Bellas Reise (Teil 4)

Bellas Reise (Teil 4)

Kreuz

Müde, Hunger, Pipi, kalt!
Kennst du Bad Arolsen? Nein? Ich auch nicht. Hätte man mir gesagt, dass es sich um ein schnuckeliges Heilbad im Hessischen mit schicken Gründerzeit-Villen und Fachwerkhäusern handelte, hätte ich genau hier mit einem guten Glas Wein und einem Teller Antipasti den Zweirad-Feierabend eingeläutet. Die Kirchturmuhr schlug sechs, die Sonne hatte längst ihre Kraft verloren, der Fahrtwind zwickte an Oberschenkeln und Wangen, und der Leib war in den knapp sechs Stunden Fahrt ganz langsam zu einem müden, Klumpen Eis gefroren.
Säße mir, wie den meisten Lohnsklaven, nicht der unbarmherzige Montag im Nacken, wäre ich keinen Zentimeter mehr gefahren. So aber lagen noch satte 60 Km Wegstrecke bis nach Höxter vor mir. Daheim hatte ich mit der altbewährten „Pi-Mal-Daumen-Methode“ genau dort die Mitte der Wegstrecke Koblenz-Parchim ermittelt und ein Zimmer in einer Pension gebucht. Das bedeutete: Wenn ich noch im Hellen ankommen wollte, müsste ich ordentlich Gas geben. Oder anders ausgedrückt: Müde, Hunger, Pipi, kalt – und längst noch kein Ende in Sicht!

Bratkartoffeln, Bier und Würfelspiel
Die ungewöhnlich prächtige Kirche der Ortschaft Ossendorf zwang mich zu einer Vollbremsung und ein paar Klicks auf meiner Lumix. Im Biergarten gegenüber labte sich eine Gruppe Jugendlicher an Gerstensaft und Bratkartoffeln, deren Duft mir Schwindelgefühle bescherte. Ich rollte zu ihnen hinüber und fragte sie nach dem Weg. „Wieso denn Höxter? Hier gibt`s doch auch Übernachtungsmöglichkeiten“, sagte einer der juvenilen Typen von vielleicht zwanzig Jahren. „In Höxter sind nur Schwule“, johlte sein Tischnachbar. „Und wir haben Bier und Würfelspiele“, verkündete ein Dritter. „Na, Interesse?“, fragte der Vierte. „Zu schade, dass ich in Höxter einen wichtigen Termin habe“, antwortete ich augenzwinkernd und gab meiner Roten die Sporen.
Bei aller Liebe, aber ich könnte euer aller Mutter sein – das führt doch zu nichts, dachte ich und fuhr grinsend dem Sonnenuntergang entgegen.

Abendgebet
Das Abendlicht tauchte das grüne Spalier der vor mir liegenden Kastanienallee in einen festlich-goldenen Schimmer. Vor einer Kreuzstatue am Straßenrand bockte ich Bella auf und hielt einen Moment inne. Das Ziel war fern, aber die Dunkelheit ganz nah. Müde wendete ich meinen Kopf nach rechts und erblickte ein Schild. „Komm` gut heim“, stand da, und ich und betete: „Bitte, bitte lieber Zweirad-Gott, lass` diese Reise sicher enden“. Dann ließ ich Bellas Motor aufheulen, schaltete das Fernlicht ein und fuhr pochenden Herzens der Finsternis entgegen.

Nati Rasch
Nati Rasch

Ich, Nati Rasch, bin eine bekennende "Vespista" - eine Vespaverrückte. Seit ich denken kann sitze ich auf dem Zweirad – erst auf einer milchgrünen Schwalbe namens Lotte, dann auf dem störrischen Chinaroller Paula ... 2012 erfüllte ich mir meinen Lebenstraum und umrundete Italien mit meinem ehemaligen treuen Moped Mimi, veröffentlichte ein Buch im traveldiary Reisebuch Verlag, und jetzt geht das Abenteuer endlich weiter! Mit meiner feuerroten 50er Vespa Primavera (sponsored by Zweirad Mitschke Koblenz) mache ich meine Mecklenburger Heimat unsicher und nehme euch mit auf "Bellas Rücksitz". Also Helm auf, Kickstarter kräftig durchgetreten, Vollgas und los!

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