Wie beginnt man eine Weltreise?

Wie beginnt man eine Weltreise?

Früh wachen wir an unserem ersten Morgen in Montreal auf. Der Jetlag fordert seinen Tribut. Zeit nachzudenken. Wie beginnt man eine Weltreise? Oder viel mehr, wie beginnt man ein Sabbatical? Wie startet man in eine einjährige Auszeit? Packen, in den Flieger steigen und los scheint plötzlich der leichtere Teil gewesen zu sein.

Müssten wir nun morgens um 5 mit einem Schnaps anstoßen? Sollten wir uns freudetaumelnd in den Armen liegen? Hätten wir irgendeinen disruptiven Move einstudiert haben müssen?

Unsere Weltreise beginnt wie viele unserer Reisen begonnen haben. Viel zu früh ziehen wir uns an, gehen raus in die Straßen einer fremden Stadt und schauen uns nach Kaffee, Tee und einem kleinen Frühstück um.

Die anschließende Stadterkundung beginnt dagegen schon etwas anders als eine „normale“ Städtetour. Wir haben keinen Stadtführer, nicht einmal einen Reiseführer für Ostkanada. Wir haben ein bisschen was gelesen, genug um 3,5 Tage zu füllen ohne alle Sehenswürdigkeiten abreißen, jedes Museum gesehen haben zu müssen.

Da das Ticket, das uns am Vorabend vom Flughafen in die Stadt gebracht hat 24 Stunden in allen öffentlichen Verkehrsmitteln gültig ist, wollen wir damit heute ein paar entferntere Stationen verknüpfen. Mit Kaffeebecher und Karte in der Hand laufen wir auf den Mont-Royal, Hausberg (-hügel) und Namensgeber der kanadischen Metropole. Schon nach wenigen hundert Metern werden wir angesprochen. Woher wir kommen? Deutschland. Wo da? Hamburg. Ah, auch er ist schon mal in Hamburg gewesen. Schöne Hafenstadt. Stimmt. Woher er kommt? Algerien. Wohin wir wollen. Oratoire Saint-Joseph. Seine Richtung, er will uns begleiten. Gemeinsam folgen wir weiteren Waldwegen, erreichen den Lac aux Castors, werden dahinter von unserem Begleiter ins Unterholz gelockt. Eine Abkürzung, kein Weg, eher eine Cacherautobahn. Unsere Unterhaltung setzt sich fort, ungezwungen lernen wir einander kennen, ohne Namen, Telefonnummern oder Adressen auszutauschen. Das Oratoire Saint-Joseph liegt ganz in der Nähe seiner Universität. Nachdem er in Toronto International Business studiert hat, ist er vor einem Jahr nach Montreal gekommen und setzt hier noch International Law oben drauf, er spricht 8 Sprachen, würde gerne als Jurist zu den Vereinten Nationen gehen. An den Füßen des Oratoire Saint-Joseph verabschieden wir uns und wir haben unbewusst die erste Antwort auf unsere Frage erhalten: Unserer Menschenkenntnis vertrauen, uns auf neue Bekannte und sich ergebende Situationen einlassen.

Keine 100m entfernt stellt sich eine Gruppe koreanischer Touristen für ein Fotomotiv auf. Während der Fotograf noch arrangiert stellt sich Claudia dazu. In den hinteren Reihen ist das Gelächter groß, in den vorderen achtet man mehr auf sich selbst. Schwups bin auch ich dabei und wir photobomben das Motiv der Koreaner. Soll mal einer sagen, wir würden uns nicht für die internationale Verständigung engagieren ;-)

3 weitere Tage Montreal folgen, in denen das Oratoire Saint-Joseph einer der Höhepunkte bleibt, aber auch die Basilique de Montreal mit ihrer überbordenden Ausstattung, noch mehr in der abendlichen Illuminationsshow „Aura“, die Altstadt Montreals und die Canada Day Parade zum 150-jährigen Jubiläum der Nation. Doch dazu noch etwas mehr in unserem kleinen Video am Ende des Beitrags …

3 Tage später sitzen wir in Ottawa an Donnas Küchentresen. Ihr Mann reise gerade 1 Jahr durch Australien, ihr Sohn studiert dort, ihre Tochter lebt auf Vancouver Island. Sie ist Ärztin – und unsere erste Couchsurfing-Gastgeberin. Draußen tobt die 150-Jahr-Feier in Kanadas Hauptstadt. Draußen tobt aber auch das Wetter. Donna möchte ihre Gäste „füttern“, wie sie es ausdrückt. Eine selbst gemachte Suppe als Vorspeise wird aufgewärmt, der Salat als Hauptgang frisch zubereitet aus aus verschiedenen Plastikpackungen befreiten „frischen“ Zutaten, der Obstsalat aus ebenso frischen Früchten arrangiert. Um 23 Uhr werden Feuerwerkskörper den Nachthimmel über Ottawa erhellen, um 21 Uhr tun dies bereits Gewitter. Wir verbringen den Abend bei Donna. Die zweite Antwort auf unsere Frage: Wir wollen nicht 12 Monate lang jedem Highlight hinterher rennen …

Jens Freyler
Jens Freyler
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