeit, dafür sehe ich sie mir von draußen immer wieder an und bin begeistert von den Formen, von den Farben und der Anordnung der Türme, selten hat mich ein Bauwerk so fasziniert. Iwan der Schreckliche, so lese ich im Reiseführer, ließ die Baumeister nach Fertigstellung blenden, damit sie nie mehr in der Lage waren, noch einmal ein so außergewöhnlich schönes Bauwerk herzustellen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Roten Platzes sieht man das Historische Museum. Seitlich an der Kremlmauer befinden sich drei der insgesamt 18 Türme.
Im Kaufhaus GUM bemühe ich mich, ohne Erfolg, um eine Batterie für meine Armbanduhr. Beim Fahren mit der Metro merke ich, dass mir die kyrillischen Buchstaben doch mehr Mühe als erwartet bereiten. Alle Ansagen und Einblendungen erfolgen ausschließlich in russischer Sprache. Viele Menschen, die ich anspreche, verstehen kein Englisch und können mir deshalb nur bedingt weiterhelfen. Dafür meint es aber der Wettergott besonders gut und ich schätze, dass über 25 Grad auf dem Thermometer angezeigt werden. Abends halte ich mich in der Hotelgegend auf, außer meinem gibt es auch noch die gleichnamigen Häuser mit den Zusätzen „Beta“, „Gamma“ und „Delta“. Eine hübsche Frau verspricht mir eine aufregende Nacht, auch später im heimischen Foyer wird mir ein entsprechendes Angebot unterbreitet.

Den letzten Tag vor der Abfahrt verbringe ich ruhig, besuche den nahen Ismailowski Park mit seinen Spielplätzen, Karussells und Hüpfburgen. Aber auch ein Riesenrad und ein See, auf dem gerudert werden darf, schmücken die Anlage. An einer Wand hängen Bilder, die u.a. den Einmarsch der russischen Soldaten in Berlin zeigen, ob das in der heutigen Zeit wohl noch angemessen ist? In der Ferne lockt der Ismailowski Kreml mit seinen bunten Fassaden und Holzgebäuden. Langsam schlendere ich dorthin und beobachte viele Hochzeitspaare, die in riesigen Limousinen heranchauffiert werden, um sich hier fotografieren zu lassen. Im Kreml selbst gibt es ein Touristenbüros und zahlreiche Souvenirshops, Fotoläden etc.

In einem nahen Kaufhaus habe ich Glück und ein Uhrmacher setzt mir eine neue Batterie in mein Chronometer ein, danach esse ich eine Kleinigkeit und ruhe mich etwas in der Hotellobby aus. Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn plötzlich werde ich von einem Security unsanft geweckt. So schnappe ich mein Gepäck und fahre zum Jaroslawer Bahnhof, mit der Metro, versteht sich, schließlich habe ich noch ein paar Fahrten auf meiner Chipkarte frei. Doch auch auf dieser Strecke muss einmal umgestiegen werden und ich bin froh, als ich endlich das Ziel erreiche.

Die Fernreisezüge werden draußen etwas abseits des Hauptgebäudes abgefertigt. Auf dem Dach prangt ein großes Schild mit Hammer und Sichel. Eine riesige Tafel zeigt an, auf welchem Bahnsteig der jeweilige Zug abfährt – aber erst eine gute halbe Stunde vorher. Mich stört es nicht, im Gegenteil, ich genieße die Vorfreude, trinke ein Bier und freue mich in dieser lauen Sommernacht auf die nächsten Tage. Viele Jahre hatte ich von dieser Reise geträumt. Einmal die Traditions- oder Kultstrecke von Moskau bis Wladiwostok mit der Transsibirischen Eisenbahn ist ein Wunsch, der immer an Stärke gewonnen hat. 1987 war ich von Peking bis Moskau gefahren, allerdings direkt und ohne Zwischenstopp, abgesehen von den 20-minütigen Aufenthalten auf den einzelnen Bahnhöfen. Damals musste ich die transmandschurische Strecke wählen, denn für die Mongolei hätte ich ein Visum benötigt, und das war aus Zeitgründen nicht möglich. Gern denke ich an diese Fahrt zurück, sie war für mich ein einmaliges Erlebnis. Kurz vor Mitternacht steht der Zug Nr. 100 zum Einstieg auf Bahnsteig drei bereit.
In der Transsib I

Freundliche Menschen zeigen mir das richtige Abteil und die Zugbegleiterin bringt mich an meinen Platz. Ein Ausländer, der seine Fahrkarte im Internet gebucht hatte, scheint Probleme zu haben, denn drei Schaffner kümmern sich um ihn. Später sehe ich ihn aber doch im Zug. Mein Abteilnachbar heißt Andreji, er ist bei der Bahn beschäftigt, fährt deshalb kostenlos bis Wladiwostok, spricht ein paar Brocken Englisch und ist mir beim Beziehen des Bettes behilflich. Danach geht er zum Trinken zum Nachbarn. Sein Proviant besteht u.a. aus sechs Flaschen Hennessy, denn, so erklärt er mir: „Russen müssen trinken“. Gegen sechs Uhr morgens scheint das Gelage beendet zu sein, jedenfalls kommt er zurück und legt sich hin. Unser Abteil ist recht spartanisch eingerichtet, die Wagen scheinen 40 Jahre alt zu sein und von Komfort kann nur geträumt werden. In der ersten Nacht schlafe ich nicht besonders gut, mangels eines zweiten Kissens nehme ich mein Daypack als Kopfunterlage. Vor 28 Jahren fand ich diese nüchterne Ausstattung spannend, wie sich die Zeiten doch ändern. Das Reisen mit der Transsib ist und bleibt ein Abenteuer. Ein Samowar mit heißem Wasser steht nach wie vor hinter dem Eingang zur Verfügung, eine Toilette mit Waschgelegenheit am Anfang und Ende des Wagens. Zunächst habe ich Probleme mit dem fließenden Wasser, ich kann an den Hähnen drehen so viel ich will, kein Tropfen lässt sich sehen. Schließlich zeigt mir die Zugbegleiterin, wie es funktioniert, man muss nur den Hahn hoch drücken und schon tröpfelt das edle Nass heraus. In den Bahnhofsbereichen bleibt die Toilette verschlossen, denn alles was durchs Klosett „geschickt“ wird, landet auf den Schienen – natürlich nicht biologisch oder chemisch aufbereitet.

Zum Frühstück gehe ich am nächsten Morgen in der Nähe von Galisch, wo wir einen Moment halten, in den Speisewagen. Hier bin ich, warum auch immer, einziger Gast, die Preise scheinen den russischen Passagieren nicht zu behagen, ich halte sie für relativ moderat. Schade nur, dass auch hier die Bedienung kein Englisch spricht. Dafür ist die Speisekarte aber teilweise bebildert oder mit englischer Erklärung versehen. Tip wird nicht angenommen. Andreji holt sich später zum Frühstück Wasser aus dem Samowar und bereitet sich eine Kartoffelsuppe. Tütensuppen sind bei den russischen Mitreisenden sehr beliebt, in einem der nächsten Bahnhöfe werde ich mir auch eine kaufen. Es schmeckt nicht schlecht und ist sehr nahrhaft. Ein Mann aus dem Nachbarabteil versucht ein Gespräch mit mir, aber wir kommen nicht sehr weit damit und ich ärgere mich, dass ich meinen russischen Sprachführer vergessen habe. Einmal fällt auch das Wort „Stalingrad“. Nachmittags begegnen wir uns wieder, aber er nuschelt nur noch. Wenn einer eine Reise macht ….

Auf dem Bahnhof Scharia werden Erd- und Bickbeeren von einheimischen Bauern verkauft, die oft zitierten und abgebildeten Babuschkas mit ihren Schürzen oder Kitteln habe ich selten oder gar nicht gesehen. Ein Mitreisender meint, dass dieser Handel auf den Bahnsteigen auch verboten sei. Es ist heiß und stickig, der schwachen Aircondition wird alles abverlangt. In einem Kiosk kaufe ich Kekse und Wasser. Zwei sympathische Zugbegleiterinnen, leider sprechen sie auch nur sehr wenig Englisch, sind für uns zuständig, etwas Kontakt habe ich zu Anastasia, die ich auch Nastja nennen darf. Von ihr erwerbe ich eine übliche Transsib-Tasse und einen Teebeutel, das Wasser ist ja umsonst.

Wenn wir durch Ortschaften fahren, wundere ich mich bei den Bahnübergängen immer über aus der Fahrbahn hochkommende Platten, die zusätzlich zur Schranke noch Sicherheit gewähren. Gegen Abend erreichen wir Kirov. Hier versorge ich mich am Bahnhofskiosk mit ein paar Dosen Baltika-Bier. Es schmeckt sehr gut und ist etwas preiswerter als im Speisewagen. Nastja bittet mich, das Bier in die Tasse zu füllen, da man öffentlich keinen Alkohol trinken soll. Dann fahren wir endlos lange durch die Taiga. Im Speisewagen ist nicht viel los, zum Abendessen gönne ich mir Gulasch mit Reis. Andreji lädt mich später noch auf ein paar Gläser Hennessy ein, sein gleichnamiger Trinkkollege aus dem Nachbarabteil ist mit von der Partie.

Diese nächste Nacht habe ich gut geschlafen, mein Daypack als weiteres Kissen hat sich bewährt. Dabei habe ich gar nicht mitgekriegt, dass zwei Personen zugestiegen sind. Eine längere Pause wird in Jekaterinburg eingelegt, neben uns wartet der Zug Brest-Nowosibirsk. Im Restaurant scheint das Wechselgeld zur Neige zu gehen, denn beim Bezahlen des Frühstücks wird mir statt Kleingeld ein Riegel Snickers ausgehändigt. Es ist kühler geworden. Kurz nach dem Aufwachen habe ich zwar etwas vom Ural gesehen, aber nicht den Stein bei Kilometer 1.777, der die Grenze Europa-Asien symbolisiert. Jetzt sind wir also in Asien. Lange Zeit fahren wir durch die Taiga mit ihren endlosen Nadelbaumwäldern. In Tjumen sind wir schon zwei Zeitzonen weiter und dürfen die Uhr von 15.00 auf 17.00 stellen, wenngleich die Zugangaben auf den Bahnhöfen und auf den Fahrplänen immer noch in Moskau-Zeit angegeben werden. Das soll einer verstehen! Ab jetzt befinden wir uns in Sibirien.

Im Gang sind zwei Steckdosen angebracht, die meistens belegt sind, schließlich hat auch in Russland jeder Mensch ein Handy. Eine sympathische Mitreisende versucht, ein Gespräch mit mir zu beginnen, jedoch es scheitert an der Verständigung – wie schon so oft zuvor. Häufig fällt das Wort „Baltikum“, aber ich glaube nicht, dass sie aus einem dieser Länder kommt. Im Speisewagen treffe ich abends einen Franzosen, der seinen Zug verpasst hat und hofft, einen Flug von Novosibirsk nach Irkutsk zu erhalten.
Abends habe ich noch einmal viel Spaß mit den beiden Andrejis, der jüngere aus dem Nachbarabteil hatte mittags, so scheint mir, schon glasige Augen. Erstaunlich, wie nun ein paar Dosen Baltika und einige Gläser Hennessy die non verbale oder beschränkt verbale Unterhaltung fördern können. Auch die Zugbegleiterin Anastasia ist zeitweise mit von der Partie und amüsiert sich ebenfalls. Zur Stärkung reicht Andreji uns ein paar Scheiben Blutwurst.

In Novosibirsk wache ich am nächsten Morgen auf, die Fahrt über den Fluss Ob habe ich leider verschlafen. Jetzt sind wir komplett im Abteil, Mutter und Tochter mit Hund sind zugestiegen, sie fahren bis Tschita. Gegen Mittag im Ort Taiga ärgere ich mich über die vielen unangenehmen kleinen Fliegen auf dem Bahnhof und flüchte lieber in den Zug.
Abends erlebe ich beim Abendbrot einen wunderschönen Sonnenuntergang, schlafe aber nicht sehr gut, weil Andreji und seine Kumpane teilweise auch in unserem Abteil ihrer „Nachtarbeit“ nachgehen. Pünktlich auf die Minute erreichen wir am nächsten Morgen Taischet. Die ersten 4.500 Kilometer sind geschafft!
Taischet

Diesen Aufenthalt hatte ich bereits im Vorfeld gebucht. Alexeji und sein Sohn Artjun warten schon im Bahnhof und fahren mich dann in das Dorf Birjusa, am gleichnamigen Fluss gelegen. Es scheint sich um Bekannte meines Reiseagenten zu handeln, denn Reisende, die ich später treffe und hier ebenfalls gebucht hatten, waren auch in diesem Dorf. Alexeji begrüßt mich gleich mit der Bemerkung, nicht gut Deutsch oder Englisch sprechen zu können. Er fährt mich zu seinem Haus, das von einem sehr schönen bunten Garten geschmückt wird, und zeigt mir mein Zimmer. Mittlerweile bereitet Ehefrau Tatiana ein leckeres Frühstück. Dann werde ich zum Fluss gefahren, wo Schwager Ivgenij kurze Zeit später mit seinem Boot anrauscht. Er ist sehr freundlich und bemüht, erklärt mir einiges, vermag mir aber keine Frage zu beantworten, weil er mich einfach nicht versteht. Hier ist tatsächlich noch viel Luft nach oben.

Wir fahren den Fluss entlang, suchen unter einigen Bäumen Schutz vor dem hereinbrechenden Regen und halten dann an einer Stelle, wo Ivgenij versucht, mit einem Netz Fische für das Mittagessen zu fangen, leider ohne Erfolg. Auch die späteren Versuche enden ergebnislos. Was soll´s, wir legen an und kochen Tee auf einem Lagerfeuer. Dazu gibt es Brot, Tomaten, Pilze und Kartoffeln, und alles selbst gepflückt oder aus eigenem Garten. Ein tolles Mahl, wenn da nicht die Moskitos wären, zwar hat Ivgenij ein Spray dabei, aber es ist nur eine kleine Hilfe.

Nach dem leckeren Mittagessen folgt eine Exkursion über die Taiga und wir klettern einen rutschigen Hang hinauf. Leider habe ich nur Straßenschuhe an, denn auf diese Aktivität war ich nicht vorbereitet. Mein Begleiter zeigt mir Elchspuren, wilden Thymian und erklärt mir die Heilkraft des Birkenwassers. Hier scheint die Natur noch sehr gesund zu sein, denn weit und breit ist keine Industrie, geschweige denn ein Fabrikschornstein, zu sehen. Ein Adler zieht über uns seine Bahnen. Leider kommt es auch in dieser Region wegen weggeworfener Zigarettenkippen oder vergessener Flaschen zu Waldbränden. Oben angekommen haben wir eine tolle Aussicht auf Sibirien. Am Ufer des Flusses halten sich viele Menschen auf und machen Picknick.

Zurück im Ort nimmt mich Tatiana, nicht die Ehefrau, sondern eine gut Englisch sprechende Dame aus Birjusa, unter ihre Fittiche und zeigt mir das Dorf. Holzhäuser in blauer und grüner Farbe bestimmen das Bild. Das Grün soll den Frühling symbolisieren und während der langen Wintermonate einen Kontrast zum weißen Schnee bilden. Der 650 Einwohner zählende Ort hat Probleme, junge Leute oder Familien an sich zu binden und wirbt mit interessanten Angeboten, um diese Menschen hier zu behalten. Die meisten Einwohner arbeiten in Taischet bei der Bahn, denn die Stadt liegt an einem Eisenbahnknotenpunkt. Hier kreuzen sich die Transsib und die BAM, die Baikal-Amur-Magistrale.

Früher vor der Perestroika fuhren regelmäßig Busse in die Stadt, jetzt ist man auf das Auto angewiesen, über das viele der zumeist alten hier lebenden Personen nicht verfügen. Auch sollen nach dem politischen Wechsel viele Männer arbeitslos geworden sein und im Alkohol Trost gesucht haben. Nach der Rückkehr bittet Alexeji mich ins Dampfbad, ein wahrer Genuss nach den Tagen im Zug!

Beim hervorragenden Abendessen, Bratkartoffeln, Salat, Pilze, Saft und Tee, erfahre ich, dass das Thermometer in dieser Gegend im Sommer auf plus 35 Grad steigt und im Winter auf minus 40 Grad, in extremen Jahren sogar auf minus 55 Grad fällt. Kinder haben im Sommer drei Monate Ferien. Schade, dass die beiden Männer zwar einiges erklären, aber nicht auf bestimmte Fragen aus beschriebenen Gründen eine Antwort geben können, dann wäre dieser Abstecher noch interessanter geworden. Gegen 21.00 Uhr bringt mich die Familie zurück zum Bahnhof. Der Zug Nr. 70, Moskau-Tschita, fährt pünktlich vor und hat nur einen Aufenthalt von drei Minuten. Schnell suche ich mir meinen Platz. Heute teile ich das Abteil mit zwei sympathischen Damen aus Schweden. Sie sind schon ein paar Tage unterwegs, haben wegen der starken Hitze von der 3. in die 2. Klasse gewechselt, sind auf dem Weg zum Baikalsee und von dort nach China. Ich bin froh, wieder einmal eine nette Unterhaltung führen zu können und lade Emma und Marlin zu einem Drink in den Speisewagen ein. Hier sind wir längst nicht die einzigen Gäste und dieser Wagon ist auch wesentlich moderner und ansprechender. Es wird ein lustiger Abend.

Am nächsten Morgen werden wir mit einem kleinen Tütenfrühstück überrascht und pünktlich um 8.30 Uhr fahren wir, nachdem wir die Angara überquert haben, in den Bahnhof von Irkutsk ein.
Irkutsk

Mein Abholer wartet am Bahnsteig und fährt mich zum Hotel „Victoria“, nahe der Karl-Marx-Straße gelegen. Im Hotel erhalte ich weitere Instruktionen bezüglich der morgigen Weiterfahrt zur Baikalinsel Olchon. Warum ein Bügelbrett vor meiner Hotelzimmertür steht, werde ich wohl nicht in Erfahrung bringen. Meine Unterkunft liegt ideal im Zentrum der Altstadt und so habe ich keine Probleme, die markanten Punkte schnell und zu Fuß zu erreichen. Wie weißer Schnee oder weiße Watte rieseln die Baumblüten herab. Der Franzose aus der Transsib wohnt ebenfalls in meinem Hotel. Irkutsk gefällt mir, hier ist es ruhiger als in Moskau, oder liegt es nur daran, dass heute Sonntag ist? In den vom Reiseführer empfohlenen Lokalen bin ich, von ganz geringen Ausnahmen abgesehen, einziger Gast. Allerdings hätte ich im „Bierhaus“, wo ein Mann mit Tirolerhut die Gäste empfängt, auch nichts verzehrt. Das Wetter ist herrlich, hatte es gestern noch ab und zu geregnet, so freue ich mich heute den ganzen lieben langen Tag über warmen Sonnenschein. Laufe an der Leninstatue vorbei, sehe mir das Theater an. verweile dann am Fluss und erfreue mich an den Wasserspielen. Am großen Platz mit dem Obelisken machen Eisverkäufer ein gutes Geschäft. Eine Hüpfburg ist vorhanden, Reitpferde können gemietet werden.

Leider hat meine Armbanduhr wieder ihren Geist aufgegeben, liegt es an der neuen Batterie? Im Kaufhaus erwerbe ich ein neues Exemplar und erhalte dazu diverse Garantie- und andere Kaufbelege. Zum Abendesse im gemütlichen Sineschinka wähle ich Zagudai, einen Salat mit eiskaltem heimischem Fisch. Die freundliche Serviererin kann mir leider nicht erklären, um welche Fischsorte es sich handelt. Tage später erfahre ich, dass es sich um Sig handelt.

Irkutsk, auch „Paris des Ostens“ oder „Perle Sibiriens“ genannt, gefällt mir. Die Stadt mit ihren rund 600.000 Einwohnern vermittelt einen angenehmen Eindruck. Hier wäre ich gern noch ein paar Tage geblieben. Schöne Gebäude, wie der Bahnhof, das Weiße Haus oder bestimmte Kirchen, verleihen der Stadt ein sehr angenehmes Flair und die Lage an der Angara bestimmt den Gesamteindruck natürlich ebenfalls.

Am nächsten Morgen werde ich pünktlich zur Fahrt an den Baikalsee abgeholt. Mit mir teilen sich vier Chinesen und acht Russen die Plätze im Minibus. Die Fahrt ist recht angenehm, einmal wird eine Pause eingelegt. Verwundert nehme ich zur Kenntnis, dass die Bedienung im Café keinen 500-Rubel-Schein wechseln kann und erst zur Tankstelle gehen muss. Pferde und Kühe laufen auf der Straße und kümmern sich nicht um die Vorfahrtszeichen. Weit, karg und hügelig, so empfinde ich die Gegend. Kurz vor 14.00 Uhr und nach dreieinhalbstündiger Fahrt erreichen wir den Hafen, schnappen unser Gepäck und warten auf die Fähre. Die Überfahrt dauert eine gute Viertelstunde, dann werden wir auf andere Busse verteilt und zur jeweiligen Unterkunft gefahren.
Insel Olchon

Auf staubigen und holprigen Sandstraßen geht es zur Unterkunft im Hauptort Chuschir. Die vier Chinesen aus dem Bus wohnen zusammen mit mir im „Baikal Minihotel“, 15 Minuten vom Zentrum entfernt, aber nahe am phänomenalen Sandstrand. Unter den Bäumen, mit absolut einmaligem Blick auf den See, stehen ein paar Zelte. Die Hotelanlage besteht aus Holzhäusern, rustikal aber gemütlich. Dusche und WC muss ich mit anderen Reisenden teilen. WLAN wird zwar angeboten, aber an den vier Tagen meines Aufenthaltes funktioniert es nicht. Ich gehe in den Ort, decke mich im Supermarkt mit Lebensmitteln ein und peile die Lage. Busausflüge sind möglich. Im Zentrum gibt es etliche Cafés, besonders beliebt ist das „Kudnieza“, weil hier der Internetempfang häufig möglich ist. Ein Internetcafé ist aber auch vorhanden, Souvenirshops und Touranbieter warten auf Kundschaft. Irina, die Hotelrezeptionistin, will sich um meine dreckigen Hemden kümmern. Auch hier, warum erwähne ich es überhaupt, rudimentäre Englischkenntnisse. Mein Abendessen nehme ich auf der Terrasse des Hotels ein: Brot, Mettwurst, Bananen und Baltika. Einige Gäste, darunter eine Gruppe junger Franzosen, essen im Hotelrestaurant. Leider hat es nur während der Mahlzeiten geöffnet und eine Bestellung à la Carte ist nicht möglich.

Hier nehme ich am nächsten Morgen mein Frühstück ein: Brot, Pfannkuchen und Kaffee. Auf den Brei verzichte ich. Dann gehe ich zum Internetcafé, das in einem Wohnwagen untergebracht ist, und bearbeite meine Emails und den Blog. Grigorij, der Inhaber, spricht gut Deutsch, er arbeitet als Deutschlehrer und war schon einmal mit dem Auto in Deutschland. Auch Bremen hat er damals besucht. Seine Frau betreibt nebenan in einer Jurte ein Souvenirgeschäft. Ich bin froh, ihn getroffen zu haben, kann ich doch so alle meine Fragen formulieren und meinen Wissensdurst stillen. Nachmittags regnet es. Bei einem Anbieter buche ich eine Tour für den nächsten Tag und gehe danach an den weißen Sandstrand. Drei mobile Saunawagen werden gerade aufgeheizt. Aus der Ferne dachte ich, es handele sich um Fischräuchereien. Dann sehe ich mir den Schamanenfelsen Mys Burchan an, das wohl meist fotografierte Objekt des Ortes. Es soll sich um eines der wichtigsten burjatischen Heiligtümer handeln. Auf der Herfahrt hatten wir schon andere schamanische Gedenkstätten, zu erkennen an den bunten Stofffetzen, gesehen. Ein paar Touristengruppen sind unterwegs. Dicke Wolken ziehen auf und ich beeile mich, in den Ort zu kommen. Unterwegs werde ich von einer Frau nach dem Weg gefragt. Wir gehen zusammen in ein Café, unterhalten uns angeregt und warten das Ende des Regens ab. Einmal fällt der Strom aus. Meine Gesprächspartnerin kommt aus der Gegend von Novosibirsk, spricht gut Englisch und ist mir bei der russischen Speisekarte behilflich. Der Vater ihres Freundes war als Soldat in Berlin und sammelt Bierdosen. Später treffen wir uns noch einmal im „Kudnieza“. Hier bestelle ich heimischen Weißfisch auf Toast.
Abends schreibe ich Ansichtskarten auf der Terrasse, nebenan grillen ein paar Russen Fisch und es riecht sehr verführerisch.

Nach dem Frühstück warte ich anderntags auf den Bus, der mich zur Inselrundfahrt abholt. Eine Russin, die mit zwei Freunden aus Moskau ebenfalls die Tour plant, bittet mich in den gerade ankommenden Minibus. Aber es ist der falsche, doch das Problem ist schnell geklärt und fünf Minuten später sitze ich im richtigen Fahrzeug. Unser Reiseleiter heißt Igor, er lässt sich auch gern mit George anreden. Die Gästeschar besteht außer mir aus acht Russen und Denis aus Südkorea. Er hat Theologie studiert und eine Arbeitserlaubnis für Dänemark, weiß aber noch nicht, in welcher Branche er später tätig sein wird. Über sandige und holprige Pisten, manchmal durch einen halben Meter tiefe Schlaglöcher, brausen wir durch den Nadelwald oder über die Steppe. Insgesamt werden fünf Stopps eingelegt, an schamanischen Orten oder an Stellen mit grandioser Aussicht auf das Meer, auf die schroffen Steilküsten oder die weißen Strände.
Zunächst halten wir in Charantzy, wo sich vor der Revolution eine buddhistische Anlage befand. Ein freundlicher Moskauer, der auch etwas Englisch spricht, leiht mir sein Fernglas. Aber es ist diesig und eine Fernsicht momentan nicht möglich. Weiter geht es bis Pestschanaja, was etwa „viel Sand“ bedeutet. Hier befand sich früher ein Gulag, wohin in der Stalin-Ära Polen, Ukrainer, Letten und andere deportiert wurden. Dann wird es steiler und es geht bergauf. Der Fahrer muss mit äußerster Genauigkeit und Präzision zwischen dem Fahrweg und den tiefen Rinnen lavieren. Ein normaler PKW hätte hier keine Chance. Der nächste Stopp erfolgt im so genannten White Cape „Sagan Hushbun“, wo früher ebenfalls Schamanen lebten. Danach kommen die „Drei Brüder“, drei große Felsen, die abgesondert vor der Steilküste stehen. Eine Legende rankt sich um diese Felsengruppe. Hier spricht mich eine russische Reiseleiterin an, wir hatten uns gestern beim Schamanenfelsen getroffen. Als sie hört, dass ich allein von Moskau nach Wladiwostok reise, ohne einer Gruppe anzugehören, schüttelt sie ungläubig den Kopf und sagt wortgetreu: Tapfer, tapfer! Mir kommt es nicht riskant vor. Schließlich erreichen wir die Nordspitze, das Cap Choboi, einen heiligen Ort, und staunen über die Steilküste und das unglaubliche Panorama. An einer Stelle können wir fette Baikalrobben beobachten. Zum Mittagessen gibt es eine Fischsuppe vom heimischen Omulfisch und eine Tasse Tee. Denis und ich erhalten von Igor, wenn wir danach fragen, eine Spezialinfo auf Englisch. Nachdem wir uns noch das Cape of Love angesehen haben, hierher kommen kinderlose Paare und erhoffen sich Nachwuchs, denn die Felsformation sieht aus, wie eine empfangsbereite Frau, fahren wir in das Dörfchen Usuri, wo es früher eine Wetterstation gab.

Zurück in Chuschir gönne ich mir in einem Lokal einen leckeren Räucherfisch und werde, zurück im Hotel, von Nikolai eingeladen, an den Tisch seiner Familie zu kommen. Er hat den Grill angeworfen, spricht gutes Englisch und so verleben wir einen sehr lustigen Abend. Nikolai und seine Frau Helena haben Ökonomie studiert, wohnen in Irkutsk und sind mit dem PKW hergefahren. Zur Familie gehören noch die kleine Alexandra (Sascha) und der fünf Monate alte Artjun. Mein Gastgeber zieht das in Russland gebraute Amstel-Bier dem Baltika-Bier vor, ich bin da eher anderer Meinung.

Der Baikalsee, burjatisch reicher See, ist mit 1.642 Metern der tiefste und mit mehr als 25 Millionen Jahren der älteste Süßwassersee der Erde. Seine Länge beträgt 636 Kilometer, die Breite bis zu 80 Kilometer. Er wird von über 300 Flüssen gespeist. Mit über 20.000 Kubikkilometern Wasser, doppelt so viel wie die Ostsee, bräuchten alle Flüsse der Erde ein Jahr, um den See zu füllen. Er deckt 20 Prozent des gesamten Süßwasserbestandes der Erde ab. Im Winter bedeckt eine bis zu 1,50 Meter dicke Eisschicht den See. 22 Inseln befinden sich im Baikal, die größte davon ist Olchon mit 90 Kilometer Länge und 15 Kilometer Breite. Etwa 1.500 Einwohnern leben hier, davon 1.200 im Hauptort Chuschir.

Am nächsten Morgen bittet Irina uns, nur das Plumpsklosett zu benutzen, auf der Insel herrscht Stromausfall. Im Hotel treffe ich Alexandra aus Essen, sie und ihr Freund sind mit dem bisherigen Ablauf der Reise nicht ganz zufrieden. Sie hatten ihren Urlaub bei derselben Bremer Firma wie ich gebucht. Mittags ist der Strom wieder da und ich gehe zum Internetcafé und erledige meine Post. Hier gebe ich auch die Ansichtskarten ab, denn Grigorijs Frau besorgt Briefmarken und kümmert sich darum. Später, zurück in Deutschland, denke ich lange Zeit, dass die Karten nicht ankommen und sie das Geld für die Briefmarken eingesteckt hat. Aber das stimmt nicht. Zehn Tag nach meiner Rückkehr liegen auch die Ansichtskarten im Briefkasten. Wie steht es schon in der Bibel: Die Letzten werden die Ersten sein.
Im Ort kehre ich wieder auf ein Bier in ein schon bekanntes Lokal ein. Die Dorfpolizei sitzt an einem Tisch und stärkt sich.

Abends verweile ich wieder mit Nikolai auf der Terrasse, er hat sich inzwischen meine Website und den Blog angesehen und ist ganz begeistert, dass auch er darin vorkommt. Nebenan wird ebenfalls gegrillt und die Lautstärke schwillt zunehmend an. Als Nikolai nach seiner Familie schaut, werde ich an den Tisch gebeten. Sechs Russinnen und ein Russe aus Irkutsk, Moskau und Sankt Petersburg, wir waren uns in den letzten Tagen immer mal begegnet, essen und trinken – oder umgekehrt. Eine Frau spricht ganz wenig Deutsch, sie kann fast keine meiner Fragen beantworten, dafür aber den Text des Loreley-Liedes „Ich weiß nicht was soll es bedeuten …“ fehlerfrei aufsagen, eine andere versteht etwas Englisch, aber was macht das schon. Einer kennt Werder, der andere Becks, sofort gibt jeder sein Wissen über Bremen zum Besten. Nikolai sitzt mittlerweile auch an unserem Tisch und ist ein vorzüglicher Übersetzer. Die Wodkagläser werden immer nachgefüllt, auf Gott und die Welt angestoßen, aber auch auf Deutschland und mich. Einfach grandios. Dann schleiche ich mich heimlich davon, um am nächsten Morgen auf der Rückfahrt nicht allzu verkatert zu sein. Wer kann schon wissen, dass meine Kumpane ebenfalls im Bus sind, jedenfalls sechs davon, sie haben Abschied gefeiert und bestimmt nicht an die Rückfahrt gedacht. Mit Sicherheit können sie den Wodka besser vertragen als ich.
Es ist sehr heiß im Bus, den Fahrer kenne ich schon, er hatte uns vor Tagen von Irkutsk zur Fähre gebracht. Dieses Mal brauchen wir den Bus nicht zu wechseln. Die Überfahrt dauert etwa 15 Minuten und dann, endlich mal wieder auf Teerstraßen, geht es geradeaus nach Süden. Kühe und Pferde suchen Schatten unter dem Dach einer Bushaltestelle. Am Bahnhof Irkutsk werden wir abgesetzt, mein Zug geht in gut vier Stunden, aber eine Frau muss lange acht Stunden auf ihre Weiterfahrt nach Sankt Petersburg warten.
In der Transsib II

Mein Nachbar im Zug Nr. 8 heißt Wladimir, er fährt bis Chabarowsk und spielt ebenfalls Saxofon. Mich treibt es in den Speisewagen und während ich so vor mich hin pfeife, ohne es selbst zu merken, kommt die hübsche Bedienung Juliana und bittet mich, das Lied zu wiederholen. Sie möchte es mit ihrem Smartphone aufnehmen. Wer kann diesem Charme schon widerstehen. Auf der Angara sitzen oder stehen Männer in ihren Booten und fischen.

Am nächsten Morgen frühstücke ich im Speisewagen, ein russischer Mitreisender ist schon sternhagelfröhlich. Mittagessen wird ausgeteilt: Hühnersuppe, Fleisch und noch etwas. Ich habe diesen Service nicht erwartet, geschweige denn davon gewusst.
Kurz vor 14.00 Uhr erreichen wir Tschita, jetzt haben wir schon wieder eine Zeitzone geschafft und in Moskau ist es sechs Stunden früher. Eine Kirche mit goldenen Kuppeln steht uns genau gegenüber. Stundenlang fahren wir am Fluss Ingoda entlang, einige Männer halten sich am Ufer auf und angeln. Am späteren Nachmittag erreichen wir Karymskaya. Auch hier freue ich mich, eine schöne orthodoxe Kirche als Fotomotiv zu bekommen. In dieser Gegend etwa muss die transmandschurische Strecke auf die Transsib stoßen, wenn es denn 1987 so gewesen ist, ab jetzt beginnt also absolutes Neuland. Viele Mitreisende verpflegen sich morgens und abends mit Tütennahrung, im Samowar steht ja jederzeit heißes Wasser zur Verfügung, oder bestellen etwas aus der Speisekarte und lassen es sich im Abteil servieren. Tagsüber geht Juliana mit einem Tablett durch die Waggons und verkauft Pizza, Piroggen oder Kuchen. Ich setze mich lieber in den Speisewagen. Später bei der Abrechnung kommt es zu leichten Irritationen, denn ich habe aus der Speisekarte Herbst 2014, die einen kleinen englischen Teil enthält, bestellt, abgerechnet wird aber nach der aktuellen von Frühling 2015. Und hier sind die Preise um 25 Prozent teurer. Inessa, eine Englischlehrerin, mit der ich den nächsten Abend verbringen werde, schlichtet die Situation. Einen Tag später sind die Preise auf der englischen Karte durchgestrichen.

In diesem Zug Nr. 8, Nowosibirsk bis Wladiwostok, wird, wie oben beschrieben, Mittagessen serviert: Hühnersuppe vorweg, dann Schweinefleisch mit Reis, Beefsteak mit Nudeln und Gulasch mit Nudeln, dazu jeweils 3-4 Maiskörner und 8-10 Erbsen. Es schmeckt aber ganz passabel. Nachmittags in Magdagaschi zeigt das Thermometer wieder 30 Grad an. Bäume, Bäume, Bäume, ich glaube, in diesen Tagen sehe ich mehr Bäume als ein in Ehren ergrauter deutscher Revierförster während seiner gesamten Dienstzeit. Einige Stunden und ein paar Millionen Birken später überqueren wir den Fluss Zeja in der untergehenden Sonne, es ist ein schönes Bild. Abends erzählt mir Inessa aus ihrem Leben. Sie arbeitet als Englischlehrerin und verdient monatlich 20.000 Rubel. Für ihre Zweizimmerwohnung muss sie 5.000 Rubel bezahlen. Ihre Familie hat ein gutes Auskommen, da ihr Mann ebenfalls berufstätig ist und mehr verdient als sie. Sie erzählt mir außerdem, dass der Staat Familien mit drei und mehr Kindern mit 400.000 Rubel unterstützt.

Am letzten Morgen im Zug weckt mich Wladimir gegen 7.30 Uhr, damit ich den Fluss Amur vor Chabarowsk nicht verpasse. Eine riesige Brücke überspannt das Wasser. Vasilij, der noch bis Wladiwostok mitfährt, lockt mich ein paar Schritte vom Bahnhof weg, damit ich einen Blick auf die Stadt erheischen kann. Er ist Territorial Supervisor bei Ferrereo und hat hier beruflich zu tun. Zufällig werden wir im selben Hotel wohnen. In fünf Tagen fliegt er nach Irkutsk. Vor zwei Jahren ist er allein mit dem Auto von Moskau nach Wladiwostok gefahren und brauchte acht Tage für die Strecke. Meine Abteilnachbarn scheinen sich nichts aus Alkohol zu machen, andere Gäste gehen da anders zu Werke. Eine Dreiergruppe versucht nach der dritten Karaffe Wodka ein Gespräch mit mir zu führen, aber ich kann rein gar nichts verstehen

Es regnet und ist etwas kühler als an den vorigen Tagen. Die Besiedlung wird immer rarer und die Zeit zwischen den einzelnen Haltestellen immer länger. Den Bahnhof von Ruzhino schmückt nicht nur eine Lok, sondern auch ein Lenin-Denkmal. Anschließend geht es durch weite braune und grüne Steppenlandschaft. Mein Handy erhält einen Roaminghinweis aus China, schließlich befinden wir uns jetzt mehrere Stunden in Grenznähe. Gegen 18.00 Uhr wird der letzte längere Halt in Ussuriysk eingelegt. Ein langer Güterzug mit Holzstämmen und Brettern wartet auf die Abfahrt. In der Nähe vieler Bahnhöfe stehen alte Wassertürme, die aber, dank zentraler Versorgung, nicht mehr in Betrieb sind. Bauern sind an diesen Tagen mit der Heuernte beschäftigt.

Pünktlich um 20.10 Uhr laufen wir in den Bahnhof von Wladiwostok ein, 9.297 lange Bahnkilometer und sieben Zeitzonen liegen hinter uns – und nicht eine Minute Verspätung. Ob das der Deutschen Bahn bekannt ist? Zusammen mit Vasilij gehe ich zum Hotel „Zhemchuzhina“ und checke ein.
Wladiwostok

Wladiwostok ist schweißtreibend, es geht immer hinauf und hinunter, meistens jedoch bergauf, so jedenfalls ist mein Eindruck. Trotzdem gefällt es mir hier, die Stadt hat Charme, sie wird wegen der Hügel und der unten genannten Brücke auch gern mit San Francisco verglichen. Mit knapp 600.000 Einwohnern ist sie größte Stadt im Osten Russlands und auch das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum. 1987, bei meiner ersten Transsibfahrt, wäre ein Besuch gar nicht möglich gewesen, denn bis 1990 war Wladiwostok eine geschlossene Stadt, die nur mit Sondergenehmigung betreten werden durfte, und der Zug endete damals in Chabarowsk.

Den Rest des Abends verbringe ich mit Hering, Pfannkuchen und Kaviar im „Gutov“, in der Nähe des Hotels. Alle Tische sind besetzt und die vorwiegend asiatischen Gäste verbreiten eine ausgelassene Stimmung.

Am nächsten Tag peile ich die Lage und sehe mir die Abfahrtsstelle der Fähre an und siehe da, das Schiff ankert schon im Hafen. Besichtigungspunkte gibt es genug in der Stadt: der schöne Bahnhof, die an die Golden Gate Bridge erinnernde Solotoi Rog (Golden Horn Bridge), das Kaufhaus GUM, die Hafenanlage, es wurde viel investiert und lohnt sich, besichtigt zu werden.
Gegen Abend fahre ich in den 12. Stock des Hyundai-Hotels und sehe mir dort von der Skybar aus die Stadt im Abendlicht aus der Vogelperspektive an, es ist außerordentlich beeindruckend. Allerdings empfinde ich mich in Jeans und mit einem auf Olchon gewaschenen aber nicht gebügelten Outdoorhemd etwas underdressed, wenn ich da an die modisch gewandeten einheimischen Damen denke, die mit Schuhen, wo die Bezeichnung „Pfennigabsatz“ übertrieben erscheint, ihre Aufwartung machen … Aber dieser Abstecher hat sich auf alle Fälle gelohnt, die Aussicht ist einmalig und man kann sich ja auch recht lange an einem Getränk aufhalten.
Den Abend beschließe ich wieder im „Gutov“, aber heute scheinen alle auswärtigen Gäste an einem anderen Ort zu feiern, es ist, gelinde gesagt, nichts los.

Den letzten Tag in Russland beginne ich ganz relaxt, frühstücke gemütlich und schlendere dann gemächlich zum Hafen. Eine freundliche Mitarbeiterin der Fähr-Agentur überreicht mir mein Ticket und verlangt 560 Rubel Ausreisegebühr. Ich hatte davon gelesen und den Betrag abgezählt im Portemonnaie. Zwar gibt es ATM-Automaten im Hafengebäude, aber keinen Bankschalter, wo ich das restliche russische Geld umtauschen kann.
Viele Asiaten kommen lautstark zu einem Souvenirshop und fallen über die Waren her.
Auf der „Eastern Dream“ bis Japan

Punkt 14.00 Uhr setzt sich die „Eastern Dream“ in Bewegung, bis Donghae in Südkorea liegen 380 Seemeilen oder 704 Kilometer vor uns. Die nächsten beiden Nächte werde ich in einer 8-Personen-Kabine schlafen, Jonathan, ein 18jähriger Sachse wohnt ebenfalls hier, außerdem Juhe aus Japan. Kleine Vorhänge am Bett vermitteln eine private Atmosphäre. Nach dem Ablegen stehen wir an Deck und beobachten das Geschehen, Ralf aus dem Hunsrück gesellt sich zu uns. Vom Deck haben wir eine wunderbare Sicht auf Wladiwostok, den Hafen, die 1.104 Meter lange Golden Horn Bridge und die Brücke, die das Festland mit der Insel Russki verbindet. Schade nur, dass es ein wenig diesig ist. Ein Mann aus Lausanne, der mit seiner Freundin radelnd unterwegs ist, bestellt sich Reiswein, mag ihn aber nicht. Neugierig nippe ich an dem Getränk, aber mir behagt es auch nicht. Bezahlt werden kann an Bord mit koreanischer Währung und mit US Dollars. Kreditkarten werden zwar akzeptiert, jedoch es funktioniert nicht. Das Abendessen nehme ich im Restaurant am Buffet ein, es schmeckt köstlich, auch das einheimische Bier mundet. Um 20.00 Uhr öffnet der Nightclub und eine Gruppe Koreanerinnen stürzt hinein und belegt die Tanzfläche. Einige Damen sind äußerst bemüht, auch andere männliche Gäste zum Tanzen zu animieren. Es herrscht eine tolle Stimmung. Nach zwei Stunden flacht sie etwas ab und einige Gäste versuchen sich als Karaokesänger. Ein paar Koreaner, die auf Matten in einem großen Schlafsaal nächtigen, feiern an Deck unter freiem Himmel weiter und haben erkennbar Spaß.

Am nächsten Morgen frühstücke ich in der Bar und kurz vor Mittag ist Donghae in Südkorea auch schon erreicht. Nationenweise können wir die Fähre verlassen, erst die Koreaner, dann die Japaner, anschließend die Russen und wir. Nach der Grenzabfertigung, eine Wärmekamera untersucht uns auf mögliches Fieber, tausche ich meine restlichen Rubel in koreanische Won. Zusammen mit Ralf und Jonathan gehe ich in die Innenstadt und besuche dort eine Tropfsteinhöhle. Gut, dass der Mann am Eingang darauf besteht, einen Helm aufzusetzen, ich hätte mir sonst den Kopf blutig geschlagen. Die Besichtigung ist recht interessant, oft muss man sich bücken um voran zu kommen, ein paar Meter weiter wiederum fühlt man sich wie in einer Kathedrale. Hauptfotomotiv ist ein wie ein Penis aussehender Stein. Ansonsten hat die Stadt nicht sehr viel zu bieten. Es ist heiß und die Luftfeuchtigkeit treibt den Schweiß aus allen Poren. Bei 7 Eleven lege ich eine kurze Rast ein und erfrische mich etwas. Danach halte ich mich am kleinen aber schönen Stadtstrand auf und gehe anschließend gemütlich zum Hafen zurück. Um 18.00 Uhr geht es weiter, 240 Meilen resp. 444 Kilometer trennen uns von Japan.

Im Nachtclub ist heute nichts los, dafür wird an Deck gegrillt. Schade, dass ich mein Abendessen schon eingenommen habe. Unsere Kajüte hat sich gefüllt und alle acht Kojen sind belegt. Morgens sind die Sitztoiletten sehr begehrt. Kurz vor dem Anlegen in Japan müssen wir uns in der Kabine versammeln. Ein Arzt geht durch die Räume, schaut uns in die Augen und prüft, ob wir an MERS (Middle East respiratory Syndroms) erkrankt sind, auch werden wir gefragt, ob wir uns unlängst in bestimmten afrikanischen Ländern aufgehalten haben. Außerdem erhalten wir ein Informationsblatt, das die Krankheitssymptome aufzeigt. Dann, endlich, dürfen wir japanischen Boden betreten.

Kyoto

Die Gepäckkontrolle in Sakaiminato wird mir als total intensiv in Erinnerung bleiben. Mit einem Lächeln im Gesicht beäugen zwei Männer eine gefühlte halbe Stunde mein gesamtes Gepäck. Dann geht es mit dem Bus zum Bahnhof und mit der S-Bahn weiter nach Yonago. Die Verständigung, wie sollte es anders sein, ist genauso umständlich wie vorher in Russland. In diesem hoch industrialisierten Land hätte ich das nicht erwartet. Ein Japaner, der in unserer Kabine übernachtet hatte, hat dasselbe Ziel und empfiehlt mir, doch den Bus nach Kyoto zu nehmen, dann bräuchte ich wenigstens nicht umzusteigen. Aber die Abfahrt ist relativ spät und so erwerbe ich, mit seiner Unterstützung, ein Zugticket. Gut zwei Stunden fahre ich mit einem normalen Zug bis Okayama und dann 60 Minuten mit dem Shinkansen Superexpress Nozomi über Kobe und Osaka nach Kyoto. Hier staune ich über den riesigen Bahnhof. Der Nozomi kann nicht mit dem Japan Rail Pass bedient werden, deshalb hatte ich im Vorwege auf den Kauf eines solchen verzichtet. Freundliche Schaffner betreten oder verlassen das Abteil mit einer Verbeugung.

Das Thermometer an der Hotelrezeption des „Check in“ zeigt beim Einchecken 34 Grad an, gut dass mein Zimmer mit Aircondition ausgestattet ist. Dafür funktioniert das WLAN nur bedingt und so gehe ich zum Surfen und Mailen an die Rezeption, hier ist der Empfang perfekt. Abends erkunde ich die Gegend und lande in der angenehmen Bar „Pronto“. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Der nächste Tag steht ganz im Zeichen der Stadtbesichtigung. Mit dem Bus fahre ich zum Kaiserpalast, muss aber leider in Kauf nehmen, dass die Anlage am gesamten Wochenende geschlossen ist. Und Montag möchte ich weiter nach Tokio. Schade, dieses Bauwerk hätte ich mir gerne angesehen. Die Luftfeuchtigkeit und auch die immense Hitze sorgen dafür, dass ich mein Hemd auswringen kann.
Nach einer nötigen Erfrischungspause fahre ich weiter nach Gion, um den dortigen Tempel zu besichtigen. An der Bushaltestelle bemühen sich vier Leute, mir behilflich zu sein, aber ohne Erfolg. Dabei ist der Tempel nur 200 Meter weiter an der nächsten Straßenecke, wie ich später süffisant feststellen muss. Ein paar Busse halten auf dem Parkplatz, aber die Anzahl der Besucher hält sich in Grenzen und man kann gemütlich über die Anlage schlendern und die einzelnen Bauwerke relaxt besichtigen. Beeindruckt wandere ich dann weiter und wundere mich über ein anderes Bauwerk in der Nachbarschaft, den Yasaka-jinja-Schrein. Ich hatte ihn auch auf der Wunschliste, aber nicht gedacht, ihn so schnell zu finden. Hier in der Gegend soll man noch Geishas antreffen können. Mir kommen viele anmutig gekleidete Damen entgegen, aber wirkliche Geishas sind es leider nicht. Dieser im 9. Jahrhundert gegründete Schrein wurde zum Zentrum des Kampfes gegen Seuchen.

Mit dem Bus geht es dann zum letzten Ziel des heutigen Tages, dem Kiyomizo-dera Tempel. Man geht einen Hügel hinauf und die Hitze und Luftfeuchtigkeit sorgen wieder dafür, dass mein Hemd immer noch klitschnass ist. Etwa 50 Reisebusse haben auf dem Parkplatz angehalten, um ihren Passagieren ebenfalls den Genuss dieses Tempels zukommen zu lassen. Die Lage am Berghang ist interessant, der Ausblick phantastisch, die Anstrengung nicht ohne. Eine große Veranda prägt die von dichten Wäldern umgebene Anlage. Abends gönne ich mir Calamari Carpaccio im „Pronto“, mehr liegt nicht an. Der Tag war sehr anstrengend, die Hitze gewöhnungsbedürftig – ich bin total groggy. Und das an einem Sonnabend! Ein Polizist sitzt vor einer Kaufhauspassage und hat seine Schuhe zum Abkühlen der Füße ausgezogen. Kurz bevor ich das Hotel erreiche, besuche ich noch eine Hardrock-Bar. Später setzt sich der Sänger zu mir und versucht ein Gespräch. Sein Handy-Übersetzungsprogramm sorgt dafür, dass eine Grundunterhaltung möglich ist, denn Englisch scheint niemand in diesem Lokal zu sprechen.

Kyoto zählt rund 1,5 Millionen Einwohner und gilt als kulturelles Herz Japans. Auf der Hauptinsel Honhsū gelegen war sie über 1.000 Jahre Sitz des kaiserlichen Hofes. Etliche Tempel und Schreine gehören zum Weltkulturerbe und ziehen jährlich knapp 60 Millionen Besucher an. Von Zerstörungen im 2. Weltkrieg blieb die Stadt weitgehend verschont.

Nach einem ordentlichen Hotelfrühstück, auf dieser Reise erstmals mit Stäbchen, mache ich mich wieder auf den Weg. Die freundliche Frau an der Rezeption schreibt mir erneut auf, mit welchem Bus ich zum gewünschten Ziel komme. Etwas Probleme bereitet mir die Suche nach der richtigen Haltestelle. Eine junge Frau nimmt ihr Handy, öffnet die richtige App und ist sogar in der Lage, mir die exakte Abfahrtszeit zu sagen. Draußen ist es drückend heiß und der Busstop verfügt über kein Schutzdach, so dass wir in der prallen Vormittagssonne warten müssen. Der Ginkaku-ji–Tempel liegt etwas außerhalb nordöstlich des Zentrums. Auf dem Weg sehen wir das Rathaus, eine große Sportanlage, den Kamo Fluss und ein Theater. Besagter Tempel wurde 1482 gebaut und war ursprünglich Privatvilla bzw. Alterssitz eines Shōguns, also eines militärischen Samurai-Anführers. Nach seinem Tod fungiert er als Zen-Tempel. Besonders beeindruckt hat mich der Silberne Pavillon, malerisch an einem kleinen See gelegen.

Eine weitere angesagte Sehenswürdigkeit liegt ganz in der Nähe, der Philosophenweg. Diese kleine Allee am Kanal von Ginkaku-ji war früher wegen der schattigen Umgebung bevorzugter Spazierweg einiger Philosophen. Man kann unterwegs ein paar Schreine besichtigen.

Zurück im Zentrum wundere ich mich über riesige Holzgestelle an der Straße, begeistert bewundert von einer großen Menschenansammlung. Ein junger Mann erklärt mir, dass heute wieder das Gion-Fest gefeiert wird. Eine Dankzeremonie, dass die Stadt von Seuchen und Krankheiten geheilt wurde bzw. verschont blieb. Es ist sehr beeindruckend. Aufgrund dieses Ereignisses sind viele Restaurants bis auf den letzten Platz gefüllt und erst vor einem Lokal im Mitsui Plaza werde ich nicht abgewiesen. Die letzten Stunden verbringe ich wieder im „Pronto“, wo man mich bereits kennt, und freue mich über die schöne Musik.

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Taxi zum Bahnhof und warte auf den Schnellzug. Die Fahrt bis Tokio dauert 2.22 Stunden, kurze Stopps werden in Nagoya, Yokohama und Shinagawa eingelegt. Ich habe den Eindruck, dass die beiden letztgenannten Städte mit Tokio verschmolzen sind.
Tokio

Meine Zugnachbarin empfiehlt mir, mit der Yamanote-Linie zum gebuchten Hotel in Ikebukuro zu fahren. Die Orientierung im Hauptbahnhof ist gewöhnungsbedürftig angesichts der vielen verschiedenen Linien und Anbieter. Aber freundliche Mitarbeiter helfen mir weiter und so sitze ich schließlich im richtigen Zug. Nun ist es wieder einfach, die Bahnhöfe werden angezeigt und auch per Lautsprecherdurchsage bekannt gegeben. An meiner Zielstation, wieder eine überdimensionale unterirdische Landschaft, frage ich nach dem richtigen Ausgang und erfahre, dass ich den Bahnhof über C 6 verlassen sollte. Bis zum Hotel „Sakura“ ist es nicht weit, aber ich muss mich doch ein paar Male durchfragen. Vollkommen durchgeschwitzt belege ich mein Zimmer. Auch hier liegt wieder ein Schlafanzug auf dem Bett, die Toilette hat verschiedene Säuberungsstrahlen und auch eine Bidetfunktion, genau wie in Kyoto. Durch das viele Schwitzen und die permanente Aircondition habe ich mir einen kleinen Schnupfen geholt. Zum Lesen der Emails bin ich wieder gezwungen, in die Lobby zu gehen, aber das ist sicherlich kein Problem.

Tokio, häufig auch als Tokyo zu lesen, hat 14 Millionen Einwohner, im Großraum leben 35 Millionen Menschen und damit handelt es sich um das größte zusammenhängende urbane Gebiet der Welt. Die Stadt ist aufregend, traditionell, fesselnd und einzigartig. Eine Megacity oder ein Moloch, bestehend aus 23 Verwaltungsbezirken, die es unmöglich machen, von einem Erscheinungsbild zu sprechen. „Mein“ Bezirk Ikebukuro war früher bekannt für gutes Essen, interessante Lokale und Unterhaltung, mittlerweile haben sich andere Szeneviertel etabliert. Dennoch kann ich über die Anzahl der Restaurants und anderen gastronomischen Betriebe nicht klagen. Wenn ich abends durch die Straßen gehe und mir die aufwändige Neon-Beleuchtung und –Werbung ansehe, denke ich: Genauso habe ich mir Tokio vorgestellt.
In der Nähe meiner Unterkunft befindet sich auch ein so genanntes „Love Hotel“, ein Resultat der beengten häuslichen Wohnsituation, wo dünne Holzwände nicht unbedingt luststeigernd wirken und eine Intimität vermissen lassen, etwa vergleichbar mit den Motels in Südamerika. Auch hier wird absolute Anonymität gewährleistet.

An der Hotelrezeption frage ich nach einem Sushi-Restaurant und mir wird das „Tenka Zushi“ empfohlen. Es ist gar nicht weit, dennoch verlaufe ich mich und frage einen jungen Mann nach dem Weg. Er nimmt sein Handy, gibt den Namen des Lokals ein und – zeigt mir den falschen Weg. Irgendeine Eingabe muss dann wohl falsch gewesen sein. Dann frage ich einen älteren Herrn, er schaut auf den Plan und winkt mir, ihm zu folgen. Ein paar Minuten später stehen wir vor dem Eingang, ich hätte den Betrieb nicht gefunden, da die Reklame nur in japanischer Sprache leuchtet. Der runde Tresen ist bis auf den letzten Platz besetzt und zehn Personen, darunter ein Paar aus den USA, das nachmittags schon einmal hier gegessen hat, warten auf einer Holzbank, dass sie an die Reihe kommen. Nach einer Viertelstunde darf auch ich mich an den Tresen setzen. Ein Kellner reicht mir die Speisekarte und meine freundliche Nachbarin erklärt mir, wie ich zu einem Glas Tee komme. Ich bestelle mir zwei Gerichte von der Karte und nehme mir anschließend noch ein paar Speisen vom Karussell. Es schmeckt mir sehr gut und auch über den Preis kann ich mich nicht beklagen. Japan ist längst nicht so teuer, wie ich geglaubt habe oder wie mir suggeriert wurde.

Heute leiste ich Schwerstarbeit: Tokio auf eigene Faust mit öffentlichen Verkehrsmitteln und ohne Schrift- bzw. Sprachkenntnis. Der freundliche Mann an der Hotel-Rezeption ist mir bei der Planung behilflich und nennt mir die günstigsten Verbindungen. Im Bahnhof „Tokyo“ reihe ich mich in eine nicht enden wollende Schlange ein und erwerbe nach langer Wartezeit den „Tokuma-Pass“. Damit kann ich den ganzen Tag die Yamanote-Linie nutzen. Auch kaufe ich hier das Ticket für den Narita-Express, mit dem ich morgen zum Flughafen fahren werde. Zunächst geht es zum Sensōji-Tempel, dem bedeutendsten Tempel der Stadt. Einmal muss ich umsteigen, am Automaten ein Ticket für die Ginza-Linie ziehen, was mir nach anfänglicher Skepsis gelingt, und dann mit der Metro weiter bis Asahasa. Was ist hier nur los, Hunderte wenn nicht gar Tausende zumeist einheimische Besucher, die Damen akkurat unter einem Sonnenschirm, verfolgen dasselbe Ziel. Im Reiseführer lese ich, dass jährlich 30 Millionen Gäste diese Anlage besichtigen, aber es lohnt sich auch. Wir gehen durch das Kaminarimon-Tor mit der großen Laterne. Die Haupthalle wurde 645 gebaut, die Pagode daneben darf ich leider nicht betreten. Auf dem Weg zurück betrachte ich die Auslagen, Souvenirs etc. in den Ständen zu beiden Seiten der Straße, hier Nakamise genannt.

Dann zurück zur Station „Tokyo“ und in der brütenden Mittagshitze, wo man wirklich dankbar für jeden noch so kleinen Schatten ist, zu Fuß weiter zum Kaiserpalast. Besichtigt werden kann nur die Gartenanlage, der Besuch weiterer Gebäude wird uns nicht gestattet. Nachdem ich das Tor passiert habe, erhalte ich einen kostenlosen Besucherschein von einem Wachmann. Ich bin etwas enttäuscht, da ich, genau wie in Kyoto, auch hier den Palast nicht besichtigen kann. Der Garten, in dem sich vielleicht 20 weitere Besucher aufhalten, ist für mich nicht so interessant, abgesehen von den schönen Spiegelungen im See.

Anschließend gehe ich zurück zum Bahnhof und fahre weiter zum Tokio Tower, vergleichbar mit dem Eiffelturm. Man kann durchaus höhere Ausblicke auf die Stadt genießen, besonders vom Skytree, aber dieser Turm hat Charme. Heute fahren wir nur auf 150 Meter hinauf, die zweite Plattform in 250 Meter Höhe ist wegen starken Windes gesperrt. Mir macht es nichts aus und so erhalte ich einen umfassenden Blick auf die Stadt und erkenne sogar ein ganz klein wenig den Fujiyama. Sein unterer Teil ist noch nicht in Wolken verhüllt. Zurück in Ikebukuro habe ich Probleme, den richtigen Ausgang aus dem riesigen Bahnhof zu finden. An diese Dimensionen, an die Menschenmassen, jeder mit Blick auf sein Handy, muss man sich als Europäer erst gewöhnen. Das Gewühl in den Stationen, die nicht enden wollenden akustischen Hinweise, das Fremde, hier braucht man gute Nerven.

Abends gehe ich wieder in das schon bekannte Sushi-Lokal und nehme dann in der Hotelbar noch ein paar Drinks. Zwei junge Damen bitten mich um ein Selfie mit ihnen. Am Nebentisch wird Geburtstag gefeiert, auch ich erhalte ein Stück vom Geburtstagskuchen. Ein Gast aus Tibet und eine Frau aus Myanmar, sie nennt es noch Burma, feiern mit, kommen kurz an meinen Tisch und beklagen die Unfreiheit in ihrer Heimat. Sie wohnen seit über fünf Jahren in Japan und haben ihre Familien seitdem nicht mehr gesehen.

Nach einer kurzen Nacht wache ich gerädert auf. Gut, dass ich meinen Wecker gestellt hatte, denn der Hotel-Weckdienst hat versagt. Zunächst fahre ich mit dem Narita Express zum Flughafen und fliege dann mit einem Airbus der China Eastern nach Shanghai. Eine sehr freundliche Stewardess bietet mir einen anderen Platz an, als ich sie frage, ob denn der Fuji zu sehen sei. Aber trotz gutem Sichtfeld nehme ich den Berg nur ansatzweise wahr.
Shanghai

Vom Flughafen Pudong, dort wo früher Wiesen und Reisfelder zu sehen waren, geht es mit der Schwebebahn Maglev in Richtung Zentrum. Früher hatte ich die Versuchsanlage des Transrapid in Lathen mit meiner Freundin häufiger besucht und schon bei der Reiseplanung entschieden, dass ich mit der Magnetschwebebahn in die Stadt fahren werde. Mit 300 km/h sind wir unterwegs. Trotzdem braucht das Taxi geraume Zeit vom Bahnhof bis zum Hotel. Mich nervt der Chauffeur, der während der Fahrt mit drei Handys hantiert. Das „Bund Riverside“ liegt, wie es der Name vermuten lässt, in der Nähe des Bund, dem Prachtboulevard am Huangpu, und bei einsetzender Dunkelheit versuche ich dort einen kleinen Spaziergang. Menschen über Menschen, ein Gedränge wie freitags auf dem Freimarkt, aber schließlich beträgt die Einwohnerzahl Shanghais auch 23 Millionen. Aber hier erlebe ich auch das neue China, modisch gekleidete junge Leute schlendern die Promenade entlang, kein Mensch ist mehr im früher allgegenwärtigen Blaumann anzutreffen. Jeder gefühlte Zweite ist mit einer Selfiestange ausgerüstet. Etliche Male wird mir Massage und ähnlicher Service angeboten. Schöne alte Gebäude vermitteln noch ein gewisses Flair, das Peace Hotel im Art déco-Sil, das Custom House, also das alte Zollhaus, mit dem eindrucksvollen Uhrturm und weitere Bauwerke aus der kolonialen Vergangenheit, als Shanghai noch „Paris des Ostens“ genannt wurde.

Die übliche Stadterkundung beginne ich auf der Shoppingmeile Nanjing Road und werde auch hier wieder von vielen jungen Damen auf einen Liebesdienst angesprochen. Das habe ich aus 1987 so nicht in Erinnerung! Dann geht es noch einmal zum Bund, glücklicherweise sind weniger Menschen unterwegs. Einige Hochzeitspaare lassen sich hier fotografieren. Anschließend sehe ich mir den Yu Yuan Garten an, den „Garten der Zufriedenheit“. Ein hoher Beamter ließ sich diese Oase als Ruhesitz anlegen.

Mit dem Taxi fahre ich anschließend zum Jadebuddha Tempel. Der erste Fahrer, den ich frage, verlangt unverschämte 150 Renminbi Yuan (CNY), also über 20 Euro, will dann handeln, aber ich halte lieber einen anderen Wagen an. Die Dame trägt Mundschutz und ist relativ unfreundlich, dafür stellt sie gewissenhaft den Taxameter an und letztendlich sind 22 CNY zu zahlen. Fahrer und Beifahrer sind im Taxi häufig durch eine kleine Glasscheibe getrennt. Ein chinesischer Mönch brachte die Jadebuddhas auf dem Seeweg aus Birma mit. Die sitzende Statue wiegt drei Tonnen, die liegende stellt Buddhas Tod dar. Ein weiterer Buddha aus Singapur in liegender Position befindet sich ebenfalls im Tempel.

Zur Krönung des aktiven Tages gönne ich mir eine chinesische Massage. Beim Abendessen in einem Restaurant, wo zeitgleich etliche Schulklassen oder Kindergruppen speisen, bin ich der Exot, werde von fast allen mit „hello“ angesprochen und so oft fotografiert, dass es mir schon unangenehm ist. Danach folge ich einer Empfehlung und fahre zur Manhattan Bar, wo, wie man mir sagt, „man mal gewesen sein muss“. Aufgrund des Feierabendverkehrs stehen wir mehr auf der Straße, als dass wir fahren. Irgendwann wird es der Taxifahrerin unangenehm und sie bittet mich, doch auszusteigen und die restliche Strecke zu Fuß zu gehen.

Tags darauf gehe ich zum Fähranleger am Bund und fahre über den Huangpu Fluss nach Pudong, dem neuen Wirtschafts- und High-Tech-Bezirks der Stadt. Es dauert nur ein paar Minuten. Eine Bekannte mailt mir, dass sie die Veränderung zwischen 1990 und 2008 miterlebt hat und hier vor 20 Jahren eine Textilproduktion in kleinen Fabriken beaufsichtigt hat. Dort, wo sich jetzt der Pudong Flughafen befindet. Die Gegend, wo jetzt ein Wolkenkratzer den nächsten überragt, bestand früher aus Wiesen und Reisfeldern. Es hat ein wenig geregnet und das Thermometer ist auf 29 Grad gefallen. Welchen der vielen Ausnahmetürme sehe ich mir an? Ich entscheide mich für das 421 Meter hohe Jin Mao Building, einer Pagode nachgebaut und mit 88 Stockwerken versehen. Natürlich muss Eintritt entrichtet werden und der ist nicht ganz billig, die Investition lohnt sich aber. Mit dem Fahrstuhl geht es in atemberaubender Geschwindigkeit nach oben, sechs Meter pro Sekunde. Der Ausblick ist natürlich einmalig. Wir haben freie Sicht auf die anderen baulichen Wunderwerke, den außen fertig gestellten Shanghai Tower, mit 632 Metern das höchste Gebäude der Stadt, den Oriental Pearl Tower (468 Meter) und das 492 Meter hohe und einem Flaschenöffner nachempfundene Shanghai World Financial Center. Anschließend halte ich mich in der Bund-Gegend auf, spaziere am Wasser entlang und lege ein paar Kaffeepausen ein.

Bei einbrechender Dunkelheit gehe ich zur Nanjing Rd. und habe wieder das Gefühl, auf einem Volksfest zu sein, Menschenmassen in unvorstellbarer Menge quälen sich über das Straßenpflaster und am Bund wird es noch schlimmer. Die Gebäude gegenüber, auf Pudong, sind illuminiert und deshalb ein begehrtes Fotoobjekt. Und alles drängelt auf die Empore, um ein Foto zu machen – ich auch. Eigentlich wollte ich im Hotel zu Abend essen und mich dann früh hinlegen, doch ich wäre einziger Gast im Restaurant gewesen. Also wieder hinaus ins obligatorische Lokal wie an den Tagen zuvor, doch auch dort bin ich fast allein im riesigen Saal. Aber es schmeckt hier sehr gut und kostet auch nicht viel. Teuer hingegen ist die Hemdenreinigung im Hotel, in Deutschland bezahle ich für diese Dienstleistung weniger als die Hälfte. Im Hotelzimmer warnt ein Schild in mehreren Sprachen davor, Fremde, die man in der Bar, dem Teehaus oder einem Massagesalon kennen gelernt hat, zu begleiten.

Nach dem Frühstück fahre ich anderntags mit dem Taxi zum etwa 40 Kilometer entfernten Flughafen Pudong. Bis zum Abflug bleibt mir noch genügend Zeit für ein Frühstück bei Costa Café. Mit 30minütiger Verspätung heben wir ab und knapp zwei Stunden später landen wir in Peking.
Peking

Uwe wartet bereits in der Ankunftshalle. Er hat wieder beruflich in der Hauptstadt von China (über 20 Millionen Einwohner) zu tun und wir hatten uns ja auch schon häufiger in verschiedenen Ländern und auf mehreren Kontinenten getroffen. Gemeinsam fahren wir zum „Crowne Plaza“, zentral in der Wangfujing Road gelegen, wo ich vor ein paar Tagen ein Zimmer online gebucht hatte. Abends verabreden wir uns am Yashow Market, speisen dann in der Sanlitun-Gegend und halten uns auch später in diesem mit Bars und Kneipen reichlich gesegneten Viertel auf. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir ein Dachlokal im 5. Stock unter freiem Himmel. Leider bemerken wir erst auf dem Rückweg, dass es auch einen Aufzug gegeben hätte. Angesichts des Getränkesortiments und der Musikberieselung habe ich immer wieder das Gefühl, in Singapur, New York oder einer anderen kapitalistischen Metropole zu sein – jedoch nicht in Peking. Wie hat es sich verändert! Fleißige Menschen verlegen nach 22.00 Uhr noch Gehwegplatten. Zum Ausklang des Abends fahren wir in Maggie´s Bar, von der ich gehört hatte und die ich unbedingt kennen lernen wollte. Wir finden eine super Location vor, eine tolle philippinische Lifeband und auch hier fällt es schwer zu begreifen, dass wir uns in der chinesischen Hauptstadt aufhalten. Auch wenn ich mich wiederhole, das hat mit der Situation 1987 aber auch gar nichts mehr zu tun. Eine Einblendung auf einem der Screens über dem Tresen besagt, dass, wenn einem die Musik zu laut erscheint, man zu alt für diese Bar ist. Aber es wird auch mit demselben Medium geraten, sich nachts nicht mit einer Rikscha oder einem nicht registrierten Taxi ins Hotel fahren zu lassen. Es müssen wohl viele deutsche Gäste anwesend sein, denn der DJ legt später Spider Murphy´s „Skandal im Sperrbezirk“ auf, wechselt zu Udo Lindenberg und lässt dann Helene mit uns atemlos durch die Nacht schreiten.

Am nächsten Mittag treffen wir uns am Himmelstempel. Das Fahren mit dem Taxi ist erschwinglich, man sieht, im Gegensatz zur Fahrt mit der Metro, etwas von der Stadt und die Hotels haben kleine Kärtchen, auf denen die üblichen touristischen Ziele auf Englisch und Chinesisch verzeichnet sind. Auch in Peking sind manche Taxifahrer durch ein Schutzschild vom Beifahrer getrennt. Über riesig breite Straßen, gesäumt von vielen neuen Gebäuden, geht es vorwärts. Mir erscheint die Stadt sehr sauber.

Die gewaltige Tempel- und Parkanlage habe ich auch wesentlich kleiner in Erinnerung. Früher beteten hier die Kaiser der Ming- und Qing-Dynastien für eine gute Ernte. Dominiert wird dieser Platz von der „Halle der Ernteopfer“, auch „Halle des Erntegebets“ genannt und der von einer Echomauer umgebenen „Halle des Himmelgewölbes“. Viele Familien sind unterwegs und nutzen den Sonntag zu einem Spaziergang an frischer Luft. Auf diesem Areal kann man sich stundenlang bewegen. Die beiden Haupttempel sind nur von außen zu besichtigen, ob das früher auch so war? Ich weiß es nicht mehr. Eine kilometerlange doppelte Mauer umgibt die gesamte Anlage. Am Nordeingang spielen ein paar Gruppen mit traditionellen Instrumenten auf, ein paar Schritte weiter vergnügen sich Männer und Frauen beim Tanz am Sonntagnachmittag.

Abends verabreden wir uns im „King Roast Duck“, denn hier soll die Pekingente besonders gut schmecken. Vorsorglich bitte ich im Hotel, uns einen Tisch zu reservieren, wir hätten aber immer einen Platz gefunden. Leider versteht uns keiner und die Reservierung hätte ich mir sparen können. Glücklicherweise ist die Speisekarte bebildert. Es schmeckt vortrefflich und wir haben nach kurzer Zeit auch den Bogen raus und wissen, wie wir das Fleisch mit den weiteren Zutaten verbinden, ein Blick auf den Nachbartisch ist dabei recht hilfreich. Es regnet heftig, als wir aus dem Lokal treten und die privaten Taxifahrer nutzen diese Notlage aus. Schließlich einigen wir uns auf einen Fixbetrag, der Fahrer muss mich aber wohl falsch verstanden haben, denn bei der Ankunft ist er mit dem Fahrgeld überhaupt nicht einverstanden, hat aber dennoch ein gutes Geschäft gemacht.

Seit Tagen versuche ich auf die Facebookseite zu kommen, allerdings ohne Erfolg. Uwe meint, dass dieses soziale Netzwerk in China nicht unterstützt wird. Während meines Aufenthaltes weilen auch die Spieler von Bayern München in Peking, gestern haben sie im Olympiastadion gegen Valencia gespielt. Auf der Wangfujing Road tanzen kurz vor Mitternacht noch einige Paare, ein Mann beherrscht den Walzer links herum perfekt.

Nach dem Frühstück fahre ich zum Büro der BTC Reiseagentur und nehme das Zugticket für die Weiterfahrt nach Ulan Bator in Empfang. Dann mit dem Taxi weiter zum Tian´anmen, dem Platz des Himmlischen Friedens. Obwohl es sich um den größten Platz der Welt handelt, staut sich die Fußgängerschlange vor dem Eingang. Unglücklicherweise fängt es noch an zu regnen und so sehe ich vor mir nur eine Armada von Schirmen. Über den gesamten Platz haben sich Besuchergruppen verteilt. Angesichts des Regens überlege ich, nach Hause zu fahren, aber viele Alternativen bieten sich nicht an, denn für den nächsten Tag habe ich bereits einen Ausflug zur Chinesischen Mauer gebucht. Also ausharren und dem Wetter Paroli bieten. Auf die Besichtigung des Mao-Mausoleums verzichte ich, da ich schon einmal in diesen heiligen Hallen gewesen war. So betrete ich die Verbotene Stadt durch das Mittagstor und reihe ich mich im Außenhof in eine der vielen langen Schlangen vor dem Ticketcenter für den Besuch ein und übe mich in Geduld. Beim Kauf muss der Pass vorgelegt werden, Kinder unter 1,20 Meter haben freien Eintritt. Eine Maßvorgabe ist am Kassenhäuschen angebracht. Leider ändert sich das Wetter nicht und so gehe ich etwas missmutig in die Anlagen des Palastes, der bis 1911, also bis zur Revolution, Residenz der Ming- und Qing-Kaiser war.

Im Jahr 1406 wurde mit dem Bau des Kaiserpalastes begonnen. Dem Einsatz von etwa einer Million Sklaven ist es zu „verdanken“, dass er im Jahre 1420 beendet werden konnte. Auf der Grundfläche von 720.000 Quadratmetern befinden sich 890 Paläste mit symbolischen 9.999 Räumen, da nur dem Himmel 10.000 Zimmer zustehen. Im Außenhof befinden sich u.a. die Halle der Höchsten Harmonie, die Halle der Mittleren Harmonie und die Halle zur Erhaltung der Harmonie.

Durch das Tor der Himmlischen Reinheit gelangt man in den inneren Hof mit dem Palast der Himmlischen Reinheit, der Halle der Berührung von Himmel und Erde und dem Palast der Irdischen Ruhe. Die Bezeichnung „Verbotene Stadt“ entstand durch die Maßnahme, dass der einfachen Bevölkerung der Zutritt zum Kaiserpalast verboten war. Angesichts der vielen Menschen mit ihren Regenschirmen und dem schlechten Wetter bin ich ganz froh, die Anlage durch die Königlichen Gärten verlassen zu können. Es ist schon recht nervig, wenn der Weg permanent von Gästen, die für ein Selfie stehen bleiben, versperrt wird.

Zurück laufe ich zu Fuß, nachdem die Taxifahrer den Wettervorteil ausnutzen und nur für einen Festpreis fahren wollen, der nicht akzeptabel ist. So spaziere ich die nächste Zeit am nahen Boulevard Wangfujing entlang und erhole mich von den Besuchsstrapazen in einigen Teestuben und gegen Abend bei einer Fußmassage. Passend zum morgigen Programm treffen wir uns abends im Restaurant „Great Wall“.

Gegen 8.00 Uhr fahren wir am nächsten Morgen los: zwei Damen aus Mallorca, drei Philippininnen, die in Australien zu Hause sind, Holger aus Gütersloh und ich. Cindy ist unsere freundliche und gut unterrichtete Reisebegleiterin. Gebucht hatte ich eine Fahrt zur Mauer und zu den Ming-Gräbern, heute wird aber, so Cindy, nur die Mauer bei Juyongguan besichtigt und auf die kaiserlichen Grabstätten verzichtet. Den vielleicht berühmtesten Mauerabschnitt bei Badaling schenken wir uns, da er von Peking weiter entfernt ist und mit Sicherheit, so Originalton Cindy, wesentlich überlaufener sein wird. Zurzeit sind Sommerferien in China und dementsprechend viele einheimische Gäste unterwegs. Das klingt einleuchtend und mich stört es nicht, da ich diese Anlage 1987 schon einmal besucht hatte. 40 Kilometer trennen uns von Juyongguan, unterwegs wird noch bei einer Jadefabrik angehalten. Einige Mitreisende erliegen dem Kommerz und kaufen ein paar Schmuckstücke, ich setze mich in die Bar und frühstücke.

Leider ist es sehr trübe und die Mauer nur in kurzer Entfernung gut zu erkennen. Im Schweiße des Angesichts klettere ich, wie die meisten Touristen, bis zum ersten Turm, Holger quält sich bis zum höchsten Punkt. Als geübter Marathonläufer macht es ihm nichts aus. In meinem Reiseführer lese ich, dass die Mauer eine Länge von über 6.000 Kilometern hat, laut letzter Vermessung chinesischer Behörden soll die Gesamtlänge jedoch knapp 9.000 Kilometer betragen. Auf jeden Fall handelt es sich um eines der interessantesten Bauwerke des Landes, das errichtet wurde, um China vor nomadischen Reitervölkern, insbesondere vor den Mongolen, zu schützen. Man nennt dieses imposante Gebilde auch den größten Friedhof der Welt. Zum Bau wurden Gefangene, Straftäter und Sklaven verdonnert. Starben sie, so wurde ihr Leichnam einfach in die Baumasse befördert. Nördlich von Peking wurde ein Teil der Mauer mit den Aussichts- und Wachtürmen renoviert und restauriert.

Beim leckeren und vielfältigen Mittagessen, das wir gemeinsam einnehmen, überrascht uns Cindy mit der Information, dass wir doch noch zu den Ming-Gräbern fahren. Zwar ist ein großer Teil der Begräbnisstätte momentan nicht zugänglich, so auch nicht der mir besonders in Erinnerung gebliebene „Weg der Seelen“, aber wir sehen uns zumindest das Areal des Changling an, das Grab selbst kann nicht besichtigt werden. Im Jahre 1409 ließ ein Kaiser die Anlage, in der insgesamt 13 Ming-Kaiser begraben sind und in der sich sieben Grabkammern der kaiserlichen Konkubinen befinden, malerisch von Bergen umrahmt, die wir aber wegen der heutigen diesigen Witterung nicht sehen können, anlegen.

Nachdem wir noch eine Seidenfabrik besichtigen durften, fahren wir zu den imperialen Gärten und werden in die hohe Kunst des Teetrinkens eingeführt. Danach endet eine sehr interessante Fahrt, auf der wir viele Informationen, auch über das Leben in China an sich, erhalten haben. So erfahren wir von Cindy, dass eine Wehrpflicht nicht besteht, die Ein-Kind-Ehe weiterhin im Land propagiert wird und für Kindergarten und Universität sehr viel Geld zu zahlen sind. Für allgemein bildende Schulen wird keine Gebühr erhoben.

Nun ist der letzte Tag in China angebrochen. Mit dem Taxi fahre ich zum Bahnhof und habe hier doch einige Mühe, bis ich unter Mithilfe freundlicher Helferinnen die richtige Plattform für meinen Zug gefunden habe.
Mit der Transmongolischen Eisenbahn nach Ulan Bator

Wieder setzt sich der Zug pünktlich in Bewegung und die Fahrt erweist sich als äußerst angenehm, so passieren wir viele Tunnel, sehen hohe Berge, Schafherden, nur die Chinesische Mauer bleibt uns verborgen, dabei soll man sie auf dieser Strecke erkennen können. Mein Abteil teile ich mit Mutter und Tochter aus Ulan Bator, leider sprechen sie so gut wie gar kein Englisch. Trotzdem trinken wir Bier zusammen. Die Tochter besuchte eine Highschool in Peking. Besser unterhalten kann ich mich mit der stets lächelnden Fairi aus der chinesischen Hauptstadt. Sie ist zusammen mit ihrer Mutter auf dem Weg über Irkutsk und Moskau nach Sankt Petersburg. Zum Mittag- und Abendessen, das im Preis enthalten ist, gehen wir ins Zugrestaurant, einige Mitreisende holen sich ihre Mahlzeit ab und verzehren sie im Abteil. Im Speisewagen lerne ich ein Paar aus Kalifornien und ein anderes aus Bergen in Norwegen kennen.

Eine Stunde vor Mitternacht erreichen wir die chinesische Grenze. Meine Nachbarin bietet mir Obst an und schenkt mir eine Flasche Harbin-Bier. Wir dürfen den Zug verlassen, können aber auch mit in die Halle fahren, wo die Fahrgestelle ausgetauscht und die Waggons auf die russische Spurbreite geändert werden. Eigentlich ist es recht einfach, die Gestelle werden gelöst und die Wagen, wie in der Autowerkstatt, hydraulisch angehoben. Die schmaleren Räder werden mit Seilen weggezogen und die breiteren mittels einer Zusatzspur an die entsprechende Stelle gebracht und montiert. Etwa 3 ½ Stunden dauert die Gesamtprozedur, danach fahren wir wieder in den Bahnhof zurück, wo wir schon von unseren Mitreisenden sehnsüchtig erwartet werden. Einige haben die Gunst der Stunde genutzt und den preiswerten Getränken zugesprochen. Beim Verlassen des Landes stehen die Grenzbeamten in Grundstellung und begleitet von feierlicher Musik aus der Konserve fahren wir der Mongolei entgegen.

Bei der Einfahrt in den mongolischen Grenzbahnhof salutieren die Soldaten. Meine Nachbarin muss, warum ist mir nicht bekannt, mit ins Zollbüro und kommt mit gesenktem Kopf zurück. Dann, endlich, geht es weiter, das gesamte Grenzprozedere dauerte fünf lange Stunden.

Die Morgensonne umschmeichelt mein Gesicht, als ich gegen 7.30 Uhr aufwache, wir sind in Sain Shanda. Heute gehe ich zum Frühstück ins Restaurant und werde anschließend von meiner Abteilnachbarin noch zu einer großen Tüte Nudelsuppe eingeladen. Dann fahren wir durch die Wüste Gobi und sehen karges Land so weit das Auge blicken kann, hin und wieder eine kleine Herde, manchmal ein kleiner Ort, ab und zu ein paar Jurten. Aber so hatte ich mir diese Landschaft auch vorgestellt. In Choyr, mitten im Nichts, halten wir 20 Minuten. Fleißige Frauen bieten gefüllte Teigtaschen, Obst und Getränke an. Vor Ulan Bator wird die Gegend grüner und fruchtbarer, werden die Herden größer und auch die Ansiedlungen häufiger. Mit 25-minütiger Verspätung erreichen wir die mongolische Hauptstadt Ulan Bator.

Mein Abholer wartet am Bahnsteig und bringt mich dann zum Hotel. Einen solchen Straßenverkehr hätte ich hier nicht vermutet. Einmal steckt er während der Fahrt einem Polizisten etwas zu, nähere Angaben entziehen sich aber meiner Kenntnis. Und dann werde ich auch noch vor einem falschen Hotel abgesetzt, eigentlich hatte ich eine Reservierung im Hotel „Genex“, werde aber zum Hotel „Angel“ gebracht. An der Rezeption versteht mich niemand und telefonisch kann ich, warum auch immer, keine Kontaktpersonen erreichen. Vielleicht ist meine Handy-Einstellung nicht mongoleikompatibel. Später erkenne ich, dass das in der Nachbarschaft liegende „Genex“ geschlossen ist und renoviert wird. So soll in dieser Gegend derzeitig eine neue Kanalisation verlegt werden.

Zu Fuß gehe ich in die Innenstadt und finde glücklicherweise ein Tourist-Office, in dem auch Englisch gesprochen und verstanden wird. Hier kann ich mich informieren und der freundlichen Mitarbeiterin meine Fragen stellen. Nach einer kurzen Kaffeepause schlendere ich zum zentralen Suche Bator Platz. Interessante Gebäude beherrschen ihn: die Börse, das Rathaus, das Regierungs- und Parlamentsgebäude, der Kulturpalast und die Oper. Und mittendrin das Suche-Bator-Denkmal, dem General gewidmet, der 1921 den Befreiungskampf gegen die Chinesen einleitete. Auch heute ist es extrem heiß und zur Abkühlung fahre ich in den 23. Stock des nahen „Blue Sky“-Hotels und genieße die grandiose Aussicht.

In der Mongolei, viereinhalb Mal so groß wie Deutschland, und dem nach Kasachstan flächenmäßig zweitgrößten Binnenstaat der Welt, leben rund drei Millionen Menschen, davon rund 40 Prozent in der Hauptstadt Ulan Bator, was übersetzt „Roter Held“ bedeutet. In manchen Veröffentlichungen wird auch die Bezeichnung Ulaanbaatar verwandt. Aufgrund des Klimas und der Bodenbeschaffenheit wird überwiegend nomadische Viehwirtschaft betrieben. Im Jahr 1992, nach den osteuropäischen Revolutionen, wurde im Land die Marktwirtschaft eingeführt und eine demokratische Verfassung manifestiert. Trotz Wirtschaftswachstums sollen etwa 30 Prozent der Bevölkerung in Armut leben. Amtliche Währung ist der Tugrik oder Tögrög (MNT), ein Euro ist etwas mehr wert als 2.100 MNT. Im Land herrscht Rechtsverkehr, trotzdem erlebt man häufig Fahrzeuge mit dem Steuer an der rechten Seite. Es soll sich dabei um japanische Importe handeln.

An den nächsten beiden Tagen steht ein Besuch des Naturschutzgebietes von Tereldsch auf dem Programm. Mogi, der Fahrer von gestern, holt mich ab und glücklicherweise ist Gana dabei. Er spricht Englisch, entschuldigt sich für die Hotelprobleme und auch dafür, dass ich im „Angel“, obwohl vereinbart, kein Frühstück erhalten habe. Wir fahren zunächst zum Gandan Kloster und beobachten eine Mönchs-Zeremonie. Es amüsiert mich, als ein Flöte spielender Mönch in einer Spielpause verstohlen auf sein Handy schaut.

Dann geht es weiter zum Nationalpark. Wir halten bei einer kleinen Ansiedlung und beziehen unsere Jurte. Ich schlafe allein und genieße quasi Urlaub auf dem Bauernhof. Meine Gastgeber heißen Nara und Tsegi, Mittelpunkt der Familie ist jedoch ihre niedliche dreijährige Tochter Ulanka. Sie ist sehr glücklich über mein kleines Gastgeschenk, gut, dass ich bei der chinesischen Mauer ein paar kleine Spiegel für junge Damen gekauft habe. Nach dem Lunch, Nudelsuppe und Dumplings, mache ich einen ausgedehnten Spaziergang und genieße die Natur, sehe reitenden Hirten bei der Arbeit zu und zum ersten Mal in meinem Leben Yaks mit ihrem dichten Fell friedlich auf der Wiese grasend. Die Herden, die gemächlich vor sich hin futtern, sind schon eine Augenweide. Rechtzeitig zum Nachmittagsregen bin ich wieder in der Jurte und mache ein kleines Nickerchen. Das Abendessen nehmen wir gemeinsam ein, Reis mit Rindfleisch und einem Hühnerbein, zwischendurch wird eine Flasche Wodka geleert.

Beim Abendspaziergang treffe ich Samantha aus England. Sie arbeitet als Englischlehrerin in Hanoi, ist gerade mit dem Bus aus Ulan Bator gekommen und sucht einen Zeltplatz und etwas zum Essen. Da Gana ihr bestimmt behilflich sein kann biete ich ihr an, mit zu unserer Familie zu kommen. Und so geschieht es dann auch. Von Sam, so möchte sie angesprochen werden, lerne ich auch den Satz, der die mongolische Ruhe widerspiegelt: „The horses come when they come“. Ihr scheint das Warten auf die Familie, die gerade auf einem Verdauungsspaziergang ist, nichts auszumachen. Später werde ich noch gebeten, beim Melken zuzuschauen. Meine Gastfamilie zieht im Winter ins Gebirge, weil dort mehr Flächen für die Tiere zur Verfügung stehen. Den Kühen soll die Kälte angeblich nichts ausmachen, Kälber werden mit einer Decke geschützt. Fließender Strom ist sporadisch im Dorf vorhanden, nicht aber während meiner Anwesenheit. Das Wasser wird von einer nahen Pumpe geholt.

Kurz vor dem Schlafengehen höre ich noch eine deutsche Stimme: Die 20jährige Tuja ist beim Nachbarn zu Gast. Sie wurde in der Mongolei geboren, ist mit ihren Eltern nach Österreich gezogen und besucht nach acht Jahren ihre Großeltern erstmals wieder.

Nach dem Frühstück fahren wir gemütlich durch den Naturpark und gegen Mittag werde ich in Ulan Bator abgesetzt und checke im Hotel „Springs“ ein.
Nachmittags versuche ich, das Tume-Theater zu finden, es wird empfohlen und ist auch nicht weit vom Hotel entfernt. Aber ich brauche eine knappe Stunde, um es zu finden. Viele Menschen kennen es nicht, auf meine Frage erhalte ich immer nur widersprüchliche Angaben, bis sich eine Kassiererin findet, die nicht nur das Theater kennt, sondern auch Englisch spricht. Sie führt mich hin und der Besuch ist sein Geld wert. Oft hatte ich von der Stimmakrobatik der mongolischen Männer gehört, heute erlebe ich sie, es ist ein Ohrenschmaus. Der Kehlkopfgesang, bei dem ein Sänger gleichzeitig zwei Töne produziert, einen Grundton über den Obertöne moduliert werden, ist einmalig interessant. Um eine weitere Stimme erklingen zu lassen, muss der Sänger zwei Luftströme erzeugen.

Aber auch die anderen Künstler und Akrobaten verdienen eine Erwähnung. Überhaupt nicht verstehen kann ich die Disziplinlosigkeit der asiatischen Besucher, immerhin ist das Theater bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie kommen zu spät, unterhalten sich und eine Frau telefoniert sogar während der Vorstellung. Trotzdem ist es ein schönes Erlebnis und eine passende Abschiedsvorstellung, denn jetzt bricht der letzte Abend dieser Reise an. Sie hat sehr viel Spaß gemacht, ich habe eine Menge erlebt und gesehen, hatte Kontakt mit vielen fremden Menschen und bin glücklich über die letzten fünf Wochen. Aber es war teilweise auch anstrengend und meinen großen Rucksack werde ich nun wohl für alle Zeit in die Ecke stellen und zukünftig bequemer reisen.

Ursprünglich wollte ich von Ulan Bator mit dem Zug weiter nach Irkutsk fahren und von dort über Moskau nach Deutschland fliegen. Doch leider wurde mir das zweite russische Visum zunächst erteilt, dann aber wieder gestrichen. So habe ich mich entschlossen, von Ulan Bator nach Hause zu fliegen. Ich hoffe sehr, dass Knopreisen GmbH, Bremen, mir den zuviel geleisteten Betrag erstattet, schließlich habe ich die Reise, um gerade ein solches Problem nicht erleben zu müssen, bei einer Fachagentur gebucht. Notfalls werde ich anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Horst Wehrse
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