Krokodilstränen

Krokodilstränen

„Hast Du gesehen, was das war“, fragt mich Claudia.

„Ja, ein Gürteltier“, antworte ich.

„Das war kein Gürteltier, das war ein Krokodil!“

„Das war doch kein Krokodil!“

„Wenn Du es nicht glaubst, dreh ich um!“

„Dreh doch um.“

„Das mach ich wirklich!“

„Ja, mach doch!“

Krokodil in South CarolinaClaudia dreht um. Wir sind auf der 17 zwischen Beaufort, South Carolina und Savannah, Georgia unterwegs. Und als wir zum Ort des Geschehens zurückkommen, sind wir nicht die ersten, die neben dem Corpus delicti halten. Es ist tatsächlich ein Krokodil – überfahren auf dem Mittelstreifen der 17 irgendwo in South Carolina.

Es gibt Krokodile in South Carolina. Und sie leben so zivilisationsnah, dass sie einem offensichtlich auf der Hauptstraße begegnen können…

Aber irgendwie auch kein Wunder, die ganze Atlantikküste der Südstaaten besteht aus Schwemmland, ist durchzogen mit tausenden von Flüssen, Flüsschen, Wasserläufen, manche schiffbar, manche nicht – und einige davon offensichtlich beliebter Lebensort für Krokodile. Außerhalb der Everglades ist man also nicht zwingend außer Gefahr…

Die Bank von Forrest Gump, SavannahDie letzten Tage haben uns von Atlanta über die Hauptstadt South Carolinas (Columbia) an dessen Küste geführt und von Charleston, der ersten Südstaatensiedlung der Engländer, diese hinab nach Süden. Charleston, Beaufort, Savannah (wo übrigens die Originalbank aus dem Film „Forrest Gump“ im Museum der Visitor Info steht!), all diese Städte und Orte sind dominiert von Südstaatenhäusern, großen Patios, weiten Balkonen, Eichenalleen und Spanish Moss, einer Art Schleier, der aus den Bäumen schattenspendend über die Straßen hängt. Wassernahe Villen, Lagerhäuser, alte Speicher, das alles hat etwas von einem komprimierten Stück Hamburg und ist doch irgendwie anders – älter, hölzerner, vermarkteter und doch auch einsamer – und wärmer, vor allem wärmer. 30 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit, bei der man das T-Shirt wieder wechseln will, sobald man aus dem klimatisierten Auto ausgestiegen ist.

Und seit Tagen hängt auch das täglich angekündigte Gewitter in der Luft – und es kommt nicht. Es kommt erst, als wir nahe Jax – wie die Amis, Fans jeglicher Abkürzung – Jacksonville, Florida nennen – am Strand liegen und nach dem ersten Bad im amerikanischen Atlantik in der Sonne trocknen – trockneten bis der Regen mit dicken Krokodilstränen auf uns hernieder prasselt und wir durchnässt sind, bevor wir es zum Wagen schaffen.

Bei wechselhaftem Wetter geht es über eine Welt aus Inseln weiter nach Süden, immer das Meer im Blick, selten verbaut von vereinzelten Strandhäusern, ihren eigenen Zugang über Holzstege direkt zum Strand findend. Die Bilder, die man vereinzelt von Kalifornien kennt, haben auch in dieser Ecke Floridas noch ihre Wirklichkeit.

Flagler College, St. Augustine, Florida USAUnd das alles kein Steinwurf vom Flughafen von Jacksonville und dem spanischen Erbe St. Augustines entfernt. Das kleine Städtchen am Scheidepunkt der Inselwelt Nordfloridas überrascht uns – mit dem mittelalterlichen Castillo de San Marcos (älteste Steinfestung der USA), mit dem monumentalen Kreuz, das an der Stelle steht, an der Juan Ponce de Leon im April 1513 amerkanisches Festland betrat, mit einer touristisch-schönen historischen Einkaufsstraße, mit Latinoflair und mit drei prunkvollen ehemaligen Hotels (Casa Monica noch immer in Betrieb, Ponce de Leon heute eine Privatcollege, Alcazar heute Sitz des Lightner Museums und der Stadtverwaltung), neben denen sogar die Kathedrale der ältesten katholischen Gemeinde der USA, die Cathedral of St. Augustine etwas blass wirkt… aber besuchenswert bleibt.

Was will man mehr? Inseln? Strände? Gibt es… unendlich viele scheint es. Bis Daytona Beach bleiben wir auf den vorgelagerten Inseln unterwegs und wenden uns dann Inland… auf der Suche nach einer Sportsbar, einem deutschen Restaurant, irgendetwas, dass das Spiel der deutschen Mannschaft bei der Euro 2008 überträgt.

Tribüne des Daytona International SpeedwayIrgendwann habe ich den Eindruck, jede Straße von Daytona Beach und Daytona zu kennen, irgendwann läuft die zweite Halbzeit „zuhause“ in Europa, hier läuft kein Fernseher, vor den wir uns setzen können. Das Partymekka der amerikanischen Studenten schläft. Kein Fußball, keine Spring Break, keine Daytona Bike Week, keine Daytona 500, eines der größten Motorsportfestivals der USA.

Ein letztes Mal verdrücken wir Krokodilstränen, diesmal darüber, dass obwohl wir Mütze und Schal dabei haben, wir das deutsche Spiel nicht sehen können, und ich tröste mich mit einem Shirt der Daytona Bike Week 2008 (die behaupten hier, das sei das größte Motorradfestival der Welt, stimmt das? Warum war ich noch nicht zur richtigen Jahreszeit hier?) und einem Besuch des Daytona International Speedway. Apropos „Tage des Donners“… lange kein Gewitter mehr gehabt hier… aber wenn man sich den Himmel auf dem Bild anschaut, kann es ja nicht mehr lange dauern…

Jens Freyler
Jens Freyler
1Comment
  • Kathrein
    Posted at 13:50h, 19 Juni Antworten

    Hallo Ihr Beiden,

    dann drückt mal trotz Zeitverschiebung die Daumen, dass wir hier heute keine Krokodilstränen weinen müssen – Viertelfinal gegen Portugal, 20:45 Uhr unserer Zeit, das wird spannend!

    Gute Reise noch, Kathrein

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