Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Wen wundert es, dass die USA sich diesen Titel gegeben haben? Nationalstolz und Patriotismus werden groß geschrieben, vor jedem noch so kleinen Sportevent die Nationalhymne auf dem Feld und den Tribünen gesungen, stehend, die Hand aufs Herz gelegt. Und während bei uns Kinder ihre Idole an der Hand ins Stadion führen dürfen, werden in den USA die Veteranen der verschiedenen Einheiten, Kriege und Feldzüge auf die Bühne gerufen – selbst beim Ranger Talk im Nationalpark. Wen wundert es also, dass Amerika sich als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ lobt? Tut es gar nicht! Tatsächlich war es ein deutscher Journalist, der in 1902 nach einer USA-Reise diesen Begriff geprägt hat und der in der deutschen Presse größeren Anklang fand als in der amerikanischen. Goldberger bedachte damit vor allem die Wirtschaftskraft und tatsächlich, aus der Ferne betrachtet, haben US-Marken die Welt erobert. Coca-Cola und Pepsi, Levi’s und Marlboro, McDonalds und Starbucks. Und natürlich alles was der kreativen Westküste entspringt wie Microsoft, Google, Apple, Facebook. Doch wenn man genauer hinschaut … führende Hollywood-Studios in asiatischer Hand, auf dem Automobilmarkt international nicht wettbewerbsfähig, in der Industrie selten führend.

Westküstenmetropole Seattle

Und so divers ist auch das Land. Zwischen den strahlenden Millionenmetropolen wie New York und San Francisco gibt es verdammt viel Land, vereinzelt aufgelockert durch Orte, die in der Zeit hängen geblieben sind und in der Bedeutungslosigkeit versinken. In den Tourist Infos findet man bunte Broschüren, die die attraktiven Scenic Byways beschreiben, um dann an Flecken zu enden, an denen die meisten Unterkünfte seit vielen Jahren geschlossen haben und das beste und nahezu einzige Restaurant Samstags Ruhetag hat. Wo immer all die hunderte Millionen von Amerikaner sind, sie sind nicht in der Weite South Dakotas, Nebraskas, Kansas oder Texas. Auch die riesigen Viehherden, die die Millionen von Burger produzieren, sind an den Straßen nicht zu sehen, nicht mal an den Byways, denn das Land ist so riesig, dass am Ende der Staubpiste eine Farm kaum zu erahnen ist – geschweige denn Milch- und Schlachtvieh.

Und doch ist die USA reich an faszinierender Natur, hat Küsten an drei Ozeanen, eine wilde Bergwelt von Yellowstone im Norden über den Rocky Mountain Nationalpark bis hin zu den zerklüfteten Landschaften Utahs und Arizonas. Grand Canyon, Bryce, Arches, Zion, Escalante Grand Staircase,
Monument Valley, Antelope und andere Slot Canyons reichen die staunenden Touristen nur so weiter.

Zwangsläufig überwindet man dabei riesige Distanzen, was bei den zulässigen Höchstgeschwindigkeiten zwar ewig dauert, bei einem Benzinpreis von manchmal 50 Cent den Liter aber verträglich für die Reisekasse bleibt. Wie auch das Essen. Über Nährwerte und Kalorien wollen wir erstmal nicht reden, aber mit den Standards Burger und Burrito kann man günstig satt werden – und das zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Anderes Essen zu finden fällt dagegen manchmal schwer, gesundes – viel Erfolg!

Womit wir bei den Mexikanern wären, überhaupt bei den „Volksgruppen“. Amerikaner sind stolz auch ihre Herkunft und das heißt nicht in erster Linie „Amerika“. Viele sind sich sehr wohl bewusst, dass dies mal das Land der Indianer oder First Nation oder Native Americans war und dass noch vor 150 Jahren alles irgendwie zu England, Frankreich und Spanien gehörte. Das alles wurde dann durch Kriege, Unabhängigkeitserklärungen, Kuhhandel, Verträge und deren Missachtungen mehrmals hin und her getauscht. Der Rest der amerikanischen Geschichte wurde als Western verfilmt – und am Ende soll alles hinter einer Mauer Mexiko sein und davor USA. Okay, bis auf Kanada, die ganz oben noch ein bisschen Kulturland, ne Menge Wald und unendlich viel Permafrostboden abbekommen haben. Aber die Amerikaner wissen in der Regel sehr wohl über ihre Herkunft Bescheid, wissen wie viel Prozent Irish, British oder German sie sind. Heimatkultur wird auch gepflegt, St Patricks Day gefeiert,
Oktoberfest – und das in großen Städten ebenso wie in kleinen Orten, die schlicht komplett „deutsch“ oder was eben auch immer sind.

Indianer dagegen leben vielfach in eigenen Communities, in Reservaten, die ihnen irgendwann mal zugewiesen wurden, und innerhalb derer sie die „moderne Welt“ entweder von sich fernhalten oder sich diese auch zunutze machen, indem sie Naturspektakel wie das Monument Valley oder den Antelope Canyon in den berechtigten Mittelpunkt des Interesses rücken oder dort wo „Weißen“ der Betrieb von Glücksspiel verboten ist, Casinos und die dazu passenden Hotels und Entertainmentkomplexe bauen. Wer sich übrigens fragt, wo ehemalige Stars wie Paul Anka abgeblieben sind, abseits von Las Vegas sind diese Casinos ihre Bühne …

Im Süden des Landes dagegen spricht man Spanisch. In Kalifornien, Florida, New Mexiko und Texas ist man manchmal nicht sicher, was die erste „Amtssprache“ ist. El Paso beispielsweise trägt schon einen spanischen Namen, die Bevölkerung ist kräftig durchmischt mit Latinos mit mexikanischen Migrationshintergrund und der Grenzverkehr nach Juarez floriert. Dass der Rio Grande hier die Grenze ist, mag man irgendwann mal festgelegt haben, kulturell ist der Süden der USA lateinamerikanisch mit seinen Adobegebäuden, den frühen spanischen Missionskirchen, den Menschen und den Speisekarten. Und natürlich wird hier, auf US-amerikanischem Boden, auch der 16. September gefeiert – der mexikanische Unabhängigkeitstag.

Städte, Weite, Farmen, Wälder, Bären, Bisons, Westernhelden, Indianer, very Old Economy, Social Media, Shark Tank (das Original zu „Höhle der Löwen“, gegenüber dem der deutsche Abklatsch zum Totlachen ist), Rockies, Wüsten, Gletscher, Agaven, Christmas Shops, Farmers Markets, Fast Food, Family Restaurants, Whiskey, Margarita, Football, Baseball, Basketball und zumindest die Zusammenfassung der europäischen Topspiele (Fußball), breite Interstates, unbefestigte Dorfstraßen, Autos ohne TÜV, geplatzte Reifen am Straßenrand, Amerikaner in riesigen Pickups, die entweder den Hausstand hinter sich her ziehen oder hinter einem Winnebago (ungefähr 100m langes „Wohnmobil“) hängen, der neben drei Schlafzimmern wahrscheinlich auch noch einen Indoorpool hat, und überall offene und freundliche Menschen, mit denen wir oftmals in ein kurzes Gespräch geraten aber glücklicherweise nie in die Verlegenheit kommen, über Politik zu diskutieren …

Vielleicht nicht wirtschaftlich, aber irgendwie ist es schon das Land der unbegrenzten Möglichkeiten!

Jens Freyler
Jens Freyler
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