On Music Highways

On Music Highways

Genau genommen führt der Music Highway „nur“ von Memphis nach Nashville. Von New Orleans nach Memphis wiederum führt allerdings der Blues Highway und wir fassen die mal einfach zusammen. In den letzten Tagen haben wir nämlich diese und andere Routen bereist – diese Straßen und diese Musikrichtungen.

Begonnen hat alles in New Orleans. Am Abend sind wir dort angekommen und in ein historisches Inn eingecheckt. Freitag abend, wir hatten noch nichts gegessen und es war Wochenende und wir in New Orleans.Mr. Sax, Jackson Square New Orleans, USA

„Wenn Ihr was Essen wollt und Live Musik, dann geht am besten zur Frenchman, da sind zahlreiche Restaurants aller Couleur. Wobei… ich weiß gar nicht, ob Ihr da durchkommt, die drehen heute einen Film“, weist uns der Inhaber des Olde Town Inn ein.

Kurze Zeit später stehen wir auf dem Filmset. Auf einer kleinen Straße, New Orleans wie aus dem Bilderbuch mit bunten, kleinen Häuschen ist die Nacht zum Tag gemacht worden. Lichtkrähne erhellen die Szene, bei der eine schwarze Marching Band gedreht wird, die fröhlich mit ihrer rhythmischen Blasmusik aufspielt.

Doch der Hunger führt uns weiter in ein Restaurant, das vielversprechend aussieht. An einfachen, weiß gedeckten Tischen bietet die Praline Connection echte Südstaatenküche. Von Schwarzen – für alle. Unser Kellner trägt wie die anderen eine schwarze Weste über weißem Hemd, sein Kopf ziert ein schwarzer Hut. Claudia isst Jambalaya, ich das Tagesgericht, Catfish mit Shrimps nach Südstaatenart. Das Essen schmeckt gut, ungewöhnlich, das Senfgemüse würzig-scharf.

Danach geht es wieder raus auf die Frenchman. Aus den vielen Clubs suchen wir uns zuerst einen aus, in dem eine schwarze Stimme soulig jazzt, doch wir haben das letzte Lied erwischt. Wir tingeln weiter, eine Bar, in die wir 5 USD Eintritt zahlen müssen, eine junge Schwarze tritt zuerst mit ihrer Band auf, dann ein jugendlicher Trompeter, der unter großem Gejohle ein New-Orleans-Song singt und trötet, dann folgt eine weitere Band mit eher experimenteller Musik.

Wir gehen wieder, machen uns an den Rückweg und stoppen noch vor einer weiteren Pinte, der „Spotted Cat“. Dort spielt eine ältere Truppe echten Jazz, die Leute tanzen ausgelassen vor der Bühne und auf der Straße.

„Do you know what it means, when you miss New Orleans“ singt der Trompeter Claudia und mir entgegen. Es ist 10 Uhr morgens, unsere ersten Schritte haben uns nach dem Frühstück direkt zum zentralen Jackson Square geführt. Und dort, am Ufer des Mississippi fängt uns gleich der erste Straßenkünstler ein, singt für uns und verkauft uns eine CD.

Bourbon Street, New Orleans USADen Tag verbringen wir zwischen Fluss, Garden District und French Quarter. Hier, im Herzen New Orleans wurde der Jazz geboren und lebt bis heute unvermindert weiter. Louis Armstrong ist hier groß geworden, Fats Domino hat die Stadt geprägt und hier, in der Preservation Hall, wird auch heute noch das Erbe des Jazz erhalten. Doch nicht nur dort. Als wir am Abend, nach mehreren Regengüssen (in New Orleans regnet es im Sommer jeden zweiten Tag… und heute war ein zweiter!), einem Gumbo-Lunch und einer erfrischenden Dusche wieder in die Bourbon Street zurückkehren, kann ich kaum fassen, was wir dort erleben. Die ganze Straße ist für den Autoverkehr gesperrt, es ist legal (in den USA ist das normalerweise nicht der Fall), mit alkoholischen Getränken auf die Straße zu gehen, ja selbst mit denen aus einer Bar in die nächste wieder hinein, schwarze Jungs tanzen auf der Straße für ein paar Münzen und in den Bars gibt es fast überall kostenlos Livemusik – unbegrenzt. Eine Bar reiht sich an die nächste Kneipe, aus jeder schallt Livemusik, mal Rock, mal Blues, mal Soul, mal Jazz. Mehrere Bands spielen jeden Abend in jedem Club, allein auf der Bourbon Street dürften es geschätzte 40 an diesem Abend sein, die Frenchman kommt nochmal hinzu. Unlaublich?! Warum gibt es so etwas in Deutschland nicht?!?!?

Wir starten in einer Bar, in der eine buntgemischte Band (2 Schwarze, 2 Weiße, 2 Latino) tanzbare Rockmusik spielen, schlendern nach einer Weile weiter, werden von einer atemberaubenden Stimme in eine weitere Kneipe gezogen, hier die schwarze Sängerin von einem karibischen Rasta-Gitaristen und Sänger begleitet, ein Indianer am Bass, ein Schwarzer an den Drums, ein möglicherweise russischstämmiger Weißer am Keyboard. Das nenn ich multikulti! Die Sängerin versteht es, die Show zu gestalten, bindet das Publikum ein, heizt die Stimmung an.

Das Finale erleben wir natürlich in der Preservation Hall of Jazz, wo wir für teures Geld einen Drink nehmen und der erstklassigen Jazzband zuhören, bis uns die müden Beine nach Hause tragen. Das ist New Orleans? Wow! Nein, heute morgen wusste ich noch nicht, was es bedeuten würde, New Orleans zu vermissen…

Der nächste Tag führt uns entlang des Mississippi durch das Land der Plantagen (von denen wir eine besichtigen) nach Baton Rouge (die Hauptstadt des Bundesstaates Louisiana). Hier schwenken wir ein auf den Blues Highway (US 61), der New Orleans mit Memphis verbindet. Auf dieser Straße geht es über St. Francesville nach Natchez.

Natchez war einst – dank des Boomes der über die Sklavenarbeit gut zu finanzierenden Baumwollindustrie – die reichste Stadt der USA. Über die Hälfte aller Millionäre des Landes lebten hier. Insofern nicht verwunderlich, dass über 500 Antebellum-Häuser genannte Südstaatenvillen die Stadt zieren. Doch nicht nur Millionäre zog die Stadt an. Aus dem Norden kamen viele Waren auf Schuten und Flößen den Mississippi runter und wurden samt Schiff in Natchez oder New Orleans verkauft. Viele der Flößer ließen einen guten Teil ihres Lohnes gleich in Natchez-under-the-Hill, der flussnahen Unterstadt, in der sich Spelunken, Glücksspiel und andere Amusements sammelten. Das Sodom des Mississippi nannte Mark Twain Natchez-under-the-Hill und so wurden auch gleich Teile der Filmversion von „Huckleberry Finn“ hier gedreht.

Ihres Verdienstes wie ihrer Schiffe entledigt, mussten sich die Flößer nun zu Fuß zurück in den Norden begeben – und der Weg, den sie nahmen, war ein alter Indianerpfad, der Natchez Trace, dessen Spur heute ein Parkway folgt. Mit 444 Meilen Länge (rd. 700km) dürfte dies wohl der längste Nationalpark der USA sein – eine Straße von Natchez nach Nashville.

Wir folgen dem Natchez Trace Parkway einige Meilen, bevor wir wieder auf den Blues Highway wechseln, um erst noch Vicksburg einen Besuch abzustatten. Hier erhielt die Geschichte von Coca Cola ihr zweites Erfolgskapitel. Das Getränk, in Atlanta erfunden (vgl. Eintrag „World of Coca Cola“), gab es anfänglich nur an sogenannten Sodaquellen – sprich in Kneipen. Erst ein Sodaquellenbetreiber aus Vicksburg kam 1894 auf die Idee, das Getränk in seinem Candy Store in Flaschen abzufüllen und entlang des Mississippi auszuliefern. In Atlanta hielt man nichts von der Idee, ließ Joseph Biedenharn gewähren, gab ihm später die Lizenz für ganz Mississippi, zahlreiche weitere erwarb er hinzu. Ob Coca Cola jemals so erfolgreich geworden wäre, wenn nicht ein anderer auf die Idee mit dem außer-Haus-Verkauf gekommen wäre…?

Nach Besichtigung des kleinen Museum am noch original historischen Ort der Sodaquelle geht es nach Jackson, in die Hauptstadt Mississippis, wo wir wie gewohnt das State Capitol (den Landtag sozusagen, der in den USA aber eigentlich immer prunkvoller ist, als wir uns das hierzulande vorstellen würden) besuchen und dann Blues Highway und Natchez Trace links und rechts liegen lassen und die Interstate nach Norden nehmen. Denn heute wollen wir noch möglich weit Richtung Memphis kommen…

Elvis Memorabilita, Graceland Memphis USAWoher man Memphis nochmal kennt? Memphis ist der Geburtsort der Bluegrass-Musik, aus Memphis stammt B.B.King und dort gibt es auch seinen Blues-Club an der Beale Street (fast – nur fast!!! mit der Bourbon Street New Orleans vergleichbar) und dort ist auch Elvis groß geworden. Und dort hat er gelebt, in Graceland, 7 Meilen südlich der Stadt.

Kurz vor 11 Uhr morgens sind wir da, erwerben unsere Tickets, besuchen das Anwesen von Graceland, in dem er mit Eltern, Großmutter, Frau und Tochter gelebt hat, in dem er Platten aufgenommen und seine endlos erscheinenden Goldenen Auszeichnungen gesammelt hat – in dem heute auch seine prunkvollen Kostüme hängen, Erinnerungen an seine Songs, seine Filme, sein Leben – und in dessen Garten er begraben liegt. Ein Automuseum (darin auch 4 seiner Motorräder), ein Flugzeugmuseum (mit den beiden ihm gehörenden Privatmaschinen) und ein Museum über seine Soldatenzeit in Deutschland, bei der auch auch seine spätere Ehefrau Priscilla kennengelernt hat, ergänzen den „Gedenkpark“ – nicht zu vergessen zahlreiche Souvenirläden, das Heartbreak Hotel und ein Harley Davidson-Laden. Schließlich war das auch Elvis‘ bevorzugte Motorradmarke.

Mrs. Zeno, Beale Street Memphis USADanach geht es in die Stadt, geht auf die Beale Street, wo selbst am helllichten Tag in Parks und Biergärten Bluesmusik gespielt und gesungen wird, wo man sich vorstellen kann wie und wovon die Stadt nachts lebt. Ein paar weitere Besichtigungen, die weltberühmten (nicht zuletzt durch die Erwähnung im Bestseller „1000 Places…“) Spare Ribs im Rendezvous eingeschlossen („Wir öffnen erst um 16:30 Uhr, davor gibt es bei uns nur Ribs!“ Hey, kommt irgend jemand etwa wegen etwas anderem hierher?!) und dann sind es nur noch 220 Meilen bis Nashville.

Dies in knapp 3 Stunden zu schaffen, scheint bei der üblichen Höchstgeschwindigkeit von 70 Meilen/Stunde auf amerikanischen Interstates fast ausgeschlossen – aber in knapp 3 Stunden beginnt in Nashville das, was als einziges unsere Reise auf den Music Highways noch krönen kann.

Seit 1925 überträgt der Radiosender 650 WSM anfänglich 1 Show pro Woche, inzwischen 4 Shows pro Woche live aus der Grande Ole Opry. 650 WSM ist ein Country-Sender, Nashville die Hauptstadt der Country-Music, die Grande Ole Opry ihr Tempel.

Josh Turner in der Grande Ole Opry, Nashville USAKurz nach 19:00 Uhr verlassen wir den Highway, biegen ab ins Music Valley und steuern die Grande Ole Opry an. Die Show läuft schon, aber wir kriegen tatsächlich noch Karten, tasten uns im Dunkeln in den Oberrang und haben einen hervorragenden Blick auf die Bühne. Dort wo der Sänger positioniert ist, sieht man einen kreisrunden Einlass andersartigen Holzes. Es ist das Originalparkett aus dem Ryman Auditorium, in dem die Grande Ole Opry bis 1974 präsentiert wurde, bevor man ihr eine eigenes „Opernhaus“ gebaut hat. Charley Chaplin hat auf diesem Stück Bühne gestanden, jede Countrygröße dieser Welt und heute stehen dort in 2 Stunden 16 Sänger und Gruppen, darunter Jewel, der Countrystar Josh Turner und ein Mitglied der Country Hall of Fame, der seit über 60 Jahren auf der Bühne steht, ein „älterer“ Cowboy mit dem Namen Little Sowieso. Und warum er Little (klein) heißt, ist offensichtlich, dass kleine Männer eine große Klappe haben können auch. Ein klasse Abend beendet unsere Reise auf dem Music Highways Amerikas.

Diese pHASE unserer Reise geht damit zu Ende – aber keep on rollin’…

Jens Freyler
Jens Freyler
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