Kreta – zur Geburtstagsfeier nach Griechenland

Kreta – zur Geburtstagsfeier nach Griechenland

Georgioúpolis

Samaria-Schlucht, Kreta

Samaria-Schlucht, Kreta

Conny hat geladen und alle stellen sich ein. Am Abend des 10. Oktober sind auch die letzten Gäste in Georgioúpolis eingetroffen und der Feier steht nichts mehr im Wege. Doch der Reihe nach:

Gut drei Stunden dauert der Direktflug von Bremen nach Heraklion. Aufgrund der Zeitverschiebung ist es auf Kreta schon eine Stunde später. Die Abfertigung geht zügig vonstatten, doch die Wartezeit vor dem Schalter der Autovermietung zieht sich immens in die Länge. Als ich endlich an der Reihe bin erfahre ich, dass beim Vermieter green motion kein Auftrag von Car Del Mar, wo ich vor einigen Tagen gebucht hatte, vorliegt. Nachdem wir bereits im April Probleme mit Car Del Mar hatten, werde ich bei diesem Unternehmen bestimmt kein Fahrzeug mehr mieten. Was ist zu tun? Nebenan, beim Wettbewerber „tou Rent“ ist wenig Betrieb und ein paar Minuten später können wir den Micra in Empfang nehmen. Marion, Conny und Wilfried zwängen sich mit ihrem Gepäck ins Fahrzeug, es ist nicht komfortabel oder bequem, aber durchaus zumutbar. Gleich hinter der Hauptstadt erblicken wir das satte Blau des Mittelmeeres und die grandiose Berglandschaft. Der Buchungsärger oder der Stress mit der Autovermietung ist schnell vergessen. In Bali legen wir eine kurze Fotopause ein und kurz darauf erreichen wir auch schon das Ziel und checken in unsere Hotels ein. Die nächsten drei Nächte werde ich im „Georgioúpolis Beach Hotel“ wohnen, direkt am Strand und mit wunderbarer Aussicht auf das Meer.

Der erste Tag steht ganz im Zeichen des Wiedersehens mit unseren anderen Freunden, insgesamt sind wir neun Personen. Marion, Wilfried und ich sind zum ersten Mal auf der Insel, Charlotte, Gunda, Conny, Harms, Rolli und Simon waren schon einmal hier und kennen sich entsprechend aus. Im „BABIS“ stoßen wir auf eine schöne Zeit miteinander an, später feiern wir im „FANIS“ in den Geburtstag hinein.
Georgioúpolis, ein kleinerer Ort, verfügt über einen langen gepflegten Sandstrand. Alle Plätze, Lokale und Geschäfte sind fußläufig gut zu erreichen. Im Hintergrund erheben sich die Weißen Berge, der Fluss Almirós mündet hier ins Mittelmeer, an seinem Ufer schaukeln bunte Fischerboote. Riesige Eukalyptusbäume bestimmen das Stadtbild, im Zentrum befindet sich ein rechteckiger, von Lokalen und Souvenirläden umgebener Dorfplatz. Der Tourismus hat hier in den letzten Jahrzehnten Einzug gehalten und Georgioúpolis ist bei Pauschalreisenden sehr beliebt.

Am nächsten Morgen starten wir zu viert zu einer kleinen Inselrundfahrt. Die Stadt Réthimnon ist unser erstes Ziel. Zunächst sehen wir nur Beton, doch je näher wir uns der Altstadt nähern, desto interessanter erscheint der Ort. Im Reiseführer lese ich, dass sich Réthimnon mit Chaniá um den Titel, schönste Stadt Kretas zu sein, streitet. An der weithin sichtbaren Fortezza suchen wir einen Parkplatz und steigen dann auf die Festung hinauf. Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie von den Venezianern erbaut als Schutz vor türkischen Kanonen. Strategisch perfekt angelegt auf einer nach drei Seiten von Meer und Steilfelsen geschützten Halbinsel. Wir besichtigen die gesamte Anlage und genießen immer wieder die prächtige Aussicht auf das Meer und die nähere Umgebung. Viele Gebäude der Fortezza sind zerstört, die Sultan-Ibrahim-Moschee jedoch noch gut zu erkennen. In den Bäumen sind Horden von Zikaden zu hören.
Nach ausgiebiger Pause in einer Taverne im Venezianischen Hafen steigen wir wieder ins Auto und fahren zum heiligen Kloster Arkádi. Die Strecke führt manchmal kurvenreich über enge Serpentinen an Olivenhainen vorbei durch kleinere Dörfer und der Micra muss sich gewaltig anstrengen, um diese Herausforderung zu bewältigen.

Das auf einer Höhe von etwa 500 Metern gelegene Kloster gilt als kretisches Heiligtum, als eines der wichtigsten Abteien der Insel, als bekanntes Denkmal Griechenlands und als Symbol für den unbedingten Freiheitswillen, für Selbstaufopferung und Heldentum. Im Jahre 1866 befindet sich Kreta in Aufruhr gegen die Türkenherrschaft, Zentrum des Widerstands ist Arkádi. Als die Griechen merken, dass sie der zahlenmäßig höheren türkischen Truppe nicht gewachsen sind, flüchten sie ins Pulvermagazin und sprengen sich in die Luft, dabei erleiden die Türken doppelt so hohe Verluste.

Auf der Rückfahrt legen wir bei einer gemütlichen Taverne mit einmaligem Blick auf eine Schlucht eine Pause ein. Auf der Tageskarte wird Gemista und Salat angeboten. Es schmeckt hervorragend, schade, dass ich mich als Fahrer vom Wein fernhalten muss. Gemista hatte ich bisher nicht gegessen, jedenfalls nicht wissentlich. Es handelt sich um mit Reis gefülltes Gemüse, in unserem Fall Paprika und Tomate. Später, zurück in Georgioúpolis, treffen wir uns wiederum im „BABIS“, genießen eine lustige und leckere Geburtstagsfeier und verleben einen harmonischen Abend. Es spricht für die griechische Gastfreundschaft, dass Conny vom Wirt noch eine Geburtstagstorte als Geschenk erhält.

Den nächsten Tag bleibe ich im Ort, gehe spazieren und werfe mich dann und wann in die Fluten. Das Wetter könnte nicht besser sein, es ist warm und sonnig. Am anderen Morgen steige ich in mein Auto und fahre zur zweitgrößten Stadt der Insel.

Chaniá

Nun bin ich also in der nach Meinung vieler Besucher schönsten Stadt der Insel. Aber es dauert, bis ich in meinem Hotel bin. Lange Autoschlangen schleichen in die Stadt, parkende Fahrzeuge in der zweiten Reihe erschweren das Fortkommen und das „Elia Betolo Hotel“ liegt in einer Fußgängerzone. Nach mehrmaligem Durchfragen fahre ich schlussendlich in ein fast überfülltes Parkhaus und erreiche dann über Umwege mein Hotel. Schnell checke ich ein und lasse mich dann von der sehr freundlichen Rezeptionistin über meine Pläne informieren. Schließlich möchte ich die Samariá-Schlucht besuchen und meine Freunde meinten vor einigen Tagen, die normale Durchquerung sei zu heiß und gefährlich für mich. Auch im Reiseführer wird darauf hingewiesen, dass jährlich einige Menschen diese Wanderung nicht überleben und andere mit ernsten Kreislaufproblemen gerettet werden müssen. Deshalb interessiere ich mich für den so genannten „Lazy Way“. Die Hotelmitarbeiterin empfiehlt mir, mich bei Reiseveranstaltern zu erkundigen. Doch hier erfahre ich, dass in dieser Woche keine Fahrten mehr geplant sind, also doch auf eigene Faust los. Im nahen Busbahnhof informiere ich mich über An- und Abreise und dann, endlich, schaue ich mir Chaniá an.

Die Stadt, etwa 55.000 Einwohner, war bis 1971 Inselhauptstadt und wurde dann von Heraklion abgelöst. Ich halte mich hauptsächlich in der malerischen Altstadt mit den verwinkelten autofreien Gassen auf, erfreue mich an der Atmosphäre und lasse mich dann zum Venezianischen Hafen treiben. Historische Hausfassaden bestimmen das Stadtbild, die Kathedrale Trimartyri, venezianische Palazzi, Stücke der venezianischen Stadtmauer, Tavernen, Cafés, Pensionen und Restaurants in Hülle und Fülle. Mir gefällt es. Während des 2. Weltkriegs zerstörten deutsche Bomben die halbe Altstadt, trotzdem gilt Chaniá als bauhistorisch wichtigste Stadt der Insel. Natürlich kümmert man sich auch um die Besucher, die in langen Scharen durch die Gassen streifen. Souvenirläden aller Art stellen ihre Waren aus, fliegende Händler, heute überwiegend mit Selfiestangen streifen durch die Menge. Glassbottomboote warten auf Kundschaft, Schnorchel- oder Fischfangtouren stehen auf dem Programm, der Badestrand liegt etwas außerhalb. So lasse ich mich am Venezianischen Hafen entlang treiben, gehe am Fischer- und Jachthafen vorbei und finde dann ein gemütliches Lokal zum Abendessen.

Am nächsten Morgen werde ich pünktlich wach, obwohl ich nicht geweckt wurde. Sowohl mein Handywecker als auch die Hotelrezeption haben ihren Dienst versagt. Nach einem schnellen Frühstück eile ich zum Busbahnhof und dann geht es los. Etwa 70 Kilometer trennen uns von Chóra Sfakión, wo ich dann knapp zwei Stunden später auf die Fähre nach Agía Rouméli steige. Es freut mich, dass ich mal wieder selbst organisieren muss und nicht immer den Anweisungen anderer Menschen zu folgen habe. So sehr ich die Kaukasus-Rundreise vor ein paar Wochen auch genossen habe, aber etwas mehr Individualität und Eigeninitiative vermitteln einem doch ein ganz anderes Gefühl oder Erfolgserlebnis. Nach 75 Minuten ist der Hafen erreicht.

In Agía Rouméli kaufe ich mir eine Mütze, decke mich mit ausreichend Mineralwasser ein und mache mich dann mit schätzungsweise 30 weiteren Wanderern, u.a. aus Deutschland und Frankreich, auf den Weg. Viele Marschierer stützen sich auf einen Teleskopwanderstock. Nach rund zwei Kilometern ist der Parkeingang erreicht, das Eintrittsgeld zu entrichten und dann geht es hinein in die Schlucht, immer geringfügig bergauf. Die Gegend ist phantastisch, mal ist der Durchgang schmal und die Felsen sind drei Meter voneinander entfernt, mal läuft man auf einer breiten Ebene. Und immer wieder ist der Fluss zu überqueren. Das Thermometer nähert sich der 30-Grad-Marke und ich bin froh, genügend Wasser eingesteckt zu haben. Nach knapp zwei Stunden erreiche ich die verlassene Siedlung Samariá mit ihren schattigen Platanen und anderen Bäumen wohlbehalten. Selbst ein Toilettenhäuschen ist vorhanden. Immer mehr Wanderer aus Omalós kommen mir entgegen und so entscheide ich, umzukehren und zum Hafen zurück zu gehen. Rund sieben Kilometer liegen vor mir. Am Parkausgang wird mein Ticket kontrolliert und ein paar Schritte weiter kann man köstlichen frisch gepressten Orangensaft erwerben. Außerdem wird an dieser Stelle auch ein Busservice zum Boot für zwei Euro angeboten, den ich natürlich ausschlage. Nun haben wir noch genügend Zeit bis zur Abfahrt der Fähre und die ansässigen Restaurants und Tavernen freuen sich über ein gutes Geschäft. Es ist bereits dunkel, als wir in den Bus steigen und ich bin dankbar, diese kurvenreiche Serpentinenstrecke nicht selbst fahren zu müssen.

Abends in der Taverne freue ich mich wieder über den liebenswürdigen Service. Eine Flasche Wasser wird sofort auf den Tisch gestellt und nach dem Essen gibt es häufig einen Teller mit Kuchen, Obst oder anderen Leckerlis „aufs Haus“.

Am nächsten Morgen überraschen mich Marion, Conny und Wilfried mit einem Besuch. Wir treffen uns am Busbahnhof und schlendern dann gemütlich durch die Altstadt zum Venezianischen Hafen und marschieren dann über den langen Steg zur Fortezza bzw. noch weiter bis zum Leuchtturm. Es ist sehr heiß und wir sind immer bemüht, einen Weg im Schatten zu finden. Am Fischer- und Jachthafen suchen wir uns einen Platz und trinken etwas. Nachdem wir noch gemeinsam die Markthalle durchschritten und besichtigt haben fahren sie zurück, ich suche mir einen schattigen Platz und lese. Gegen Abend schaue ich mal in der Kneipenszene, ob deutscher Fußball gezeigt wird, denn in Georgioúpolis haben meine Freunde eine entsprechende Taverne gefunden, und dann sollte es doch auch in Chaniá möglich sein. Aber, wohin ich auch schaue, es werden nur Übertragungen aus England und Italien gezeigt. Schließlich frage ich im „the green eye“, ob es denn möglich sei, das Spiel Werder vs. Leverkusen zu verfolgen und sofort wird einer der beiden Außenbildschirme auf dieses Programm gestellt. Zusammen mit mir verfolgt ein Paar aus Dänemark das Spiel, am Tisch nebenan feiert eine dänische Gruppe Geburtstag und lässt sich von der Übertragung nicht stören. Bekannterweise gewinnt Werder Bremen das Spiel und entsprechend hoch fällt meine Zeche aus.

Am Sonntagvormittag gehe ich wieder zum Auto und wundere mich, die Parkgarage ist fast vollständig leer, die Parkgebühr allerdings relativ hoch. Gemächlich fahre ich am Meer entlang in Richtung Westen bis Máleme, aber die Strände sagen mir nicht so zu. Hier im Ort sind viele deutsche Soldaten gefallen, ein deutscher Soldatenfriedhof kann besucht werden. Jetzt noch schnell tanken, das Benzin kostet etwa 15 Cent mehr als in Deutschland, und dann zurück nach Chaniá.

Nun ist der letzte Tag angebrochen. Eine Bezahlung per Kreditkarte ist heute aus technischen Gründen im Hotel nicht möglich. Gemütlich fahre ich nach Georgioúpolis, warte auf Marion und Wilfried und gemeinsam geht es zum Flughafen. Da wir genügend Zeit haben, legen wir in Bali noch eine Mittagessenpause ein und verköstigen uns mit leckerem Oktopus und sehr schmackhaften Calamari. Der Flughafen ist schnell erreicht, das Auto abgegeben und dann beginnt das Chaos. Es werden in zu kurzer Zeit zu viele Flugzeuge abgefertigt und die Menschenmenge hastet nervös durch den Flughafen. Aber auch diese Prozedur ist irgendwann beendet und zufrieden besteigen wir den Airbus. Der Heimflug mag beginnen.

Horst Wehrse
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