K&K 77 – Steinhart oder Schmunzelweich

K&K 77 – Steinhart oder Schmunzelweich

Östlich von Perth, mehrere hundert Kilometer ins Land hinein, erstreckt sich Westaustraliens Wheatbelt / Getreidegürtel.

Wheatbelt Way

Wheatbelt Way

Der Wheatbelt Way führt aber nicht nur durch fast horizontlose Raps-, Lupinen- und Getreidefelder. Er überschneidet sich häufig mit dem Granite Loop Trail und dem Wave Rock Trail. Dadurch erhält diese 1.000km lange Inlandschleife oftmals einen gänzlich anderen Touch als ausschließlich Landwirtschaft. Die Streckenabschnitte sind auch kaum voneinander zu trennen, denn die riesigen, einsamen Granitrücken ragen mitten aus den Feldern heraus. Dieses Gemisch ergibt ein eigenartiges Bild aus gelbem, blühendem Rapsfeld und grauem, steinhartem, vielfach vermoostem Granitblock. Jedes der kleinen Landstädtchen wartet mit einem solchen Naturwunder auf. Meistens sind die Monolithen in Nature Reserves eingebettet, mitunter auch 20km bis 30km vom eigentlichen Ort entfernt. Aber es lohnt sich, sie zu besuchen und teilweise sogar zu erklimmen. Im nördlichen Loop bleiben die Felsen noch relativ flach, ragen manchmal nur wenige Meter über den Erdboden heraus. Je südöstlicher wir kommen, umso spektakulärer präsentieren sie sich.

Die kleinen Orte am Wegesrand versuchen gleichfalls, mit irgendeiner Besonderheit aufzuwarten. In Toodyay und Goomaling (nördöstlich von Perth) muss man da sicherlich zwei Mal hinschauen, um das Besondere zu entdecken. Dowerin lädt dann schon ein in seine pittoreske, von Wildblumen übersäte Namelchatchem Nature Reserve (10km östlich). Im nördlicheren Wogan Hills locken der Mt O’Brien Lookout bzw. der Christmas Rock Walk. Weiter geht es ins Dorf Koorda, in dessen Zentrum eines der großen Getreidesilos / Grain Bin die Szenerie beherrscht. Von weitem ähneln diese Kolosse gigantischen, weiß blendenden Ozeanriesen. Wer außer einem Interesse an Naturschauspielen noch wissen möchte, wie sich die ärztliche Versorgung im 19. Jahrhundert in dieser einsamen Gegend gestaltete, in Koorda gibt das Hospital Museum Aufschluss darüber. Und weiter geht es ins noch nördlichere, winzige Beacon mit seinem Beacon Rock, fast schon kein Ort mehr, sondern eher nur noch eine Siedlung. Wer zu den Mollerin Rocks und dem Bonnie Rock möchte, kommt automatisch daran vorbei.

Getreidespeicher

Getreidespeicher

Damit erreichen wir den nördlichsten Abschnitt unserer Wheatbelt / Granite Trail Tour. Via dem südlicheren Nungarin mit seinem riesigen Talgomine Granitfelsen gelangen wir schließlich zum unbedingt sehenswerten Baladjie Rock, 30km nördlich des Dorfes Westonia. Der nur unweit entfernt sich erhebende Elachbutting Rock wird auch „Little Wave Rock“ genannt. Hier kann man sich also bereits Appetit auf das spätere Naturspektakel holen.

Ein wenig Atem holen bei all diesen wunderbaren Naturschauspielen können wir in der Kleinstadt Merredin. Es bietet sich an, für dieses schmucke Städtchen etwas mehr Zeit einzuplanen. Die historische Innenstadt rund um die Barrack Street mit den angrenzenden Parks, dem Merredin Museum, der ehemaligen Nationalbank und einer Reihe anderer Architekturbeispiele aus der Pioneerera erlaufen wir uns auf dem Heritage Walk. Dann geht es hinauf auf dem Merredin Peak. Diesen stadteigenen Granitmonolithen (189m hoch) erklimmen wir über den Rock Walk, welcher uns nicht nur auf den Felsen, sondern auch durch das umliegende Buschland führt.

Felsbewuchs

Felsbewuchs

Für uns Wohnmobilisten haben Stadt und Wanderweg noch einen zusätzlichen Vorteil. Der Merredin Peak Trail beginnt und endet an einem gut ausgeschilderten Parkplatz, auf dem auf „Overnight Parking“ erlaubt ist. So ein Angebot lassen wir uns selbstredend nicht entgehen. Solche extra ausgewiesenen 24-/48-/72-Stunden-Parkplätze finden wir glücklicherweise häufig in den kleinen Landgemeinden. Offensichtlich weiß man, was der Durchreisende benötigt und eventuell auch einbringt durch einen Besuch im ortseigenen Café, Supermarket oder General Store bzw.an der Tankstelle.

Nach Merredin nähern wir uns unaufhaltsam dem südlicher gelegenen Star der steinharten Felsformationen, dem weltberühmten Wave Rock beim Ort Hyden. Vorher werfen wir noch einem Blick ins Dorf Bruce Rock mit seinem Kokerbin Rock (40km nordwestlich). Mit 122m Höhe und 9ha Fläche gilt er als die drittgrößte monolithische Felsformation Australiens.

Granite Outcrop

Granite Outcrop

Bei allen steinharten Granitfelsformationen vergessen wir nicht, dass wir uns auch gleichzeitig weiterhin in Westaustraliens Kornkammer befinden.  Da kommt uns dann das „Grain Discovery Center“ im Straßenkreuzungsdorf Narembeen gerade recht. Unter dem Motto „From our paddock to your plate / Vom Feld auf den Teller“ zeigt das gemeindeeigene Museum Entwicklung, Stellenwert und Alltagsleben der hiesigen Farmbetriebe. Klein aber fein kommt es daher, dieses Museum.

Gnamma Hole

Gnamma Hole

Von dort aus sind es nur noch 60 östliche Kilometer bis zur Hauptattraktion des Granite Loops / Wave Rock Trails. Der 400-Seelen-Ort Hyden gilt als Einfallstor. Er muss die jährlich rund 140.000 Besucher verkraften.

In 15m Höhe und 110m Länge scheint sich die Welle aus steinhartem Granit über dem Besucher zu brechen. Der Eindruck einer sich überschlagenden Welle wird verstärkt durch die verschiedenartigen Längsmaserungen im Stein. Auf dem Wave Rock Walk geben wir uns diesem Schauspiel hin.

Wave Rock

Wave Rock

Dieser Walk bleibt nicht im Tal am Fuß des Felsens. Sondern er führt uns hinauf auf sein abgeflachtes, gut 60m hohes Plateau. Von hier aus genießen wir den Rundblick auf die umliegende Buschlandschaft mit ihren winterlichen Überschwemmungen. Diese Höhenlage gewährt uns aber auch bereits einen Blick auf eine weitere, kaum weniger spektakuläre Felsformation, Hippo‘s Yawn /  Gähnendes Nilpferd. Die Wanderwege sind miteinander verknüpft. Vom Wave Rock kommt man auf dem Hippo’s Yawn Loop bequem von einem Felsen zum anderen (rund 30 Minuten Fußweg). Per Auto geht es auch auf der parallel verlaufenden Straße.

Beim Hippo’s Yawn handelt es sich um eine frei zugängliche Felsenhöhle. Der Eingang gleicht einem zum Gähnen aufgerissenen Maul eines Nilpferdes.

Wer noch tiefer eindringen möchte in diese felsgeprägte Landschaft, sollte das Auto oder ein Fahrrad nehmen. Denn der nächste Anziehungspunkt liegt jetzt 18km nördlich. „The Humps“ und die „Mulka’s Cave“ erreichen wir auf gut geteerter Straße. Erst die letzten beiden Kilometer werden sandig und schlaglöcherig. Dann überragt auch hier wieder ein gigantischer Granitmonolith das ihn umgebende Buschland. Der „Gnamma Trail führt hinauf zur runden Spitze vorbei an verschiedenen „Gnammas“. Darunter versteht man Rock Pools zur früheren Trinkwasserversorgung.

Hippo's Yawn

Hippo’s Yawn

Für die Aborigines vom Stamm der Noongars haben Fels und Höhle eine besondere Bedeutung. Nicht zuletzt zeigt sie sich daran, dass in der Höhle rund 350 Höhlenzeichnungen, davon viele Handabdrücke, entdeckt wurden. Wie bei „Hippo’s Yawn“ hat auch die Natur dem Höhleneingang von „Mulka’s Cave“ die Form eines aufgerissenes Maules verliehen. Wäre es weiter aufgerissen, müssten wir uns beim Betreten der Höhle nicht so bücken.

Die „harte Tour“ ist damit zwar noch nicht vollständig beendet. Doch wir wollen uns nunmehr den schmunzelweichen Begebenheiten widmen. Die beginnen bereits im Dorf Hyden mit den „Barrel Sculptures“, blecherne wie auch eine leibhaftige. Nicht unbedingt farbenfroh (Ausnahme: die leibhaftige Skulptur), sondern eher rostig verleiten die Motive doch schnell einmal zum Schmunzeln. Hyden stellt erst den Anfang dar. Die eigentliche Schmunzelmeile erleben wir später auf unserem Weg zurück nach Perth.

Zunächst richten wir die Kompassnadel aber noch einmal gen Süden aus, nach Lake Grace. Ort und dazugehöriger See tragen den gleichen Namen. Beim Begriff „See“ müssen wir uns in dieser Region, wie auch bereits in anderen mental allerdings gehörig umstellen. Wasser führt er nur in regenreichen Wintern. Sonst vertrocknet er zum Salzsee. Wenn gefüllt, reicht der Wasserspiegel kaum über Kniehöhe hinaus. Man darf also nicht zu viel erwarten bei der Auszeichnung „lake“. Für zahlreiche Flüsse, besonders im trockenen Binnenland, gilt Ähnliches.

Im Ort selbst folgen wir noch einmal den Spuren des hochverehrten John Flynn, des Vaters der Flying Doctors. Hier in Lake Grace steht ein von ihm erbautes Bush Hospital der Inner Mission, welches noch bis 1952 in Betrieb war. Heute öffnet es als Museum seine Pforten, liegt aber direkt neben dem eigentlichen Distriktkrankenhaus.

Tin Horse

Tin Horse

Nördlich aufwärts geht es nun über Kondinin mit dem Yeerakine Rock in Richtung des Ortes Kulin. Das Dorf selbst bleibt unscheinbar. Aber wer auf dem Weg dorthin nicht irgendwann einmal zum Schmunzeln gebracht wurde, müsste irgendwie schon fast als humorlos gelten. Der „Tin Horse Highway“ bringt eigentlich jeden zum Schmunzeln. Auf 14km schmücken blecherne, lustige Pferdefiguren den Wegesrand. Die Kunstgalerie gilt als kommunales Art Project. Wer sich berufen fühlt, (s)ein Kunstwerk hinzuzufügen, jedes Jahr im Oktober werden die neuesten Kreationen prämiert und natürlich auch aufgestellt. Wir können über geschätzte 60 Skulpturen teilweise herzhaft lachen. Diese Wegstrecke bietet sich an, nicht nur einmal abgefahren zu werden, denn so kann Schmunzeln verlängert werden.

Tin Horses

Tin Horses

Gilt der Wave Rock als Hauptattraktion vom Landschaftsbild her, so nennen wir die Kleinstadt York von der Architektur her ein Juwel. Sie wird in Beschreibungen zwar oft als „sleepy town / verschlafene Stadt“ bezeichnet. Wir erleben sie anders: aktiv, belebt, freundlich.

Beim Städtenamen York denken viele sicherlich zuerst an die englische Stadt. Damit liegen sie gar nicht so falsch. Das australische York ist eine Reminiszenz an die englische Schwester, quasi ein Stück verflossener Heimat der damaligen Emigranten. Wie im Mutterland betten auch in Down Under grüne, saftige Hügel die Stadt in ihrer Mitte ein, unten am Avon River. Ja, man wollte und will sich doch auf irgendeine Weise mit dem Herkunftsland verbunden fühlen. Das gelingt bestimmt, da man selbst auf den dichten morgendlichen Nebel nicht verzichten muss. Unsichtbar versteckt bleibt der Ort am frühen Morgen vom Mt Brown Lookout aus. Doch glücklicherweise lichtet sich der Dunst bald, so dass die Gründerzeitarchitektur der Innenstadt ihre vollständige Schönheit entfalten kann. Nicht umsonst untersteht fast die gesamte Innenstadt dem  australischen National Trust. Auf unserem Besichtigungsrundgang gewinnen wir eher den Eindruck eines Freilichtmuseums denn einer geschäftigen Innenstadt.

Ob die damaligen Kundschafter, die die Region auf der Suche nach Siedlungs- und Landwirtschaftsgebiet durchkämmt haben, gewusst haben, was sie dem durch Perth fließenden Swan River mit ihrer Namensgebung antun? Als sie in den 1830ger Jahren den „York-Fluss“ entdeckten, glaubten sie an ein eigenständiges Gewässer. Somit tauften sie es heimatlich Avon River. Erst später ´wurde bemerkt, dass es sich eigentlich um den Oberlauf des Swan River handelt. Diese Erkenntnis hinderte und hindert jedoch nicht daran, den Fluss auch heute Avon River zu nennen.

Geschäftig emsig geht es auch zu am Tag der „York Agricultural Show“. Man könnte es auch „landwirtschaftliches Stadtfest“ nennen, womit der Schwerpunkt gesetzt ist. Auf den Showgrounds präsentieren sich Agrarbetriebe, bieten Farmer ihre Produkte an, lassen Bistrostände ihren verlockenden Duft durch die Arena wabern. Die örtlichen Vereine und Schulen tragen ebenso zum Gelingen bei wie Feuerwehr oder Rotes Kreuz. Im Vorwege gab es offensichtlich viele Wettbewerbe. Denn in der großen Ausstellungshalle sind neben den Exponaten aus Malerei, Fotografie, Ergebnisse aus schulischen Bastelstunden oder den Arrangements von Obst- und Gemüsekörben jeweils die Preisträger ausgeschildert. Auf der Eventbühne zeigt die örtliche Jazz Dance School ihr Können, verschiedene Chöre und Instrumentalgruppen gleichfalls. Da wurde schon etwas Erlebenswertes auf die Beine gestellt, in „sleepy town“! Rundherum ein wohlgestaltetes, gelungenes Gemeindefest. Der große Besucherandrang lohnte es den Organisatoren.

York City

York City

Bis zur Rückkehr zu unserem Ausgangspunkt Perth verbleiben jetzt nur noch rund 100km. Einen letzten Blick riskieren wir in das Landstädtchen Northam, rund 40km nordöstlich von York. Es liegt ebenfalls noch am Avon River und noch nicht wieder am Swan River. Doch es trägt bereits den Beinamen „Swan City“ wegen der zahlreichen Schwanenkolonien, die hier gehegt und gepflegt werden.

Sieben Tage Rundtour durch den „Wheatbelt Loop“ und über den „Granite Loop Trail“. Sieben Tage des Erlebens eines authentischen Australiens, weit weg von einem touristisch gefärbten. Sieben Tage eindrucksvoller Impressionsgewinn auf unserer Australienrundtour.

Wolf Leichsenring
Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/

No Comments

Post A Comment

× two = 16