Fünf kanadische Nachtlager

Fünf kanadische Nachtlager

Mein Blick ruht auf dem Klavier. So eins wie es auch in jedem Western im Saloon steht. Daran meist ein spindeldürrer Typ, derjenige der immer als erster abtaucht, wenn die Schießerei startet. Von hinten nähern sich schlurfende Schritte, ein lauter Schuss knallt unmittelbar in meinem Nacken. Die chinesische Tochter des Hauses kommt ohne ihre Füße vom Boden zu heben an unseren Tisch und breitet die Speisekarten vor uns aus, der nächste Schuss wird leiser, nur beim Anstoß hat der trinkfreudige Genosse am Billiardtisch voll ausgeholt. Wir sind im Val Marie Hotel. Der Name des Ortes ebenso falsch wie die Bezeichnung Hotel. Es war wohl mal eins, heute ist es ein chinesisches Restaurant. Val Marie ist auch kaum ein Ort mehr, es ist ein Nest, das es an den Rande der Prärie geweht hat. Das Essen im Val Marie Hotel ist okay, montags – und auch nur bis 20 Uhr – ist es allerdings auch die einzige Versorgungsmöglichkeit vor den Toren des westlichen Grasslands Nationalparks. An anderen Tagen verdoppelt sich die gastronomische Vielfalt Val Maries auf 2 Restaurants.

Nach dem Essen machen wir noch einen ersten Walk im Nationalpark, bevor wir unsere Unterkunft aufsuchen. Ein Gewitter zieht auf, als wir die Madonnenstatue am Eingang passieren und das letzte Zimmer des Hauses beziehen. Das Zimmer ist so lang wie ein Bett lang ist, so breit wie ein Bett lang ist und so hoch wie ein Bett lang ist. Großzügig wenn man bedenkt, dass hier einst eine Nonne geschlafen hat, ausgestattet mit einem Doppelbett aber so eng, dass wir über unsere Rucksäcke klettern müssen, wenn wir ins Bett steigen wollen. Das Convent Inn ist ein ehemaliges Nonnenkloster, heute eine einfache aber gute Unterkunft für Besucher des einzigen Prärienationalparks Amerikas.

Am nächsten Morgen machen wir die große Runde durch die Grasslands. Gleich am ersten Stop stoßen wir auf eine große Kolonie Präriehunde und drei Bisons. Welcher Entdecker auch immer die süßen Tierchen mal „Hunde“ genannt hat, muss Monokel und Hörgerät vergessen haben. Vielmehr erinnern sie an Erdmännchen mit ADHS. Ich muss mitten durch ihre Kolonie, um mich den Bisons zu nähern. Von einer Rangerin haben wir gelernt, dass man dem Bison zu nah ist, wenn man ihn mit dem ausgestreckten Daumen nicht mehr verdecken kann. Wenn ich den Daumen quer halte, verschwinden alle drei Bisons dahinter. Ich hab wohl entweder zu dicke Finger oder bin noch zu weit weg. Sich in der Prärie anzuschleichen ist eigentlich schon per se unsinnig. Es gibt keinen einzigen Strauch, weithin bin ich für die Bisons sichtbar. Ich versuch’s trotzdem. Als die Präriehunde aber einen aufgeregten Chor aus Warnpfiffen anstoßen, will ich die Tierwelt nicht weiter in den Wahn treiben und lasse die Bisons und ihre Alarmpfeifer mit ein paar schlecht gezoomten Fotos in Ruhe.

Drei Moose (Elchverwandte) und Scotty, einer der am best erhaltenen jemals gefundenen Tyrannosaurus Rex, runden die Tiersichtungen des Tages ab. Scotty schon 65 Millionen Jahre tot – wenn ich mir die Zahl richtig gemerkt habe – die anderen Tiere natürlich quicklebendig und in freier kanadischer Wildbahn.

Lebendig geht es auch in der Geisterstadt zu, die wir am Abend erreichen. In Maple Creek sind wir wieder in der Nähe des Trans-Canada-Highways und hier hat Greg seine eigene Geisterstadt erbaut. Seit vielen Jahren sammelt er alte Häuser und Planwagen, restauriert diese und hat daraus eine kleine Stadt aus inzwischen 12 Gebäuden zusammengestellt: Ghostown Blues. In der Mitte der Geisterstadt steht eine große Kirche, die Bühne, Veranstaltungs- und Frühstücksraum ist, der Sheriff ist natürlich Greg selbst und in den Zellen hat er das Büro seines Bed&Breakfast, von wo aus er die anderen Gebäude als „Zimmer“ vermietet. Wir entscheiden uns für einen alten Planwagen, innen detailverliebt mit einem kuscheligen Doppelbett, Waschschüssel und einem alten Ofen ausgestattet. Zu einem feuerroten Sonnenuntergang fegt ein heftiger Wind über die Prärie, schaukelt uns im Wilden Westen Kanadas in den Schlaf …

Wenige Kilometer westlich von Maple Creek verlassen wir Saskatchewan und erreichen mit Alberta unseren fünften kanadischen Bundesstaat – und nach einer Stippvisite in Spocks quasi „Geburtsplaneten“ Vulcan – mit Calgary dessen Metropole. Hier ragt das Hilton Garden mit 13 Stockwerken in die östliche Skyline. Unsere Jugendherberge liegt zwar direkt daneben, schafft es aber nur auf 2 Etagen. Unser Privatzimmer ist modern eingerichtet, sauber, mit einem eigenen schicken Bad, aber auch zu einer Kondition, die für eine Jugendherberge sicherlich am obersten Ende liegt. Dafür allerdings auch in zentraler Citylage, mit kostenfreiem Parkplatz, inklusive Frühstück und sogar einem gratis BBQ-Abend, was uns die Gelegenheit bietet zahlreiche andere Reisende kennenzulernen. Hier, in solch einer Unterkunft, ist unsere Reise plötzlich gar nicht mehr so besonders. Eine junge Deutsche ist seit 10 Monaten unterwegs, hat auf Vancouver Island gearbeitet, reise jetzt durch Kanada bevor es wieder nach Hause geht, eine Engländerin hat in Neuseeland und auf einer Farm in Oregon gejobbt, auch sie ist auf dem Heimweg, ihre Familie hat in England selbst Landwirtschaft und sie wird für die Ernte gebraucht. Ein Australier scheint ebenfalls bereits ewig unterwegs, ein Hamburger Surfertyp muss zum Ausklang seiner Weltreise noch zwei Wochen Zeit in Calgary totschlagen bevor sein Rückflug geht. In der BBQ-Runde sind Claudia und ich eindeutig die erfahrensten (Ihr glaubt doch nicht, dass ich hier „ältesten“ schreibe!), in der Jugendherberge sind zu unserer Ehrenrettung aber keinerlei Jugendliche, hauptsächlich Twens und sogar ein paar Senioren.

Gestärkt von dieser Erfahrung – Calgary bot uns abwechslungsreiche Stadteindrücke und die beste Jugendherberge, in der wir bisher je waren – und verzweifelt auf der Suche nach etwas bezahlbarem irgendwo in den Rocky Mountains (das Fairmont hätte für rd 500 Euro pro Nacht noch was frei gehabt…), lande ich plötzlich bei der Jugendherberge in Nordegg. Okay, außerhalb des Nationalparks, aber näher dran ist bezahlbar nicht machbar. Mit einigem hin und her gelingt es uns über unsere jetzige Jugendherberge ein Zimmer in Nordegg für 2 Nächte klar zu machen. Beim Auschecken in Calgary werde ich gefragt wohin deine Reise geht. „Nordegg“. Es scheint dem Hostelmitarbeiter nichts zu sagen. „Ist das eine Wilderness Lodge?“ „Nein“, entgegne ich entschieden.

Zwischen uns und Nordegg liegen also nur noch Banff und Lake Louise, zwei der Highlights der Rockies. Was sich auch gleich am ersten Stop zeigt. Wir halten am Tunnel Mountain für einen ersten Ausblick auf den türkisblauen Bow River, der sich vor dem gewaltigen Schloss des Fairmont Banff Springs Hotels in die Rockies schneidet. Der Aussichtspunkt ist bevölkert, aber nicht überlaufen, der direkt angrenzende Campingplatz zeigt allerdings mit seiner gut ausgelastetsten Kapazität von 1.000 Stellplätzen (!!!), dass wir den ruhigen Teil Kanadas hinter uns haben – wir sind im Massentourismus angekommen.

Spätestens der zweite Stop – Johnston Canyon – stellt das unter Beweis, die beiden Parkplätze überfüllt, der Campingplatz voll, die Straße selbst über Kilometer zum zusätzlichen Parkplatz erklärt. Der Weg bis zu den unteren Wasserfällen ist eine Völkerwanderung, der Wald ausgetreten entlang eines Wildbachs, den Claudia mit „Ein Österreicher würde sich totlachen“ kommentiert, die allgegenwärtigen Streifenhörnchen von den Besuchern handzahm angefüttert. An den Lower Falls selbst dann eine Warteschlange. In Kanada. Eine Warteschlange, um Natur zu sehen. Das ist schon wieder so verrückt, dass auch wir uns anstellen. Etwa eine halbe Stunde dauert es, bis wir ganz vorne sind, durch einen 3m langen Tunnel so nah an den kleinen Wasserfall rankommen, dass uns die Gischt ins Gesicht sprüht.

Entsprechend vorbereitet kann uns Banff nicht mehr schockieren. Ein kleines Städtchen in einem angedeuteten Alpenstil, die Fußwege voller Outdoortouristen und solchen, die es gerne sein würden, in der Visitor Info Warteschlangen. In Deutschland wäre dies Jack Wolfskins Heimatstadt, hier ist outdoor zumindest vielfältiger. Nichts desto trotz, der Ort hat seinen Reiz. Wir schlendern die Hauptstraße hoch und runter, blicken in das ein oder andere Geschäft, schließen mit dem Auto noch eine Runde an den Bow River an und lenken den Wagen Richtung Lake Louise.

Doch bereits 5km vor dem Ort will man uns vom Highway lenken, Lake Louise ist überfüllt, man soll auf kostenlose Shuttle-Busse umsteigen. Kommt nicht in Frage! An der eigentlichen Abfahrt ein zweiter Versuch. Große Leuchttafeln, links geht es zum überfüllten See, rechts wäre ein rettender Shuttlebus-Parkplatz. Also links! Überall Warnwestenmänner und -frauen, die versuchen, des Verkehrs Herr zu werden. Die Abfahrt zum Moraine Lake dann tatsächlich wegen Überfüllung gesperrt, ab hier stehen auch schon Fahrzeuge derer am Straßenrand, die zum Lake Louise pilgern. Wir fahren weiter, immer weiter, und erreichen am Ende den See, werden in einen Parkplatz eingewunken und stehen ganz vorne. Geht doch, wenn alle anderen sich verrückt machen lassen, bleibt für uns auch vorne was frei ;-)

Der See ist voll, überlaufen, aber auch sehenswert. Auch hier thront ein gewaltiges Fairmont Hotel nah am Ufer, sein Park reicht bis an die Promenade, die sich um den eisbonbonblauen See zieht. Eine wirklich unglaubliche Farbe! Einmalig (okay, Moraine Lake, Abraham Lake, Emerald Lake und noch einige weitere in der Gegend haben die gleiche) und wunderschön im Kontrast zu den tiefgrünen Nadelwäldern. Wie phantastisch mag das Bild erst sein, wenn der Schnee nicht nur einige hochgelegenen Gletscherfelder krönt sondern die Bergwelt dicker einschließt?! Wie will man es also den anderen zigtausend Besuchern verdenken, dass auch sie dieses Bild in sich aufsaugen wollen? Andere Blickwinkel kann man erhalten, in dem man sich für satte 60 Euro die Stunde ein Kanu mietet und in den See sticht oder an dessen Uferpromenade entlang pilgert. Wir entscheiden uns für den Weg – und eine Inspizierung der zahlreichen Läden im Luxushotel.

Danach verlassen wir den Nationalpark erst einmal Richtung Nordegg. Am nächsten morgen wollen wir früh einen neuen Anlauf wagen, um zum Moraine Lake zu kommen. Der Weg raus nach Nordegg zieht sich und als unser Navi kurz vor der kleinen Ansiedlung noch links auf einen Waldweg weist werde ich mir mit jedem Kilometer unsicherer, ob wir nicht doch eine Wilderness Lodge gebucht haben…

Haben wir. Da wo der Waldweg endet, stoßen wir auf unsere Lodge. Bis Nordegg sind es ca 5 km, das Nest scheint aber in einer anderen Welt zu liegen, die Zivilisation ist knapp 100 km entfernt. Wir betreten das große Holzhaus durch einen Vorraum, der voller Schuhe steht. Dahinter empfängt uns eine offene Gemeinschaftsküche, alle auf Socken, in Latschen oder Flipflops. Wo sind wir gelandet? In einer Wilderness Lodge? Einer Kommune? Wir werden ins Büro geschickt. Dort sitzt ein ca 30-jähriger, die Füße auf dem Schreibtisch, empfängt uns mit warmen, relaxten und sympathischen Worten. Mit seinem jüngeren Bruder führt er das Hostel. Privatzimmer haben sie nicht direkt eins für uns, aber wir bekommen einen 5er-Schlafsaal für uns alleine. Schlüssel dafür? Muss er mal suchen, er glaubt er hat noch irgendwo einen, sie schließen hier normalerweise nicht ab. Ach ja, und ob wir Bärenspray hätten. „Nein“. Kann er uns leihen, wenn wir rausgehen wollen, es wäre hier ein Grizzly in der Gegend.

Wollen wir nicht! Wir brauchen etwas, um mit der neuen Unterkunft warm zu werden. Kochen etwas aus den Vorratsresten unserer Kanutour und verstecken uns vor den Moskitos in der Wilderness Lodge während draußen einige Mädels tapfer am Feuer ausharren und einen Geburtstag feiern.

Nach einem Tag am atemberaubenden Moraine Lake – erneut überfüllt und nur der Presseausweis hat uns die Zufahrt ermöglicht – werden wir am Bow Lake von einem Gewitter überrascht. Wir flüchten wie viele andere in die Lodge, harren dort aus. Immer wieder greift der Sturm in die Tür, reißt sie auf, bis sie von einer Mitarbeiterin von innen abgeschlossen wird. Alle zusammen warten wir, bis das Unwetter über uns hinweg gezogen ist. Nach Osten – wo unsere Lodge liegt.

Wir fahren somit dem Unwetter hinterher, holen seine Ausläufer irgendwann ein und passieren ein durch einen Blitzeinschlag frisch ausgelöstes Feuer. Ein Stück Wald steht in Flammen, einige Autos sammeln sich an der Straße, ein erster Feuerwehrwagen kommt uns entgegen. Als wir Nordegg erreichen – das Feuer ist nur gute 10km von unserer Lodge entfernt – rückt ein weiterer Löschzug aus, Trucks und Pickups mit Wassertanks folgen ihm.

Zurück in der Lodge sprechen wir den „Herbergsvater“ an. Gewohnt entspannt fährt er seinen Rechner hoch. Nein, davon habe er noch nichts gehört, aber sie seien auf einer E-Mail-Liste für solche Fälle – falls das Internet geht. Es geht. Und tatsächlich hat er auch schon eine Mail, liest sie mir vor. Den Inhalt interpretiert er so, dass man das Feuer unter Kontrolle habe. Sonst würde das anders da stehen. Aber ein anderes Motel sei bereits evakuiert worden.

Wir wissen nicht, inwieweit wir dem Frieden trauen sollen, beobachten Löschflugzeuge und Helikopter, gehen aber irgendwann zur Tagesordnung über, kochen, puzzeln, scrabblen, lesen.

Auch am nächsten Morgen fliegen sie Löscheinheiten weiter. „Unter Kontrolle“ heißt also wohl bei weitem nicht „gelöscht“. Uns zieht es aber sowieso erstmal aus den Rockies wieder nach Osten. Da die Nationalparks am Wochenende noch überfüllter sein sollen und das Wetter schlechter werden soll, ziehen wir uns erst einmal in die Hauptstadt Albertas zurück, nach Edmonton, um am folgenden Montag in den Jasper Nationalpark vorzustoßen.

Und in Edmonton haben wir uns eine besondere Unterkunft ausgesucht. Im größten Einkaufszentrums (Nord-)Amerikas inkl. Wasserpark, Freizeitpark, Indoorgolf, Schießanlage, Spielplätzen, Eislaufring, Aquarium mit Tiershow, Restaurants und über 800 Geschäften, gibt es natürlich auch ein Hotel, das Fantasyland Hotel. Neben normalen Zimmern sind dort verschiedenste Themenzimmer buchbar. Die Themen? Weltraum, Hollywood, Pferdestall, das alte Rom, Afrika, Polynesien und wahrscheinlich einige mehr. Zu unserer Reise würde am besten Polynesien passen. Alle Themenzimmer mit Jacuzzi (Whirlpool) in Zimmer. Doch der Preisunterschied lässt uns zögern. 90 Euro mehr für ein Themenzimmer gegenüber einem normalen. Wir versuchen es mit einem Trick. Erst einmal buchen wir ein normales Zimmer, fahren hin, und fragen vor Ort nach einem Upgrade.

Und der Plan geht voll auf! „Ein Upgrade? Ja klar!“ „Polynesisches Zimmer fänden wir gut.“ Hat sie verfügbar. „Wäre das denn ein großer Preisunterschied?“ „Nein, 20 Euro.“ Gekauft! Das Fantasyland Hotel wird zwar trotzdem die bis zu diesem Zeitpunkt teuerste Unterkunft unserer Reise, aber dafür in Albertas Hauptstadt Edmonton, in der größten Mall Amerikas, in einen polynesischen Raum mit von innen heraus leuchtenden Masken, einen Whirlpool, der aus einer Felsquelle gespeist wird, beleuchtet von einem mit Tropenpflanzen bewachsenen Vulkan. Insofern in jedem Fall das Geld wert!

Damit haben wir auf unserer Reise bisher schon im Zelt geschlafen, als Couchsurfer kostenlos in Privatunterkünften, in Jugendherbergen, Hotels, Motels, Bed&Breakfasts, einer Geisterstadt, einem ehemaligen Kloster, nur unter freiem Himmel noch nicht, oder in einem Zug. Aber das wird sich bald ändern. Doch das ist eine andere Geschichte ;-)

traveldiary
traveldiary
No Comments

Post A Comment

fiveundtwenty + = threeundthirty