Blühende Landschaften – auf Schusters Rappen durch Deutschland

Blühende Landschaften – auf Schusters Rappen durch Deutschland

Start in Schleswig-Holstein

 

Eigentlich kann ich mich gar nicht mehr erinnern, wann mir der
Gedanke, Deutschland per pedes zu erleben, erstmals gekommen ist. Auf einmal war der Wunsch geboren. Planungshilfe erhielt ich im Internet bei der Vorstellung der verschiedenen Deutschland- und anderen Wanderwege. Letztendlich erwarb  ich den Kompass Wanderführer „Europäischer Fernwanderweg E1“ und nun steht dem Abenteuer nichts mehr im Wege.

 

 

26.03.2013      Dänische Grenze bis Oeversee                                                      22 km

 

„Auf was habe ich mich da bloß eingelassen“ schwirrt es mir durch den Kopf, als ich bei klirrender Kälte im Bremer Hauptbahnhof auf den Zug nach Hamburg warte. Von dort sind es noch etwa 2 ½ Stunden bis Flensburg. Die Überquerung der Nord-Ostseekanalbrücke bei Rendsburg ist für mich der Höhepunkt dieser Fahrt. Eine laute Kinderschar sorgt dafür, dass mir nicht nach Lesen ist.

Ein paar Minuten nach der Ankunft geht es mit einem Bus vom Bahnhof Flensburg über die Grenze zum dänischen Ort Kruså oder Krusau. Nun noch ein kleines Erinnerungsfoto und die Deutschlandwanderung mag beginnen.

 

Ein Andreaskreuz symbolisiert den E1, nur, ich finde es nicht. Aber das tut dem Eifer keinen Abbruch, schließlich habe ich ja noch eine Landkarte und den Wanderführer bei mir. Und so gehe ich über Kupfermühle in die Stadt Flensburg hinein und dann eine längere Strecke entlang der Förde, bevor ich im Zentrum ankomme und auch das Andreaskreuz finde. Nach wie vor ist es sehr kalt, aber die Sonne scheint und der Schnee glänzt, dass ich meine Sonnenbrille schmerzlich vermisse. Einmal erkundige ich mich bei einem Mann mit Hund nach dem Weg und ernte nur ein mitleidiges Lächeln, weil ich zu Fuß unterwegs bin und nicht mit dem Bus weiterfahren möchte.

Über Munkelwolstrup, vorbei am Sankelmarker See, geht es weiter. Nach 4,5 Stunden erreiche ich Oeversee, checke im „Historischen Krug“ ein und bin endlich am Ziel.

 

Den Abend verbringe ich hier, unterhalte mich mit einem Handelsvertreter und dem 73jährigen Kellner, der schon viel von der Welt gesehen hat. Beide haben, nachdem ich den Grund meines Hierseins erklärt habe, nur ein skeptisches und bedauerndes Lächeln für mich übrig.

 

 

27.03.2013      Oeversee bis Schleswig                                                                   33 km

 

Wieder ein Winterwetter wie aus dem Bilderbuch, Sonne und klirrende Kälte. Auch heute folge ich zunächst den mit Andreaskreuz ausgeschilderten Pfaden. Über verschneite und rutschige Waldwege gehe ich weiter. „Hoffentlich passiert mir hier nichts“ denke ich, denn die Möglichkeit, jemanden zu treffen, ist äußerst gering. In Ermangelung anderer Kennzeichnungen orientiere ich mich am Radwanderweg und lande in Großsolt. Mit anderen Worten: ich habe einen Umweg von einigen Kilometern gemacht, das darf nicht wieder passieren. Am frühen Nachmittag erreiche ich Havetoft, danach Sieverstedt und werde hier  mit einem lauten Vogelkonzert begrüßt. Meine Motivation landet jedoch auf Stufe Null, als ich auf einem Schild lese, dass es noch 21,5 Kilometer bis zum Ziel sind.  Ein Straßenarbeiter gibt mir zu verstehen, dass kein Café geöffnet hat und auch eine Pause in einem anderen Lokal hier nicht möglich ist. Dieses Erlebnis wird mir auch an den nächsten Tagen verfolgen, sodass ich immer nur auf einer Bank an einer Bushaltestelle eine Pause einlegen kann. Schade, bei dieser Kälte wäre ich gern einmal eingekehrt.

Über Stenderup und Idstedt geht es weiter, vorbei an abgeernteten Maisfeldern. An den niedlichen Häusern in den Orten ist häufig das Baujahr angegeben, einige Höfe verkaufen Brennholz. Endlich erreiche ich Schleswig, aber bis zum Bahnhof sind noch einige Kilometer zurückzulegen. Ein schöner Weg führt an der Schlei und am Schloss Gottorf vorbei.

 

Den Zug nach Hamburg sehe ich noch von hinten und auf dem Bahnhof ist keine Menschenseele, die ich fragen könnte. Setze mich dann in den Zug nach Kiel, der aber in Rendsburg endet und von einem Bus abgelöst wird. Ein freundlicher Schaffner empfiehlt mir dann,  bis Neumünster zu fahren und dort umzusteigen. Kurz vor Mitternacht bin ich zu Hause, die Wanderung hat knapp 7,5 Stunden gedauert.

 

 

30.04.2013      Schleswig bis Kropp                                                             20 km

 

Im Bahnhof Schleswig angekommen frage ich nach „Mielberg“, denn dieser Verlauf wird auf Google maps empfohlen, aber niemand kennt diese Adresse. Später werde ich feststellen, dass diese Ortsbezeichnung bei Klein Rheide zu finden ist. Weiter geht es über die mächtigen Wallanlagen von Haithabu, einer ehemaligen Handelsstadt der Wikinger. Nach drei Kilometern erreiche ich Dannewerk und wundere mich über die vielen beflaggten Häuser. Hat es mit der heutigen Krönung in den Niederlanden zu tun? Ein freundlicher Radfahrer klärt mich auf, es handelt sich um die schleswig-holsteinische Fahne. Nach weiteren 5 Kilometern erreiche ich Klein Rheide, nun sind es nur noch 12 Kilometer bis Kropp.

Gehe ein Stück des Ochsenweges, vorbei am Militärflugplatz Jagel. Aber die Landschaft ist hier nicht so schön, braun ist vorherrschende Farbe, viele Sand- und Kiesgruben liegen am Weg. Militärflugzeuge dröhnen über mich hinweg. Die Hecken am Wegesrand zeigen ihr erstes Grün. Nach vierstündiger Wanderung checke ich im „Wikingerhof“ in Kropp ein.

 

Zum Abendessen gehe ich ins „Gasthaus Bandholz“. Ein Witwer schildert mir sein Los, vor einem knappen Jahr erst hat er in diesem Lokal noch seine Silberhochzeit gefeiert. Er begleitet mich zum Sportlerheim, denn nur hier habe ich Gelegenheit das CL-Halbfinale Real Madrid vs. Dortmund zu verfolgen. Die deutsche Mannschaft verliert zwar, ist aber trotzdem eine Runde weiter, dementsprechend ist auch die Stimmung unter den Zuschauern.

Den Rest des Abends unterhalte ich mich im schon genannten Gasthaus und erfahre u. a. dass viele Höfe aus dem Ort ausgesiedelt wurden. Über 100 Gäste vergnügen sich beim Bingo.

 

 

01.05.2013      Kropp bis Fockbek                                                                          20 km

 

Der Frühling zeigt sich an diesem Feiertag von seiner besten Seite. Strahlender Sonnenschein begleitet mich heute. Zunächst gehe ich an der B 77 entlang, später dann auf einer Landstraße nach Tetendorf und verlasse den Kreis Schleswig-Flensburg. Nun bin ich im Kreis Rendsburg-Eckernförde angekommen. Weiter geht es nach Lohe, auch heute hat unterwegs kein Café geöffnet. Schmetterlinge fliegen anmutig und behände zu den zarten Knospen. Am Weg hat jemand eine leere Kondompackung hinterlassen – Erdbeergeschmack. Frühling lässt sein blaues Band …

 

Auf einer Wiese vergnügen sich mehrere Jugendliche mit ferngesteuerten Hubschraubern. Viele Motorradfahrer nutzen das optimale Wetter für eine Ausfahrt.

Nun ist es nicht mehr weit bis Fockbek. Am Ortseingang wundere ich mich über mehrere hundert „Hobby“-Wohnwagen. Später erklärt mir eine Kellnerin, dass in der hiesigen Fahrzeugfabrik jede Bestellung individuell angefertigt wird.

 

Eine Legende rankt sich um den Begriff „Aalversuper“: Die Fockbeker wollten in einem See Salzheringe züchten. Doch nach dem Ablassen des Wassers tummelte sich dort nur ein fetter Aal. Weil die Bewohner der Meinung waren, dass dieser Aal alle Fische gefressen hat, haben sie ihn ins Wasser geworfen, um ihn zu ertränken. Der Aal kringelte sich und schwamm weg.

 

 

02.05.2013      Fockbek bis Hohenwestedt                                                             38 km

 

Im Hotel werde ich bezüglich der vorliegenden Wegstrecke sehr gut beraten. Zunächst wandere ich auf dem Klinterweg bis Rendsburg. Schöne Reetdachhäuser sind auf beiden Seiten der Straße angesiedelt, kurz vor Rendsburg ein moslemischer Friedhof. Zwei Fasane suchen auf einer Wiese nach Futter. Dann gehe ich über die Eider. Leider ist der Weg zur Hängefähre sehr schlecht oder gar nicht ausgeschildert und ich muss häufig fragen. Jeder Angesprochene schüttelt nur verwundert den Kopf und versteht nicht, dass man diese Strecke zu Fuß absolviert. Im Theater wird das Hitchcock-Stück „39 Stufen“ gezeigt. Doch dann ist es so weit und hinter dem Kreishafen besteige ich besagte Fähre und lasse mich über den Nord-Ostsee-Kanal bringen. An Repower vorbei geht es dann weitere 10 Kilometer am Kanal entlang über Westerrönfeld bis Schülp.

Dann verlasse ich den Kanal und orientiere mich landeinwärts nach Jevenstedt. Eine Biogasanlage von MT-Energie sorgt für ausreichend Strom. Riesige Felder und große Höfe sind in dieser Gegend vorzufinden.

 

In Jevenstedt zeigt ein Schild für Radfahrer, dass bis zum Ziel noch 24 Kilometer zurückzulegen sind, an der B 77 entlang hingegen nur noch 20 Kilometer. Ich entscheide mich für die kürzere Strecke. Ein türkischer Mitbürger hält an und fragt, ob er mich mitnehmen soll. Leider muss ich verneinen, obwohl ich sein Angebot sehr gern angenommen hätte. Schilder an den Bauernhäusern informieren, dass diese Betriebe Hansano beliefern. In den Dörfern herrscht starker Silogeruch.

 

Das Hotel in Spannan hat geschlossen, also muss weitergewandert werden. Glücklicherweise kann ich in einer Bäckerei in Legan eine Pause einlegen und etwas essen und trinken. Nachdem ich noch durch Remmels gewandert bin, erreiche ich nach neunstündigem Marsch das „Landhaus Hohenwestedt“ und sinke müde und erschöpft in die Federn. Später esse ich noch eine Kleinigkeit im Restaurant. Hier scheint das Dorfleben noch in Ordnung zu sein. An mehreren Tischen wird Skat gespielt und der Unterhaltung in Plattdeutsch kann ich gut folgen.

 

 

03.05.2013      Hohenwestedt bis Itzehoe                                                               22 km

 

Die heutige Wanderung ist eher langweilig. Sie dient aber auch nur dazu, in Itzehoe anzukommen. Das Wetter zeigt sich wieder von seiner besten Seite und ich habe, da ich nur an der B 77 entlanggehe, keine Orientierungsprobleme. Nach etwa einer Stunde bin ich im Kreis Steinburg. Rastmöglichkeiten sind auch heute, wie sollte es anders sein, nicht vorhanden. Vielleicht hätte man in einer der in der Nähe angesiedelten Ferienanlagen eine Pause einlegen können. Rechterhand ist der Flugplatz „Hungriger Wolf“ ausgeschildert.

 

In Itzehoe frage ich ein paar Male nach dem Bahnhof, um ja keinen Umweg zu gehen. Nach fünfstündiger Wanderung bin ich am Ziel und warte auf den Zug.

 

 

28.05.2013      Itzehoe bis Glückstadt                                                                     20 km

 

Die Anfahrtszeiten werden immer kürzer. Vom Bahnhof in Itzehoe gehe ich durch die Kremperheider Binnendünen. Es ist ein schöner Wanderweg. Einige Passanten mit Hund und ein paar Walker sind ebenfalls unterwegs. Manchmal scheint die Sonne. Baggerseen werden in einigen Wochen wieder zum Baden einladen. In den Ortschaften fallen mir die Hausgiebel auf, sie werden von zwei Pferdeköpfen verziert. Aber, im Gegensatz zu Niedersachsen, zeigen die Gesichter nach vorn.  Allerdings stehen auch Häuser zum Verkauf. Auf den Feldern leuchtet der Raps in nicht mehr voller Blüte. Zweimal muss ich vor einer Bahnschranke warten.

Über Krempe und Krempdorf erreiche ich nach fünf Stunden Glückstadt und beziehe ein Zimmer im „Brückenhaus“ direkt am Hafen. Zum Abendessen gehe ich ins Restaurant „Kandelaber“ und bestelle Krabben. Andere Gäste vergnügen sich am Matjes-Buffet. Dann noch ein paar Gläser Bier in einer Innenstadtkneipe und ab ins Bett.

 

 

Erdverwachsen durch Niedersachsen

 

 

29.05.2013      Glückstadt bis Drochtersen                                                            19 km

 

Heute werde ich Schleswig-Holstein adieu sagen. Es regnet, als ich zur Elbfähre gehe. Mein Regencape ist dabei nur eine kleine Hilfe. Die Elbe ist hier etwa fünf Kilometer breit, diese Strecke brauche ich wenigstens nicht mehr zu gehen. Nach etwa halber Fährstrecke pfeife ich das Niedersachsenlied. Wenn man der Landeshymne glaubt, sind die Bewohner sturmfest und erdverwachsen. Ein Fahrradweg zeigt die nächsten Ziele an, aber die benötigte Schleuse wird nur am Wochenende bedient. Also weiter in Richtung Wischhafen, danach erreiche ich Neuland, der Ort heißt wirklich so und jetzt bin ich im Land Kehdingen angekommen. Am Eingang hat sich ein Polizeiblitzer versteckt. Obst aus eigenem Garten oder vom eigenen Feld wird am Straßenrand angeboten.

Riesige Rapsfelder erstrecken sich bei Dornbusch. Nachdem ich noch durch Nindorf gegangen bin, erreiche ich nach vier Stunden Drochtersen. Das „Hotel am Rathaus“ ist für heute mein Quartier.

Zum Abendessen gehe ich mangels anderer Möglichkeiten zum Restaurant im Hallenbad, später kehre ich noch in Andre´s kleiner Kneipe ein. Zwei Gäste streiten sich wegen ihrer Hunde in der Gaststätte, aber Maurin reagiert gelassen und souverän.

 

 

30.05.2013      Drochtersen bis Stade                                                                     18 km 

 

Ein sehr gutes Frühstück lässt das schlechte Wetter etwas vergessen. Gegen 9.30 Uhr wird der Regen etwas weniger und ich mache mich auf den Weg. Am Ortseingang von Ritsch steht schon wieder ein gut getarntes Polizeifahrzeug und blitzt. Ich marschiere weiter bis Assel, um dann den Weg durchs Moor fortzusetzen. Vor vielen Häusern wurden Flaggenfahnen angebracht, einige erinnern an Segel.

Im Moor kommt mir nach einer Stunde ein einsamer Jogger entgegen, er kommt mir vor wie eine Fata Morgana. Dicke Krähen sitzen auf den Zaunpfählen. Manchmal fühle ich mich wie in einer gespenstischen Nebellandschaft. Windräder, Wildenten und Moorgräben sorgen für etwas Abwechslung in dem tristen Geschehen. Die Hansestadt Stade, Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises, erreiche ich nach vier Stunden, jetzt bin ich im Alten Land. Im Zentrum freue ich mich über die malerischen Fachwerkhäuser. Mit dem Zug geht es nach Hause.

 

 

25.06.2013      Stade bis Sauensiek                                                                        28 km

 

Im Bremer Hauptbahnhof, während ich auf den Zug nach Stade warte, treffe ich eine ehemalige Kollegin. Sie ist auf dem Weg zu einer Kur.

In Stade gehe ich Richtung Agathenburg und sehe mir das dortige Schloss an. Im nächsten Ort, Dollern, komme ich an einem Sammelpunkt der Liebesfahrzeuge von sexnord.net vorbei und vor Nottensdorf, das ich beinahe mit „u“ geschrieben hätte, warten schöne Frauen in besagten Wohnmobilen auf potentielle und potente Kunden. Riesige Obstplantagen bestimmen das hiesige Bild. Leider ist kein Fußweg vorhanden und ich bin gezwungen, mich auf der Landstraße fort zu bewegen, immer wieder kommen mir Lastkraftwagen entgegen oder überholen mich. Das Gehen macht hier keinen Spaß, obwohl mir die Landschaft sehr gefällt. Auch hier arbeitet eine Biogasanlage von MT-Energie. Später führt die Straße durch gewaltige Mais- und Weizenfelder. Nach Grundoldendorf erreiche ich Apensen und trinke etwas in einer Tankstelle, der freundliche Mitarbeiter ist mir in angenehmer Erinnerung.

 

Später in Beckdorf fängt es wieder an zu regnen und ich suche bei einer anderen Tankstelle Schutz. Ein älterer Mann spricht mich an und stöhnt, dass viele Betriebe mittlerweile in türkischer Hand sind. Schnell verabschiede ich mich, stelle mich aber kurze Zeit später unter das Dach einer Bushaltestelle, denn der Regen hat sich wieder eingestellt. Plötzlich wird gehupt, ein Landrover fährt vor und der Herr von der Tankstelle sitzt am Steuer. Er dreht sein Fenster herunter, macht die Musik lauter und ich höre zünftige Marschmusik. Sein Angebot, mich nach Sauensiek zu fahren, muss ich leider ablehnen. Nach gut sechs Stunden bin ich endlich am Ziel. Im „Klindworths“ werde ich die nächste Nacht verbringen.

Später besucht mich mein Patenkind Christian. Er wohnt in der Nähe, wir hatten uns lange nicht gesehen und es wird ein sehr schöner Abend. Im „Klindworths“ wird Bier, zumeist für Eigenbedarf, gebraut.

 

 

26.06.2013      Sauensiek bis Tostedt                                                                     17 km

 

Morgens ist es doch reichlich kühl. Ein schöner Weg führt durch Wald und Feld nach Holvede im Landkreis Harburg. Etwa drei Meter neben mir äst ein Reh im Mais. Vorbei geht es am Heidenauer Hochzeitswald. Bei einer Weggabelung bin ich nicht sicher, wie es denn nun weitergeht. Eine Frau bringt mich auf den richtigen Weg und beklagt sich, dass eine über 100 jährige Buche durch Überdüngung eines Bauern eingegangen ist. Hinter Wüstenhöfen geht es über unangenehmes Kopfsteinpflaster nach Tostedt. Der Bahnhof befindet sich in der Post-, die Post in der Bahnhofstraße. Logisch, dass ich mich erst verlaufe. Wegeschilder zeigen, dass es bis Warschau 914 und bis Moskau 2.172 Kilometer sind. Der Bahnhof, den ich nach gut 3 ½ Stunden erreiche, sieht sehr unwirtlich aus. Sämtliche Fensterscheiben sind vernagelt. Mich stört es nicht, denn mein Zug kommt in zehn Minuten.

 

 

 

14.08.2013      Tostedt bis Schneverdingen                                                            22 km

 

Heute begleitet mich Wilfried. Die Zugfahrt nach Tostedt ist relativ preisgünstig, schließlich können wir uns das Niedersachsen-Ticket teilen. Ein kleiner Weg führt nach Otter. Auf den Feldern wird Mais, Roggen und Hafer angebaut. Auf einer schönen Allee gehen wir dann weiter nach Klein Todtshorn. Jetzt liegen riesige Maisfelder an beiden Seiten des Weges. Eine Mühle ist im Hintergrund zu erkennen. Wir kommen durch Groß Todtshorn. Manchmal regnet es, ein Bauer fordert uns freundlich auf, in seiner Scheune Unterschlupf zu nehmen.

 

Ab dem Ort Wesseloh befinden wir uns im Heidekreis. Später gehen wir weiter auf einem im Bau befindlichen Radweg. Ein freundlicher Busfahrer hält an und fragt, ob wir nicht einsteigen wollen, natürlich müssen wir ablehnen. Der Radweg ist immer noch nicht fertig und nun heißt es, in Höhe des Ortes Eggersmühlen, über einen Graben zu kommen. Wir beide haben es nicht geschafft, trockenen Fußes über das Hindernis zu springen. Auf einer Bank in der Dorfmitte von Insel schütten wir das Wasser aus den Schuhen. Nun ist es nicht mehr weit bis Schneverdingen. Heute sind wir 4.30 Stunden unterwegs. Mit dem Heidesprinter geht es zurück nach Bremen.

 

 

22.08.2013      Schneverdingen bis Soltau                                                              22 km

 

Auch heute ist Wilfried dabei. Im letzten Augenblick erkennen wir im Bremer Hauptbahnhof, dass unser Zug von einem anderen Gleis abfährt und erreichen in letzter Sekunde unser Abteil. Wenn sich der eine auf den anderen verlässt …

 

Gleich hinter Schneverdingen geht es ein paar Kilometer durch blühende Heide, es sind erstaunlich wenige Menschen unterwegs. Anschließend sehen wir riesige Stoppel- und Maisfelder, aber auch einige mit Heidekartoffeln. In Heber überqueren wir die Böhme, einen kleinen regionalen Fluss, auch Namensgeber der hiesigen Zeitung.

 

Begonnen haben wir die heutige Wanderung auf dem Freudenthalweg, der mir sehr gefällt. Er führt u. a. durch eine sehr angenehme Waldlandschaft, aber irgendwann hinter Gröps haben wir eine Beschilderung übersehen und orientieren uns nach  Wolterdingen. Einmal muss der Bach Lohreith überquert werden. Kurz vor dem Ziel erreichen wir zufällig wieder den erwähnten Wanderweg.

 

Nach fünfstündiger Wanderung haben wir Soltau erreicht. Der Heidesprinter setzt sich sofort nach unserem Einstieg in Bewegung. Heidschnucken haben wir bisher nicht gesehen.

 

 

11.09.2013      Soltau bis Wietzendorf                                                                    18 km

 

Im Bremer Bahnhof bin ich etwas verärgert, das Niedersachsenticket habe ich zwar nach längerem Kampf  (falscher Automat) erworben, darf es aber erst nach 9.00 Uhr anwenden, und der Heidesprinter direkt nach Soltau fährt um 8.45 Uhr ab. Vorsorglich frage ich die Schaffnerin, ob man da was machen könnte …, aber ich hätte auch eine Wand fragen können. Also wieder mit dem Metronom nach Buchholz und dann zurück in die Heide.

 

Auf dem Weg stadtauswärts überquere ich wieder einmal die Böhme. Am Rande von Soltau komme ich am Club „My Lady“ vorbei, er scheint noch geschlossen zu sein. Weiter geht es, zunächst auf der B 3, nach Weiher. Kurz vor der Ortschaft Bassel halte ich an einem schönen Blumenfeld an. Die Dahlien und anderen Herbstblumen stehen in voller Blüte. Auf einer Nebenstraße gehe ich bis Hebenbrock, teils durch einen kleinen Kiefernwald, teils an Kartoffel- und Maisfeldern vorbei, einmal auch an einer Maisvernichtungsanlage. Nadelbäume, teils in Schonungen, prägen das Bild weiter. Nachdem ich über die Autobahnbrücke gewandert bin, erreiche ich das kleine Örtchen Penzhorn. Viele Bundeswehrfahrzeuge kommen mir entgegen, ein Militärgelände befindet sich neben der Straße. Hinter Dehnenbockel muss ich kurz navigieren, gehe dann durch das Wietzendorfer Moor, vorbei an großen Bauernhöfen, zum Rathausplatz. Zwei Minuten später steige ich in den Bus zurück nach Soltau. Heutige Wanderzeit: ca.4,5 Stunden. Wietzendorf ist Partnerstadt von Lipiany/Polen – und Heidschnucken sind mir auch heute nicht begegnet.

 

 

19.09.2013      Wietzendorf bis Bergen                                                                   18 km

 

Heute fahre ich mit dem Auto zum Ausgangspunkt, alles andere wäre sehr umständlich gewesen. Bei schönem sonnigem Herbstwetter orientiere ich mich am Radwanderweg. Und der führt gleich ins Wietzendorfer Moor an den Radewiesen vorbei. Hier werden frühere Wiesen und Weiden nicht weiter beackert, sondern als Naturschutzgebiet den Vögeln, Fröschen, Schmetterlingen und anderen Tieren überlassen. Auf einem Hochstand hat man einen guten Blick auf den davor liegenden Teich. Nach zweistündiger Wanderung erreiche ich Wardböhmen und betrete den Landkreis Celle. In diesem Ort scheint jeder Schützenkönig gewesen zu sein, aber auch Flaggen von Hannover 96, Borussia Dortmund und dem HSV flattern im Herbstwind. Der Weg führt durch Wald und Flur und die meiste Zeit bin ich allein unterwegs.

Hinter Hoope sind mehrere Landwirte dabei, mit großen Vollerntern ihre Kartoffeln einzufahren. In der Nähe von Bleckmar gehe ich ein kleines Stück auf der B 71 entlang, kann dann aber wieder auf einen gemütlicheren Wanderweg ausweichen. Zu beiden Seiten des Weges stehen Rüben in voller Pracht und werden wohl auch in den nächsten Wochen geerntet werden. An einem Fahnenmast weht eine Werderfahne. Ehrenscheiben vom Schützenverein, diesen Ausdruck hatte ich vorher noch nicht gehört, schmücken die Häuserfronten, Ferienwohnungen stehen zur Verfügung. Einmal muss ich den kleinen Bach „Meiße“ überqueren. Von Hasselhorst sind es dann noch zwei Kilometer bis Bergen.

Einen Abstecher zur sehr interessanten Kz-Gedenkstätte in Bergen-Belsen versage ich mir, da ich sie erst vor einigen Jahren letztmalig besucht hatte.

Nach 3,5 Stunden bin ich am Ziel und überlege, wie ich am besten zu meinem Auto komme. Die Nahverkehrsverbindungen sind, da es über die Kreisgrenze geht, suboptimal und so einige ich mich nach kurzem Gefeilsche mit einem Taxifahrer.

 

Von Wietzendorf fahre ich dann nach Uelzen, um den dortigen bekannten Hundertwasserbahnhof zu besichtigen – und er ist wirklich eine Reise oder einen Umweg wert.

 

 

25.09.2013      Celle bis Bergen                                                                              26 km

 

Der Bus von Celle nach Bergen fährt erst in mehr als einer halben Stunde und so entscheide ich, heute die Strecke mal umgekehrt zu gehen. Der Mann, den ich an der Haltestelle nach der Richtung frage, hält mich für verrückt, nach Celle geht man doch nicht zu Fuß.  Heute zeigt sich das Wetter nicht von seiner besten Seite, die Sonne hat sich den ganzen Tag versteckt.

Hinter Groß Hehlen beginnt eine riesige Baustelle an der B 3, der Verkehr ist nur in eine Richtung möglich. Für mich ein Vorteil, denn heute geht es bis zum Schluss nur an der Bundesstraße entlang, meistens schnurgeradeaus. Langweilig aber effektiv. Wobei der Weg viele Kilometer durch einen Wald führt. Reife Pilze, später werde ich erfahren, dass es sich um gemeine Riesenschirmlinge handelt, am Weg und im Unterholz machen auf den Herbst aufmerksam. Am Ortseingang von Wolthausen überquere ich den kleinen Fluss „Örtze“, der in der Nähe von Winsen in die Aller mündet.

 

Auf einem Feld kurz vor Hassel ruhen sich die ersten Kraniche auf und tanken Kraft für den Weiterflug in südliche Gefilden. Schilder besagen, dass ich mich nun auf der Niedersächsischen Mühlenstraße bewege. Und jetzt sind sie doch da – etwa fünf Heidschnucken grasen auf der benachbarten Weide. Nachdem ich Grünewald und Offen hinter mir gelassen habe, erreiche ich nach etwa fünf Stunden die Stadt Bergen, 26 Kilometer liegen hinter mir.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle bittet mich eine alte aber doch sehr redselige Frau; sie doch auf ihrem Rollator ein Stück zu schieben. Viele Läden stehen leer und werden von Maklern zur Miete oder zum Verkauf angeboten.

Mit dem Bus geht es zurück in die Residenzstadt Celle, durch die Innenstadt zum Bahnhof, vorbei am malerischen Schloss und vielen schönen und eindrucksvollen Fachwerkhäusern, es sollen insgesamt über 400 sein. Die Einwohnerzahl beträgt rund 70.000, Celle ist Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises.

 

 

04.11.2014      Celle bis Burgdorf                                                                            23 km

 

Nach mehr als einem Jahr Pause setze ich die Wanderung fort. Von November 2013 bis April 2014 hatte ich eine Auszeit genommen und war einmal um die Welt gereist.

Mit dem Zug, der erst ab morgen bestreikt wird, geht es nach Celle und dort orientiere ich mich südwärts. Hat es in Bremen noch geregnet, so wagt sich jetzt die Sonne hervor und beschwingt mache ich mich auf den Weg. Aber auch hier ist die Wanderung durch das triste Vorstadt- oder Gewerbegebiet eher langweilig. An Bürohäuser, anderen Betrieben, der Zollagentur und einer Kartbahn vorbei gehe ich bis Westercelle. Ein Schild am Lokal „Zur Börse“ informiert, dass es sich um den ältesten Gasthof des Ortes handelt. Weiter geht es, teils an Reiterhöfen vorbei, durch eine herbstliche Allee nach Adelheidsdorf. Ein Teil des nun zu gehenden Weges gehört zur Niedersächsischen Spargelstraße. Überrascht bin ich, eine Filiale meines alten Arbeitgebers, der Großhandlung Bumke mit Hauptsitz in Hannover, zu sehen. Dann, beim Weitergehen, halte ich mich geraume Zeit in Adelheidsdorf auf. Zuerst habe ich den Eindruck, dass dieser lang gestreckte Ort nur aus der Straße mit den anliegenden Häusern besteht und es dauert, bis ich endlich den Dorfkern erreiche. Bis Ehlershausen gehe ich ein Stück an der Bundesstraße 3 entlang. Es handelt sich um einen Stadtteil von Burgdorf und somit habe ich nun den Landkreis Region Hannover erreicht.

 

Leider bewölkt sich der Himmel immer mehr und auch die ersten Tropfen fallen herunter, aber nur für einen kurzen Moment und mein Regencape braucht nicht ausgepackt zu werden. Über Flaatmoor marschiere ich nach Obershagen. Gerne hätte ich unterwegs eine Rast eingelegt, aber Sitzmöglichkeiten, geschweige denn ein Café oder ein Lokal, treffe ich nicht an bzw. finde ich nicht vor. Abgeerntete Maisfelder, Wiesen und gepflügtes Land liegen zu beiden Seiten des Weges. Kurz vor Weferlingsen hält eine freundliche Dame an und fragt, ob sie mich ein Stück mitnehmen könne. Gerne hätte ich das Angebot angenommen, denn momentan bewege ich mich auf einer geteerten Landstraße ohne Bürgersteig oder Fußweg und die Autos und Lastwagen lassen kein relaxtes Wandern zu. Aber dann hätte ich mich selbst betrogen. Nachdem Sorgensen hinter mir liegt sind es nur noch ein paar Kilometer bis Burgdorf. Im „Hotel am Försterberg“ lasse ich den Tag ausklingen.

 

05.11.2014      Burgdorf bis Sehnde                                                                        17 km

 

Nach einem gemütlichen Frühstück setze ich den Weg fort. Die freundliche Dame an der Rezeption empfiehlt mir, den Depenauerweg einzuschlagen, um nicht an der Bundesstraße 443 entlang gehen zu müssen. Es ist trübe, aber trocken, und so wird es, von einigen Tropfen abgesehen, den ganzen Tag bleiben. Am Friedhof vorbei gehe ich weiter und sehe den Auehof. Ein Schild teilt mit, dass hier Tiere betreut werden.

 

Am Ortseingang von Steinwedel schaue ich mir für kurze Zeit ein Wildgehege an. Später frage ich zwei ältere Damen nach einem schönen Wanderweg nach Lehrte und sie erklären mir auch freundlich und fachkundig die weitere Strecke. Aber wir müssen uns  missverstanden haben, denn nun erreiche ich nach etwa vier Kilometern den Ortskern von Steinwedel und bin vielleicht 300 Meter Luftlinie weiter gekommen. So orientiere ich mich nach Aligse und gehe dann auf einem Fahrrad- und Fußgängerweg parallel zur B 443 nach Lehrte. Obwohl bis Sehnde, meinem heutigen Tagesziel, nur noch etwa acht Kilometer vor mir liegen, ernte ich auf Nachfragen nach einem ordentlichen Fußweg nur ein ungläubiges Kopfschütteln. Auf den Feldern, an denen ich nun vorbeigehe, warten riesige Zuckerrübenhaufen auf Abholung und Weiterverarbeitung.

 

Gegen 13.00 Uhr erreiche ich Sehnde, fahre mit dem Bus 371 nach Hannover-Ahlten, mit der S 7 zum Hauptbahnhof und bin danach pünktlich zum Doppelkopf in Neustadt am Rübenberge.

 

 

15.12.2014      Sehnde bis Hildesheim                                                                    22 km

 

Mein Auto parke ich auf einem Kaufhausparkplatz im Zentrum von Sehnde. Der Wetterbericht hatte bedecktes Wetter mit einigen Schauern angekündigt, aber es regnet fast den ganzen Tag. Nicht stark aber beständig. Am Ortsausgang meine ich, dass die Stange mit dem „Schilderwald“ verdreht wurde und frage vorsichtshalber eine Frau, die ihren Hund Gassi führt, nach dem richtigen Weg. Als sie hört, dass es bis Hildesheim geht, antwortet sie: Oh, ist das cool! Nachdem ich den Mittellandkanal überquert habe, erreiche ich den Ort Bolzum mit einer historischen Schleuse und dem Alten Rittergut. Hinter Lühnde werde ich auf übelste Weise von einem LKW-Fahrer beschimpft, angeblich musste er meinetwegen anhalten, obwohl, da bin ich mir ganz sicher, ich Vorfahrt hatte. Meine Antwort scheint ihm nicht zu passen und ich bin froh, dass er aufs Gas drückt und sich davon macht. Über Tiefenbach geht es durch Algermissen. Von Harsum sehe ich nicht viel, denn der Weg führt um den Ort herum.

In Hildesheim steuere ich das Creditreform-Büro an und besuche einen alten Kollegen. Er fährt mich anschließend zum Bahnhof, der gerade umgebaut wird. Sechs Busfahrer können mir nicht erklären, wie ich am besten zurück nach Sehnde komme, also nehme ich lieber die S-Bahn. Beim Einlösen der Fahrkarte sehe ich, dass sich der Zug gerade in Bewegung setzt, also darf ich noch eine Stunde warten.

 

 

30.04.2015      Hildesheim bis Grafelde                                                                  23 km

 

Ausnahmsweise streikt die GdL nicht und so nehme ich den Zug bis Hildesheim. Erwartungsvoll gehe ich am Dom und an schönen alten Fachwerkhäusern vorbei und sehe dann eine alte Brücke aus dem Jahre 1790. Etwas weiter erkenne ich eine Frauen-Haftanstalt. Rund 100.000 Einwohner wohnen in der Stadt, die auch Sitz des Bistums Hildesheim ist. Auf der Landstraße geht es weiter nach Hildesheim-Ochtersum. Gelbe Rapsfelder leuchten in der Sonne, die sich hin und wieder blicken lässt. Leider ist es nun mit dem bequemen Gehen in der Norddeutschen Tiefebene vorbei. Die Gegend wird hügeliger und ich merke meine Konditionsdefizite. Manchmal regnet es etwas. Mein Navi lenkt mich durch eine sehr angenehme Waldlandschaft nach Petze, von dort auf gemütlichen Waldwegen nach Westfeld. Nun dauert es nicht mehr lange, bis ich das Landhotel „Zur Linde“ in Adenstedt-Grafelde erreiche. Es ist noch geschlossen, aber ich kann den Inhaber telefonisch erreichen. Leider wird die Gastronomie nur am Wochenende betrieben und eine andere Gaststätte oder ein interessantes Restaurant sind nur mit Taxi erreichbar. Der Chef erklärt sich bereit, mir ein Schnitzel zu braten und stellt mir ein paar Flaschen Bier hin. So solide bin ich lange nicht in den Mai hineingeschlittert.

 

 

  • Grafelde bis Kreiensen 24 km

 

Nach einem guten Frühstück mache ich mich auf den Weg. Der freundliche Hotelier bietet mir an, doch etwas Wegeszehrung mitzunehmen. Wieder geht es kleine Berge hinauf und ich bin ordentlich am Schnaufen. Auf dem Rennstieg begegnen mir einige Wanderer. Eine Schnecke ist mit ihrem Haus unterwegs. Am Sportplatz Adenstedt vorbei geht es weiter nach Winzenburg. Unterwegs komme ich an der Irmenseul Schutzhütte vorbei. In Klemp verlasse ich mich wieder auf mein Navi, jedenfalls zunächst. Als ein Baumstamm den ohnehin nicht gut erkennbaren Weg versperrt empfange ich kein Signal mehr und weiß nicht mehr weiter – und das nach einem viertelstündigen Aufstieg. Missmutig kehre ich um und frage in Schildhorst nach dem richtigen Weg. Ein hilfsbereiter Mann empfiehlt, an der Leine entlang zu gehen. Und so erreiche ich ein paar Minuten später den Leine-Heide-Radweg, eingerahmt von der Leine und den Eisenbahngleisen. Nun sind nur noch acht Kilometer auf angenehmer gerader Strecke ohne Berge und Hügel zu bewältigen. Heute ist es trocken, im wahrsten Sinne des Wortes, denn bisher bin ich, genau wie gestern, an keinem Lokal vorbeigekommen, um mich etwas zu erfrischen. Erzhausen lasse ich rechts liegen und wandere durch Beulshausen, das zur Stadt Einbeck gehört. Ein kleiner Friedhof mit elf Grabsteinen liegt am Ortseingang. Und dann ist endlich Kreiensen im Landkreis Northeim, größter Ortsteil der Stadt Einbeck, erreicht, früher bedeutender Eisenbahnknotenpunkt. Nun befinde ich mich also im Leineberg- bzw. in Harz- und Sollingvorland. Mit dem Zug geht es nach Hause zurück. Eine Gruppe junger Männer aus Nordstemmen hat gewaltig ins Glas geschaut und ist im Abteil nicht zu überhören.

 

 

21.05.2015      Kreiensen bis Northeim                                                                  21 km

 

Wieder einmal streiken die Lokführer, deshalb fahre ich mit dem Auto nach Kreiensen und stelle mein Fahrzeug dann an einer kleinen Nebenstraße ab. Nach kurzem Marsch erreiche ich den Ort Billerbeck mit einer malerischen Wassermühle. Kurz vor Haieshausen biege ich scharf nach links und wandere auf einem Feldweg einem einsamen Reiter nach, vorbei an einem kleinen Friedhof auf einer Anhöhe. Gelbe Rapsfelder leuchten von den Berghängen, es ist ein schönes Bild. In der Ortsmitte von Opperhausen wurde ein langer Maibaum aufgestellt, in einem Garten die Flagge von Hannover 96 gehisst. Ob diese Mannschaft übermorgen noch in der 1. Bundesliga verbleiben wird? Wir werden sehen. Einige Bauern sind bei der Heuernte. Als nächsten Ort erreiche ich Ahlshausen und bin somit noch immer im Stadtgebiet von Einbeck. Mein Navigationsgerät empfiehlt einen Weg an den Bahngleisen entlang. Obwohl ein Schild „Benutzung verboten“ aufgestellt ist, entscheide ich mich für diese Strecke und werde auch nicht aufgehalten oder zurückgeschickt. Einmal überholt mich ein Zug, und das an einem Streiktag. In Edesheim biege ich auf einen Fahrradweg und gehe entlang der viel befahrenen B3, dieser Weg ist nicht unbedingt empfehlenswert. Beim Anblick des Schildes „Truck Stop“ werden meine Lebensgeister wieder wach, denn es ist das erste Lokal auf der Strecke, seit ich in Kreiensen losgegangen bin. Aber dieses Gasthaus existiert nicht mehr, ebenso wenig die „Verwöhnoase“ nebenan. Dafür hat die benachbarte Aalräucherei geöffnet und im Restaurant erhole ich mich einen Augenblick. Bei schönem Sonnenschein erreiche ich Northeim und belege mein Zimmer im Hotel „Deutsche Eiche“.

Die Stadt gefällt mir. Alte Fachwerkhäuser schmücken die Innenstadt, allerdings sind hier auch viele Leerstände zu beklagen. Gegenüber der mit Efeu bewachsenen Klosterschenke erhebt sich ein schön verziertes Haus, das den Ratskeller beherbergt, aber auch dieses Lokal wird nicht mehr bewirtschaftet. Ein paar Schritte weiter erinnert ein Schild daran, das in diesem Haus der frühere niedersächsische Ministerpräsident Georg Diederichs geboren wurde. Während seiner Amtszeit war er einmal Ehrengast beim damals noch über die Grenzen hinaus bekannten Nendorfer Erntefest. Nach einer kurzen Pause im „Cutter´s Club“ gönne ich mir zum Abendessen Spargel mit Dalmatiner Schinken im Restaurant „Goldener Löwe“. Beim Absacker an der Hotelbar staune ich über ein lange nicht mehr erlebtes Phänomen: man unterhält sich verbal und das Handy oder Tablet bleibt in der Tasche.

 

 

22.05.2015      Northeim bis Göttingen                                                                   22 km

 

Die erste Hälfte der heutigen Strecke ist eher langweilig, denn sie führt wieder an der lauten B3 entlang. Dafür meint es der Wettergott gut mit mir und die Sonne begleitet mich bis zum Schluss. Ist es anfangs noch etwas kühl, so zeigt das Thermometer gegen Mittag 18 Grad an. Der Bahnstreik ist vorbei und im Minutentakt beobachte ich Personen- und Güterzüge im Einsatz. Als erstes streife ich den Ort Sudheim. Am Wegesrand wird Nienburger Spargel feilgeboten. Vor Nörten-Hardenberg fallen mir die riesigen Felder mit Sonnenkollektoren auf. Die Stadt ist festlich geschmückt, denn in diesen Tagen findet der „Große Schüttenhoff“ statt, ein Traditionsfest mit Ausmarsch.

Jetzt geht es auf kleineren Straßen weiter bis Angerstein. Der Flecken Bovenden, den ich als nächstes erreiche, befindet sich schon im Landkreis Göttingen. Punkt 12.00 Uhr erreiche ich die Stadt Göttingen, jetzt trennen mich nur noch ein paar Kilometer vom Bahnhof. Ein junges Paar erklärt mir den Weg dorthin, stellt mir aber im Anschluss zu viele persönliche Fragen und als es dann noch um 50 Euro bittet, verschwinde ich vorsichtshalber im Supermarkt und kaufe mir eine Erfrischung. Zurück nach Kreiensen nehme ich den Zug.

 

 

28.05.2015      Göttingen bis Witzenhausen                                                33 km

 

In der Straßenbahn, mit der ich zum Bahnhof fahre, werden die Fahrscheine kontrolliert und zwei Personen haben wohl das Bezahlen vergessen, müssen sich legitimieren und 40 Euro abdrücken. Der ICE fährt pünktlich los.

In Göttingen sehe ich mir zunächst das Gänselieseldenkmal an, auch wenn es konträr zur geplanten Wegstrecke steht, dann geht es südwärts. Nachdem ich die Leine überquert habe, laufe ich an den Anlagen des Kleingartenvereins „Am Kiessee“ vorbei und danach an besagtem See. Einige Boote dümpeln im Wasser. Hinter Rosdorf höre ich den ersten Kuckuck. Ein toter Maulwurm liegt auf dem Feldweg, der sich gemütlich durch verblühende Raps- und grüne Roggenfelder zieht. Über Obernjesa gelange ich nach Klein Schneen, im Bahnhof wartet ein Güterzug nur mit Holzstämmen beladen auf die Weiterfahrt. Auch in diesem Ort weht eine Hannover 96-Flagge im Wind. Dann endlich erreiche ich Friedland, bekannt als Grenzdurchgangslager für Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten, und lege im „Boxenstop“ eine notwendige Pause ein. In der Stadt befindet sich eine landwirtschaftliche Versuchsanlage der Universität Göttingen. Vor vielen Jahren hatte ich beim Jobben während der Semesterferien das Glück, einen Futtermitteltransport hierhin zu begleiten.

Leider orientiere ich mich dann falsch und lande in Elkershausen. Missmutig gehe ich zurück und bis Hebenshausen direkt an der B 28 entlang. Manchmal ist ein Fuß- oder Radweg neben der Fahrbahn angebracht, aber halt nicht immer. Und dann dieser Verkehr! Zu allem Überfluss setzt auch noch der Regen ein. In Unterrieden überquere ich die Werra auf einer malerischen Holzbrücke und dann, endlich, ist Witzenhausen erreicht – nun befinde ich mich in Hessen. Im Hotel „Stadt Witzenhausen“ werde ich die nächste Nacht verbringen. Zum Abendessen gehe ich ins Gasthaus „Zur Krone“. Einer Wandmalerei nach sind hier die Gebrüder Grimm im Jahre 1837 ebenfalls eingekehrt. Die Innenstadt wird durch schöne alte Fachwerkhäuser geprägt, aber auch hier sind Leerstände zu verzeichnen. Einige Lokale haben geschlossen. Zurück im Hotel sehe ich mir noch den Schluss des Relegationsspiels HSV-KSC an.

 

 

Wandernd durch das Hessenland

 

 

29.05.2015      Witzenhausen bis Albungen                                                26 km

 

In Unterrieden geht es wieder über die schöne Werrabrücke und dann den unbedingt empfehlenswerten Werra-Radweg entlang. Ab und zu begegnen mir Radfahrer, zumeist Männer und jenseits der 60, aber in professionellem Outfit. Die Burg Hanstein thront majestätisch und wuchtig auf einem Berg. Im schönen Ort Werleshausen komme ich am gleichnamigen  Schloss vorbei. Dann führt der Weg direkt an der Werra am Wald entlang. Gänse, Enten und zwei Schwäne genießen die warmen Sonnenstrahlen auf dem Wasser. In Lindewerra (Thüringen) verlasse ich den Radweg und gehe auf der K 118 weiter bis Wahlhausen im Landkreis Eichsfeld, ebenfalls noch in Thüringen gelegen. Pia´s Radlerrast hat leider noch geschlossen. Bevor ich Bad Sooden-Allendorf, nun wieder in Hessen, erreiche, weist ein Schild auf den früheren Eisernen Vorhang hin. Leider führt mein Navi mich dann wieder an eine Bundesstraße. Ein Tankwart meint aber, ich solle zurück- und dann links an der Werra weitergehen – schon wieder ein unnötiger Umweg! Doch die Empfehlung geht in Ordnung und so laufe ich einige Kilometer fernab des lauten Verkehrs. Während einer Pause im „Fischerstübchen“ wundere ich mich über einen kleinen Werderschal am Tresen. Weiter geht es nach Kleinvach, viele Bänke am Weg laden zum Verweilen ein. Doch dann übersehe ich wohl ein Hinweisschild und orientiere mich mit dem Navi.  Hätte ich man lieber einen Passanten gefragt. Dann wäre mir ein unnützer Aufstieg auf einen Hügel erspart geblieben. Gegen 14.30 erreiche ich Albungen, rund zehn Kilometer sind noch zu bewältigen, aber mir bleiben nur noch 90 Minuten bis zur Zugabfahrt. Mein Ticket lässt leider keine spätere Verbindung zu. So warte ich auf den Bus, fahre umsonst, da der Fahrer Probleme mit der Kassentechnik hat, zum Bahnhof in Eschwege und dann mit der Eisenbahn nach Hause. Pünktlich auf die Minute.

 

 

  • Albungen bis Sontra 23 km

 

Die Anfahrt bereitet Schwierigkeiten. Angeblich fällt der ICE Bremen-Göttingen wegen eines Suizids aus und stattdessen werden wir in einen anderen ICE nach Rotenburg/Wümme gesetzt, der hier einen unplanmäßigen Halt einlegt. Von dort dann weiter bis Göttingen und mit dem schon bekannten Cantus bis Eschwege. Hier warte ich noch eine Viertelstunde und fahre dann mit dem Bus nach Albungen. Mittlerweile zeigt meine Armbanduhr schon auf 13.47, d.h. vor langen 5 1/2 Stunden habe ich meine Wohnung verlassen.

Es ist angenehm warm und ein kleiner Windzug von hinten lässt das Wandern zur Freude werden. Wieder gehe ich an der Werra entlang, die Natur hat sich mächtig entwickelt und die Gerste schon eine leichte Gelbfärbung angenommen. In Niederhone überquere ich die Wehre. Am kleinen Fluss entlang geht es dann bis Reichensachsen. Über Oetmannshausen erreiche ich Hoheneiche und gelange dann nach Wichmannshausen. Dieser Ort gehört schon zur Stadt Sontra im Werra-Meissner-Kreis. Der Radweg R 5 ist gut beschildert und so komme ich heute ohne unnötigen Umweg gut voran. Ein paar Menschen arbeiten auf großen Erdbeerplantagen am Wegesrand. Um 18.40 Uhr bin ich am Ziel und checke im Gasthof „Kirschtraum“ ein. Fast hätte man mein Zimmer, da nach 18.00 Uhr, schon weitervermietet. Heute wird auf der Terrasse für Hotel- und andere Gäste gegrillt. Schnell steuere ich den letzten freien Platz an und sofort ergibt sich ein leutseliges Gespräch mit Bernd. Er wohnt in Sontra, arbeitet bei Amazon in Bad Hersfeld und gibt mir ein paar Tipps für den morgigen Weg. Später unterhalte ich mich noch mit einem hiesigen ehemaligen Berufssoldaten. Er wollte wohl ein Gespräch unter Gleichaltrigen, denn es hätte jetzt zu vorgerückter Stunde viele andere Sitzgelegenheiten gegeben. Aber es ist sehr interessant und die meisten Themen sind politischer Art. Mein Sitznachbar war jahrzehntelang SPD-Wähler und ist dann zur Linkspartei konvertiert.

 

 

12.06.2015      Sontra bis Bebra                                                                              22 km

 

Auch heute geht es lange auf dem R 5 weiter. Um 8.30 h mache ich mich auf den Weg, denn es soll sehr heiß werden. Und so ist es, gegen Mittag werden ca. 30 Grad gemessen. Es ist das erste Mal, dass ich keine Jacke dabei habe. Über Hornel geht es nach Berneburg und dann auf der K 50 nach Rockensüß in der Gemeinde Cornberg, ein Schild bezeichnet dieses kleine Dörfchen „Perle in Waldhessen“. Jetzt habe ich den Landkreis Hersfeld – Rotenburg erreicht.

Die Hitze macht mir zu schaffen und so unmotiviert wie heute bin ich lange nicht marschiert. Und wieder gibt es an der Wegesstrecke weder einen Laden noch eine Bäckerei, die einzige Gastwirtschaft hat freitags Ruhetag. Waren gestern noch ausreichend Bänke an schattigen Stellen mit schöner Aussicht aufgestellt, so kann heute davon keine Rede sein. Zu allem Überfluss muss ich dann auch noch über einen Berg steigen und alle Fliegen des Waldes scheinen es auf mich abgesehen zu haben. In Schwarzenhasel schenkt mir ein freundlicher Herr eine Flasche Wasser, denn mein Vorrat ist zur Neige gegangen. Dieser Ort ist ein Teil der Stadt Rotenburg/Fulda und ein Plakat weist auf eine 700 – Jahr – Feier hin. Über Lispenhausen, ebenfalls zu Rotenburg gehörend, erreiche ich Bebra und lasse mich um 14.15 Uhr total erledigt auf einen Stuhl am Bahnhof fallen. Der gut 15.000 Einwohner zählende Ort war zur Zeit der deutschen Teilung eine bedeutende Grenzübergangsstelle im Personen- und Güterverkehr. Mittlerweise ist die Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt zurückgegangen. Und wieder spielt die Bahn nicht mit. Statt einer Direktfahrt von Göttingen nach Bremen muss ich aus technischen Gründen in Hannover umsteigen und dann in einem überfüllten Regionalzug weiterfahren. In Neustadt/Rbg bietet mir eine freundliche junge Dame ihren Platz an, den ich gerne und dankend annehme.

 

 

18.08.2015      Bebra bis Bad Hersfeld                                                                   16 km

 

In Bremen regnet es, als ich aus dem Haus trete. Ob die Wettervorhersage für Hessen wohl stimmt? Hier soll es trocken sein, und so ist es dann auch. An den nächsten Tagen freue ich mich über ideales Wanderwetter, die Temperaturen bewegen sich um die 20-Grad-Marke und ab und zu lässt sich auch die Sonne blicken. Bebra verlasse ich in südlicher Richtung und erreiche Breitenbach, am gleichnamigen See gelegen. Ein ImbisslokaI am gleichnamigen See bietet auf einem Schild „frische Muschis“ an – wenn das man stimmt. Hinter Blankenstein gehe ich ein Stück auf dem nicht so interessanten Fuß- und Radweg parallel zur B 27 bis zum zur Gemeinde Ludwigsau gehörenden Ort Mecklar. Danach wird es wieder ursprünglicher, das kleine Dorf Reilos liegt idyllisch vor einem Bergwald und kurz danach ist auch schon Friedlos erreicht. Hier lege ich eine Verschnaufpause in einem Bäckerladen ein. Nun ist es nicht mehr weit bis Bad Hersfeld. Am Stadtrand glaube ich, meinen Augen nicht trauen zu können: Ein Zaun wird mit der bekannten Werderraute geziert, welch eine Überraschung. Im zentralen „B & F Hotel“ checke ich ein. Eine überaus freundliche und kompetente junge Dame an der Rezeption versorgt mich mit den wichtigsten Tipps und nach einer schnellen Dusche geht es in die Stadt hinein.

Die Festspiel- und Kurstadt Bad Hersfeld zählt rund 30.000 Einwohner. Sie ist Kreisstadt des Landkreises Hersfeld-Rotenburg. Seit 1951 finden hier jährlich die Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine, der größten romanischen Kirchenruine Deutschlands statt. In der Altstadt sind über 200 Gebäude, zumeist Fachwerkhäuser, denkmalgeschützt. Der Marktplatz wird von schönen gotischen Patrizierhäusern dominiert. Bekannte Persönlichkeiten der Stadt sind u. a. Konrad Duden und der Computerpionier Konrad Zuse. Vor der Stiftsruine sind sie als Denkmal zu bewundern. Zum Abendessen gehe ich ins Alte Brauhaus.

 

 

19.08.2015      Bad Hersfeld bis Michelsrombach                                                 30 km

 

Nach einem guten Frühstück mache ich mich auf den Weg. Längere Zeit gehe ich am schönen Kurpark vorbei, danach auf einer kleinen Straße neben der Fulda. Auf einem Feld suchen zwei Störche nach verwertbarem Futter. Dicke Schnecken liegen oder bewegen sich auf dem Sandweg, es ist eine idyllische Strecke, auf der mir nur ab und zu ein paar Radfahrer begegnen. Hinter Kohlhausen halte ich mich länger auf der L 3431 auf. In Kerspenhausen freue ich mich über eine schöne alte Kirche, dann folgt wieder ein interessanter Abschnitt durch Wald und Feld bis Niederaula, wieder sehe ich ein paar Störche, ob es dieselben sind? Hier im Ort ist es wegen einer Straßenbaumaßnahme nicht so angenehm zu gehen. Dafür gibt es aber ein Kaufhaus und ich kann meinen Wasservorrat wieder auffrischen. Weiter geht es durch die zur Stadt Schlitz gehörenden Ortschaften Unter-Wegfurth und Ober-Wegfurth im Vogelbergkreis. In dieser Gegend halte ich mich längere Zeit auf dem R 1 auf. Dann geht es auf einen Hügel hinauf und kilometerweit durch einen Wald. Es ist herrlich ruhig, einmal höre ich einen Specht hacken. In Michelsrombach, einem Ortsteil der „Konrad-Zuse-Stadt“ Hünfeld, checke ich im Landgasthof „Zum Stern“ ein, esse etwas und freue mich auch hier über die freundliche und aufmerksame Bewirtung.

 

 

20.08.2015      Michelsrombach bis Fulda                                                              15 km

 

Trotz anderer Empfehlungen gehe ich heute nur auf der L 3378, es hätte einen Waldwanderweg auf der anderen Autobahnseite gegeben, aber ich habe ihn nicht auf Anhieb gefunden. Trotzdem macht es Spaß, der Autoverkehr hält sich in Grenzen, das Wetter spielt mit und 15 Kilometer sind als Tagespensum ja auch keine wirkliche Herausforderung. Der einzige Ort auf der Strecke, Lehnerz, gehört schon zur Stadt Fulda. Am Wegesrand staune ich über die zahlreichen Apfelbäume. In diesem Jahr scheint es eine gute Ernte zu geben, denn die Äste biegen sich unter der Last der noch nicht reifen Früchte.

Fulda, rund 65.000 Einwohner und am gleichnamigen Fluss gelegen, ist das Oberzentrum der Region Osthessen und Kreisstadt des Landkreises Fulda. Auf dem Weg zum Dom komme ich am Campus der Hochschule vorbei, wo über 5.000 Studenten immatrikuliert sind. Der Dom St. Salvator ist das Wahrzeichen der Stadt. In seinem Inneren befindet sich die Grabstätte des Hl. Bonifatius. Viele Gäste bestaunen die Außenfassade des Gotteshauses, aber auch die Bänke im Innenraum sind von Touristen und anderen Besuchern gut besetzt. Gegenüber besichtige ich die Anlage des Stadtschlosses und die Orangerie. Leider wird das Becken der Hauptfontäne gerade gesäubert und deshalb komme ich nicht in den Genuss dieses Wasserspiels. Gemütlich begebe ich mich zum Bahnhof und fahre heim.

 

 

26.08.2015      Fulda bis Speicherz                                                                          29 km

 

Heute will ich es wissen und über die Landesgrenze schreiten. Der Weg aus der Stadt Fulda hinaus gestaltet sich etwas langweilig, so wie in allen Stadtrandgebieten halt. Warenhäuser, Tankstellen, Reifenhändler etc, beim Erreichen von Bronnzell wird es angenehmer, der Verkehr lässt nach und das Wandern macht wieder Spaß. Auch die Sonne spielt mit und bei angenehmer Sommertemperatur geht es weiter über Gerbachshof nach Eichenzell. Mein Navi versucht, mich auf die B 27 zu lenken, lieber gebe ich Thalau als Ziel ein und werde auf ruhigen kleinen Wegen weitergeleitet. Nach einer Essens- und Trinkpause am Ortsausgang von  Welkers, die kleine Hütte bietet sich geradezu an, betrete ich das zur Gemeinde Eichenzell gehörende Dorf Rönshausen. Weiter geht es auf einem lauschigen Waldweg am Fuße des 465 Meter hohen Rossberges. Manchmal lässt sich ein kleiner Anstieg nicht umgehen. Zu meiner Linken fließt die Fulda.

In Thalau erhole ich mich wieder draußen vor einem Café. Die besorgte Kellnerin meint, ich solle doch lieber trampen, denn jetzt kommen die ersten Rhönausläufer und die sind nicht ohne. Und sie wird Recht behalten. Beim Auffrischen des Trinkvorrates bietet die Kassiererin mir an, mich nach Feierabend mit ihrem Auto mitzunehmen, denn egal, ob ich auf der Bundesstraße oder dem Radweg gehe, jetzt wird es gebirgig. Also Zähne zusammenbeißen und fröhlich voran, auf der Bundesstraße soll es etwas näher sein, also nehme ich sie. Aber die Wanderung ist unangenehm, es gibt keinen Bürgersteig oder Fahrradweg und die Autos rauschen an mir vorbei, einmal, hinter Altenhof, weht sogar meine Mütze weg. Kurz vor Motten, endlich in Bayern,  halte ich bei einem Gedenkstein an. Eine Mutter ließ ihn für ihren Sohn errichten, der 1981 an dieser Stelle von Obstdieben ermordet wurde.

Ab Motten, hier wird das Will-Bier gebraut, kann ich wieder auf kleineren Landstraßen weitergehen, lande später aber wieder an der B 27. Der Aufstieg bereitet mir ordentlich Schwierigkeiten, aber schließlich habe ich auch schon eine Strecke von 25 Kilometern hinter mir. Hier im Freistaat schmücken sich die Orte mit Kruzifixe, auf die zahlreich gehissten Flaggen von Bayern München könnte ich verzichten. Nachdem ich Kothen und Eisenhammer geschafft habe, ist es nicht mehr weit bis Speicherz und überglücklich nehme ich meinen Zimmerschlüssel im „Gasthof zum Biber“ in Empfang. Jetzt lasse ich mich von der unterfränkischen Gastfreundschaft verwöhnen, esse im Biergarten köstliches Wild und unterhalte mich mit einigen Gästen. Der Wirt stellt Hagebuttenwein her und gibt mir eine Kostprobe. 1771 wurde das Lokal gegründet und wird jetzt in 5. Generation geführt. Besorgt um mein Wohlergehen zeigt der Junior mir das Emblem vom Fränkischen Marienweg und rät, morgen unbedingt auf dieser Wanderroute zu gehen.

 

 

 

Im Freistaat Bayern

 

 

27.08.2015      Speicherz bis Bad Brückenau                                                         9 km

 

Das heutige Tagespensum ist leicht zu schaffen. Mein Problem bei der Tagesplanung ist, dass ich einen Zielort finde, in dem es entweder ein Hotel oder einen Bahnhof, zumindest einen Busanschluss, gibt. Und da bietet sich Bad Brückenau an.

Kurz hinter Speicherz komme ich gleich vom Marienweg ab und ein freundlicher Mann bringt mich zum richtigen Ausgangspunkt. Er fährt mit Freunden den Jacobsweg auf dem Fahrrad und sie haben bereits über 1.400 Kilometer geschafft und die Rhone in Frankreich erreicht. Er meint, wenn er mich zurückbringt könne ich mich noch ein wenig erholen, denn anschließend geht es auf einer Strecke von drei Kilometern den Berg hinauf. Jeder, der mich kennt, weiß, dass meine Kondition und ich nicht gebirgskompatibel sind und entsprechend ehrfürchtig setze ich die Wanderung fort.

Doch der Weg ist gut zu schaffen, ich bin ausgeruht, die Temperatur bewegt sich anfangs noch unter 20 Grad und es macht einfach Spaß, über den 584 Meter hohen Volkersberg zu wandern. In der Ferne sehe ich das zur Diözese Würzburg gehörende ehemalige Franziskaner-Kloster  Volkersberg. Heute kommen mir doch tatsächlich ein paar Wanderer entgegen. Eine Frau sammelt Brombeeren am Wegesrand. Auch in Bayern wird es in diesem Jahr eine gute Apfelernte geben, die Bäume sind voller fast reifer Früchte.

Nach zweistündigem Marsch erreiche ich Bad Brückenau und sehe ein Stück der Stadtmauer aus dem Jahre 1260. Ein Touristenbüro im Rathaus verkauft Wanderkarten und ich erwerbe ein Exemplar für die nächste Etappe. Mit dem Bus geht es zurück nach Fulda, oft durch Orte hindurch, die ich auch auf meiner Wanderung in den letzten beiden Tagen gestreift habe. Stolz sinke ich ins Polster meines Sitzes und freue mich über die schöne Landschaft.

 

 

21.09.2015      Bad Brückenau bis Hammelburg                                                    30 km

 

Angereist war ich schon tags zuvor. Ein wundervoller Herbsttag erwartet mich und beschwingt und gut ausgeruht mache ich mich auf den Weg. Über den Ort Buchrasen erreiche ich Oberleichtersbach und kurze Zeit später Unterleichtersbach. Eine Wassertretanlage befindet sich am Ortseingang. Von Schönderling folge ich einem sehr schönen Waldweg bis Hetzlos. Die Sonne meint es gut und ich bedauere, meine Mütze vergessen zu haben. Gern hätte ich eine Pause eingelegt, aber bisher gab es kein Café und das bisher einzige Gasthaus auf dem Weg hat Ruhetag. Dann werde ich doch wieder auf die Bundesstraße gelenkt und erreiche Untererthal. Der mit schönen Blumenkästen geschmückte Landgasthof „Zum goldenen Kreuz“ fällt mir sofort auf und ich freue mich auf ein Erfrischungsgetränk, aber was steht auf einer Tafel angeschlagen: Montags Ruhetag, dienstags geschlossen, Pech gehabt. Ein freundlicher alter Mann stellt seinen Rasenmäher aus und erklärt mir die nächsten günstigen Wanderwege, leider hat er danach große Probleme, den Motor wieder zu starten, ich hoffe, er hatte Erfolg. So gehe ich den Radwanderweg Fulda-Hammelburg weiter, der zeitweise identisch mit dem schon bekannten Fränkischen Marienweg ist. Eine Tankstelle in der Nachbarschaft verkauft leider nur Benzin und kein Wasser, ich hätte doch besser vorsorgen müssen. Die letzte heutige Strecke verbringe ich auf dem Thulba Radweg, schreite über das Flüsschen Thulba, einen Zufluss der Fränkischen Saale, und erreiche bei strahlendem Sonnenschein die schöne Stadt Hammelburg. Es soll sich um Frankens älteste Weinstadt handeln. Die auf einem Berg errichtete Burg Saaleck ist weithin sichtbar. Mein Hotel, das Weinhotel Müller, liegt direkt am Marktplatz, doch vor dem Einchecken nehme ich erst einmal draußen vor einer Cafeteria Platz und stille meinen Durst.  Ein kleiner Spaziergang durch die Stadt darf natürlich nicht fehlen. Besonders beeindruckt bin ich vom Markt mit dem Rathaus und dem Marktbrunnen. Etwas verwundert bin ich über ein Bild von Franz-Josef Strauß in einem Schaukasten, schließlich ist er vor mehr als 20 Jahren gestorben. Abends esse ich auf der Hotelterrasse, Petrus hat ein Einsehen, und gönne mir einen fränkischen Sauerbraten, garniert mit ein paar Gläsern Wein aus hiesigem Anbau.

 

 

22.09.2015      Hammelburg bis Retzbach                                                              38 km

 

Eingestellt habe ich mich auf eine Tagesleistung von rund 28 Kilometern. Aber leider kommt es anders, da ich immer probiere, eine alternative Strecke zur B 27 zu finden. Doch der Reihe nach: Am Stadtausgang gehe ich über die Fränkische Saale, habe wieder einen guten Blick auf die Burg Saaleck und erreiche den Ort Untereschenbach. . Hier verlasse ich den Radweg parallel zur B 27, gehe einen Berg hinauf und auf einem kleinen Pfad, den mir eine Briefzustellerin empfiehlt, nach Obereschenbach. Dann allerdings hat mich die Bundesstraße wieder. Bei einsetzendem Regen erreiche ich den Landkreis Main Spessart. Der Wetterbericht hatte vor einigen Tagen, als ich die Strecke recherchierte, für heute gutes Wetter angekündigt, Niederschlag sollte es erst morgen geben. In Weyersfeld frage ich einen Bauern und der rät mir, einen kleinen Nebenweg bis Höllrich zu nehmen. Über Hessdorf und Karsbach erreiche ich Gössenheim, die letzten Kilometer leider wieder auf der viel befahrenen Straße ohne Bürgersteig oder Radweg. Eine freundliche Frau in einem Bäckerladen, wo ich eine kleine Pause einlege, kennt einen ruhigen Fahrradweg bis Eußenheim, leider finde ich ihn nicht auf Anhieb und ein ebenfalls freundlicher junger Mann ist mir noch einmal behilflich. Es wäre eine schöne Wanderung geworden, wenn denn der Regen aufgehört hätte, so sehe ich die ersten Weinberge nur durch einen kleinen Schleier. Eine gefühlte halbe Stunde gehe ich an einem Feld mit Photovoltaikanlagen vorbei. Eußenheim scheint sich ganz dem Weinanbau verschrieben zu haben. Mehrere Weingüter preisen ihren Federweißen an. Weiter geht es auf einer für den Durchgangsverkehr gesperrten Landstraße bis Schönarts mit der schönen Ottilien-Kapelle. Ein älterer Mercedesfahrer hält an und fragt, ob er mich mitnehmen dürfe. Zähneknirschend muss ich das Angebot leider ablehnen und quäle mich dann bis Stetten. Hier gilt es, wieder einen Berg zu erklimmen. Leider ist mein Handy nass geworden und als Navi im Moment nicht zu gebrauchen. Denn sonst hätte ich im nächsten Ort, in Retzbach, mein gebuchtes Hotel angesteuert. So aber gehe ich über den Main nach Zellingen, denn so lautet der Ort auf der Buchung, frage einen Radfahrer nach dem Weg, wandere am Fluss entlang bis zur nächsten Brücke, überquere den „Weißwurstäquator“ ein weiteres Mal und bin endlich, nach mehr als achtstündigem Marsch, am Ziel. Erschöpft belege ich mein Zimmer und belohne mich abends mit einem köstlichen Winzerbraten.

 

 

23.09.2015      Retzbach bis Würzburg                                                                   20 km

 

Heute hätte es laut Wettervorhersage regnen sollen, aber es bleibt, glücklicherweise, trocken und ich kann mein Cape im Rucksack lassen. Am Campingplatz und Freibad vorbei erreiche ich die Ortsgrenze und bewege mich dann bis Würzburg auf einem angenehmen Radweg parallel zum Main, eingerahmt von anmutigen Weinbergen. Ein Mann sammelt Walnüsse unter einem Baum auf und verkündet stolz, dass er für ein Pfund fünf Euro erhält. Gegen 10:00 Uhr erreiche ich das Wein- und Clematisdorf Erlabrunn. Wieder befinde ich mich auf dem Fränkischen Marienweg. Vor Margetshöchheim staune ich über den Beachvolleyballplatz am Ortseingang, so eine Anlage hätte ich hier nicht erwartet. Eine große Brücke überspannt den Main, ich bleibe aber auf derselben Seite. Hin und wieder pflücke ich mir eine reife Frucht von den Äpfel- oder Pflaumenbäumen und pausiere eine Weile auf einer der vielen Bänke mit Blick auf den Fluss. Auch die hiesigen Weinbauern preisen ihren Federweißen an. Hinter Markt Zell komme ich am Kloster Oberzell vorbei, wo auch eine Montessori-Schule untergebracht ist. Dann ist Würzburg erreicht und ich muss den schönen Pfad verlassen. Am Exerzitienhaus Himmelspforten vorbei erreiche ich die Innenstadt und gehe wieder über die Mainbrücke dem Bahnhof entgegen. Bisher war ich zweimal in Würzburg, letztmalig im Oktober 2013. Damals schrieb ich im Reisebericht:

 

„Die zu Unterfranken gehörende Stadt, etwa 125.000 Einwohner, wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Eine große Rolle spielt die Bildungspolitik, so ist hier die älteste Universität Bayerns ansässig.

 

Bis zur Residenz sind es nur ein paar Minuten. Dieses ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Schloss dient heute überwiegend als Museum. Schnell erwerbe ich eine Eintrittskarte, betrete das historische Gebäude und bin ergriffen. Das von Balthasar Neumann hergestellte Treppenhaus mit seinem die vier Erdteile darstellenden Deckenfresko von Tiepolo ist für sich allein die Anreise wert. Der Weiße Saal und der Kaisersaal mit den Werken von Bossi und Tiepolo erscheinen mir einmalig. Langsam schlendere ich durch die unbeschreiblich schönen Räume und überlege, wie es hier in dieser Fülle von Kunst und Prunk wohl früher zugegangen sein mag.

 

Auch der Hofgarten mit seinen Laubengängen, Pflanzen Skulpturen und Putten ist ein beliebter und interessanter Platz. Gern verweile ich hier und genieße das Ambiente. Um dem Boden wieder Kraft zu geben, wurden die Rosen durch Gründünger, der momentan in hoher Blüte steht, ersetzt.

 

Auf dem Weg zurück in die Innenstadt komme ich an der alten Universität und am Dom vorbei, das Neumünster erkenne ich aus einiger Entfernung. Nach dem Mittagessen unter freiem Himmel gehe ich noch auf die Alte Mainbrücke, die meines Erachtens an die Karlsbrücke in Prag erinnert, und habe eine wundervolle Aussicht auf die Festung Marienberg.“

 

 

28.03.2016      Würzburg bis Giebelstadt                                                                23 km

 

Der Winter hat sich abgemeldet und der Wetterbericht verspricht ideale Wandervoraussetzungen. Also den Rucksack gepackt, Hotels und Zug gebucht und ab nach Würzburg. Nach gut dreistündiger Fahrt erreicht der ICE pünktlich die fränkische Metropole und beschwingt mache ich mich auf den Weg. Aber es dauert doch geraume Zeit, bis ich den Main auf der Konrad-Adenauer-Brücke überqueren kann. Es ist sehr windig und einige Male fliegt meine Mütze weg. Einen Kilometer bewege ich mich wohl am Fluss entlang, bis ich Familie Kunz treffe. Sie machen einen Spaziergang und empfehlen mir, mich in Richtung Rottenbauer zu orientieren. Da sie nichts Besseres vorhaben und sich sowieso bewegen wollen, begleiten sie mich durch den Vorort Heidingsfeld bis zum Fahrradweg. Ein paar Saatkrähen verursachen einen gehörigen Krach, auf einem Feldweg neben der alten Stadtmauer liegt ein schwarzer BH in einer Pfütze. Frühling lässt sein blaues Band …

 

Ein schöner Weg führt nach Rottenbauer, von dort gehe ich nach Fuchsstadt, neben mir umgepflügte Maisfelder und Äcker mit Wintergetreide. Einige Büsche stehen schon in heller Blütenpracht, andere in zartem Grün. Es ist sehr hügelig, zeitweise gehe ich auf dem schon bekannten Fränkischen Marienweg. Haarige Raupen liegen auf dem Sandboden. In Essfeld, kurz vor dem Ziel, fängt es leider an zu regnen. Die Zehntageswettervorhersage hat keinen guten Job gemacht.

 

Nach gut fünfstündiger Wanderung erreiche ich Giebelstadt und checke im Fränkischen Gasthof Lutz ein. Da die gastronomische Abteilung heute Ruhetag hat, gehe ich ins Zentrum und bestelle mir in Scheckenbach´s Restaurant, passend zum Osterfest, einen Lammbraten. Auf dem Heimweg ist es kühl und regnerisch, der Ort dunkel.  Zum Glück hatte ich vorher im Hotelzimmer die Heizung angestellt.

 

 

29.03.2016      Giebelstadt bis Tauberrettersheim                                                 24 km

 

Heute werde ich ein Stück durch das romantische Taubertal gehen. Mein linkes Knie schmerzt und so kaufe ich mir in der benachbarten Apotheke eine Tube Voltaren – und es hat gut geholfen. Im Hotel erhalte ich keine Hinweise oder Ratschläge, wie ich die Bundesstraße umgehen kann, also zunächst weiter auf der B 19 bis Herchsheim. Auf Schildern und Postern ist zu lesen, dass sich die Bewohner des Dorfes eine Umgehungsstraße wünschen. Immer, wenn mir LKWs entgegenkommen, muss ich für einen Moment meine Mütze festhalten. In Euerhausen frage ich einen Bauern nach möglichen Alternativstrecken und er rät mir, über seinen Hof zum nächsten Feldweg zu gehen und dann auf sogenannten landwirtschaftlichen Bedarfs- oder Flurbereinigungspfaden, Heini aus Ensen hat sie vor Jahrzehnten „Hasenstraße“ genannt, nach Sächsenheim zu gehen. Ein guter Rat, denn jetzt habe ich Ruhe, keinen Verkehrlärm mehr und kann mich auf die schöne Landschaft konzentrieren. Zwar scheint die Sonne ab und zu, aber es ist windig und kühl und in den letzten Tagen muss es hier viel geregnet haben, denn auf den Feldern sind große Wasserlachen zu erkennen. Über Riedenheim geht es bis Oberhausen, mittlerweile habe ich einen gut ausgeschilderten Fahrradweg erreicht. Auf der rechten Seite wird auf einen archäologischen Wanderpfad hingewiesen, links übt der Fallschirmsportclub Oberhausen.  Rehe äsen in der Ferne, ein Hase hoppelt aufgeregt über das Feld. Den Ortseingang ziert eine kleine Kirche.

 

Nachdem ich Strüth erreicht habe, gehe ich an Weinbergen vorbei meinem nächsten Ziel entgegen. Über eine von Balthasar Neumann im Jahre 1733 erbaute und 1980 restaurierte Steinbrücke überquere ich die Tauber und erreiche die in einem Talkessel gelegene Stadt Tauberrettersheim. Ein Schild preist diesen Ort als Heimatgemeinde der Weinköniginnen an. Im Hotel Krone werde ich die nächste Nacht verbringen.

 

Jetzt habe ich noch genügend Zeit, die Stadt im Landkreis Würzburg, die letzte bayrische Gemeinde auf meiner Wanderung, zu erkunden. Es gibt einen Tretpfad, um sich nach alter Kneippscher Tradition zu erholen, einen Judenhof und eine Judengasse. In der Bäckerei Schmitt erhole ich mich bei einer Tasse Kaffee und erhalte vom Chef persönlich wertvolle Hinweise für den weiteren Verlauf meines Marsches. Bäckermeister Schmitt ist hervorragend informiert und ich freue mich, ihn getroffen zu haben, denn mein Kartenmaterial für die nächsten 20 Kilometer ist eher dürftig.

 

Abends esse ich im Hotel Krone, bin dann allerdings einziger Gast im Lokal und wechsele deshalb zum „Hirschen“. Hier trinke ich ein paar Gläser fränkischen Silvaner aus dem Nachbarort und gehe dann, denn auch hier ist kein anderer Kunde mehr,  ins Hotel zurück.  Kein Problem, im Fernsehen wird das erfolgreiche Länderspiel Deutschland gegen Italien übertragen.

 

 

Baden Württemberg – durchs Musterländle dem Ziel entgegen

 

 

30.03.2016      Tauberrettersheim bis Rot am See                                                 35 km

 

Der heutige Tag wird anstrengend werden, über Berg und Tal bei teils heftigem Regen und starkem Wind lange 35 Kilometer bis Rot am See. Doch der Reihe nach:

Am Ortsausgang von Tauberrettersheim steht auf halbem Weg zur Bergkuppe eine kleine Kirche. Kruzifixe und Steinstelen davor beschreiben den Kreuzgang von Jesus. Dann ist Quecksbronn erreicht. Der Ort gehört zur Stadt Weikersheim und liegt im Main-Taunus-Kreis, Baden-Württemberg lässt bitten.

 

An Weinbergen vorbei geht es rauf und runter durch eine reizvolle Gegend, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen, schade, dass das Wetter die Stimmung trüben muss. Nach einem relativ steilen Abstieg erreiche ich Laudenbach. Ein freundlicher Landwirt gibt mir gute Informationen über die weitere Strecke und empfiehlt mir, unbedingt die Wallfahrtskirche zu besichtigen. Man habe von oben eine wunderbare Aussicht auf die Region Hohenlohe. Aber bei der Wetterlage versage ich mir den Aufstieg. Mein Gesprächspartner meint weiterhin verschmitzt lächelnd, hier gäbe es keine Berge, nur schöne Täler. Die zweite Aussage kann ich uneingeschränkt bestätigen.

 

In Haagen angekommen, freue ich mich über das „schnuckelige“ Rathaus und die kleine Kirche. Hier scheinen die meisten Bauern Rindvieh zu halten. Nachdem ich Vorbach-Zimmern gestreift habe, erreiche ich die Stadt Niederstetten. Am Rathaus mit dem Schimmelturm vorbei orientiere ich mich nach Oberstetten. Informationsschilder geben Aufschluss über die Flora neben uns, ein interessanter Naturlehrpfad, der mich bei besserem Wetter mehr angesprochen hätte, denn mittlerweile musste ich mein Regencape überstreifen. Im Ort erfahre ich die Bauernweisheit: Einer Rebe und einer Geiß wird’s im August nicht zu heiß. Pünktlich um 13:00 Uhr betrete ich den Landkreis Schwäbisch Hall.

 

Könbronn und die Stadt Schrotsberg sind nächste Stationen. Hier lege ich eine Pause ein und stärke mich in einer Metzgerei am „heißen Tresen“ mit Fleischkäse und halbwarmem Kartoffelsalat. Anschließend erfolgt ein relativ unangenehmer Marsch auf einer viel befahrenen Bundesstraße bis Blaufelden. Ein freundlicher Herr aus der Schweiz hält an und möchte mich mitnehmen. Aber aus bekannten Gründen muss ich das gut gemeinte Angebot leider ablehnen. Nachdem ich die Brettach, einen Nebenfluss des Kochers, überquer habe, ist Rot am See in Sichtweite. Nun noch ein paar Kilometer und ich bin am Ziel, beziehe ein Zimmer im Hotel-Gasthof Lamm und lasse mich müde aufs Bett fallen. Später lasse ich mir von der Wirtin eine Nadel geben, um die Blase unter dem Fußballen zu öffnen. Das Abendessen nehme ich im Hotelrestaurant ein und unterhalte mich ein wenig mit einem Monteur aus der Nürnberger Gegend. Das heimische Bier ist süffig und erheblich preiswerter als in Bremer Gaststätten.

 

 

31.03.2016      Rot am See nach Crailsheim                                                           17 km

 

Das Gehen bereitet mir trotz der Blase keine Probleme  und heute spielt auch das Wetter mit. Die Sonne lacht und gegen 10:00 Uhr zeigt das Thermometer schon warme 14 Grad an. Zunächst gehe ich auf der B 290, verlasse diese stark frequentierte Bundesstraße dann aber und orientiere mich in Richtung Niederwinden. Ein Bauer erklärt mir die Möglichkeiten, abseits der viel befahrenen Wege voranzukommen und erwähnt, dass er im April auch Bremen und Bremerhaven besuchen wird. Sein Maschinenring organisiert diesen Ausflug.

 

Bis Wallhausen gehe ich auf einem angenehmen Fahrradweg, dann auf einer Nebenstrecke nach Gröningen. Nachdem ich Sattelweiler kurz gestreift habe, geht es wieder auf der B 290 weiter, allerdings nicht auf der Fahrbahn, sondern auf einem parallel dazu angelegten Fußgänger- und Fahrradweg, das lässt sich aushalten. Und dann sehe ich auch schon das Schild „Große Kreisstadt Crailsheim“. Etwa 33.000 Einwohner hat die Stadt. Nachdem ich auf einer kleinen Brücke über die Jagst gegangen bin, ist der Bahnhof nicht mehr fern. Die Westfrankenbahn fährt pünktlich los und auch der Regionalzug von Lauda bis Würzburg hat keine Verspätung. Selbst der ICE hält sich an den Fahrplan und glücklich lasse ich mich im Bordrestaurant nieder. Vom Bremer Hauptbahnhof gehe ich, an der noch betriebenen Osterwiese vorbei, ins vordere Schwachhausen und lasse es mir auf einer Geburtstagsfeier gut gehen.

 

 

09.05.2016      Crailsheim nach Ellwangen                                                             27 km

 

Mittlerweile ist die Anfahrt zum Ausgangspunkt doch schon relativ weit und so bin ich bereits am Vortag angereist. In einem völlig überfüllten Zug, erst ab Köln wurde es erträglich. Und wie! Direkt am Rhein entlang, vorbei an der Loreley und durch die bekannten Weinorte Bingen oder Oppenheim. Mit reichlich Verspätung kommen wir in Crailsheim an und ich habe Mühe, noch ein Lokal zu finden. Der Wirt der Eisdiele „Venezia“, andere Gaststätten haben schon geschlossen, gibt mir gute Wandertipps. Ein kleiner Maikäfer hat sich hier verirrt.

 

Bevor ich die heutige Wanderung beginne, suche ich noch einen Augenarzt auf, denn mein rechtes Auge ist etwas geschwollen und man weiß nicht, welche Auswirkungen eintreten können. Er verschreibt mir eine Salbe und ein paar Tage später ist vom Gerstenkorn nichts mehr zu spüren. In den nächsten Stunden werde ich ausschließlich dem Kocher-Jagst-Radweg folgen, meistens am Ufer der Jagst, einem Nebenfluss des Neckar. Über Ingersheim geht es nach Jagstheim. Bauern sind bei der Heuernte. Das frisch gemähte Gras riecht angenehm und erinnert mich an meine Kindheit, weil ich früher auch beim Heuen mithelfen musste. Hinter Steinbach führt die Strecke ein kurzes Stück an der B 290 entlang, danach parallel zu den Bahnschienen. Meistens bin ich allein auf weiter Flur, ab und zu treffe ich auf Radfahrer. Nachdem Stimpfach passiert ist, geht es auf einem ruhigen Waldweg weiter bis Jagstzell, unterhalten von einem vielfältigen Vogelkonzert. Bei einer Bäckerei am Ortsausgang lege ich eine kleine Pause ein und stärke mich etwas.

 

Beim Weitergehen nach Kalkhöfe begleitet mich ein Radfahrer eine gute halbe Stunde und wir unterhalten uns prächtig. Er hat Deutschland radelnd erkundet und weiß gut darüber zu berichten. Ein paar Wochen später erhalte ich von Herrn Lippstreu eine nette Email, in der er noch einmal an das angenehme Gespräch erinnert. Das Wandern macht heute sehr viel Spaß, die Sonne scheint und ein kleiner Luftzug sorgt dafür, dass es nicht zu heiß wird. Am Ufer der Jagst lege ich eine weitere Pause ein und ein anderer Radfahrer, mit dem ich mich hier unterhalte, berichtet stolz, dass er kurz vor Ellwangen einen Storch gesehen habe.

 

Weiter geht es über Schönau an Rindelbach vorbei. Die zwei Türme der Wallfahrtskirche „Schönenberg“, auch „Zu unserer lieben Frau“ genannt, leuchten in der Nachmittagssonne. Das Gotteshaus liegt in 530 Meter auf dem Schönenberg. Beim Weitergehen fällt mir eine Tafel mit der Inschrift „Herzlich willkommen im Tal der braunen Pferde“ auf. Ein Reiher beobachtet am Ufer der Jagst das Geschehen. Und dann ist Ellwangen erreicht, leider hat mein Hotel heute Ruhetag und lediglich die Rezeption ist besetzt. So schlendere ich durch die Stadt, knapp 25.000 Einwohner, sehe mir die spätromanische Basilika St. Vitus an und lande später im „Gasthof Kronprinzen“. Auf der Speisekarte stehen heute Spätzle mit Linsen und Saiten, also Würstchen, dazu wird Ellwanger Rotochsenbier serviert. Es ist einfach herrlich, draußen an der frischen Luft zu speisen und sich von den Tagesstrapazen zu erholen. Später gehe ich noch ins „Rossi“ und unterhalte mich mit den Gästen, die hier regelmäßig montags ihren Stammtisch abhalten. Dabei erhalte ich zusätzlich noch wertvolle Tipps für den nächsten Tag. Der griechische Wirt spendiert zwei Schnäpse „aufs Haus“.

 

 

10.05.2016      Ellwangen bis Unterkochen                                                             28 km

 

Heute werde ich auf römischen Spuren wandeln, denn dieser Tag steht weitgehend unter dem Motte „Limes“, also dem römischen Grenzwall. Wieder geht es zunächst an der Jagst entlang, am Ellwanger Campingplatz vorbei und weiter über unerhebliche Steigungen. Die Wallfahrtskirche „Unserer lieben Frau“ und das Schloss, wo selbst einmal Napoleons Bruder übernachtet hat, thronen majestätisch über der Stadt. Hinter Schrözheim informiert ein Schild über die ökologische Durchgängigkeit der Jagst. Bei Saverwang betrete ich den Ostalbkreis. Zahlreiche Dog Stations machen es möglich, dass Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer vierbeinigen Freunde immer gut entsorgen können. Zwei Reiher ruhen sich auf einer gemähten Wiese aus. In Rainau/Schwabsberg mache ich einen Abstecher zum Limestor Dalkingen. Dieses Tor ist ein einzigartiges römisches Triumphalmonument am Obergermanisch-Rätischen Limes und zählt zu dessen eindrucksvollsten Ruinen. Es wird durch einen Glaskubus vor Witterungseinflüssen geschützt.

 

Beim Weitergehen freue ich mich über einige Reiher und einen Storch, der auf einer einsamen Wiese auf Nahrungssuche ist. Am Bucher See verlasse ich den Kocher-Jagst-Radweg und orientiere mich weiter auf dem Deutschen Limes Radweg. Hier komme ich am ersten gelben Rapsfeld vorbei, viele weitere werden folgen. Hinter dem Ort Buch gehe ich auf einem Waldweg durch das Mahdholz und sehe mir den Nachbau eines Limesturmes an.

 

In Hüttlingen wundere ich mich über eine gelb-schwarze Dortmundfahne, dann führt der Weg steil hinunter und nun geht es am Kocher, ebenfalls ein Nebenfluss des Neckars, entlang. Leider haben sich dicke Wolken vor die Sonne gedrängt und auch der Weg gefällt mir nicht mehr so gut. Nachdem ich durch Wasseralfingen gegangen bin, ist die Stadt Aalen in Sichtweite. Am Eingang kündet ein Poster das am 14. Mai stattfindende Drittligaspiel Aalen vs. Werder II an. Am anderen Ende der Stadt können Besucher im „Tiefen Stollen“ das Bergarbeiterleben nachempfinden. Ein Limesmuseum ist hier ebenfalls vorhanden. Hinter Neu-Ziegelhütte geht es wieder bergaufwärts nach Unterkochen und glücklich, das Ziel erreicht zu haben, checke ich im „Läuterhäusle“ ein. Hier verbringe ich auch den Abend und stärke mich mit schwäbischen Köstlichkeiten und Aalener Kellenberg Bier.

 

 

11.05.2016      Unterkochen bis Oggenhausen                                                       22 km 

 

Kurz nach 8:00 Uhr mache ich mich auf den Weg, zunächst gemächlich nach Glashütte. Dort frage ich einen Schafbauern, wie ich am besten nach Ebnath komme. Er empfiehlt mir den durch einen Wald führenden früheren Römerweg. „Es geht etwas den Berg hinauf“ meint er, für mich stellt es sich anders dar, denn ich muss einige Pausen einlegen und erreiche schließlich doch schwer keuchend die Bergkuppe. Nun wandere ich ohne größere Anstrengung nach Niesitz, weiter auf der K 3033 und überquere um 9:45 Uhr die Kreisgrenze. Der Landkreis Heidenheim ist erreicht. Über Nietheim, das bereits zur Stadt Heidenheim gehört, erreiche ich Großkuchen. Ein hoher Maibaum und eine Kirche mit Zwiebelturm prägen das Dorfbild. Über kleinere Hügel orientiere ich mich dann nach Kleinkuchen, gehe auf einsamen Waldwegen, an Wiesen mit gelbem Löwenzahn vorbei, beobachte Bauern bei der Heuernte und erkenne die ersten Ähren auf den Gerstefeldern. Bis Nattheim nutze ich einen Fußweg, der parallel an der B 466 lang führt.

 

Das Wetter gefällt mir, ich bin gut in der Zeit und gönne mir eine Pause in der hiesigen „Adlerstube“. Fast alle Tische sind besetzt. Beim Weitergehen sehe ich ein Lokal „Zur Traube“, so heißt auch mein heutiges Hotel, ob mir bei der Planung ein Fehler unterlaufen ist? Mit mulmigem Gefühl gehe ich weiter, nur keine unnützen und unnötigen Umwege gehen. Nach vier Kilometern auf der K 3032, die auch als „Straße der Staufer“ bezeichnet wird, erreiche ich schließlich das zur Stadt Heidenheim gehörende Oggenhausen und stelle zufrieden fest, dass es auch in diesem Ort ein Hotel „Traube“ gibt.

 

Da meine heutige Unterkunft mittwochs ihren gastronomischen Ruhetag hat, besuche ich die ein paar Schritte entfernte Brauereigaststätte König, esse abends Sauerbraten mit Hefeknöpfle und probiere das zurzeit angebotene Maibockbier. Auch hier stehen Kutteln auf der Speisekarte, sie scheinen im Musterländle sehr populär zu sein, denn an den Abenden zuvor hätte ich diese Speise auch schon bestellen können.

 

 

12.05.2016      Oggenhausen bis Langenau                                                            26 km

 

Auf dem Weg nach Giengen wundere ich mich über diverse auf Stangen befindliche Tier- und Märchenbilder, weiß aber nicht, was dieser Wegesschmuck zu bedeuten hat. Steil führt der Pfad hinunter, es ist etwas diesig und keine Menschenseele zu sehen. Viele Rapsfelder leuchten anmutig und prägen das Landschaftsbild auf sehr angenehme Weise. Hinter Hürben, einem Ort im Lonetal in der Schwäbischen Alb, gehe ich auf der K 3019 nach Bissingen und erreiche, nachdem ich auf die K 3022 gewechselt bin, den Ort Öllingen. Nun bin ich im Alb-Donau-Kreis. Alle kleineren Gemeinden empfangen den Besucher mit einem Kruzifix am Ortseingang und mit einer Zwiebelturmkirche im Zentrum. Die heutige Wanderstrecke gefällt mir, es wird etwas flacher und den Straßenverkehr nehme ich nur akustisch wahr. Außerdem lässt der angekündigte Regen auf sich warten, was mir nur recht sein kann.

 

Nachdem ich im „Gasthof zum Bad“ in Langenau eingecheckt bin trinke ich Kaffee im Café am Marktplatz und lasse mir dann die Haare schneiden. Im Friseursalon erhalte ich wertvolle Hinweise auf die Gestaltung des Abends und die Empfehlung, im „Goldenen Rad“ zu speisen, ist durchaus berechtigt. Später unterhalte ich mich an der Hotelbar noch sehr angeregt mit einem Engländer, der beruflich unterwegs ist. Er bietet mir an, mich morgen nach Ulm mitzunehmen, was ich aber natürlich ablehnen muss.

 

 

13.05.2016      Langenau bis Ulm                                                                            17 km

 

Es gießt aus allen Rohren, der Himmel hat sämtliche Schleusen geöffnet, aber was will man auch von einem Freitag, den 13., verlangen. Bevor ich mein Cape übergestreift habe, bin ich schon halb durchnässt. Aber der Weg ist das Ziel und wer lässt sich schon gern vom Wetter beeinflussen.

 

Nach ein paar Kilometern auf dem gut beschilderten Radweg verlasse ich Baden-Württemberg für eine kurze Zeit, betrete den schwäbischen Landkreis Neu-Ulm und befinde mich somit wieder im Freistaat Bayern. Im Schutze einer Straßenüberführung ziehe ich meine Wanderkarte aus der Tasche, orientiere mich und informiere mich über den kommenden Streckenverlauf.  Die nächsten Ortschaften, Unterelchingen, Oberelchingen und Thalfingen, bilden die Gemeinde Elchingen. Geraume Zeit gehe ich parallel zur Regionalbahn. Nun muss ich das Gebirge, die Alb, wohl hinter mich gelassen haben, denn es geht glücklicherweise auf flachen Pfaden weiter. Die letzten vier Kilometer der heutigen Strecke bis Ulm gehe ich, es regnet immer noch heftig, an der Donau entlang. Nachdem ich die Ulmer Donauhalle erreicht habe, ist auch schon der hohe Turm des Münsters im Blickfeld. Eine halbe Stunde später erreiche ich den Bahnhof. Der Intercity nach Stuttgart setzt sich pünktlich in Bewegung und nur mit Mühe ergattere ich einen freien Platz, das Pfingstwochenende fordert seinen Tribut. Auch der ICE bis Hannover startet ohne Verspätung und gegen 20:00 Uhr ist Bremen erreicht. Die Feiertage mögen beginnen.

 

 

06.06.2016      Ulm bis Laupheim                                                                            26 km

 

Auf zur vorletzten Etappe der Wanderung durch Deutschland! Angereist bin ich wiederum am Tag zuvor, einem Sonntag. Der Zug fährt pünktlich in den Bahnhof Ulm ein, leider regnet es etwas. Das „B & B Hotel“ ist schnell erreicht, allerdings die Rezeption nicht besetzt. So marschiere ich mit vollem Gepäck ins Zentrum. Etwa 120.000 Einwohner leben in der Universitätsstadt, die einen eigenen Stadtkreis bildet und Sitz des Landratsamtes des benachbarten Alb-Donau-Kreises ist. Berühmte Persönlichkeiten erblickten in Ulm das Licht der Welt: Albert Einstein, die Geschwister Scholl und Hildegard Knef.

 

Wahrzeichen der Stadt ist sicherlich das gotische Münster, die größte evangelische Kirche Deutschlands. Sein über 161 Meter hoher Turm  ist der höchste Kirchturm der Welt. Natürlich besichtige ich das sakrale Bauwerk, eine Turmbesteigung versage ich mir jedoch. Zum einen soll es sehr anstrengend sein, zum anderen verspricht das trübe Wetter keinen Panoramablick in die schwäbische Umgebung.

 

Geraume Zeit halte ich mich im idyllischen Fischerviertel auf, einem Quartier, wo im Mittelalter vorwiegend Fischer und Handwerker gewohnt haben. Es befindet sich nahe der Donau und ihrem Nebenfluss Blau und erinnert mich sehr stark an das Quartier des Tanneurs in Straßburg, im Stadtteil La Petite France. Viele der alten Hauser sind erhalten und geben der Gegend eine besondere Note. Im „Zunfthaus der Schiffleute“ verbringe ich den Abend und lasse mir ein paar schwäbische Köstlichkeiten schmecken.

 

Am  nächsten Morgen lacht die Sonne und es scheint ein angenehmer Wandertag zu werden. Zunächst gehe ich auf den Ulmer Kuhberg, vorbei an einer Jugendfarm, und orientiere mich dann in Richtung Erbach, ohne den Ort ganz anzusteuern. Stattdessen nehme ich dann einen sehr angenehmen Wanderweg, der ein paar Kilometer durch den Naturraum Donau-Gronne-Lichternsee führt, direkt am Fluss entlang, abgeschieden von jeglichem Verkehr, man hört nur ein paar Frösche quaken und etliche Vögel singen. In Gögglingen gehe ich über eine Brücke und dann an der anderen Donauseite weiter bis Donaustetten. Hier folge ich einem Radweg bis Dellmensingen. Es macht sehr viel Freude, heute hier entlang zu wandern, warmes Wetter, Sonne, hin und wieder ein kleiner Windzug, wirklich ideale Wandervoraussetzungen. Der Weg führt durch Felder mit Korn und  Mais.

 

In Dellmensingen mache ich es mir auf einer Bank gegenüber der gelben Dorfkirche gemütlich und greife zur Wasserflasche. Auf einem Dachgiebel hält ein Storch Ausschau und macht mit seinem Geklapper auf sich aufmerksam. Der kleine Ort Stetten wird als nächstes angepeilt und dann befinde ich mich auch schon im Landkreis Biberach. In Unterholzheim gehe ich auf einer Brücke über den kleinen Fluss Rot, der ebenfalls in die Donau fließt, und orientiere mich dann in Richtung Achstetten. Der Roggen auf den Feldern beiderseits des Weges blüht und die Farbe der Gerste wechselt bereits ins Gelbliche. Dann ist die Große Kreisstadt Laupheim, zweitgrößte Stadt im Landkreis Biberach, erreicht und zufrieden lasse ich mich auf einen Stuhl einer Cafeteria mit Außenbestuhlung fallen und erfrische mich ein wenig. Bis zum „Hotel Schützen“ ist es nicht mehr weit.

 

Nach angemessener Pause begebe ich zum Schloss Großlaupheim, das nunmehr als Museum fungiert, aber es hat schon geschlossen. An der Kronenbrauerei vorbei geht es zurück ins Zentrum. Da die Gastronomie meines Hotels heute ruht, suche ich mir einen lauschigen Platz vor dem „Drei Mohren“ und bestelle einen Schwabenteller mit Maultaschen und Grünen Krapfen. Auf der Speisekarte lese ich: außen Denkmal, innen traditionelle Gastronomie.

 

 

07.06.2016      Laupheim bis Ummendorf                                                               26 km

 

Um acht Uhr zeigt das Thermometer bereits 18 grad an, das kann ja heiter werden. Mein Weg führt durch den Freizeitbereich Risstal und längere Zeit an einem See vorbei. Danach habe ich eine alte Eisenbahnbrücke zu überqueren. Den Ort Obersulmetingen lasse ich rechts liegen und wandere dann auf dem Donau-Bodensee-Weg über Schemmerberg nach Schemmerhofen. Die Sonne sticht vom Himmel und das Thermometer hat die 28 Grad-Marke erreicht. Mein Weg verläuft durch Felder und Wiesen. Wie gern wäre ich jetzt durch einen schattigen Wald gegangen. Ab und zu begegnen oder überholen mich ein paar Radfahrer.

 

In Warthausen muss ich leider den angenehmen Weg verlassen und an der B 465 weiter marschieren. Doch dann ist Biberach erreicht und ich suche in der Bahnhofsstraße nach meinem Hotel, nur, ich finde es nicht. Schließlich frage ich in einem Friseurladen und bitte um Unterstützung. Hilfsbereite Damen nehmen ihr Tablet, googeln und verkünden dann bedauernd die Hiobsbotschaft, dass ich im falschen Ort bin. Meine heutige Unterkunft liegt im Stadtteil Ummendorf und bis dorthin sind es noch knapp fünf Kilometer. Ich könnte aus der Haut fahren, denn mittlerweile sind aus den 28 bereits 30 Grad geworden. Glücklicherweise liegt Ummendorf auf der Strecke und ich brauche keinen Umweg zu gehen. Eine freundliche Friseurin motiviert mich dann noch mit der Botschaft, dass ein schöner schattiger Wanderweg am Flüsschen Riß entlangführt und mir diese zusätzliche Strecke bestimmt gefallen wird. Und sie hat Recht behalten. Glücklich checke ich im Hotel „Gasthof Gaum“ ein und bestelle mir etwas zum Trinken.

 

Zum Abendessen gehe ich ins Bräuhaus Ummendorf, denn mein Hotel hat heute, welch Zufall, Ruhetag. Der Wetterbericht hat schwere Gewitterstürme vorhergesagt. Mittlerweile sind Wolken aufgezogen, aber es ist immer noch sehr, sehr heiß. Auf dem Rückweg kaufe ich mir noch ein paar Flaschen Wasser und verlaufe mich dann etwas. Endlich ist das Hotel erreicht, es beginnt zu grummeln und dann ist ein Gewitter mit heftigem Niederschlag auch schon in vollem Gange.

 

 

 

08.06.2016      Ummendorf bis Bad Waldsee                                                         23 km

 

Es ist merklich kühler geworden und gleich am Ortsausgang, am Badesee, setzt der Regen ein. Ich warte etwa eine halbe Stunde im Schutze eines Daches am Eingang der Badeanstalt, aber das Wetter ändert sich nicht und so streife ich mein Cape über und mache mich auf den Weg. Den Hobbyradfahrern scheint das Wetter nicht zu behagen, denn niemand begegnet mir oder überholt mich. In Hochdorf angekommen ändert sich das Wetter geringfügig, in Unteressendorf öffnet der Himmel wieder seine Schleusen und es gießt aus allen Kübeln. Dann muss ich wohl ein Schild übersehen haben, denn ich weiß nicht mehr, welcher Straße ich nun folgen muss. Total ohne Orientierung frage ich in einer Schlachterei nach. Die freundliche Chefin bringt mich wieder auf den richtigen Weg. Ihren mitleidigen Blick werde ich sobald nicht vergessen.

 

Kurz vor Oberessendorf, leider wird es wieder hügeliger und die Wanderung anstrengender, komme ich an einem Stein mit folgender Erklärung vorbei: „Der Stein wurde bei Erdarbeiten 1998 in der Nähe des jetzigen Standorts entdeckt. Die Familie Ego errichtete das schmiedeeiserne Kreuz auf diesem Phorfür-Stein, der vor ca. 150.000 Jahren in der Risselszeit aus dem Ursprungsgebiet des Rheins von einem Gletscher hierher geschoben wurde.“

 

Auf kleinen Wegen geht es weiter über Ramstad bis Mittishaus, eine Ziege sucht mit ihren zwei kleinen Zicklein in einem überdachten Viehanhänger Schutz vor dem prasselnden Regen. Dann, in Mattenhaus, einem Ortsteil von Bad Waldsee, sehe ich ein Schild, das auf das nahe Hotel Kreuz hinweist. Überglücklich, mein Ziel so schnell erreicht zu haben, gehe ich zur Rezeption,  aber meine Reservierung ist nicht zu finden. Ich bin im falschen Haus gelandet. Im Zentrum der Stadt gibt es ein Hotel gleichen Namens, aber es ist auch nur noch ein kurzes Stück zu gehen. Also weiter, rechts der Bundesstraße das Hymer-Werk, links das Hymer-Museum, dann bin ich bereits am Stadtsee und  ein paar Minuten später im „Gasthof Kreuz“. Die Chefin übergibt mir den Zimmerschlüssel und reicht ein Glas Wasser zur Erfrischung, was für ein netter und aufmerksamer Service. Als ich ihr sage, dass ich morgen bis Kißlegg wandern möchte, schüttelt sie bedenklich den Kopf wegen der vermeintlich zu großen Entfernung, aber auch wegen der vielen Berge, die zwischen beiden Orten liegen. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich.

 

Der Kneippkurort Bad Waldsee gefällt mir, knapp 20.000 Einwohner leben in dieser oberschwäbischen Stadt, die auch das Prädikat Moorheilbad beansprucht. Mein Hotel liegt mitten in der historischen Altstadt mit ihren sehenswerten und interessanten Gebäuden. Das gotische Rathaus und das Spital zum Heiligen Geist stechen besonders hervor. Im Touristenbüro decke ich mich mit ein paar Wanderkarten und Informationsbroschüren ein. Später, bei einer Tasse Kaffee, lese ich, dass auf der Strecke Bad Waldsee bis Wangen im Allgäu, meinem Etappenziel, eine Steigung von 469 Metern und ein Gefälle von 485 Metern zu bewältigen ist. Das kann ja heiter werden.

 

Diese Herausforderung bedarf einer adäquaten Stärkung und so gönne ich mir zum Abendessen im „Kreuz“ einen schwäbischen Wurstsalat. Die freundliche Kellnerin will zukünftig ein duales Touristik-Studium beginnen und ist sehr an meinen Reiseerzählungen interessiert. Ein paar Male räuspern sich die Gäste am Stammtisch und bitten darum, dass man ihnen doch auch wieder etwas Beachtung schenken möge. Das Unwetter in der letzten Woche hat dazu geführt, dass der Weinkeller des Hotels unter Wasser stand.

 

 

 

09.06.2016      Bad Waldsee bis Kißlegg                                                                21 km

 

Heute mache ich mich im Hinblick auf die körperliche Herausforderung rechtzeitig auf den Weg, mein Cape streife ich gleich im Hotel über. Am Schloss und an der Ölmühle vorbei orientiere ich mich bergaufwärts und folge dem Radweg bis Neuurbach. Der Ort Volkertshaus ist an der auf einem Hügel thronenden Kirche weithin wahrnehmbar. Mais- und Getreidefelder stehen teilweise gewaltig unter Wasser – ein Resultat des heftigen Niederschlags in der letzten Woche. Nachdem ich Oberurbach passiert habe geht es, vorbei an einem riesigen Feld mit Sonnenkollektoren, nach Roßberg. Hier biege ich auf einen Wanderweg und laufe auf vom Regen aufgeweichten Pfaden an breiten Pfützen vorbei durch einen Wald. Es geht hinauf und hinunter, aber als besonders anstrengend empfinde ich diese Strecke nicht – sollte aus mir ein neuer Louis Trenker geworden sein?

 

Der Regen hat etwas nachgelassen, als ich das kleine Dorf Gaishaus erreiche. Hinter Alttann wechsele ich wieder den Weg und laufe auf einem einsamen Waldpfad bis Wolfegg. Wäre es trocken gewesen, hätte ich mir das hier beheimatete Bauernmuseum mit seinen 15 originalen Bauernhäusern angesehen.

 

Nun brauche ich nur noch der K 7937 zu folgen und erblicke, nachdem ich Grünenberg passiert habe, den Obersee. Der Luftkurort Kißlegg ist erreicht. Zunächst das Strandbad, dann der Bahnhof, das zu einem Imbiss umfunktionierte alte Waaghaus, das Neue Schloss und schon ist mein Hotel in Sichtweite. Die nächste Nacht werde ich im „Gasthof Ochsen“ unterkommen.

 

Rund 8.600 Einwohner zählt dieser Ort im Württembergischen Allgäu, umgeben von Feldern,  Wiesen und Mooren, gelegen an der Oberschwäbischen Barockstraße. Das Neue Schloss, heute ein Museum, und die Barockkirche stellen wohl die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dar. In einer nahen Bäckerei trinke ich eine Tasse Kaffee und esse ein Stück Kuchen, den Rest des Nachmittages lese ich. Im Hinterhof meines Hotels wird eine Leinwand für Public Viewing aufgebaut, schließlich beginnt morgen die Europameisterschaft. Abends bin ich doch relativ groggy, bleibe ich im Haus und genieße im Hotelrestaurant leckere Ochsenbäckchen.

 

 

10.06.2016      Kißlegg bis Wangen                                                                        14 km

 

Beim Aufwachen traue ich meinen Augen nicht, ist das, was durchs Fenster scheint, etwa die Sonne? So ist es, frohgelaunt nehme ich meinen Rucksack und wandere los. An einigen Häusern ist ein Schild „Vorsicht Dachlawinen“ angebracht. Bis Zaisenhofen gehe ich auf einer verkehrsreichen Straße, teils auf einem Fuß- und Radweg daneben, teils direkt auf der Fahrbahn. So habe ich mir den heutigen Marsch nicht vorgestellt. Zum Glück treffe ich auf eine Radfahrerin, die sich hier gut auskennt und mir eine alternative Strecke empfiehlt. Mit Nachdruck gibt sie mir auch zu verstehen, dass ich in Wangen, meinem heutigen Ziel, unbedingt ein dunkles Bier trinken und im „Fidelisbäck“ eine Portion Leberkäse essen muss. Vorsichtshalber notiere ich mir den Namen.

 

Von nun an macht die Wanderung wieder Spaß. Zwar ist die Landschaft nach wie vor etwas hügelig, aber ganz und gar nicht so schwierig, wie mir in Bad Waldsee verkündet wurde. In der Ferne erkenne ich die ersten Ausläufer des deutschen und österreichischen Hochgebirges. Sein Schnee auf dem Gipfel leuchtet in der Vormittagssonne. Durch kleine Bauernschaften geht es voran, umrahmt von Wiesen und Feldern führt der Weg durch Unterhorgen und Wattenried. Ein Bauer mäht Gras auf einer Bergwiese und sein Traktor hat doch empfindlich Schlagseite. Ansonsten treffe ich auf keine Menschenseele. Die Dörfer erscheinen mir wie ausgestorben. Mein Weg führt mich dann durch Wallmusried nach Feld und weiter nach Karbach und Riehlings. In der Nähe meines Weges verläuft die A 96.

 

Nachdem ich an der Farny Brauerei vorbei gegangen bin führt eine malerische alte Holzbrücke über den gut 50 Kilometer langen Fluss Untere Argen. Nun ist es nicht mehr weit, Käferhofe und Oflings heißen die nächsten Ortschaften – und dann ist Wangen im Allgäu erreicht. Die letzte Etappe mag beginnen.

 

Bis zur Abfahrt des Zuges habe ich noch reichlich Zeit und ja auch noch einige Aufgaben zu bewältigen. Wangen, zweitgrößte Stadt im Landkreis Ravensburg, hat rund 27.000 Einwohner. Vom Bahnhof gehe ich eine Treppe hinunter und lande direkt in der Altstadt. Und sie fasziniert mich. Ihre Tore und Türme, so u. a. das Ravensburger Tor und das Sankt Martins Tor, das barocke Rathaus, die Innenstadt ist eine Augenweide. Im Touristenbüro hole ich mir Kartenmaterial für die letzte Etappe und der sehr aufmerksame und freundliche Mitarbeiter erzählt mir augenzwinkernd, dass es jetzt in Richtung Bodensee nur noch bergab gehe. Auch er meint, dass ich doch beim Fidelisbäck vorbeischauen solle, man komme sogleich mit anderen Gästen ins Gespräch. Und so geschieht es dann auch. Kurz nachdem ich meine Bestellung aufgegeben habe setzt sich ein Paar zu mir, dass heute ebenfalls in Kißlegg aufgebrochen ist, allerdings per Fahrrad. Wir unterhalten uns prächtig und dann wird es auch Zeit, zum Bahnhof zu gehen. Leider hat der ICE München – Bremen Verspätung, und in Hannover muss, keiner weiß warum, der Zug gewechselt werden. Gegen 1:00 Uhr nachts erreichen wir Bremen und Larissa hält ihr vorher am Telefon gegebenes Versprechen ein und zapft mir in der Kleinen Kneipe noch ein Glas Bier.

 

 

19.07.2016      Wangen bis Sigmarszell                                                                  18 km

 

Nun ist also der letzte Wandertag angebrochen. Zu meiner großen Freude begleiten mich heute Dieter und Bruder Jürgen. Wir spielen gemeinsam in einer Band. Mein Wecker ist auf 4:45 Uhr eingestellt und aus Sorge, verschlafen zu können, mache ich in der Nacht so gut wie kein Auge zu. Normalerweise bleibe ich erheblich länger im Bett. Nach etwa zehnstündiger Anreise erreichen wir gegen 15:00 Uhr Wangen, die letzte Strecke von Ravensburg legen wir mit dem Bus zurück Unterwegs fällt mir ein Werbeschild eines Handwerkers auf: „Erst sehen was sich machen lässt, dann machen was sich sehen lässt.“ Im Bahnhof decken wir uns mit Mineralwasser ein und machen uns auf den Weg.

 

Zunächst wandern wir auf der L 320, wechseln dann auf einen kleinen Radweg und erreichen nach kurzer Zeit den Ort Niederwangen. Auf einem abgeernteten Feld rasten fünf Reiher. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und das Thermometer hat die 30 Grad-Marke längst übersprungen. Wir marschieren dann auf kleinen Landstraßen weiter über Hatzenweiler, Hiltensweiler und Reute bis Neuravensburg. Kurz vorher führt eine alte Holzbrücke über den Fluss Obere Argen. Vom Durst geplagt suchen wir im Ort nach einem Lokal, aber leider hat die Gastwirtschaft „Zum Fässle“ an der Bodenseestraße dienstags Ruhetag. Ein freundlicher Herr gibt uns ein paar Tipps für den weiteren Streckenverlauf und kennt auch ein Lokal im übernächsten Dorf. Leider sind wir manchmal gezwungen, direkt auf der Landstraße zu wandern, einen Fußgänger- oder Fahrradweg gibt es längst nicht durchgehend.

 

Am Neuravensburger Weiher vorbei geht es nach Roggenzell, links und rechts vom Weg sehen wir reife Kornfelder, die Bauern ernten an diesen Tagen ihre Wintergerste. Mais wird in dieser Gegend ebenfalls reichlich angebaut, sein Wuchs ist hier aber wohl eher, im Vergleich mit den übermannshohen Gewächsen in Norddeutschland, kläglich zu nennen. Nun halten wir uns ostwärts und erreichen den Ort Dabetsweiler.  Nach wie vor sticht die Sonne und weit und breit ist kein Schatten in Sicht.

 

In Ruhpolz, Landkreis Lindau, betreten wir wieder den Freistaat Bayern und die Überschrift dieses Kapitels stimmt nicht mehr zu 100 Prozent. Murrend erklimmen wir einen Hügel und endlich ist Hergensweiler erreicht. An einer Tankstelle legen wir eine Pause ein und erfrischen uns. Plötzlich übermannt mich aus heiterem Himmel ein Schwächeanfall und meine Freunde meinen, ich sei ganz weiß im Gesicht. Ist es der Hitze, dem Schlafmangel oder der Wanderanstrengung geschuldet? Ich weiß es nicht. Sollte ich so kurz vor dem Ziel schlapp machen? An einer Wasserleitung kühle ich Stirn und Nacken und lasse kaltes Wasser über den Puls laufen. Und tatsächlich verbessert sich mein Zustand und wir können zum Endspurt ansetzen.

 

Hinter Biesings wandern wir auf einem schattigen Weg durch den Wald, erreichen Sigmarszell-Kirchdorf und steigen einen steilen Berg hinunter. Pünktlich um 19:40 Uhr überqueren wir auf einer Brücke den Grenzfluss Leiblach und betreten das Bundesland Vorarlberg. Österreich ist erreicht, Deutschland einmal zu Fuß durchwandert. Erschöpft aber glücklich fallen wir uns in die Arme.

 

Nachdem wir den anstrengenden und beschwerlichen Aufstieg absolviert haben, bringt uns ein Taxi nach Lindau und hier verbringen wir einen wunderschönen Abend, den keiner sobald vergessen wird. Wir haben Glück und finden einen freien Tisch direkt am Bodensee. Nach dieser Tagesstrapaze belohnen wir uns mit Felchen, Maultaschen und kühlem Grauburgunder. Das Panorama ist einmalig, der See im Lichte des Vollmondes und im Hintergrund die schneebedeckten Berge der Alpen. Am gegenüberliegenden Ufer überrascht uns noch ein Feuerwerk. Überglücklich bitte ich den Kellner um eine weitere Flasche.

 

 

Kleine Schlussbetrachtung

 

Grundsätzlich hat mir die Wanderung durch Deutschland sehr viel Spaß gemacht, traf ich doch in allen Bundesländern fast nur freundliche und hilfsbereite Menschen. Wenngleich manche nur ungläubig den Kopf geschüttelt haben, als sie hörten, dass ich zum angesprochenen Ziel zu Fuß möchte und eine mögliche Bus- oder Zugverbindung verschmähe. Sehr gefreut habe ich mich über Autofahrer, die, meistens bei schlechtem Wetter, Mitleid mit mir hatten und von sich aus anhielten, um mich einsteigen zu lassen.

 

Es hat mich erstaunt, dass der Einzelhandel aus den Dörfern verbannt wurde. In vielen kleineren Ortschaften gibt es keine Möglichkeit mehr, sich bei einer Tasse Kaffee zu erholen oder sich mit Reiseproviant einzudecken. Hin und wieder habe ich doch schmerzlich vermisst, dass es keine Gelegenheit gab, meinen Wasserbeutel zu füllen.

 

Gewohnt habe ich meistens in angenehmen ansässigen und traditionellen Hotels oder Gasthöfen. Dort habe ich häufig Kartenmaterial und viele wertvolle Tipps erhalten, entweder von den Betreibern oder Mitarbeitern, aber auch von den Stammgästen. Es war mir immer wichtig und eine Freude, mit der heimischen Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Und so gern ich auch italienische, spanische oder andere Restaurants besuche, unterwegs auf dieser Wanderung habe ich stets großen Wert auf regionale Kost gelegt – und natürlich auch auf Getränke aus der Umgebung.

 

Sehr beeindruckt bin ich von den zahlreichen liebevoll angelegten Radwegen, besonders, wenn sie an Flüssen entlang führen. Bänke zum Ausruhen sind meistens vorhanden, manchmal kleine Rastplätze, und immer in natürlicher Umgebung wunderschön gelegen.

Der krönende Abschluss in Lindau wird mir ewig in Erinnerung bleiben und ist nicht zu toppen.

 

Nun noch etwas Statistik: Übernachtet habe ich auf dieser Wanderung in insgesamt 31 unterschiedlichen Hotels oder Gasthöfen. In 22 Etappen wanderte ich an 53 Tagen 1153 Kilometer – und das problemlos mit einem künstlichen Knie. Die medizinische Abteilung der Bremer Rolandklinik kann stolz auf sich sein.

 

PS:

Wölfe oder Wildschweine sind mir nicht begegnet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Horst Wehrse
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