10. – 18. Mai / Teufen ZH bis Passau

10. – 18. Mai / Teufen ZH bis Passau

3 Tage schönes Wetter…mehr wage ich bei den momentanen Wetterverhältnissen auch nicht zu erhoffen, um mein Velo- und Abentürli nach Lappland anzutreten. Der Sommer scheint ab nächsten Mittwoch, dem 10. Mai 2017, einigermassen gewillt, mir diesen Wunsch zu erfüllen, sogar bereit zu sein, in unserem Breitengrad Einzug zu halten.

Also habe ich noch Gelegenheit, etwas länger in den Genuss von einem heissen Bad zu kommen, in einem weichen und vorallem warmen Bett zu schlafen. Luxus, der uns anvertraut worden ist, als völlig normal gilt. Hmm…eigentlich gar nicht so übel das Sauwetter da draussen!.

 

Ja, das Wetter ist heute herrlich *freu* Nach einem gemeinsamen Frühstück mit meinen Eltern und dem Gedanken, noch eine weitere letzte Nacht in einem flauschigen Bett zu verbringen, entschliesse ich mich doch, meinen Trip mit dem Velo nach Lappland heute zu beginnen. Ganz gemächlich radle ich um 13h los, mein Weg führt mich zuerst nördlich über den Rheinfall in Schaffhausen, welchen ich aber nicht besichtige, habe ihn ja schon oft gesehen. Um etwa 17h passiere ich den unbewachten Grenzübergang nach Deutschland in Schlauch, lustiger Name für so ein kleines Kaff…

Meine erste Nacht verbringe ich wildzeltend auf einem Wasserreservoir in der Nähe von Tengen, die Abendsonne geniessend sitze ich noch lange vor meinem Zelt und schaue über das grosse Rapsfeld, herrliche Farben vermischen sich. Am nächsten Morgen während dem Zusammenräumen steht plötzlich ein Gemeindearbeiter vo mir, meint aber lediglich, ich sollte bis nächsten Montag weg sein, da komme das Gesundheitsamt… :)

Weiter geht’s über einen doch ziemlich fiesen Anstieg nach Geisingen, wo ich das erste Mal auf die noch kleine und frische Donau stosse. Entlang derselben werde ich nun einige Tage oder Wochen nach Wien fahren, wo ich eine Kollegin besuchen werde. In Tuttlingen besuchen mich ein letztes Mal meine Eltern um gemeinsam „Zmittag“ zu essen, Unterschiede zur Schweiz sind hier schon deutlich spürbar, nicht nur weil das Bestellte deutlich billiger ist, sondern auch die Portionen sich drastisch vergrössert haben. Kann mir ja nur recht sein…

Nach erneuten Umarmungen und Glückwünschen mache ich mich alleine weiter bis nach Beuron. Ich finde eine grosse Höhle am Wegrand, möchte mein Zelt aufstellen, bemerke aber gerade noch rechtzeitig, dass leider viele der hier entlangfahreneden Touristen mitten in der schönen Felswand ihr Geschäft verrichtet haben, es riecht auch ziemlich streng. Deshalb fahre ich noch ein wenig weiter, finde einen super abgelegenen und friedlichen Platz direkt an der jungen Donau. Also Zelt aufstellen und anschliessend Tagebuch auf meinem kleinen ausklappbaren Stuhl führen, zusammen mit meinem donaugekühlten Feierabendbier. Am anderen Flussufer kann ich junge Rehkitze beim rumtollen beobachte, als ich aber meine Kamera dazuholen möchte, um den Anblick festzuhalten, entdecken sie mich und fliehen in den Wald. Tjanu, in meinen Gedanken sind die Bilder ja auch gespeichert.

Etwa um 9h morgens krabble ich aus meinem kleinen dafür nur 950Gramm schweren Nordisk-Zelt, es wurde ein wenig feucht und spanne deshalb eine improvisierte Wäscheleine zwischen zwei Bäumen, um alles zu trocknen. Nach einem Frühstück aus meiner Box am linken Vorderrad, Kleider wechseln und waschen inklusive duschen, das alles mit Donauwasser, geht es weiter; erstaunt bin ich doch ein wenig über mein körperliches Befinden, ich verspüre fast keinen Muskelkater und auch mein Hintern schmerzt (noch) nicht. Es ist zum ersten Mal bewölkt und zweimal überraschen mich heftige Regengüsse, welche ich einmal in einem Unterstand und das andere Mal in einem riesen Heufhaufen abwarte, wo ich ein elteres Velo-Päärchen antreffe, welche mir mitteilen, das es am Abend und morgens auch regnen würde. Dankbar um diese Information, ich habe ja kein Smartphone, geht es nach Sigmaringen, wo ich kurz das riesige, zweitgrösste Stadtschloss aus dem 11. Jahrhundert besichtige, echt eindrücklich!.

Allgemein, das obere Donautal ist sehr wild mit vielen Felsen, Schlössern und Schluchten, also ganz nach meinem Geschmack, perfekt um auch wild zu zelten, Abfall lasse ich dabei natürlich nie zurück!.

Gegen 19h komme ich bei Daugendorf an eine Kreuzung, an welcher ich mit meinem Feldstecher einen jesusmässigen Heustall ausfindig mache, sage laut sowas wie „yesss“, verstaue den Feldstecher wieder und wollte gerade losfahren, als ich einen Fussgänger bemerkte, der mich anstarrte, als wär ich aus einem Irrenhaus ausgebrochen. Auf der Fahrt zum Stall muss ich selber mehrmalsmüber das Bild, das ich wohl abgegeben habe, lachen…dazu noch die Papageien-Radhupe aus Plastik, ein ziemlich irrer Velopirat…

Die Nacht im Jesusstall war sehr gemütlich, ein Drittel des Strohs bestand aber aus Tierkot, weshalb ich mein Zelt auch im Heu aufbaute.

Zum Frühstück gibt es eine von Onkel Jurgis (mein Bruder) vakumierten Notrationen, super, danke sehr!. Ich verfahre mich heute mehrmals bei sonnig/bewölktem Wetter, trotz der zahlreichen und überall angebrachten Wegweiser. Aber nicht weiter schlimm, der Weg ist ja das Ziel ;) Zudem habe ich den ganzen Tag über Rückenwind, welcher auch eine Gewitterfront vor mir herschiebt.

In Ulm passiere ich die Grenze zu Bayern, eine sehr schöne, alte Stadt, eindrücklich der Dom, welcher auch den höchsten Kirchturm der Welt beherbergt. Auch Einstein wurde hier geboren. Die uralten, windschiefen Häuser der alten Zünfte lassen einen gut erahnen, wie es im Mittelalter hier zu- und hergegangen sein muss.

Uhus sind ja schon lustige Zeitgenossen, aber wenn sie die ganze Nacht um dein Zelt geistern, dazu noch Kollegen einladen um dein Lager akkustisch zu beschallen, kann’s dann auch mal nerven. Ich glaube sogar, dass ich seit dieser Nacht von einem von ihnen verfolgt werde!. Apropos nervig: während der Fahrt laufen mir immer wieder Lieder in der Endlosschleife nach, heute ist es Sarah Lesch’s „Testament“ und ein anderer Song, den ich hier nicht erwähnen darf, da nicht ganz jugendfrei…   ;)

Heute erwischt mich ca 25km vor Donauwörth ein fieses Gewitter. Ich liess es darauf ankommen, sagte mir, wenn ich trocken bis nach Donauwörth komme, zelte ich wieder wild, falls nicht, nehme ich zur Abwechslung mal ein Hotel. So verbrachte ich meine 5. Nacht im Hotel „goldener Hirsch“ für läppische 45 Euro, billig, aber gerademal knapp die Hälfte von allem, was ich bisher ausgegeben habe…im Regen treffe ich also in der alten Stadt ein, meine zu Beginn des nassen Spasses noch gute Laune hat sich mit der Temperatur ebenfalls etwas abgekühlt. Passend dazu läuft mir jetzt „Schiisluun“ von „Züri West“ nach. Aber kaum im Zimmer angekommen, wischt eine halbstündige, heisse Dusche die trüben Gedanken beiseite, auch der Ledersessel hat’s mir angetan, bleibe sicher eine Stunde darin sitzen, höre dazu „exile on main ST“ von den Stones, mein Lieblingsalbum schlechthin, und geniesse dazu ein Subway-Sandwich während meine Sachen trocknen. Perfekt!.

Wiedermal in einem Bett zu schlafen ist schön, so schön, dass ich das Frühstück freiwillig verschlafe. Zuerst etwas widerwillig, sattle ich meinen Drahtesel (welchen ich gestern im Regen übrigens „Yogi“ getauft habe), kaum sitz ich aber drauf, kehrt auch der Spass zurück. Richtung Marxheim verlasse ich die Stadt und besichtige später Neuburg, erstmals im Jahre 742 geschichtlich erwähnt. Dann noch durch Ingolstadt, auch sehr schön, seit 806 erwähnt und weiter bis nach Mailing, wo ich zu Ehren meiner besten Freundin Mailin am MailingerSee übernachte, in einer Art Parkanlage. Hier gelingen mir ein paar schöne Fotos von Rehen am grasen bei Sonnenuntergang.

Am nächsten Morgen geht ein 77jähriger in Badehose an meinem Zelt vorbei, wir führen ein lustiges Gespräch. Der Mann stört sich nicht im geringsten daran, dass ich wild zelte, im Gegenteil. Die Bayern sind schon ein lustiges, neugieriges Völkchen, und vorallem auf eine angenehme Art sehr schwatzhaft. Ich werde auf diesem Teil meiner Reise viel häufiger angesprochen als vorher, überall ertönt das obligate „säärvus“ und es scheinen alles gut drau zu sein :)

Auf der Weiterfahrt springt der glaubs erste freilebende Hase, den ich je gesehen habe vor mein Vorderrad, konnte ihm zum Glück nochn knapp ausweichen. Völlig geschockt liess ich ihn zurück und nahm in Weltenburg ein kurzes Stück per Fähre. Es lohnt sich wirklich den Donaudurchbruchmin den fränkischen Jura so mitzuerleben, nebenbei steht in Weltenburg auch noch das älteste Kloster Bayerns aus dem Jahr 617. Durch zerklüftete Felswände fährt man an sagenumwobenen Plätzen vorbei, zB an der Räuberhöhle, die zumindest im Mittelalter ihrem Namen Ehre gemacht haben soll. 20min später treffe ich in Kehlheim ein, über dem Städtchen tront die Befreiungshalle, die von Ludwig I in Auftrag gegeben wurde, zur Feier der Befreiung aus dem napoleonischen Joch.

Die nächste sehr schöne und über 2000 Jahre alte Grossstadt heisst Regensburg, wiederum ein umwerfender gotischer Dom. Die älteste Brücke Deutschalnds steht hier, seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Ich fur noch bis nach Demling, baue mein Zelt auf dem Damm an der Donau auf und werde während meines Feierabenbiers von verschiedenen Leuten angesprochen, darunter ein ca 80jähriger, der extra nach Hause geht um Fotos, Briefe und Zeitungsberichte über Freidrich Hofko zu holen, ein Österreicher, der in hohem alter 4mal ans Nordkapp fuhr und jeweils bei Herr Wagner aus Demling übernachtete. Noch mit der Taschenlampe studieren wir zusammen die Berichte, um halb elf „darf“ ich in mein Zelt kriechen…sehr lieb!.   :)

Am nächsten Tag scheint der Wind von überall her zu kommen, meistens aber von vorne und das ziemlich stark. Deshalb komme ich nur langsam voran, schaffe es aber bis nach Niederalteich, wo ich den schönsten Wildzeltplatz meiner bisherigen Reise aufspüre. Etwas Abseits vom Radweg, eingekeilt zwischen einem Ausläufer der Donau un dieser selbst, übenachte ich direkt am Ufer auf einem kleinen Halbinselchen. Ich bade und trockne füdliblutt in der Sonne, als mich zwei ca 50jährige Frauen auf xem Rad überraschen, aber, typisch Bayern, lassen sie sich davon nicht von einem 5minütigen Schwatz mit mir abhalten :) ich sitze sicher noch bis etwa 23Uhr am Ufer, geniesse den Sonnenuntergang und mache Fotos von den riesigen Schleppern, die sich stromaufwärts an meinem Zelt vorbeischieben.

Ich habe richtig Mühe diesen abgelegenen Platz am nächsten Tag wieder zu verlassen, mein erstes Zwischenziel, Passau, ist aber nur noch ca 40km entfernt und so verabschiede ich mich schweren Herzens von diesem Ausnahmeplatz. Es dauert nicht lange bis ich in Passau eintreffe, nehme mir ein Hotel (im Vierten hatte es sogar noch ein Einzelzimmer für 70Euro) und besichtige die Stadt. Das Wetter ist seit 2Tagen herrlich, ich finde auf Anhieb in einerm Buchladen den 2ten Teil der Radkarte von bikeline, Passau bis Wien, echt ein geniales Reisebuch mit vielen Infos. Mein Velonavi benötigte ich deshalb bis hierhin kaum, nur zum etwas ausprobieren vielleicht. Der St. Stephans-Dom mit seiner weltgrössten Orgel ist von innen der wohl schönste, den ich bis anhin gesehen habe. Am Abend möchte ich an ein Konzert in demselben, es fand aber eine halbe Stunde früher statt als angeschlagen, deshalb liessen sie mich nicht mehr rein. Aber nur schon vom zuhören an der schweren Türe kriege ich eine Gänsehaut, der Chor, die Instrumente…einfach der Hammer!.

Nun beginnt ein Teil meiner Reise den ich in meiner Jugend schonmal mit meinen Eltern und Bruder per Rad gefahren bin. Ich mag mich aber nicht mehr sehr fut daran erinnern und bin gespannt, ob mir noch was bekannt vorkommt. In schönstem Wetter verlasse ich Passau, die alte Keltensiedlung. Bald soll es aber wieder umschlagen…da kommt sicher noch einiges auf mich zu. Auf bald!.

Egli
Markus Alexander Egli

Ursprünglich war da mal die Idee in Alaska einen alteingefleischten Trapper aufzutreiben, irgendwie bei ihm unterzukommen, meinem auch hierzulande stets vorhandenen Outdoor-Drang völlig nachzugeben, um zusammen einen richtig fiesen Winter in der Wildnis durchzustehen. Der klassische Trapper ist mittlerweile doch ziemlich rar gesät. Dazu kommt, dass der Film "Goldrausch" von Charlie Chaplin der Vorstellung einen Winter lang mit einem wildfremden Typen ein winziges Blockhaus zu teilen, nicht gerade Flügel verleiht ;) Winter kann ja auch im nördlichen Europa ziemlich gemein sein. Wozu also mit einem Flugzeug die Umwelt schänden, um anschliessend scheinheilig in der Natur zu leben? Ich fragte mich selbst: Welche Art Ferien sind Dir bis jetzt am besten in Erinnerung geblieben? Die Antwort war einfach: Radtouren!. Mit Auto, Flugzeug oder Motorrad bewegst Du Dich über das geplante A bis zum festgelegten Z, dazwischen hältst Du mal kurz, um zu tanken, umzusteigen oder Dir was Essbares reinzuschieben. Als Jugendlicher auf Radtouren mit Familie erlebte ich zum ersten Mal, dass auch der Weg selbst das Ziel ansich sein kann: Unvorhergesehenes, nicht Eingeplantes passiert. Anhand all Deiner Sinne erlebst Du wie sich Land&Leute langsam verändern, es gilt nicht eine weite Strecke so rasch wie möglich hinter Dich zu bringen, sondern sie zu (er)leben. Genau das will ich nun mit dem oben erwähnten "fiesen Winter durchstehen" in Verbindung bringen. Wie wird es sein, aus eigener Kraft nach Lappland zu reisen, eine Hütte aufzutreiben, Nordlichter zu sehen, eine Woche lang nicht zu sprechen, mit einem Huskygespann durch den Schnee zu pflügen? Unterwegs Hotels, ihre Duschen und all ihren Komfort so oft es nur möglich ist zu meiden; bereits auf meinem Weg in der Wildnis zu leben? Dasselbe gilt fürs Internet: kein Smartphone, lediglich ein Tablet, um ab und an mal was ins Netz zu stellen, dafür mehr Einheimische nach dem Weg zu fragen, was wiederum noch mehr Unvorgesehenes garantiert. "Denn der einzige Grund für das Leben oder eine Geschichte ist doch: Was passiert als nächstes?" - Jack Kerouac

1Comment
  • Doris Dietschi
    Posted at 07:17h, 21 Mai Antworten

    Toll Markus, freue mich, wieder von Dir zu lesen und weiterhin viel Spass!

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