Kaukasische Begegnungen Kirchen – Klöster – Kunst – Kultur

Kaukasische Begegnungen Kirchen – Klöster – Kunst – Kultur

Vorwort

Kaukasus, du fernes Land,
der Freiheit armes Domizil.
Von soviel Unglück übermannt,
von blutigen Kriegen allzu viel!

 
Mit diesem Vers des russischen Dichters Michail Lermontov beginnt Fritz Pleitgen seine Reiseerzählung „Durch den wilden Kaukasus“. Vor rund 15 Jahren, als er sein Buch im Bremer Ratskeller vorstellte, war ich als Gast und Zuhörer dabei. Er beruft sich dabei auf andere vor ihm lebende Schriftsteller, die ihn zu seiner Erlebnisreise inspiriert haben, so auf Tolstoi und Alexandre Dumas, der in „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ seine Erlebnisse in den Jahren 1858 und 1859 beschreibt. Ursprünglich wurde mein Wunsch, den Kaukasus zu bereisen, aber von meinem Vater entfacht, der als junger Soldat im 2. Weltkrieg den Elbrus, also den höchsten Berg dieser Kette, gesehen und zeitlebens davon geschwärmt hat. Hinzu kommt, dass er hier auch einen Bekannten aus unserem Dorf traf. Weitere Nahrung erhielt mein Interesse zu dieser Reise in den 80er Jahren bei der Lektüre des Buches „Mein Moskau“ von Klaus Bednarz. Der ehemalige ARD-Korrespondent beschreibt seine Ausflüge in die Kaukasusregionen, seine Erlebnisse und seine Begegnungen in so liebevoller Weise, dass ich diesen Teil der Welt einfach kennen lernen möchte.

 

Armenien

Jerewan

 

Es regnet, als der Airbus um 03:45 Uhr Ortszeit landet. Aufgrund der Zeitverschiebung ist es in Armenien schon zwei Stunden später als in Deutschland. Doch dann die erste böse Überraschung: Unsere Koffer liegen nicht auf dem Band, wurden Sie beim Umsteigen in Wien verschludert? Acht Personen unserer 16-köpfigen Reisegruppe sind betroffen und ich gehöre dazu. Marinee, die uns auf dem Flughafen in Empfang nimmt und uns auch die nächsten Tage als Reiseleiterin begleiten wird, will sich der Sache annehmen. Nachdenklich checken wir im „Hotel Ani Plaza“ ein und begeben uns schleunigst zur Ruhe, denn es wird nur eine kurze Nacht werden. Am nächsten Morgen streikt meine Dusche, der Fehler wird aber sofort behoben und mein Waschzeug befindet sich eh noch irgendwo in meinem Koffer.

Als erstes steht heute ein Besuch des Matenadaran Museums auf dem Programm. Auf dem Weg dorthin sehen wir die mächtige, von vielen Seiten Jerewans erkennbare Statue der Mutter Armeniens, von den Sowjets erbaut als Erinnerung an den Sieg über die deutsche Wehrmacht. Das Mashtots Matenadaran-Institut, kurz Matenadaran, das armenische Wort für Bibliothek, UNESCO-Weltdokumentenerbe, wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erbaut und ist eine Aufbewahrungsstätte alter Handschriften von unermesslichem Wert, sowohl ideell als auch materiell. Es ist nach dem Erfinder des armenischen Alphabets, Mesrop Mashtots benannt. Etwa 5 Prozent der rund 25.000 Exponate in armenischer oder anderer Sprache  werden ausgestellt, der Rest befindet sich in Spezialklimakammern bzw. Konservierungsräumen. Die von Mönchen, denn nur sie konnten schreiben, mit Schilfrohr angefertigten Handschriften sind in unterschiedlicher Größe zu besichtigen, mich faszinieren die Miniaturen, aber auch die anderen Folianten. Eines der ausgestellten Bücher wiegt etwa 50 Kilogramm, allerdings mit Einband.  Die Mehrheit der Schriften ist in kostbares Leder eingebunden, versehen mit Silber- oder Goldprägung und verziert mit Edelsteinen oder Elfenbein. Die Sammlung umfasst alle Bereiche der antiken oder mittelalterlichen Kultur Armeniens. Sie wird jährlich durch etwa vier Schenkungen der Auslandsarmenier angereichert.

Wissenschaftler aus der ganzen Welt besuchen Matenadaran und haben hier Gelegenheit, in ihrem Fach, sei es Geschichte, Medizin oder ein anderes Wissensgebiet, zu forschen.

Am Ausgang nimmt uns Marinee wieder in Empfang, durch das Handschriftenmuseum führte uns eine junge Kollegin, Nun geht zu einem weiteren Ort, der für die Armenier so wichtig ist: zur Genozid-Gedenkstätte auf der Schwalbenfestung, weithin sichtbar auf einem Berg erbaut, errichtet zum 50. Gedenktag.  Die Anlage erinnert an den Völkermord im Jahre 1915, als 1,5 Millionen Armenier von den Türken hingerichtet, als 2.500 Klöster und Kirchen zerstört wurden. Gerade in heutiger Zeit ist das Thema wieder politisch aktuell, besonders zwischen Deutschland und der Türkei, nachdem der deutsche Bundestag als bisher letztes Land dieses Massaker als Genozid anerkannt hat. Uruguay war der erste Staat auf der Welt, der sich in dieser Hinsicht mit den Armeniern solidarisierte und die Anerkennung erklärte.

Vor dem Eingang der Gedenkstätte stehen zahlreiche Nadelbäume, gespendet von ausländischen Politikern. Wir gehen dann an der Mauer des Schweigens vorbei. In ihren Steinen kann man Namen der Städte und Dörfer lesen, aus denen die Opfer der Massaker stammten.  Weiter geht es zum Tempel der Trauer. 12 Basaltstäbe sind schützend über dem ewigen Feuer angebracht. Schließlich stehen wir vor der markanten Säule der Wiedergeburt, sie wird bei späteren Fahrten durch die Stadt immer im Fokus sein. Im Museum sind Bilder und andere Exponate ausgestellt, die über den Völkermord informieren. Beim Thema „methods of mass killing“ und „medizinische Experimente“ fühle ich mich an Bergen-Belsen oder Auschwitz erinnert. Barbara, eine Mitreisende, empfiehlt das Buch „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel als weiterführende Lektüre zum Thema „Genozid“. Von der Schwalbenfestung ist der etwa 50 Kilometer entfernte Ararat, der ja bekanntlich als heiliger armenischer Berg auf türkischem Hoheitsgebiet steht, schwach über den dicken Wolken zu erkennen.

Dann haben wir uns eine Mittagspause redlich verdient und in der so genannten Schaschlikstraße nehmen wir Platz und stärken uns mit einem wunderbaren Salat, der auch an den nächsten Tagen, immer eingangs gereicht wird, mit Fisch und armenischem Kaffee. Selten haben mir die Tomaten besser geschmeckt.

Während der Busfahrt und auch im Lokal erfahren wir von Marinee viele Details über Armenien, die Bewohner und das Leben im Lande. Gut drei Millionen Menschen leben in Armenien, davon etwa eine Million in der Hauptstadt. Weitere sieben Millionen, die so genannten Diaspora-Armenier, halten sich im Ausland auf, die größte armenische Gemeinde befindet sich in Amerika. Armenisch-apostolisches Christentum ist die absolut beherrschende Konfession des Landes, Marinee wurde im Alter von 45 Jahren getauft, da die Religion in der Sowjetzeit keine Rolle spielte. Jetzt allerdings wieder und oft wird betont, dass Armenien als erstes Land christianisiert wurde, gefolgt von den Römern und Georgien.

Eriwan, seit 1918 Hauptstadt des Landes, liegt in der 200 Kilometer langen Araratebene, die sich zwischen den Bergen Ararat und Aragats, dem jetzt höchsten Berg des Landes, hinzieht.  Armenien hatte bisher 13 Hauptstädte. In der Ebene findet man das größte Weinanbaugebiet des Landes und 30 Wein- und Weinbrandfabriken haben sich hier angesiedelt. An der größten des Landes, der Yerevan Brandy Company, die den hochwertigen „Ararat“ herstellt, sind wir bereits einige Male vorbeigefahren.

Nach dem Mittagessen unternehmen wir eine kleine Stadtrundfahrt und kommen an Radio Eriwan vorbei, das Haus ist nach wie vor mit Sowjetstern, Hammer und Sichel geschmückt. Natürlich sind auch hier, wie in vielen anderen Ländern, die Witze „Frage an Radio Eriwan …“ bekannt. Wir sehen weiterhin das Rathaus, die Oper, das Schachhaus, fahren durch das Universitätsviertel und erfahren, dass das Studieren der Oberschicht vorbehalten ist. Beliebt sind die Fächer Pädagogik, Ökonomie und Medizin, letzteres kostet 1.400 Euro pro Jahr. Nach Abschluss des Studiums hat man relativ gute Berufsaussichten und einen Prestigejob. Weniger interessant sind die Studiengänge Technik und Physik, sie bieten keine bzw. nur eine schlechte Berufsperspektive. Marinee´s 27 jährige Tochter hat Musik studiert, aber keine Arbeit. Der 25 jährige Sohn unterhält sich mit ein paar Nebenjobs. Es gibt sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Universitäten, beide sind relativ teuer und nur für einen Teil der Bewohner erschwinglich. Grundsätzlich besteht eine gesetzliche Schulpflicht von neun Jahren, Grund- und Oberschule, danach kann man eine Lehre beginnen oder sich für das Studium entscheiden. Schach ist Pflichtfach an der Schule. Während der Sowjetzeit forschten ca. 30.000 Wissenschaftler in Armenien, jetzt hat sich die Zahl auf 7.000 reduziert. Gerade die armenischen Experten waren wesentlich an der Entwicklung der sowjetischen Raumfahrt beteiligt.

Nachdem wir an vielen schönen Tuffsteinhäusern und am eindrucksvollen Parlamentsgebäude, früher Sitz des Zentralkomitees, vorbeigekommen sind, erreichen wir den imposanten Republiksplatz mit einer Fläche von 14.000 Quadratmetern. Er wird von in Armenien oft anzutreffenden braunen Tuffsteingebäuden umrahmt, so vom Historischen Museum, vom Hotel Armenia, dem Postamt und einigen Regierungsgebäuden.. Vor dem Museum  wurde ein großer Springbrunnen errichtet, der gerade in den Sommermonaten für Erfrischung sorgt. Die „singenden Fontänen“ sind aber auch abends ein beliebtes Fotomotiv, wenn sie, in wechselnden Farben und musikalisch untermalt, die Umgebung beleben. Am nächsten Abend werden auch wir diesem Spektakel beiwohnen. Um den Platz herum findet man zahlreiche Restaurants, Geschäfte, Wechselstuben und Banken. Eine charmante Dame führt uns durch das Historische Museum und erklärt die ausgestellten Exponate. Wir sehen Fundstücke aus prähistorischer Zeit, Keramik, Schmuck, Waffen, riesige Weinkrüge mit einem Fassungsvermögen von 1.000 Litern, einen restaurierten Leichenwagen und Ausstellungsstücke, die sich mit den Königsstädten Dvin und Ani befassen. Besonders in Erinnerung wird mir der hier ausgestellte etwa 5.500 Jahre alte und damit älteste Schuh der Welt bleiben. Zum Schluss des Rundgangs werden wir noch auf ein Modell der Palastkirche von Zvarnots` hingewiesen. Nach dem Abendessen suche ich mit Attila noch eine Bar auf. Eigentlich wollten wir in ein Lokal am Republiksplatz, aber wegen heftigen Regens bleiben wir lieber in Hotelnähe.

Der nächste Tag steht ganz im Zeichen von Klöstern und Kirchen, den Trutzburgen gegen Araber, Perser, Mongolen und Osmanen. Nach dem Frühstück steigen wir, immer noch in den alten Kleidern, denn die Koffer sind noch nicht eingetroffen, in den Bus und fahren ins 20 Kilometer entfernte Edschmiadsin.


Edschmiadsin

Es handelt sich um eine der ältesten Städte und um das religiöse Zentrum Armeniens. Früher, bis zum 4. Jahrhundert Hauptstadt des Landes, ist Etschmiadsin, auch diese Schreibweise wird angewendet, seit dem 15. Jahrhundert Sitz des Katholikos, des geistlichen Oberhauptes der armenischen apostolischen Kirche. Wir betreten das Kathedralengelände durch den interessanten Haupteingang, sehen das Refektorium und begeben uns dann am Genoziddenkmal vorbei  zu den Kreuzsteinen. Marinee, die sowohl geschichtlich als auch kunsthistorisch  sehr gut ausgebildet ist, aber immer etwas melancholisch wirkt, erklärt uns die einzelnen Steine, veranschaulicht uns die figürlichen Darstellungen und beschreibt die unterschiedliche handwerkliche Herangehensweise. Auf vielen Exponaten, die wir jetzt oder auch später erklärt bekommen, sind Weintrauben und Granatäpfel zu erkennen, die armenischen Symbole. Unsere Reiseleiterin gibt auch zu, dass, aus unterschiedlichen Gründen aber wohl auch wegen der Geschichte, viele Armenier in Melancholie verfallen oder zumindest den Anschein erwecken.

Die Kathedrale wurde mehrfach durch Kriege oder Erdbeben zerstört, aber immer wieder neu aufgebaut bzw. renoviert, schöner und größer. Sie gehört zu den bedeutendsten Baudenkmälern des Landes. Im Innenraum können u.a. ein Freialtar und einige restaurierte Fresken besichtigt werden. Ein Museum befindet sich in der Sakristei. Ausgestellt werden liturgische Gewänder, Kruzifixe, Kelche und andere Reliquien.

Auf der Weiterfahrt zum Dorf Garni halten wir noch bei den Ruinen von Zvarnots`. Mitte des 7. Jahrhunderts wurde hier eine riesige Kirche erschaffen, deren Schönheit andere Herrscher zum Nachbau inspirierte. Quittenbäume mit reifen Früchten stehen abseits der Anlage.

Unterwegs müssen wir manchmal die Geschwindigkeit reduzieren, weil Straßen durch Erdrutsch beschädigt sind und in dieser Gegend mehrere Dörfer durch diese Katastrophe total zerstört wurden. Aus Sicherheitsgründen werden die Gasleitungen, meistens gelb angestrichen, überirdisch verlegt. In dieser Umgebung wurden 1970 unterirdische Quellen entdeckt.

Garni

Ein heftiger Regenschauer begleitet uns, als wir in den Ort Garni, übersetzt „altes Dorf“  fahren. Wir stürzen aus dem Bus und eilen zum Sonnentempel, den ich aufgrund seines Aussehens eher in Griechenland vermutet hätte. Er befindet sich am Rande einer gewaltigen Schlucht und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ausgegraben. Es gibt verschiedene und unterschiedliche Theorien über den Grund seiner Errichtung. Er wurde aus Basalt hergestellt und sein Gebälk wird von 24 ionischen Säulen getragen.  Wir drängeln uns in den engen Innenraum, in dem schon Mitglieder anderer Reisegruppen Schutz vor Regen suchen. Ein Duduk-Bläser unterhält uns mit schönen alten und traditionellen Melodien. Sein Blasinstrument wurde aus dem Holz des Aprikosenbaumes hergestellt. Später werfen wir noch einen Blick in die Schlucht des Azat. Obwohl die Witterung alles andere als eine klare Aussicht zulässt, können wir dennoch den natürlichen „Tempel“, bestehend aus bis zu 300 Meter hohen Basaltblöcken oder basaltenen Stelen, wahrnehmen und dieses eindrucksvolle Naturdenkmal bewundern. Der Legende nach hat Gott sich diesen Tempel mit Hilfe des Flusses Azat  und der Witterung selbst erschaffen. Zurück zum Bus haben wir Gelegenheit, von den einheimischen Händlern armenische Leckereien, vor allem Walnüsse in unterschiedlicher Anrichtung, zu erwerben.

Nun geht es zum Mittagessen auf einen Landgasthof. Attraktion ist allerdings die Möglichkeit, zwei Frauen beim „Lawaschbacken“ zuschauen zu können. So beobachten wir, wie eine Frau den Teig knetet und rollt und eine andere ihn in einem Erdboden-Feuerloch befestigt und backt. Sie muss mit Argusaugen beobachten, dass der Teig nicht ins Feuer fällt und so ist wohl auch der Name des armenischen Nationalbrotes, eines ungesäuerten Fladenbrotes entstanden: Lawasch heißt übersetzt „pass auf“. Beim Zusehen läuft uns das Wasser im Munde zusammen und natürlich probieren wir die Köstlichkeit. Es eignet sich hervorragend, um darin Kräuter einzurollen und als Vorspeise zu genießen.

Geghard

 

Ein Löwe mit Lanze als Vorposten kündigt die nächste Sehenswürdigkeit an. Am Eingang der Klosteranlage hoffen fahrende Händler und ein paar Musiker auf ein gutes Geschäft. Armenische Familien kommen hierher, um sich an diesem beliebtesten Wallfahrtsort des Landes trauen, taufen oder ihre Opfertiere segnen zu lassen. Ein paar Hühner können zu diesem Zweck draußen erworben werden. An den Bäumen hängen zahlreiche Taschentücher, als Glücksbringen von den Gläubigen angebracht.

Das Geghard-Kloster, auch Gerhard-Kloster genannt, wurde im 4. Jahrhundert gebaut und gehört seit dem Jahre 2.000 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Gründung wird dem Heiligen Gregor, dem Patron der armenisch apostolischen Kirche zugeschrieben. Richtige und vollständige Bezeichnung  ist Geghardavank und bedeutet „Kloster zur heiligen Lanze“. Gemeint ist eine Reliquie, die heute in Edschmiadsin aufbewahrt wird. Die Nutzung von Höhlen und in Fels gehauene Räume sind charakteristisch von Geghard. Der Gesamtkomplex besteht aus einer ganzen Reihe von Räumen.

Zentrales Gebäude ist die Muttergotteskirche, die Kathoghike, eine Kreuzkuppelkirche mit vier kleinen Eckkapellen. Ihre Kuppel und die Fassaden sind reich verziert mit Tierbildern oder Fruchtmotiven, wie Weintrauben oder Granatäpfel. Auch die Mausoleen oder Gruften sind mit meisterhaften Stein- oder Bildhauerwerken ausgestattet. Besonders in Erinnerung ist mir das Familienwappen in der Proschjan-Gruft: zwei angebundene Löwen, darunter ein Adler, der ein Kalb in seinen Krallen hält.  Auch von der Kuppel, durch die das matte Nachmittagslicht dringt, bin ich sehr beeindruckt. Wir besichtigen die einzelnen Räume und Gebäude, laufen über etliche Grabplatten und klettern natürlich auch in einige Höhlen. Am Ausgang erwerbe ich eine im Kaukasus häufig angebotene Spezialität, die in Georgien Tschurtschchela genannt wird, nämlich Walnüsse, mit einer Traubensaft-Kuvertüre überzogen. Eine Stange kostet 700 Dram, was etwa 1,35 Euro entspricht. Es regnet immer noch, als wir zum Hotel zurückfahren. Am Tscharenz-Bogen, einem dem Dichter Tscharenz gewidmetem Aussichtspunkt, erhaschen wir einen etwas besseren Blick auf den Ararat und seine beiden Spitzen.

Abends, zurück in Jerewan, nehmen wir überglücklich unsere Koffer entgegen. Endlich können wir wieder frische Kleidung anziehen. Meine gute Laune wird noch besser, als ich aus dem Hotelzimmer schaue, denn vor mir erhebt sich der 5.156 Meter hohe Ararat in seiner ganzen Größe und Pracht, frei von Wolken habe ich das Nationalsymbol Armeniens vor Augen, einfach herrlich. Darauf gönne ich mir beim Abendessen ein leckeres Kilikia-Bier. Später, nachdem wir uns die singenden Fontänen auf dem Platz der Republik angesehen haben, nehme ich zusammen mit Gerlinde und Attila einen Absacker in einem von Einheimischen gut besuchten Lokal und gemeinsam probieren wir den heimischen Weinbrand.

Am nächsten Tag werden wir etwa 290 Kilometer zurücklegen und nicht mehr nach Jerewan zurückkehren, gut, dass unser Gepäck eingetroffen ist. Auch am Morgen habe ich beim Blick aus dem Hotelfenster eine perfekte Sicht auf den Ararat. Unser Weg führt an Fabrikruinen vorbei, die mehr und mehr verfallen. Gab es in der Sowjetzeit noch eine blühende Industrie, so hat sich Armenien zunehmend zu einem Agrarland verändert, zumal nach dem Erdbeben 1988 etwa 25 Prozent der Industrieanlagen zerstört wurden. Auf der Fahrt erhalten wir wieder interessante Einblicke von unserer Reiseleiterin. So erfahren wir, dass im Lande eine gewisse Nostalgie nach der Sowjetära besteht, denn „früher war alles besser“. Es gibt im Lande keine Versicherung oder Krankenkasse, außer bei der Weinbrandfabrik in Jerewan, denn nur hier sind die Mitarbeiter versichert. Gab es früher eine funktionierende medizinische Versorgung, so kann man heute wählen zwischen der kostenpflichtigen und relativ teueren privaten oder staatlichen Klinik oder der kostenfreien Polyklinik. Aber auch bei letzterer hat man ohne geldliche Zuwendung an Ärzte und Pflegepersonal keinen adäquaten Service. Auch sind hier, so Marinee, die Ärzte und die Ausrüstung schlechter. Unsere Reiseleiterin hat in einer Polyklinik entbunden und sie hat relativ viel bezahlt, damit keine Komplikationen eintreten werden und ihr genügend medizinische Aufmerksamkeit zuteil wird. Lediglich bei einer Krebskrankheit soll die Behandlung kostenlos sein. Viele Armenier meinen, lieber sterben, als ins Krankenhaus gehen. Natürlich müssen auch die Medikamente bezahlt werden. Das durchschnittliche Monatsgehalt soll bei 240,- Euro liegen. Auch noch so begabte junge Menschen haben keine Aussicht auf ein Studium, wenn ihre Eltern nicht die nötigen monetären Mittel haben. Schreckliche Zustände sollen in Behinderten- und Psychoheimen herrschen. Besonders betroffen und vom Staat allein gelassen sind Rentner und Behinderte, aber auch allein erziehende Frauen. Die monatliche Rente bewegt sich angeblich zwischen 30,- und 50,- Euro. Marinee meint, dass offiziell acht bis 10 Prozent der Bevölkerung extrem arm ist, die Zahl 32 Prozent aber wohl eher der Realität entspricht. Nach offizieller Ankündigung sind 16 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, in Wirklichkeit aber wohl 25 Prozent. Was für ein Unterschied zu den Neureichen oder Oligarchen, die dekadent mit Hubschraubern auf Jagd gehen.

Unsere Reiseleiterin wohnt in einer 45 Quadratmeter großen Wohnung, die Höhe der Miete habe ich nicht verstanden, aber sie muss monatlich 120,- Euro für Gas entrichten. Die geschilderten Zustände führen dazu, dass jährlich etwa 40.000 Armenier das Land verlassen und ihr Glück im Ausland suchen. Bekanntester Armenier außerhalb des Landes ist wohl der Sänger Charles Aznavour.

Kurz vor der türkischen Grenze halten wir an, denn von dieser Stelle kann der Ararat besonders gut fotografiert werden, aber auch der Aragats, der mit 4.095 Metern höchste Berg des Landes, liegt gut im Fokus. Es ist schon ein komisches Gefühl, dass der heilige Berg, wo, der Legende entsprechend, Noah nach der Sintflut mit seiner Arche landete und die Welt neu besiedelte, nun auf türkischem Territorium liegt. Gerade in dem Land, mit dem Armenien in Dauerspannung lebt. Der Besenbinder, der am Parkplatz seiner Arbeit nachgeht, scheint sich mit der Situation abgefunden zu haben und einige Mitreisende kommen mit ihm ins Geschäft.

Chor Virap

 

Nun ist es nicht mehr weit bis zum angeblich meist fotografierten Kloster in Armenien. Chor Virap, manchmal auch Khor Virap geschrieben, was „tiefes Verlies“ bedeutet, ist der Ort, wo König Trdat III der Legende nach den heiligen Gregor den Erleuchter im Jahre 288 n. Chr. einsperren ließ, um ihm den christlichen Glauben auszutreiben. Lange 13 oder 15 Jahre, in der Reiseliteratur findet man unterschiedliche Angaben, saß Gregor im finsteren Verlies und ließ sich nicht beirren. Erst das Flehen einer Königsschwester befreite ihn aus dem Erdloch, denn man hoffte, dass Gregor den an einer bösartigen Krankheit leidenden König heilen könne. Nach seiner Genesung ließ sich der König nebst Familie und Hofstaat taufen und verfügte, dass sich die Armenier als erstes Volk auf der Welt zum Christentum bekannten. Die Grube kann besichtigt werden, einige Mitreisende sind hinab gestiegen, ich habe angesichts des Trubels darauf verzichtet.

Man erreicht das Kloster über einen Treppenaufstieg und betritt dann den von Mönchszellen und anderen Gebäuden umgebenen Hof. Von der Umfassungsmauer hat man einen hervorragenden Blick auf die türkische Grenze und natürlich auf den Ararat, dessen zwei schneebedeckte Gipfel in der Mittagssonne glänzen. Der Fluss Arax bildet eine natürliche Grenze zum anderen Land, es gibt drei Grenzzonen, in ersterer dürfen armenische Bauern noch ihr Vieh weiden. Natürlich besichtigen wir auch die Muttergotteskirche, eine schlichte Kreuzkuppelkirche mit einem bemerkenswerten Hochrelief, das den heiligen Gregor zeigt.

Zurück beim Parkplatz hätte man Gelegenheit, Tauben zu kaufen und ihnen eine kurze Freiheit zu schenken.

Dann geht es weiter durch eine fruchtbare Landschaft. Stauseen wurden angelegt, deshalb finden viele Störche ausreichend Nahrung und brüten hier, Obstanbau, Weinbau, hier findet die armenische Landwirtschaft statt. Einheimisches Obst, meistens Melonen, kann am Straßenstand erworben werden. Danach wird die Gegend karger und unwirtlicher, wir fahren entlang der Grenze zu Aserbeidschan und können die Radarschirme auf den Bergen erkennen. In der Nähe von Areni kommen wir an ein paar Weinkeltereien vorbei. Hier in dieser Gegend wurde der oben beschriebene älteste Schuh der Welt gefunden. Und dann ist unser nächstes Ziel erreicht.

Noravankh

 

Völlig einsam, 1.500 Meter über dem Meeresspiegel, versteckt sich eines der schönsten Klöster Armeniens am Ende einer Schlucht: Noravankh, übersetzt „neues Kloster“. Im 13. Jahrhundert errichtet, wurde die Klosteranlage durch Erdbeben mehrfach zerstört und musste wieder aufgebaut werden. Sie besteht aus der Johannes dem Täufer geweihten Hauptkirche mit der vorgelagerten Eingangshalle, dem Gavith. Von der alten Täuferkirche sind nur noch Reste des Gemäuers zu sehen, die neue wurde im 13. Jahrhundert als Bischofssitz und als Grabstelle der Fürstenfamilie Orbeljan errichtet. Die dreigeschossige Mausoleumskirche entstand erst im 14. Jahrhundert, ist aber wohl das bemerkenswerteste Bauwerk der gesamten Klosteranlage. Dreigeschossig, mit teils gut erhaltenen wertvollen Skulpturen geschmückt, wird sie mir lange in Erinnerung bleiben. Marinee bittet uns, nur das Erdgeschoss zu besichtigen, denn die schmale Steintreppe zur zweiten Ebene hat schon häufiger Unfälle verursacht. Wir respektieren ihren Wunsch. Die dritte Ebene besteht aus einer 12-säuligen Rotunde und wird mit einer Kuppel abgeschlossen.

Unsere verdiente Mittagspause verbringen wir im angeschlossenen Restaurant.

Kleiner Exkurs „Bergkarabachkonflikt“

 

Es handelt sich um einen seit Jahrhunderten schwelenden Konflikt der Staaten Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. In der Antike gehörte das Gebiet zu Albania, einem Königreich in Kaukasien auf dem Territorium, wo sich heute Aserbaidschan befindet, später im Mittelalter zeitweise zu Armenien, danach zu Persien und 1805, nach dem persisch-russischen Krieg, zu Russland. So wanderten im 19. Jahrhundert 40.000 Armenier aus Persien und über 80.000 aus dem Osmanischen Reich nach Karabach. Eine weitere Einwanderungswelle folgte nach dem Genozid im Jahre 1915. Wegen Wasser- und Landknappheit, aber auch aus anderen Gründen, wie Sippenhaft und Blutrache bei den Aseris, kam es immer häufiger zu Konflikten zwischen den  Aseris und den Armeniern.

Nach der Unabhängigkeit von Russland 1918 erhoben beide Staaten Anspruch auf Bergkarabach. Es folgten weitere Konflikte und Gemetzel, beide Staaten wurden später in die Sowjetunion eingegliedert und Bergkarabach 1920 Aserbeidschan zugeteilt. Gegen den Willen der Armenier, die die Bevölkerungsmehrheit repräsentieren, wurde die Region 1923 per Dekret Autonomes Gebiet der Aserbaidschanischen SSR. Ein neuer Konflikt brach 1985 aus und Bergkarabach wurde zeitweilig zum Sondergebiet erklärt. Es folgten weitere Pogrome, Massaker und Massenmorde. Im Jahre 1991 wurde die unabhängige Republik Bergkarabach gegründet. Ihre Truppen und die armenische Armee brachten große Teile des von Bergkarabach beanspruchten Gebiets unter ihre Kontrolle. Die genannten Auseinandersetzungen forderten 25.000 bis 50.000 Menschenleben, über eine Million Menschen wurden vertrieben. Und ein Friede ist immer noch nicht in Sicht, immer wieder liest man von militärischen Übergriffen an der Grenze, auch im Jahre 2016. Marinee meint bedauernd und enttäuscht, dass ihr Land bei diesem Konflikt nicht ausreichend von Russland unterstützt werde.

Weiterfahrt nach Dilidschan

 

Unterwegs machen wir Halt bei einer alten Karawanserei. Sie liegt am Sevan-Pass auf einer Höhe von 2.400 Metern nahe einer Quelle. Man erhält einen guten Eindruck, wie die Händler früher mit ihren Tieren und Habseligkeiten die Nacht verbracht haben.

Kurze Zeit später ist der größte See des Landes im Blickfeld. 78 Kilometer lang, 56 Kilometer breit und bis zu 80 Metern tief, doppelt so groß wie der Bodensee: So wird uns der Sevansee erklärt. Kleine Dörfer sind an seinem Ufer angesiedelt. Mehrere Bauern haben große Strohstapel auf dem Hof stehen. Auf der Weiterfahrt fühle ich mich angesichts der weiten Weidelandschaft mit den grasenden Schafen, Ziegen und Rindern an die Mongolei erinnert.

Das Dorf Noratus auf der gleichnamigen Halbinsel gelegen heißt unser nächstes Ziel. Wir halten an einem Friedhof mit sehr gut erhaltenen Grab- bzw. Kreuzsteinen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. An einem nahen Kiosk oder Souvenirshop kaufe ich mir eine CD mit folkloristischen Liedern aus Armenien. Auf der Weiterfahrt kommen wir an etlichen Hotelruinen vorbei, in der Sowjetära begonnen und danach nicht fertig gestellt, da keine Mittel vorhanden waren und der geldliche Zufluss von Moskau versiegt war. Ortsschilder sind teilweise dreisprachig, armenisch, russisch und englisch. Fischverkäufer warten auf der Straße auf Kundschaft, sie haben keine Gewerbeerlaubnis und arbeiten schwarz. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn man sich die Polizei „ins Boot holt“. Korruption ist laut Auskunft unserer Reiseleiterin ein großes Problem im Lande.

Dann, endlich, ist Dilidschan erreicht und wir beziehen unsere Zimmer im Hotel „Dilijan Resort“. WLan ist in armenischen Hotels, jedenfalls in den Häusern, wo wir übernachtet haben, obligatorisch, teils wird der Pin zusammen mit dem Zimmerschlüssel gereicht. Die Stadt, etwa 15.000 Einwohner, liegt inmitten eines Naturschutzgebietes in der so genannten „armenischen Schweiz“. Ein Denkmal zum 50. Jahrestag der Sowjetunion beherrscht das Zentrum. Wir essen im Hotelrestaurant und später trinke ich mit Karl noch ein Bier in der Hotelbar. Der Keeper scheint noch von alten Lehrmeistern aus der Sowjetzeit ausgebildet worden zu sein. Sein Eifer oder gar seine Motivation ist schon als geschäftsschädigend zu bezeichnen. Ein „Nachtleben“ habe ich in Dilidschan nicht entdecken können. Es hat sich mächtig abgekühlt und einige Mitreisende beschweren sich bei Marinee, dass die Heizung auf dem Zimmer nicht funktioniert hat.

Am nächsten Morgen steigen wir wieder in unseren Bus und fahren zum Kloster Haghartsin. Bauern haben ein Feuer an der Straße entfacht und grillen Maiskolben. Vom Parkplatz aus müssen wir noch eine kleine Anhöhe besteigen und dann sehen wir auch schon  die Anlage, die übersetzt „Tanz der Adler“ heißt. Sie liegt geschützt und eingebettet in einer Waldlichtung in den Phambakbergen und soll früher eine heidnische Kultstätte gewesen sein. Wir besichtigen die Muttergotteskirche, die Grabkapelle und die Grigorkirche, den Gavith und einen Teil des Refektoriums.

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Dorf Gosch, benannt nach dem armenischen Dichter M. Gosch, der auch das erste armenische Gesetzbuch verfasst hat. Am Eingang hat man ihm ein Denkmal gesetzt. Marinee erzählt uns seine Fabel vom Uhu und Adler. Aber mehr als die Klosteranlage Goschawankh interessiert uns ein alter Opel, denn er ist mit einem Aufkleber geschmückt: „Alemannia A 1. Bundesliga wir sind dabei“. Man bedenke, Aachen ist im Jahre 2007 abgestiegen. Angesichts der vielen Gotteshäuser mag man uns diesen Seitensprung ins Weltliche verzeihen.

Das gut erhaltene Bauwerk wird nicht mehr kirchlich genutzt. Die einzelnen Gebäude sind bis auf eine Ausnahme miteinander verbunden. Wertvolle Kreuzsteine können besichtigt werden. Eine Blindenschrift informiert in fünf Sprachen, allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Menschen ohne Sehvermögen unbehelligt über die zahlreichen Stufen kommen. Zum Schluss der heutigen Rundreise halten wir in Alt-Dilidschan, sehen uns die traditionellen Häuser an, haben die Möglichkeit, Schmuck oder andere Souvenirs zu kaufen und können in einem Postamt Briefmarken erwerben. Zurück im Hotel werden wir mit einem Glas Saft und dem Angebot, die Sauna kostenlos zu nutzen, überrascht. Sichtlich stolz erklärt uns Marinee, dass man sich mit dieser Geste für den Heizungsausfall entschuldigt.

Im Norden

Heute werden wir uns von Armenien verabschieden. Nach dem Frühstück fahren wir nordwärts durch die Region Lori. Auch diese Gegend wurde durch Erdbeben stark zerstört. Es gab viele Tote und auch das Deutsche Rote Kreuz aus Deutschland hat geholfen, die zahlreichen Verletzten zu behandeln. Hin und wieder tauchen molokane Dörfer auf. Die Molokanen, übersetzt Milchtrinker, weil sie sich in der Fastenzeit von Milch ernähren, haben sich von der Russisch-Orthodoxen Kirche ab- und einem spirituellen Christentum, einer Sekte, zugewandt. In ihren Dörfern herrscht Alkohol-, Nikotin- und Fernsehverbot. Früher durfte man nur untereinander heiraten, heute haben sich die Gebräuche etwas gelockert. Männer tragen lange Bärte, Frauen lange Zöpfe, Rock und Kopftuch. Wir fahren durch eine reizvolle Landschaft, Rinder grasen am Wegesrand, Bauern arbeiten auf den Feldern und ernten Kartoffeln.  Serpentinen und Haarnadelkurven sind zu bewältigen und ich muss unserem Fahrer ein dickes Lob zollen, er meistert die Herausforderung hervorragend. Häufig wird uns ein wunderbarer Ausblick auf die Debedschlucht ermöglicht. Kurz darauf ist Sanahin erreicht.

Eine Kupfergießerei ist zu sehen, als wir auf das Kloster zufahren. Es liegt auf einer Höhe von etwa 1.000 Metern und somit auf etwa der gleichen Höhe wie das Kloster Haghbat, das wir im Anschluss besichtigen werden. Im 13. Jahrhundert hielten sich über 500 Mönche in beiden Stätten auf.  Beide Klöster gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auch hier finden wir viele wertvolle Chatschkare, also Kreuzsteine, vor, außerdem Grabplatten von Herrschern und zölibaren Priestern. Aber auch von Verstorbenen, die nicht zum Adel oder zur Kirche gehörten, wie z. B . über dem Grab eines Minnesängers. Der Komplex besteht u.a. aus der Erlöserkirche, dem größten Bauwerk, der Muttergotteskirche als ältestes Gebäude, dem Gavith, der Bibliothek und Auferstehungskirche. Am Friedhof erklärt uns Marinee, dass nur Männer zur Beerdigung gehen, nach sieben Tagen trifft sich die Familie wieder am Grab zu einem Mahl, auch für den Verstorbenen ist eingedeckt. Nahe Familienangehörige tragen ein Jahr lang Trauerkleidung.

Auf der Weiterfahrt halten wir am Mikojan-Denkmal. Der frühere sowjetische Flugzeugkonstrukteur Artjom Mikojan wurde 1905 in Sanahin geboren. Er war maßgeblich an der Entwicklung einiger MIG-Jagdflieger beteiligt.

Nun ist es nicht mehr weit bis zu unserem letzten Ziel in Armenien, dem Kloster Haghbat, manchmal auch Haghpat geschrieben. Das Kloster aus dem 10. Jahrhundert liegt auf einem zerklüfteten Hochplateau. Man hat eine wunderbare Aussicht auf die Debedschlucht. Marinee meint, dass Haghpat, übersetzt feste Wand, im Vergleich zu Sanahin weltlicher sein soll. Der Komplex gilt als wertvolles Beispiel der mittelalterlichen armenischen Architektur. Die Anlage wurde mehrfach zerstört und verwüstet. Das Gavith der Hauptkirche, also die Vorhalle, wurde an Stelle eines Mausoleums errichtet. Auch hier finden wir Kreuzsteine mit kunstvoller Gravur vor. Wir besichtigen die Kreuzkirche und die Muttergotteskirche, das Hamazasp-Gebäude, das früher der Lagerung von Wein und Getreide diente, und das Mausoleum. Marinee erklärt uns die einzelnen Gebäude etwas temporeicher, denn sie merkt wohl, dass bei dieser Vielzahl an interessanten Gebäuden und bei der Menge des in diesen paar Tagen Gesehenen unsere Aufnahme und unser Verstehen am Limit sind. In Sadachlo ist die Grenze erreicht, wir nehmen unser Gepäck auf, verabschieden uns herzlich von den beiden hervorragenden Begleitern und eilen auf den Schlagbaum zu – Georgien erwartet uns.

Georgien

Tbilisi

Nina, unsere reizende neue Reiseleiterin, nimmt uns, nachdem wir den Grenzfluss überschritten haben, in Empfang. Auch sie spricht sehr gut Deutsch, kein Wunder, denn sie hat ein paar Jahre in Nürnberg gelebt und dort studiert. Man muss unserem Veranstalter „berge & meer“ zugestehen, dass vor Ort mit wirklich guten und kompetenten Partnern gearbeitet wird. Im Bus erhalten wir ein paar Basisinformationen und erfahren, dass Georgien als drittes Land, nach Armenien und den Römern, christianisiert wurde. Georgien besteht zu zwei Dritteln aus Bergen, die eine Höhe bis zu 5.000 Metern erreichen. Man ist sich nicht sicher, ob der Name des Landes vom Heiligen Georg oder vom griechischen Wort „Geo“ abgeleitet wurde. Georgien gilt als sehr fruchtbar und als Mutterland des Weines, denn seit etwa 8.000 Jahren werden hier Trauben geerntet und gekeltert. Wir nehmen staunend zur Kenntnis, dass rund 4.500 verschiedene Sorten dieser lieblichen Frucht angebaut werden. Exportiert wird in erster Linie nach Russland. Auch Tee, Mineralwasser, Nüsse, Zitrusfrüchte und andere Produkte finden Käufer im Ausland, Deutschland ist Hauptabnehmer von georgischen Lorbeerblättern, die Schweiz importiert die meisten Nüsse.

Georgien ist außerdem reich an Bodenschätzen, wie Mangan, Stein- und Braunkohle, und hat rund 1.000 Mineralquellen. Benzin kann hier, wie auch in Armenien, preiswerter als in Deutschland getankt werden. 44 Prozent der Landesfläche ist bewaldet. Ein weiterer Wirtschaftsfaktor ist natürlich der Tourismus, denn rund vier Millionen Besucher werden jährlich gezählt, vorwiegend aus Russland oder anderen alt-sowjetischen Ländern. Im Jahre 1991 erfolgte die Unabhängigkeit, Nina meint, während der Sowjetzeit hätte man hier wie im Paradies gelebt. Westgeorgien ist subtropisch feucht, hier gedeiht der Tee besonders gut. Alle Flüsse fließen ins Schwarze Meer. In Ostgeorgien herrscht kontinentales Klima und  hier münden die Flüsse im Kaspischen Meer. Mit ein paar Worten erwähnt sie auch das Goldene Vlies.

Im Vergleich zu Armenien wurde hier die Korruption erfolgreich bekämpft und die Polizei mit einem guten Durchschnittseinkommen ausgestattet, was etwa bei 700 bis 800 Lari liegt. Ein Euro entspricht zur Zeit unseres Aufenthaltes etwa 2,55 Lari. Auch bei der Rente wird diese Berufsschicht nicht benachteiligt, 300 bis 400 Lari monatlich werden den ehemaligen Gesetzeshütern zugestanden. Das monatliche Durchschnittseinkommen eines „Normalbürgers“ pendelt zwischen 300 und 400 Lari, die Durchschnittsrente liegt bei 150 Lari. Nina weist einige Male auf die Transparenz bei der Polizei hin, die sich selbst in den Gebäuden und Amtsstuben  widerspiegelt.

Mittlerweile sind wir in der georgischen Hauptstadt angekommen, checken ein im „Hotel Terrace“ und bringen unser Gepäck auf die Zimmer. Tbilisi, eine moderne Metropole, die oft Opfer von Zerstörung wurde, besticht durch ihre Museen, Kirchen, Galerien und Theater. Mit einer Standseilbahn erklimmen wir den Hausberg und im urigen Lokal „Chela“ wird zu Abend gegessen und der erste georgische Wein probiert. Wir kosten Walnusscreme in Paprika und laben uns an leckeren Teigtaschen, die hier jedoch ausgeschlürft werden. Margret Thatcher und Fidel Castro sollen in diesem Restaurant, das draußen eine herrliche Aussicht auf die Stadt bietet, ebenfalls gespeist haben. Mir scheint, hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in Armenien. Zurück im Hotel treffe ich mich mit Karl noch in der Bar. Er hat eine für ihn sehr wichtige Nachricht erhalten und freut sich, darauf mit einem Glas Wein anzustoßen.

Am nächsten Morgen hat sich die Sonne hinter dicken Wolken verkrochen. Mit dem Bus fahren wir ins Zentrum, immer wieder versperren falsch geparkte Autos den Weg. Dann beginnen wir unseren Spaziergang. Als erstes steht die Besichtigung des Gründerdenkmals und der Metechi-Kirche zur Heiligen Jungfrau auf dem Programm. König Wachtang Gorgassali gründete Tbilisi, er blickt mit erhobener Hand grüßend auf seine Stadt. Die Kirche, einst zu einem Schloss gehörend, besichtigen wir nur von außen. Von diesem auf einer Anhöhe stehenden Punkt hat man einen hervorragenden Blick auf  die alte Festung, die mit einer Seilbahn erreichbar ist, auf unser gestriges Restaurant, auf die Friedensbrücke und weitere markante Bauwerke der Stadt.  Wir orientieren uns dann in Richtung Bäderviertel und halten kurz bei einem Geschäft, das die heimische Spezialität Tschurtschchela anbietet, also die georgischen Snickers, hergestellt aus Walnüssen und Traubensirup. Vor einigen hundert Jahren gab es über 65 Schwefelbäder in der Stadt, meist unterirdisch. Einzig das Orbeliani-Bad wurde in Form einer Moschee oberirdisch hergestellt. Tiflis bedeutet übersetzt „Stadt der warmen Quellen“. An einem Wasserfall bitten wir einen Passanten, uns für ein Gruppenfoto abzulichten. Danach spazieren wir durch das Maidanviertel, gehen durch eine von Lokalen gesäumte Straße, die Erekle-Gasse, erfreuen uns an den schönen Häusern mit Holzveranden  und amüsieren uns über ein paar Sprüche auf den Tafeln: „Save the earth, it´s the only planet with wine“ und „Innocent grapes died for you“. Das passt ganz gut zur nächsten Figur, die wir an einer Straße sehen, nämlich den Tamada, den Tischmeister. Bei Banketten ist er für die Trinksprüche in einer bestimmten Reihenfolge verantwortlich. Zunächst wird auf das Wohl der gastgebenden Familie angestoßen, dann auf Eltern, Freunde Verwandte usw. Schon haben wir eine Karawanserie erreicht, die heute als Museum dient und legen eine verdiente Pause ein.

Nachdem wir uns einen Moment ausruhen konnten, wird der Stadtspaziergang fortgesetzt. Die Zionskirche, auch unter Sioni-Kirche bekannt, ist unser nächstes Ziel. Gespannt erreichen wir die Hauptkirche des Patriarchen der georgischen Kirche, sie ist der Mutter Gottes geweiht, und können doch nur einen kurzen Blick in das Innere werfen, denn zurzeit findet ein Gottesdienst statt, den wir nicht stören dürfen. Schade, unsere weiblichen Mitreisenden hatten extra ein Kopftuch und einen Wickelrock umgebunden. Ein Dresscode am Eingang zeigt auf, in welcher Bekleidung das Gotteshaus betreten werden darf. Gegenüber der Eingangspforte wurde ein separater Glockenturm errichtet. Etwas später, am Anfang der Friedensbrücke, gibt Attila ein Glas frisch gepressten Granatapfelsaft aus. Diese Brücke wurde vom Architekten entwickelt, der auch den Präsidentenpalast geplant hat. Anmutig schwingt sie über den Fluss Mtkawari.  Besagter Palast ähnelt von der Bauweise dem Weißen Haus in Washington, seine Kuppel ist mit der des Berliner Reichstags vergleichbar. Pünktlich um 12:00 Uhr beginnt im Uhrenturm des Marionettentheaters „Gabriadse“ ein Glockenspiel. In der Ferne ist das Denkmal „Mutter Georgiens“, imposant auf einem Hügel stehend, zu erkennen. Diese Aluminiumstatue, 20 Meter hoch, wurde 1958 aus Anlass des 1.500-jährigen Bestehens der Stadt Tbilisi eingeweiht. In einer Hand hält sie ein Schwert zur Abwehr des Feindes, in der anderen eine Schale mit Wein für in friedlicher Absicht anreisende Gäste oder Freunde.

Unseren Vormittagsspaziergang beenden wir mit dem Besuch der Antschischati-Kirche, dem ältesten Gotteshaus der Stadt aus dem 6. Jahrhundert. Zahlreiche Ikonen schmücken den relativ kleinen Innenraum. In sowjetischer Zeit wurde die Kirche zum Bad umfunktioniert und zweckentfremdet. Auf dem Weg zum Bus kommen wir noch am Sitz des Patriarchats vorbei, ein künstlicher „Lampenputzer steht fotogen an der Straße. Zum Mittagessen fahren wir in einen nahe gelegenen Backbetrieb.

Frisch gestärkt begeben wir uns dann zum Georgischen Nationalmuseum. Eine kompetente Dame erklärt uns die archäologischen und ethnographischen Ausstellungsstücke auf den einzelnen Etagen. Wertvolle Steine, Schmuck, kunstgewerbliche Gegenstände, Waffen aus der Frühzeit bis zur Gegenwart sind zu besichtigen. Besonders in Erinnerung bleiben werden mir drei Schädel, 1,5 Millionen Jahre alt, in Georgien gefunden und von französischen Wissenschaftlern rekonstruiert und präpariert. Nina informiert uns, dass in Georgien elf Nationalmuseen Einblick in frühere Zeiten geben. Am Freiheitsplatz warten wir auf unseren Bus. Dieser Platz wird dominiert von einem 40 Meter hohen Denkmal, das Georg den Drachentöter zeigt. Früher schmückte eine Leninstatue den Platz, an dem sich auch das ehemalige Rathaus befindet. Auf der Weiterfahrt kommen wir am Revolutionsplatz, wo die Maiparade stattfindet, vorbei, an der Philharmonie und am Heldenplatz. Zahlreiche Denkmäler und Statuen prägen das Stadtbild. Einige Häuser sollen, so Nina, aus Kostengründen mit Wein statt mit Wasser erbaut worden sein. Mittlerweile hat sich die Sonne am Himmel durchgesetzt und bei herrlichem Wetter verlassen wir Tbilisi für ein paar Stunden. Ich wundere mich unterwegs über die zahlreichen Tankstellen. Im Gegensatz zu Armenien hat Georgien keine Atomkraftwerke. Am Ortseingang muss die Geschwindigkeit reduziert werden, da Poller, hier „liegende Polizisten“ genannt, ein rasantes Fahren nicht zulassen.

Mzcheta

Die alte Hauptstadt Iberiens liegt am Zusammenfluss von Aragwi und Kura. Von der Brüstung bei der Dshwari-Kirche, wo wir den ersten Stopp einlegen, haben wir einen hervorragenden Blick auf den Ort. Wir sind längst nicht die einzigen Besucher der Kreuzkirche, die, weithin sichtbar, auf einer Anhöhe im 6. Jahrhundert errichtet wurde und nunmehr zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Das Innere des Gebäudes ist sehr schlicht gehalten. Angeblich wurde die Wehrkirche mit ihrem dicken Gemäuer an der Stelle errichtet, wo die heilige Nino ein Holzkreuz aufgestellt hatte.

Nino, eine Syrerin, soll im 4. Jahrhundert zur Christianisierung Georgiens beigetragen haben. Einer Legende nach hat sie von der Heiligen Jungfrau ein Kreuz aus Rebstöcken erhalten, das sie immer bei sich trug. Eine andere Legende besagt, dass sie das Kreuz selbst erstellt und dabei Strähnen von ihrem Haar zur Befestigung verwendet hat. Charakteristisch sind die herabhängenden Arme. Zunächst wurde das Kreuz als Reliquie in Mzcheta aufbewahrt, nunmehr, nach einigen Umwegen, befindet es sich in der Zionskirche, die wir gestern nicht besichtigen konnten. Im Jahre 337 wurde das Christentum in Georgien zur Staatsreligion erklärt.

Im Zentrum von Mzcheta besichtigen wir die Sweti-Zchoweli-Kirche, auf Geheiß von König Mirian erbaut, als Symbol, das Christentum angenommen zu haben. Auch um den Bau dieses Hauses ranken sich einige Legenden, die ich aber nicht einzeln aufführen mag. Im rechten Seitenschiff wurde eine Kopie der Jerusalemer Grabeskirche errichtet und hier soll das Sterbegewand von Jesus aufbewahrt werden, jedenfalls ein Teil davon. Eindrucksvolle Grabplatten bedecken große Teile des Bodens. Nischen in den Außenmauern der Kirche gelten bei einem möglichen Erdbeben als Stabilisator. Vor den Eingängen warten Bettler auf ein Almosen. Auf dem Weg zum Busbahnhof kommen wir an vielen Souvenirläden und Weinhandlungen vorbei. Das moderne und transparente Polizeigebäude ist nur aus der Ferne zu erkennen. Zurück in Tiflis fahren wir in ein Restaurant zum Abendessen und erfreuen uns anschließend an einer Folkloredarbietung. Unser Hotel liegt an einem Berghang relativ hoch über der Stadt mit herrlichem Blick auf das Geschehen. Mir hätte eine zentraler gelegene Unterkunft allerdings besser gefallen, könnte man dann abends doch noch individuell etwas unternehmen, ohne auf ein Taxi angewiesen zu sein.

 

Kleiner Exkurs „Goldenes Vlies und Argonauten“

 

Der griechischen Mythologie nach rettete Gottvater Zeus die Geschwister Helle und Phrixon, Kinder der Göttin Nephele, vor ihrer irdischen Stiefmutter, die sich ein eigenes Kind wünschte. Auf einem Widder mit goldenem Fell flüchteten sie. Helle beugte sich zu weit vor, fiel über den Dardanellen, einer Meerenge zwischen Europa und Asien, hinunter und nur ihr Bruder erreichte Kolchis im heutigen Georgien. König Aietes empfing ihn und der Widder wurde Zeus geopfert. Sein goldenes Vlies befestigte man an einer Eiche und ließ es von einem schiffsgroßen Drachen, der niemals schlief, bewachen.

Später raubten Argonauten, so die Bezeichnung der Seeleute, darunter Castor und Pollux, Söhne von Zeus, und Herakles, unter dem Kommando von Jason und unter Mithilfe der Königstochter Medea das Vlies und brachten es nach Griechenland.

Kachetien

Nun verlassen wir die georgische Hauptstadt und machen uns auf den Weg nach Kachetien, dem östlichsten Teil des Landes und bekannt für seinen Weinanbau. Diese Region gilt als fruchtbarste in Georgien. Nina nutzt die interessante Fahrt wieder professionell und bringt uns ihr Land näher. Wir erfahren u. a., dass

– in Georgien fünf Skigebiete vorhanden sind und auch Heliski möglich ist. Da           letztgenannte Variante in Österreich verboten wurde, kommen viele Sportler aus diesem Land und frönen ihrem Hobby im Kaukasus

– die Schüler während der Sowjetzeit Uniformen trugen, diese Regelung besteht nicht mehr

– staatliche Universitäten 3.000 Lari, private 5.000 Lari per anno kosten

– besonders zur Zeit der Lese viele Weintouren angeboten werden

– sich in Georgien zahlreiche Callcenter etabliert haben

– sich auch deutsche Firmen im Land angesiedelt haben, unterwegs wundere ich mich über die umfangreiche Werbung deutscher Bierhersteller

– Silvester zwei Tage lang gefeiert wird

– zu einer Hochzeitsfeier auf dem Lande das ganze Dorf eingeladen wird, so dass mit 300 bis 500 Gästen zu rechnen ist. In der Stadt wird mit 100 bis 150 Bekannten und Verwandten gefeiert. Die standesamtliche und kirchliche Trauung findet an einem Tag statt.

– man auch den Ostersonntag und den Totenmontag feiert, dann wird das Grab des Verstorbenen besucht, Wein darauf gegossen und manchmal auch eine Speise hinterlassen, die gern von Bettlern angenommen wird. Aufgebahrt wird zu Hause, Feuerbestattungen gibt es in Georgien nicht. Zum Leichenschmaus erscheinen bis zu 150 Trauergäste, sie schenken Geld. Nahe Angehörige tragen während des Trauerjahres schwarze Kleidung

Und natürlich geht Nina auch auf die schwelenden Konflikte in Bezug auf Abchasien und Südossetien ein. Abchasien, eine abtrünnige Teilrepublik im Nordwesten des Landes, kann im Moment nicht bereist werden. Einst reichste Region der Sowjetunion mit subtropischer Vegetation und herrlicher Küstenlandschaft betrachtet sich die Republik Abchasien als selbstständiger Staat, wird aber von nahezu allen Regierungen der Welt, außer Russland und drei kleinerer Länder, als okkupiertes Gebiet angesehen.

Auch Südossetien ist derzeit für Touristen nicht frei gegeben. Völkerrechtlich Teil Georgiens hat sie aber eigenmächtig die Unabhängigkeit erklärt. Allerdings wird die Souveränität von der Staatengemeinschaft nicht anerkannt, mit Ausnahme von Russlands und drei weiterer Länder, genau wie bei Abchasien.

Bei einer kleinen Fotopause in 1.620 Meter Höhe können wir das Gehörte verarbeiten und verdauen. Weiter geht es durch fruchtbare Weinlandschaften und dann ist unser erstes Tagesziel erreicht, die Alawerdi-Kirche. Die imposante Anlage wurde erstaunlicherweise nicht auf einem Berg, sondern ebenerdig errichtet. Sie ist von einer hohen Mauer umgeben. Jetzt sind wir im religiösen Zentrum des Landes. In der 56 Meter hohen Georgs-Kathedrale sehen wir schöne Wandmalereien. Auch hier gibt es den Platz des Patriarchen, auf einer Seite hat sich früher der Adel, auf der anderen das Priestertum niedergelassen, in der Mitte hielt sich das gemeine Volk auf. Selbstverständlich dürfen sich unsere Begleiterinnen hier wieder mit Kopftuch und Beinwickel schmücken. Zum Mittagessen fahren wir in die Hauptstadt Kachetiens, nach Telawi. Wieder führt der Weg an Feldern und Hängen mit Weinreben vorbei, auch überqueren wir ein paar ausgetrocknete Flussläufe. Telawi, ca. 30.000 Einwohner, liegt malerisch im Alasanital. Der Name wird abgeleitet von „Tela“, was Ulme bedeutet. Bäume dieser Art habe ich nicht gesehen, wohl aber eine 900 Jahre alte Platane. Ein Teil der Stadtmauer ist noch erhalten, viele Häuser wurden restauriert. Im Reiseführer lese ich, dass Telawi  schon im 8. Jahrhundert existierte und 300 Jahre älter als Tiflis ist. Unser Mittagessen nehmen wir in einem Privathaus bei einer georgischen Familie ein und werden mit Walnusscreme in Auberginen, Tomaten, Gurken, Käse, Käsebrot, Schaschlik und Kohlrouladen verwöhnt. Walnusscreme soll  gut mit Alkohol korrespondieren, man wird lt. Nina nicht so schnell betrunken. Natürlich trinken wir auch Wein zum Mittagessen, nämlich Roter Stengel-Rkatsiteli, ein Tropfen aus der ältesten Rebe. Einige aus unserer Gruppe versuchen sich als Tamada, so dass immer wieder das Glas mit einem lauten „Gaumadschos“ erhoben werden muss.

In östlicher Richtung geht es weiter. Nach kurzer Zeit erreichen wir Zinandali und besichtigen den Landsitz des Fürsten Alexander Tschawtschawadse. Der Fürst entstammte aus einer der angesehensten Familien Georgiens.  Sein Vater war Botschafter am russischen Hof, Zarin Katharina die Große seine Taufpatin. Alexandre Dumas zählt zu den Gästen, die hier empfangen wurden. Zur Sommerresidenz spazieren wir durch einen eleganten Park im englischen Stil und besichtigen dann einige der Räume. Kostbare Bilder, Möbel, Klaviere und andere wertvolle Exponate sind ausgestellt.

Nun folgt der wohl interessanteste Teil des Tages, wir fahren zum Dorf Kisißchewi und kehren beim Weingut Schuchmann ein. Bei der Betriebsbegehung hören wir, dass die Kelterei jährlich 1,5 Millionen Flaschen produziert, 80 Prozent werden exportiert, in erster Linie nach Russland, aber auch nach China und in weitere Länder. Wir sehen uns die einzelnen Produktionsstätten, die Stahlbehälter, Amphoren und Fässer an und werden aufgeklärt, dass hier sowohl auf kachetische als auch auf europäische Weise gekeltert wird. Eine hübsche junge Dame erläutert, dass der Wein bei der traditionellen kaukasischen Methode in Quevris, dabei handelt es sich um in Erde eingegrabene Tonamphoren, auf der Maische vergoren wird. Stängel und Schalen der Trauben geben viele Gerbstoffe ab. Dieser Prozess dauert drei bis vier Monate.

Natürlich darf eine Weinprobe nicht fehlen. Und so versammeln wir uns auf der Terrasse und lassen uns mit drei verschiedenen Weinen verwöhnen. Wir beginnen mit einem Weißwein aus dem Jahre 2014, er wurde nach europäischer Methode gekeltert, hat 13 Prozent Alkohol und kostet sieben Lari. Der Rkatisiteli mundet mir.

Bei der zweiten Flasche, einem auf kachetische Weise hergestellten Wein, verhält es sich schon anders. 20 Lari kostet eine Flasche, jedoch sie schmeckt mir nicht, das Getränk ist mir einfach zu herb und hat mit dem geschmeidigen Geschmack der mir bekannten Sorten nichts gemein.

Als letztes wird uns ein Rotwein aus 2014 gereicht. Der Mukuzani hat einen Alkoholanteil von ebenfalls 13 Prozent, wurde „europäisch“ produziert, kostet pro Flasche zehn Lari  und schmeckt hervorragend. Gern erwerbe ich ein paar Flaschen für zu Hause. Während unserer Verkostung fällt ein Pferd samt Fuhrwerk eine Rampe hinunter, kann aber glücklicherweise bald darauf etwas humpelnd den Weg fortsetzen.

Doch dann heißt es auch diesen wirtlichen Ort zu verlassen. Wir fahren durch das wunderschöne Alasanital, überholen Fuhrwerke mit Trauben auf dem Weg zur Weinkelterei und sehen unterwegs zahlreiche Quitten-, Aprikosen- und Pfirsichbäume. Bei einsetzender Dunkelheit erreichen wir, nachdem unser Bus sich über Serpentinen den Berg hoch gequält hat, das Städtchen Signaghi, übersetzt „Zufluchtsort“.

Erst im 18. Jahrhundert als Stadt angelegt, besticht Signaghi durch seine Schutzmauer und seine alten Häuser, 75 Prozent sollen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sein. Es soll sich um die kleinste, laut Reiseführer aber auch um einen der interessantesten Orte Georgiens handeln. Etwa 2.000 Menschen wohnen hier. Zum Abendessen gehen wir in einen Weinkeller und probieren den heimischen Wein. Aber, wie oben beschrieben, der weiße mundet mir nicht, beim roten merke ich eine Geschmackssteigerung oder eine Gewöhnung und das dritte Glas, man mag es nicht glauben, kann ich bereits mit Genuss trinken. Am nächsten Morgen wandern wir durch den Ort, besteigen die Stadtmauer und bewundern den einmaligen Blick auf das Alasanital.

Nun kommt der letzte Trip in Georgien. Wiederum fahren wir durch romantische Weinlandschaften, neben uns die Berge des Großen Kaukasus. In einem Weingut essen wir zu Mittag und werden zum Abschluss noch von einem Männerchor mit einem sehr eingängigen Konzert überrascht. Emotional etwas aufgewühlt nach dieser Darbietung steigen wir in den Bus, fahren zum Grenzort Lagodechi und verlassen das Land, in dem Josif Wissarionowitsch Dshugaschwili im Jahre 1879 geboren wurde, besser bekannt unter dem Namen Stalin. Mit einer herzlichen  Umarmung verabschieden wir uns dann leider von Nina.
Aserbaidschan

Sheki

 

An der Grenze werden wir von Orban in Empfang genommen. Er vertritt einen Kollegen, der heute zunächst wegen einer Beerdigung verhindert ist. Die Migration dauert etwas, einen Visumantrag hatten wir bereits vor Wochen an „berge & meer“ geschickt und daraufhin ein elektronisches Visum erhalten. Die Gebühr, 45,- Euro, ist jetzt an unseren Abholer zu entrichten. Unser Gepäck wird aus dem Bus getragen und durchleuchtet. Aber wir haben Glück, gefunden wird nichts, auch nicht meine in Armenien erworbene CD. Eine Flasche Weinbrand aus dem Land wäre sicherlich aufgefallen.

Auch Orban ist sehr informationsfreudig und berichtet, dass Aserbaidschan „Land des Feuers“ bedeutet. 9,5 Millionen Einwohner zählt das Land. Jetzt können wir die Schrift auch wieder halbwegs lesen. Das Alphabet besteht aus 32 Buchstaben, überwiegend lateinischen, zum Teil aber auch kyrillischen, darunter neun Vokalen. Obwohl die islamische Religion vorherrscht, gehen die Frauen unverschleiert. Sollten wir einmal das Gegenteil sehen, dann wird es sich wahrscheinlich um ausländische Besucherinnen handeln.

Derzeitig hat das Land wegen der Ölkrise unter einer schlechten Konjunktur zu leiden. Gab es vor Jahren noch einen Manat für einen Euro, so hat sich der Kurs auf 1:1,80 verschlechtert. Arbeitnehmer erhalten ein durchschnittliches Monatseinkommen in Höhe von 400,- Euro. Flüchtlinge aus Bergkarabach wohnen umsonst. Landwirte werden bei Bedarf vom Staat unterstützt. Etwa 60 Prozent der Landesfläche ist gebirgig. Viele Dörfer schmiegen sich an die schroffen Berge, um nicht überschwemmt zu werden, Schafe,  Ziegen und Rinder grasen am Straßenrand.

Wir fahren durch eine sehr gepflegte Gegend, sehen zu beiden Seiten der Straße Hasel-, Walnuss- und Maulbeerbäume, aber auch Tabakpflanzen, Kaki- und Feigenbäume. Am späten Nachmittag fahren wir durch ein eindrucksvolles Stadttor, Sheki (Şəki) ist erreicht. Im ŞӘKI SARAY werden wir die nächste Nacht schlafen. Ein Pfeil auf dem Tisch zeigt an, in welcher Richtung Mekka liegt.

Die Stadt, eine der ältesten des Landes, liegt an den Südausläufern des Großen Kaukasus und ist wegen des milden Klimas ein beliebtes Ziel für einen Wochenendausflug. Es gibt ein paar Universitäten. Während der Sowjetära entstand hier die größte Seidenfabrik der UdSSR. Sheki erlangte in früherer Zeit auch als Handelsplatz eine große Bedeutung und vorbeiziehende Händler konnten in drei Karawansereien nächtigen.

Mittlerweile ist Anar angekommen, er wird in den nächsten Tagen unser Reiseleiter sein. Bevor wir wieder in den Bus steigen eile ich zu einem Geldautomaten in der Nähe, um mich ein wenig mit der hiesigen Währung einzudecken. Dann geht es weiter, zunächst im Bus, dann wegen einer schlecht passierbaren Straßenbaustelle mit ein paar Taxis zum Tempel im Bergdörfchen Kisch oder Kish (Kiş). Es sind nur sieben Kilometer. Dieses erste und älteste erhaltene christliche Bauwerk im Ostkaukasus gilt als Mutter der orientalischen Kirchen, erbaut im 12. Jahrhundert im damaligen Königreich Albania. Man entdeckte Grabstätten aus der Zeit 3.000 vor Christus bis zum Mittelalter. Der berühmte Abenteurer und Archäologe Thor Heyerdal meint, dass zwischen Norwegen und Aserbaidschan eine historische Verbindung besteht. Im Rahmen eines staatlichen Architekturprogramms wurde der Komplex wieder restauriert. Jetzt, im Licht der Abendsonne, glühen die Kaukasusberge, es ist ein beeindruckendes Bild.

Zurück in Sheki gehen wir zum Abendessen in ein nahe gelegenes Restaurant. Es schmeckt sehr gut, allerdings hätte ich mich gefreut, wenn Anar und unser Fahrer ebenfalls an der Tafel Platz genommen und nicht abseits gesessen hätten. In Armenien und Georgien haben wir immer gemeinsam gegessen. Nun noch ein Absacker in der Hotelbar, andere Möglichkeiten habe ich hier nicht entdeckt, und dann ins Bett. Ich stelle den Fernseher an und wundere mich: Ein türkischer Sender zeigt Telefonsex – das hätte ich hier nicht erwartet.

Am nächsten Morgen besichtigen wir zunächst die Juma-Moschee und daran anschließend die wohl größte Sehenswürdigkeit der Stadt, nämlich den Khan-Palast (Xan Saray, Xan = Herrscher, Saray = Palast), Ende des 18. Jahrhunderts im osmanischen Stil und ohne einen Nagel erbaut. Er musste im Laufe der Zeit einige Erdbeben überstehen. Beeindruckend sind die Glasfenster, bestehend aus mehreren tausend Teilchen. Das Glas wurde früher aus Murano importiert, nunmehr wird es vor Ort hergestellt. Wir sehen uns dann noch das Museum und ein Handwerkerhaus, das mehr einem Souvenirladen ähnelt, an und ich ergreife die Gelegenheit und erwerbe erst eine Kette aus Steppenraute zur Abwehr böser Kräfte und dann noch eine Kappe als Kopfbedeckung. Nach kurzer Pause in der Handwerkerstraße schauen wir uns noch eine zum Hotel umfunktionierte alte Karawanserei an. Und dann steigen wir wieder in den Bus, schließlich liegen ca. 300 Kilometer Fahrt vor uns. Zunächst geht es durch die Balakan-Region (Balakən).

 

Weiterfahrt nach Baku

Während der Fahrt erfahren wir, dass Aserbaidschan wertvolle Bodenschätze hat, Öl, Gas, Silber, Gold, Kupfer und mehr. Die Arbeitslosigkeit beträgt derzeit 5 Prozent. Forellenteiche wurden am Wegesrand angelegt, Nussbäume scheint es im ganzen Land zu geben. Schiiten bilden die religiöse Majorität, gefolgt von den Sunniten. Aber auch ein paar Christen leben in Aserbaidschan. Moscheen wurden während der Sowjetära als Scheune missbraucht oder abgerissen. Einmal zwingt die Polizei uns zum Anhalten. Wir denken schon, dass der Papst, der auch gerade im Lande ist, uns begegnen wird, aber wir müssen nur die Straße wegen eines Radrennens räumen. Dann sind wir in der Kabala-Region (Qəbələ), dem Skigebiet des Landes.

Beim „Eimermarkt“ legen wir eine Pause ein. Der Name ist entstanden, weil alle Waren, zumeist Obst und Früchte, in Eimern feilgeboten werden. Besonders angetan bin ich von den mir bisher unbekannten „Turschü“, einer relativ sauren und klebrigen Speise aus dem Saft verschiedener Früchte, ich kaufe mir eine Portion mit Kornelkirschengeschmack. Turşu bedeutet eigentlich „eingelegtes Gemüse“, wie z. B. mixed Pickles, aber Anar hat die deutsche Bezeichnung so in mein Notizbuch geschrieben. An einer natürlichen Quelle kosten wir mineralhaltiges Wasser.

Der Bezirk Ismayilli, durch den wir jetzt fahren, verfügt über bedeutende Mineral- und Heißwasserquellen. Er gehört zum Großen Kaukasus und hat etwa 80.000 Einwohner. Außer Wein wird Getreide und Tabak angebaut. Und dann ist auch schon die Schamakha-Region (Şamaxı) erreicht, bekannt für ihre Teppichknüpfereien. Hier wurden einige Wettkämpfe bei den Europaspielen 2015 durchgeführt. Sportlich gemessen wurde sich bei dieser Veranstaltung in 16 olympischen und vier nicht-olympischen Disziplinen. Aserbaidschan hatte den Zuschlag für das Sportfest erhalten, nachdem Bewerbungen für Olympia 2016 und 2020 gescheitert waren.

Im Ort Schamakha sehen wir uns die Juma-Moschee an. Nach einem Brand wurde sie in den 90er Jahren wieder aufgebaut. Zwei Minarette an der Vorderseite, rohe Steinwände und große Anzahl von Säulen sind charakteristisch für dieses Bauwerk. Eigentlich wollten wir heute auch die „Sieben-Kuppel-Moschee“ besichtigen, aber aufgrund heftigen Regens an den Tagen zuvor sah unser Fahrer keine Möglichkeit, diesen Ort schadlos zu erreichen. Stattdessen machen wir im Programm weiter und begeben uns zum Diri-Baba-Mausoleum in Maraza (Mərəzə), dieser Ort gehört wohl schon zur Region Qobustan. Viele Legenden und Mythen sind mit dem zweistöckigen Mausoleum verbunden. Halb in eine Felshöhle eingelassen und mit weißer Kuppel ist es ein beliebtes Fotomotiv. Angeblich wurde hier im Jahre 1402 Diri Baba begraben und sein Körper wollte nicht verwesen, so entstand die Bezeichnung „lebender Großvater“. Auf schmalen Treppen steigen wir hinauf und sehen uns das schlichte Innere an. In den Höhlen nebenan haben Derwische gebetet.

Dann haben wir das Tagespensum fast geschafft. Anar informiert uns, dass die Bezeichnung „Qobustan“ mit „Land der Wüste“ übersetzt werden kann. Erdöl und Gas wird hier gewonnen, die Region ist reich an Schlamm und Schlammvulkanen. Wasserbüffel helfen bei der Ernte, einige Bauern betreiben Kamelzucht, Windkraft und Photovoltaik spielen hier eine Rolle. Leider kann man unseren Reiseführer wegen eines Mikrofondefekts schlecht verstehen. Das ist aber auch die einzige negative Anmerkung, denn ansonsten haben uns in allen drei Ländern kundige, kompetente und der deutschen Sprache mächtige Reiseleiter begleitet und wache und ruhige Fahrer chauffiert. Auch die Busse, in denen wir unterwegs waren, standen in einem guten Zustand. Bei einbrechender Dunkelheit  haben wir unser Tagesziel geschafft und sind gespannt, was Baku so bietet.

Baku

Die Hauptstadt empfängt uns abends mit warmen 18 Grad und der erste Eindruck ist durchaus positiv. Zwar ist der Verkehr während der Rushhour ziemlich heftig, aber wo ist er das nicht. Ältere aber gut renovierte Häuser aus der Sowjetzeit begrüßen uns am Stadteingang. Wir kommen am imposanten Busbahnhof vorbei, erfahren, dass es einige Bierbrauereien in der Stadt gibt, erblicken das Regierungsgebäude am Platz der Freiheit und fahren auch auf der Straße, die vielen Menschen vom Formel 1-Rennen bekannt sein dürfte. In der Nähe von unserem „Central Park Hotel“ befindet sich die Philharmonie, die wir aber nur von außen sehen können. Baku erscheint mir sehr modern, dieser Eindruck wird sich später noch verstärken. Sehr erstaunt bin ich, als ich an einer Tankstelle lese, dass ein Liter Benzin lediglich schlappe 58 Cents kostet. Nach dem Abendessen wandern wir noch ans Kaspische Meer, das ich in meinem Leben unbedingt einmal sehen wollte, schlendern am Boulevard entlang und erfreuen uns am wechselnden Farbenspiel der Flame Towers. Dieses Bauwerk aus drei 190 Meter hohen Türmen wurde im Jahre 2012 fertig gestellt. Gerade nachts bieten sie ein interessantes Schauspiel, wenn die Illumination ein Flammenlodern suggeriert. Der Komplex soll luxuriöse Wohnungen, Büroräume und Hotels beherbergen, ist aber erst zum Teil belegt. Es ist schon ein erhabenes Gefühl, im Herbst am Meer entlang zu wandern und das Rauschen des Wassers zu hören. Das Literaturmuseum am Fontänenplatz erstrahlt in warmem Licht, ein paar Männer messen sich beim Schachspiel auf einem freien Platz. Zum Schluss gehe ich noch mit Gerlinde und Attila in eine Bar, die uns aber nicht unbedingt zusagt, und so bleibt es bei einem Getränk.

Nun ist also der letzte Tag angebrochen. Wir fahren geraume Zeit am Meer entlang und sehen das futuristisch anmutende Teppichmuseum in der Ferne, die für die Eurovision gebaute Crystal Hall, das einmalige Heydar-Aliyev-Kulturzentrum, aber auch die die Ölpumpen und Industrieanlagen im oder am Wasser. In Stadtnähe wird eine künstliche Insel für 200.000 Einwohner angelegt. Eine Ölpipeline ist zu erkennen, sie transportiert den kostbaren Stoff über Tbilisi in die Türkei. In Qobustan-Nationalpark besuchen wir erst ein Museum und gehen dann zum interessanteren Teil, nämlich zu den Felszeichnungen.

Die Gegend stand in der Steinzeit zum Teil unter Wasser, weil das Kaspische Meer bis hierher reichte und die Umgebung grün und fruchtbar werden ließ. In den 1930er Jahren wurden die steinzeitlichen Felszeichnungen entdeckt. Es soll bis zu 6.000 Piktogramme geben. Wir gehen an den Sandsteinwänden entlang und erkennen Tiere wie Schweine oder Stiere, schwangere Frauen, Kämpfer oder Krieger, Jagdszenen und Frauen mit abgetrennten Brüsten. In den Boden wurden Löcher gebuddelt, um in diesen Zisternen Regenwasser zu sammeln, denn das Nass aus dem Meer war zu salzig. Erstaunlich, welche Kunstfertigkeit vor 12.000 Jahren an den Tag gelegt wurde. Die Anlage gehört natürlich auch zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir werden dann noch über die in dieser Gegend häufig anzutreffenden Schlammvulkane aufgeklärt. Es handelt sich um morphologische Erhebungen, die nichts mit einem Vulkan zu tun und keine Verbindung zum Inneren der Erde haben. In gewissen Abständen entweicht aufgrund geologischer Prozesse wassergesättigter Schlamm durch die Ritzen und manchmal auch Methan, das sich entzünden kann.

Nun sehen wir uns noch den so genannten Römerstein an, der eine fast 2.000 Jahre alte Inschrift, den östlichsten lateinischen Schriftzug, trägt. Nun haben wir uns eine Erholungspause verdient, halten direkt am Meer und Willi und Attila nehmen ein Bad. Ich gehe mangels Badehose nur bis zu den Knien ins Wasser, in dem sich sowohl Süß- als auch Salzwasserfische aufhalten.

Nach dem Mittagessen im Shafa Fish Garden mit Blick auf das Meer halten wir bei der Bibi-Heybət-Moschee. Sie liegt erhaben auf einer kleinen Anhöhe und erlaubt den Besuchern einen guten Ausblick auf das Kaspische Meer. Ursprünglich 1257 erbaut, wurde sie während des militanten Atheismus unter Stalin zerstört und erst Ende des letzten Jahrhunderts wieder aufgebaut. Sie ehrt Okuma, die Schwester eines Imans, im Inneren der Moschee wird ihr Grab von gläubigen Besuchern umrundet. Eigentlich wollten wir dann zum Märtyrerplatz, aber der Papst hatte sich für diesen Besuch angemeldet – und dann treten wir natürlich ins zweite Glied. Stattdessen fahren wir ins Zentrum und wandern durch die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen. Zum Besichtigungsprogramm gehören zwei Karawansereien, die heute als Restaurant oder Teestube fungieren, eine alte Medrese als Souvenirladen und Ausgrabungen in einem alten Basar. Einige Mitreisende klettern auf den Jungfrauenturm. Man erzählt sich, dass ein Khan den Turm für seine Tochter bauen ließ, die er auch zur Frau nehmen wollte. Panisch flüchtete die Tochter und sprang hinunter. Es mag aber auch sein, dass dieses mit fünf Meter dicken Mauern versehene Bauwerk als Tempel, Leuchtturm oder Observatorium Verwendung fand. In einiger Entfernung erblicken wir das Konzerthaus Mugam Evi.

Nach kurzer Verschnaufpause gehen wir am Vahid-Denkmal vorbei, statten einem Hamman einen Besuch ab und besichtigen ein Miniaturbüchermuseum, in dem sich auch Werke von den Gebr. Grimm oder H. C. Andersen befinden. Zum Schluss verweilen wir noch im Schirwanschah-Palast aus dem 15. Jahrhundert. So besichtigen wir hier den Divanxana, eine Rotunde, die wohl als Gerichts- oder Hinrichtungsplatz fungierte und den Thronsaal. Allerdings befindet sich der Thron im Istanbuler Topkapi-Palast.  Dann stehen wir vor dem Haus eines geizigen Ölbarons. Anar berichtet, dass ein Ölmagnat nicht bereit war, für die Heilung seines kranken Sohnes 10.000 Franken auszugeben. Nach dem Tod des Kranken wurde er einsichtig und spendete dieses schöne im venezianischen Gotikstil gebaute Haus.

Anlässlich des Papstbesuches ist der Verkehr ein wenig durcheinander geraten, unser Bus hat keine Möglichkeit, uns rechtzeitig abzuholen, deshalb steigen wir in ein paar Taxis und holen unser verpasstes Nachmittagsprogramm nach, den Besuch des Märtyrerplatzes. Beim Aussteigen erblicken wir erst eine türkische Moschee und haben dann die geballte Schönheit der Flame Towers vor uns. Wir schreiten an einer Grabmauer entlang, wo 134 von Sowjets getötete Soldaten begraben wurden und stehen dann vor einem hohen Baldachin, der das ewige Feuer schützt. Der Ausblick auf die Stadt, in der allmählich die Lichter angehen und das beginnende Farbenspiel der Flame Towers wird mir lange in Erinnerung bleiben. Dann ein letztes gemeinsames Abendessen und zügig ins Bett, denn mitten in der Nacht werden wir abgeholt und zum Flughafen gebracht – ich wäre gern noch ein paar Tage geblieben.

PS: Den höchsten Berg im Kaukasus haben wir leider nicht sehen können, der Elbrus steht auf russischer Seite.

Kurzes Résumé und kleiner Ländervergleich

Kurzes Résumé

p1200097Wie bereits mehrfach erwähnt, hat mir die Reise sehr gut gefallen. Die Betreuung war einwandfrei, wir hatten Glück mit unseren freundlichen Reiseleitern, den umsichtigen Fahrern und den Transportmitteln. Es gab nicht eine brenzlige Situation, auch nicht im politischen Sinne. So wurde ich vor der Abreise doch mehrfach angesprochen, ob denn die Sicherheit wegen der Scharmützel zwischen den Armeniern und den Aseris gewährleistet sei. Allein und ohne professionelle Unterstützung hätte ich die Vielzahl der besuchten Stätten bestimmt nicht erreicht, jedenf<lls nicht in dieser kurzen Zeit, geschweige denn dort hingefunden, man denke nur an die uns nicht vertrauten Schriftzeichen. Mit den Hotels war ich zufrieden, aber ein wenig mehr Freizeit, etwas mehr individuelles Erleben, das habe ich vermisst. Wir haben während der zwei Wochen wunderbar getafelt, dennoch hätte ich mich gefreut, einmal auf eigene Faust oder in kleiner Gruppe ein Restaurant zu suchen und zu besuchen. Vielleicht hätte ich es einfach tun sollen. Alles in allem war es doch eine sehr gelungene, interessante und bildungsstarke Reise durch den Kaukasus.

 

Kleiner Ländervergleich

 

 

Armenien (AM)                     Quelle: Auswärtiges Amt, Stand: Oktober 2016

 

Ländername:                         Republik Armenien

 

Landesfläche:                        29.800 qkm

 

Hauptstadt:                            Eriwan (Jerewan), 1,07 Mio. Einwohner

 

Bevölkerung:                         2,99 Mio., davon 98,1 % Armenier, sowie Russen, Kurden, Jesiden, Griechen

 

Landessprache:                     Armenisch mit eigenen Schriftzeichen als Amtssprache, Russisch existiert als Kommunikationssprache fort

 

Religion:                                92,6 % armenisch-apostolisch

 

Unabhängig seit:                   21.09.1991

 

Nominelles                            3.799 USD

Bruttoinlandprodukt

pro Kopf:

 

Währung:                               Dram (AMD)

 

 

 

Georgien (GE)                       Quelle: Auswärtiges Amt, Stand: Juni 2016

 

Ländername:                         Georgien

 

Landesfläche:                        69.700 qkm

 

Hauptstadt:                           Tiflis (Tbilisi), ca. 1,2 Mio. Einwohner

 

Bevölkerung:                         ca. 3,7 Mio., davon 84 % Georgier, 6,5 % Aseris, 6 % Armenier,                                          1,5 % Russen

 

Landessprache:                     Amtssprache Georgisch, gängige Fremdsprachen sind Russisch,                                              Englisch, Deutsch und Französisch

 

Religion:                                Autokephale „Georgische Orthodoxe Apostelkirche“, ferner

Religionsgemeinschaften

 

Unabhängig seit:                   09.04.1991

 

BIP pro Kopf:                        3.918 USD

 

Währung:                               Lari

 

 

 

Aserbaidschan (AZ)              Quelle: Auswärtiges Amt, Stand: April 2016

 

Ländername:                         Republik Aserbaidschan

 

Landesfläche:                        86.600 qkm

 

Hauptstadt:                           Baku, offiziell 2,06 Mio., geschätzt 3,8 Mio. Einwohner, einzige

Millionenstadt am Kaspischen Meer

 

Bevölkerung:                        9,48 Mio., davon 90 % Aserbaidschaner (Turkvolk) und

Ethnische Minderheiten, u.a. Russen

 

Landessprache:                     Aserbaidschanisch, weiterhin Bedeutung des Russischen

 

Religion:                                überwiegend Islam, davon geschätzt 60 % Schiiten,

40 % Sunniten, in der großen Mehrheit säkularisiert

 

Unabhängig seit:                   18.10.1991

 

BIP pro Kopf:                        6.186 Euro

 

Währung:                               Manat (AZN)

 

 

Horst Wehrse
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