Mit dem Kanu durch Kanada

Mit dem Kanu durch Kanada

Renate ist schuld. Vor einziger Zeit hatte sie uns davon erzählt, dass sie eine Woche lang als Leuchtturmwärterin in Kanada gearbeitet hatte. Ein kleiner Leuchtturm an den großen Seen, auf einer Landzunge im Lake Huron gelegen. Für uns sollte dies ein wunderbar entspannter Start unserer Weltreise sein. Die Buchung klappte, der Plan stand – und wurde gecancelt. Baumängel am Leuchtturm, leider darf er in 2017 keine Besucher aufnehmen. Doch Renate wusste auch gleich eine Alternative, wir könnten ihr Kanu nehmen, das bei ihrem Cousin Karl in North Bay liegt.

Und so sitzen wir heute bei Karl und Doreen im Garten, werden gemeinsam mit zwei Freunden des Hauses mit einem Barbecue und selbst gemachten Rotwein verwöhnt und erzählen von unserer Weltreise – eher von unseren Plänen dazu, denn die Reise ist ja mal gerade eine Woche alt.

In Karls Trailer haben wir am Nachmittag schon tausend Sachen gepackt, darunter Schwimmwesten, Schöpfeimer und Wurfleine (wenigstens das kann man zum Geocachen brauchen ;-) ), die bei Kanutrips in Kanada vorgeschrieben sind aber auch Paddel, Säge, Wassersack, Wasserfilter, Campinggeschirr, Petroleumkocher, Seile und Schnüre, Campingstühle, Kühltasche, Toiletten“beutel“, Erste-Hilfe-Set, Raparaturkit, Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Outdoor-Dusche, Kleidung, Akkupacks, Kartenmaterial. Hab ich was vergessen? Taschenlampe, Stirnlampe und Taschenmesser haben wir vergessen, beim hin und her packen sind diese leider im falschen Gepäckstück auf der Strecke geblieben.

Am nächsten Morgen treffen wir uns alle wieder, starten mit einem gemeinsamen Frühstück bei Ivan’s bevor es an den Trout Lake geht. North Bay’s kleinerer Haussee (der größere – Lake Nipissing – ist doppelt so groß wie der Bodensee) ist der Start des Mattawa Rivers, der sich mit einigen Portagen rund um Engstellen, Stromschnellen und Wasserfälle bis nach Mattawa zieht, wo er in den Ottawa River mündet.

Wie weit wir darauf unterwegs sein werden ist offen, wie gut wir mit unserer bescheidenen Kanuerfahrung (Hamburger Kanäle, Schwentine, Atlin Lake/Alaska, Kathrine Gorge/Australien) dabei zurecht kommen, wird sich zeigen.

Doch der Start gelingt gut, der Trout Lake liegt tellereben in der sengenden Sonne und unsere beiden Kanus (Karl mit zwei Freunden und einem Lunchpaket in dem einen, Claudia, ich und Tonnen an Gepäck in dem anderen) durchschneiden das tiefblaue, klare Wasser. Seevögel begleiten uns, nicht unbedingt scheu zurückweichend, bewaldete Hügel ziehen an uns vorbei, die Ufer teils felsig, unzugänglich. Natur pur. Den ganzen Tag soll uns kein weiteres Kanu begegnen, hier und da ein winziges Motorboot mit Anglern oder Ausflüglern aus North Bay.

Der größte Teil der Mattawa River Region ist Crown Land, kein Nationalpark aber geschützt, es gibt kaum Straßenzugang, Sommerhäuser nur an einzelnen Stellen, ein Anlanden ist theoretisch überall erlaubt, durch die jeden Flecken einnehmende Natur aber tatsächlich nur an wenigen Punkten möglich.

Ein solcher ist Campsite 2, wo wir mit unseren beiden Booten anlanden, um unseren Abschiedslunch einzunehmen. Die Campsite besteht aus einem Flecken Wiese an einer Stromschnelle, mit Steinen hat jemand einen Ring für ein Lagerfeuer angelegt, eine Pfanne zurückgelassen. Bei uns gibt es Sandwiches und kanadischen Riesling, dazu ein paar letzte einweisende Worte und unsere Wege trennen sich. Karl und seine Freunde kehren zurück nach North Bay, Claudia und ich steuern weiter Richtung Osten.

Mittlerweile ist Wind aufgekommen, der See nicht mehr ganz so glatt, die Wellen machen uns das Vorankommen schwerer. Aber zumindest ist es kein Gegenwind. Wir stoßen bis zum Ende des Trout Lake vor, sollten dort rechter Hand eine Portage finden, 200m Kanu und Gepäck tragen bis wir den Pine Lake erreichen, auf dem es weitergeht. Doch am flach auslaufenden Ende des Trout Lake stoßen wir auf einen Biberdamm, der über die gesamte Breite des Wasserlaufs geht. Hier sind wir wohl falsch. Haben wir die Portage übersehen? Wir drehen um, dort vielleicht. Wir landen an, ich steige aus, steige einige Meter ins Unterholz, unmöglich hier mit dem Kanu durchzukommen. Andere Seite? Quer über den Seearm, anlanden, aussteigen, durch den Wald stapfen, keinesfalls. Vielleicht der parallel laufende Seearm? Wieder ins Kanu, um die Landzunge, doch auf der anderen Seite gibt es gar keine Anlandemöglichkeit. Uns bleibt nichts als gegen Wind und Wellen zu Campsite 3 zurückzurudern und abzuwarten, ob die Nacht uns neue Erkenntnisse bringt.

Am nächsten Morgen sind wir vielleicht schlauer. Wir haben mit Karl telefoniert, er hat sich nochmal aktuell informiert, wir müssen über den Biberdamm drüber, die Portage ist etwa 200m dahinter. Nach unserer ersten Nacht im Zelt, einsam, in einer Wildnis voller Geräusche und einem doch erholsamen Schlaf, packen wir nach einem kleinen, kräftigenden Frühstück unsere 7 (eher 70) Sachen wieder ins Kanu.

Den Weg zum Biberdamm kenne wir ja, dort suchen wir nach einer Lösung und beschließen, es zu versuchen, indem wir das Kanu quer zum Biberdamm stellen, nacheinander auf den Biberdamm aussteigen, dann das Kanu über den Damm heben und auf der anderen Seite des Damms wieder einsetzen. Und das funktioniert überraschend völlig unproblematisch! Danach noch 200m gepaddelt und wir erreichen die erste Portage, einen steilen aber ausgetretenen Pfad in den Wald. Also laden wir das Kanu wieder aus, Claudia schnappt sich ein Teil des Gepäcks, ich schultere das Kanu und über den Hügel geht es zum Pine Lake. Zwei weitere Gänge und wir können das Kanu wieder beladen – nur um nach ca. 2 Stunden auf dem Pine Lake an dessen Ostende die nächste Tragestelle zu erreichen. Diesmal nicht so steil, dafür mehr als doppelt so lang. Aber wir haben unsere Technik verfeinert, das Gepäck nun besser aufgeteilt und schaffen es leichter auf die andere Seite. Dort erwartet uns ein kleiner Strand am Lake Talon und wir erleichtern erst einmal unsere Essensvorräte mit einer kleinen Mittagspause (Fladenbrot mit Lachs-Philadelphia-Käse, Bananen, Orangensaft und Wasser) bevor wir wieder in See stechen.

Unsere zweite Nacht verbringen wir inmitten des Lake Talon auf einer langgezogenen Landzunge, die in einem kleinen Strand ausläuft. Die Landzunge bietet
mehrere Übernachtungsplätze, durch Waldstücke so voneinander separiert, dass man die anderen „Siedler“ nicht sieht, höchstens mal hört, doch hier sind wir nicht mehr allein. Eine Familie hat einen weiteren Platz belegt, eine Jugendgruppe einen dritten, größeren. Wir schlagen unser Zelt auf, stellen die Campingstühle bereit, lesen und schwimmen im Lake Talon.

Doch wenig später ziehen dunkle Wolken auf, es donnert, Blitze zucken über den Himmel. Was anfangs noch so aussieht, als würde das Unwetter westlich an uns vorbei ziehen, holt uns plötzlich ein. Sturm peitscht über uns hinweg, die Wellen schlagen hoch an den Strand. Doch es regnet nicht. Für einige Zeit. Als doch plötzlich Regen einsetzt, ziehen wir uns ins Zelt zurück, machen alle Schoten dicht, lesen, warten.

Als der Trubel vorbei zu sein scheint, gehe ich raus, werfe den Petroleumkocher an, koche Pasta Carbonara auf, die gerade essfertig ist, als der Regen wieder einsetzt. Um keinen Essensgeruch ins Zelt zu tragen und damit vermeintlich einen Bären zu uns zu locken, essen wir in Regenklamotten unter dem Blätterdach der Bäume halbwegs geschützt direkt aus dem Topf. Danach das Kochgeschirr schnell im See auswaschen, den Kocher abbauen, alles wieder in wasserdichte Säcke packen. Wir wollen gerade zurück ins Zelt, als unsere Nachbarn auftauchen. Sie hätten einen großen Regenschutz, ob wir nicht zu ihnen rüberkommen wollen.

Wir akzeptieren, sitzen kurz darauf unter einem großen Pavillon, ein riesiges Zelt, in dem die vierköpfige Familie mit drei Hunden dauercampiert steht einige Meter weiter. Uns wird Tee angeboten, die Sorte verstehen wir nicht, nehmen aber dankend an. Der frisch aufgekochte Tee wird an Claudia und mich verteilt, von unseren Gastgebern nimmt keiner davon. Matt zieht einen riesigen schwarzen Kohleklumpen aus dem Topf, erklärt dass es an Birken wächst, man wunderbar als Tee aufgießen kann. Einen Moment lang frage ich mich, ob ich in einer Persiflage von „The Beach“ gelandet sind. Was ist das für ein Pilz, den sie da aufkochen? Warum bekommen nur wir von diesem Tee? Ist das ein Rauschmittel? Werden wir diesen Strand nie mehr verlassen?

Doch, werden wir. Nebenwirkungen des Tees sind keine feststellbar, Geschmack allerdings auch nicht viele und nach einer prasselnden Nacht, in der unser Zelt erfreulicherweise dicht hält, starten wir unter einem spektakulär bewölkten Himmel ohne Frühstück zu unserer letzten Etappe. 1,5 Stunden trennen uns noch von Blanchards Landing. Ein letztes Mal überqueren wir Lake Talon, steuern den Anleger des bewirtschafteten Campgrounds an, gehen an Land, rufen Karl an und frühstücken erst einmal. Bis Karl vor Ort ist, um uns abzuholen, konnte das Zelt auf einem Felsen nochmal durchtrocknen und wir fühlen uns durch lange Nächte in freier Natur ausgeruht und durch das Bad im Lake Talon nicht „durchgecampt“. Trotzdem beziehen wir in North Bay erst einmal wieder ein Motel, duschen, sortieren unsere Sachen und tauschen die Campingklamotten gegen frische bevor es am nächsten Tag weiter „Outwest“ geht.

Renate, Doreen, Karl, vielen Dank für dieses kanadische Kanuerlebnis & die überwältigende Gastfreundschaft!

Jens Freyler
Jens Freyler
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