Dolce Nero

Dolce Nero

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2008 teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.

Dolce Nero
Bergwanderung durch die südöstlichen Dolomiten, Bosco Nero

Höhepunkte zur Begrüßung

Das ist das Ende der Tour. Zum hundertsten und letzten Mal werfe
ich einen Blick auf den Monte Pelmo. Ohne Nebelschwaden steht er
im blauen Himmel. Von hier aus sieht man seine begehbare Seite,
ein steiles Kar, eine klaffende, Schotter blutende Wunde in dem
ansonsten fast makellosen aus waagerechten Schichten aufgebauten
Turm. Ganz klein wirkt das Schneefeld im Gipfelanstieg. Heuer
wäre es ganz leicht zu umgehen gewesen.

Jetzt beginnt die Zugabe, der Nachtisch, nachdem ich die
Hauptspeise weggelassen habe. Dabei habe ich trotzdem ein ganz
zufriedenes Gefühl. Überhaupt sind die Menus, wie sie in Italien
angeboten werden, so bemessen, dass man normalerweise auch ohne
den Hauptgang genug gegessen hat. Spaghetti als Vorspeise und
Salat reichen meistens. Und dann hat man noch keine Nachspeise,
also kein Dolce, und keinen Espresso. Manchmal kann ein
Nachtisch, zum Beispiel eine große Portion Tirami Su, vom
Kaloriengehalt her mit dem Carne, dem Fleischgericht, mithalten.

Ich wende mich ab von dem Ziel, dem ich elf Tage lang
entgegengewandert bin, und habe jetzt eine schmale Rinne zwischen
zwei steilen Felswänden vor mir, dahinter neue Berge, die erst ab
hier sichtbar sind, steil, schroff, kantig und nicht minder
imposant als die berühmten Nachbarn im Norden. Eigentlich hatte
ich erwartet, dass die Dolomiten hier, nahe des südlichen Rands,
unweit der Ebene, langsam ausklingen, in sanftere Formen
übergehen, aber die beiden Riegel vor mir, Sasso di Toanella und
Sasso di Bosco Nero, sind eher neue Superlative, Giganten des
Südens.

In den Schuttrampen unterhalb der Wände sieht man von weitem
deutlich ausgetretene Wege. Ich muss den untersten davon nehmen
und irgendwann in das Latschenfeld abzweigen, das sich hinter dem
breit eingeschnittenen ausgetrockneten Bachbett hinzieht und
weiter unten in Wald übergeht. Vorher gibt es aber einen viel zu
steilen Abstieg durch die Rinne, die unmittelbar unter mir liegt.
Meine Stöcke auf maximale Länge eingestellt, wage ich die ersten
Schritte, ganz vorsichtig. So den ganzen Hang hinunter? Nein.
Nach ein paar winzigen Schritten bleibe ich stehen und überlege,
wie das weiter gehen soll. Dabei rutsche ich ein wenig. So
geht’s! Wieso bin ich nicht gleich auf die Idee gekommen? Hier
oben ist das Kar kein klassisches Schotterfeld, eher eine
Sandrinne, aber super zum Abfahren, sehr staubig, aber tief
genug, um wie auf Schnee kontrolliert in die Tiefe zu rutschen,
die Fußspitzen in Fahrtrichtung, die Ferse im Untergrund.
Zwischendurch wird die Körnung gröber, bleibt aber gut fahrbar.
Wegen der beengten Verhältnisse hat man keine Auswahlmöglichkeit
wie bei einem breiteren Kar, sondern muss versuchen, sich schnell
genug anzupassen. Da vorne liegt nur relativ dünn Sand auf einer
großen Felsplatte. Das wird bestimmt bremsen. Uups, es wird
schneller! Wie bremst man, wenn man sich nicht in den Untergrund
graben kann? Egal, die Platte ist überstanden und das Kar wird
breiter. Jetzt kann ich mir die optimale Strecke aussuchen und
entspannt abfahren. In wenigen Minuten habe ich zweihundert
Höhenmeter überwunden, die ich mir anfangs kaum zugetraut hätte.
Ob ich es je da hinauf schaffen würde? Die Frage stellt sich
nicht, ich steige jetzt zur Hütte ab, und morgen verlasse ich auf
einem anderen Weg die Dolomiten.

Der Schotter neben dem Bachbett und die Neigung schauen aber
verführerisch gut zum Abfahren aus. Das Latschenfeld kann ich
auch weiter unten queren, auf Höhe der Hütte. Noch nie bin ich
ein so langes Schotterfeld abgefahren.

Viel Wasser hat der Bach momentan nicht, das meiste fließt hörbar
unter dem Geröll, aber vereinzelt sieht man von oben etwas
glitzern. Etwas weiter unten glaube ich eine Stelle zu erkennen,
die als Badewanne passen könnte. Zwar kann man hier nicht mehr
abfahren, aber so weit steige ich noch ab. Schließlich bin ich
nach der Abfahrt komplett mit Staub überzogen. Außerdem wird es
langsam heiß, es ist noch früh am Tag, ich habe nicht mehr weit
zur nächsten Hütte, und die übernächste in meiner Richtung
schaffe ich heute sowieso nicht mehr.

Ich habe eine flache Panoramabadewanne entdeckt. Das Wasser ist
wie erwartet kalt, aber das Bad entspannt, erfrischt, belebt,
wäscht den Staub, den Schweiß, alle Anstrengungen der letzten
Wochen ab, nicht nur die der Tour, die war an sich erholsam. Der
Druck, das innere Korsett der Zeit davor, alles löst sich im
klaren Gebirgswasser. Ich fühle mich wieder frei wie ein Mensch.
Während ich im Wasser sitze, die Umgebung und den grandiosen
Ausblick auf die genüber liegende Bergkette genieße und mich
gründlich wasche, umflattern und belagern dunkle Schmetterlinge
meine Socken. Normalerweise machen die das bei Exkrementen.

Nach dem Bad setze ich mich zum Trocknen auf einen Stein, esse
ein wenig und studiere die Karte. Ziemlich sicher bin ich jetzt
tiefer als die Hütte, auch unterhalb der Baumgrenze, müsste also
einen Wald anstatt eines übersichtlichen Latschenfeldes nach der
Hütte absuchen. Zurückgehen zur richtigen Abzweigung, in der
Mittagshitze das Bachbett wieder hochklettern, möchte ich nicht
so gerne.

Ich beschließe, ein Stück weiter abzusteigen, bis zu einem Weg,
der von oben gesehen das Ende des Bachbetts markiert. Von dort
müsste man durch ein Waldstück zur Hütte gelangen. Das Bad war
mir den Umweg wert, es war der eigentliche Höhepunkt der ganzen
Wanderung.

Der Abstieg geht einige Minuten lang stufig und steil von Stein
zu Stein. Stellenweise müssen hier auch größere Stromschnellen
sein, wenn Wasser fließt. Jeder Schritt will wohl überlegt sein,
manchmal wird es sogar knifflig, eine gangbare Stelle zu finden.
So macht Bergwandern Spaß.

Am Ende der Stufe sehe ich sogar Wegweiser. Wie erwartet verläuft
der Anstieg zur Hütte durch Wald. Allerdings ist die Strecke viel
steiler, als ich für möglich gehalten hatte. In den Kurven der
Serpentinen nehme ich manchmal die Hände zu Hilfe, meistens
benutze ich meine komplett zusammengeschobenen Teleskopstöcke, um
mich hochzuziehen. Wer kann in diesem Gelände Wege anlegen und
warten? Respekt!

Rifugio Bosco Nero, das Herz unter dem Stein

Nach einer halben Stunde Anstieg erreiche ich eine Lichtung mit
zwei niedrigen Häuschen. Zum ersten Mal seit dem Anstieg vom
Passo Cibiana sehe ich wieder Menschen, die sitzen auf einer
Terrasse. Frei sei bestimmt noch etwas, meinen sie. Die Wirtin
sei im Haus.

Ich betrete die Wirtsstube, wo sich einige Leute angeregt
unterhalten. Da die Stube recht dunkel gehalten ist, und ich den
größten Teil des durch die Tür einfallenden Lichtes abschirme,
sehe ich nach einem Tag in der Sonne vorerst nicht viel. Neben
dem Eingang hängen Skizzen von Kletterrouten. Ein sportliches
hübsches blondes Mädchen in kurzen Hosen kommt auf mich zu.
Übernachten, ja, im Nachbargebäude. Essen gibt es um sieben Uhr.
Wasser ist um die Ecke, aber bitte sparen. Sie spricht fast
akzentfrei deutsch, hat nicht einmal einen tirolerischen
Einschlag.

Auf einmal tauchen zwei Bekannte auf, die ostdeutsche
Vater-und-Sohn-Seilschaft, die an der Croda del Lago so
begeistert in den See gehüpft sind. Damals, vor drei Tagen, bin
ich mit ihnen nicht ins Gespräch gekommen, jetzt erfahre ich,
dass sie vor allem zum Klettern durch die Dolomiten wandern. Der
Bosco Nero, der dunkle kantige Klotz über uns, hat eine der
höchsten Wände der Dolomiten. Außerdem seien die Felsen hier
nicht so überlaufen wie zum Beispiel in der Civetta, einem
benachbarten Gebirgsstock, dem nächsten Kletterziel der beiden.
Ich erinnere mich an die überfüllte Hütte dort im letzen Jahr,
die Dreietagenbetten und die Camper um die Hütte. Hier und heute
sind die beiden die einzigen Kletterer, abgesehen von der Wirtin.
Die war vor kurzem im Fernsehen, als die Hütte samt Klettergebiet
vorgestellt wurde. Im sechsten, siebten Grad ist sie da vor der
Kamera geklettert. Seit zwanzig Jahren bewirtschaftet sie die
Hütte, alleine, mit neunzehn zum ersten Mal. Das Mädchen von
vorhin war also nicht die Wirtin selbst, sondern eine Helferin
oder eine Tochter.

Die Hütte wird zu Fuß versorgt. Früher hat noch ein Esel die
Sachen getragen, aber der hat keinen Nachfolger. Wenn der über
den gleichen Weg gekommen ist wie ich, wäre das auch
Tierquälerei. Auf der Karte sind mehrere Zustiege eingezeichnet,
von denen aber alle recht steil aussehen.

Um die Hütte herum haust ein dunkler, knurriger, missmutig
dreinblickender Geselle, ein mittelgroßer sehr muskulös gebauter
Hund, vermutlich ein Boxer. Der knurrt ziemlich Respekt
einflößend. Andere Gäste der Hütte erklären, dass er Fangen
spielen will. Ich scheuche ihn also weg, worauf er quer durch die
Lichtung sprintet und herausfordernd knurrend wartet, bis ich
wieder nachsetze. Das Gelände ist ziemlich steil und bringt mich
im Gegensatz zu dem Hund recht schnell außer Atem. Zumindest ist
er nach der Ausführung dieser Zeremonie zufrieden und wir sind
befreundet.

Am Hang vor der Hütte hat jemand gewaltige Sitzmöbel gezimmert,
vermutlich aus übrigen Ästen, die gerade die richtige Form
hatten. Ich setze mich in einen Schaukelstuhl, in dem leicht zwei
Personen nebeneinander Platz hätten, und dessen Lehne großzügig
Schatten spenden würde, wenn die Sonne von hinten schiene. Der
Ausblick fällt über das tief eingeschnittene Tal hinweg auf die
gegenüber liegenden Berge, wohl die Schiara, das Gebirge mit dem
Klettersteig, der den Dolomitenhöhenweg 1, der federleicht ohne
technische Schwierigkeiten durch die schönsten Ecken der
Dolomiten schwebt, mit einer ausgesetzten Kletterei im zweiten
Schwierigkeitsgrad praktisch im Süden abschließt, und
gleichzeitig die Schlüsselstelle des Traumpfades München-Venedig
ist. Wie ich vor einer Woche erfahren habe, ist inzwischen die
Hütte, die man passiert, wenn man den Steig über die Fahrstraße
umgeht, ebenfalls berüchtigt. Zwei junge US-Amerikaner, harte
Kerle, die sonst durch nichts abzuschrecken sind, Regen, Schnee,
Nebel, brüchige Schrofen, ausgesetzte Schwindel erregende Steige
ohne Sicherung, in einem Kontinent fern der Heimat mit seltsamen
Sprach- und Essgewohnheiten, haben mich davor gewarnt. Den Grund,
die Hausherrin, habe ich im letzten Jahr kennen lernen dürfen,
ihrem ersten Sommer als Hüttenwirtin. Damals hätte ich jede Wette
abgeschlossen, dass das ihr letzter ist, dass sie sich selber das
nicht mehr antut. So überfordert hat sie gewirkt, als wir sie
ohne böse Absicht von einem Anfall in den nächsten gejagt hatten.
Das beste war die Standpauke nach dem abschließenden „großen
Frühstück“: „Ihr esst ja alles auf! So was tut man doch nicht!
…“ Ich war völlig perplex, dass sie noch einen Sommer
dranhängt. Die Amis hatten darauf gemeint, dass man die Hütte in
zehn Jahren wieder besuchen müsse. Bestimmt wäre die Frau immer
noch da, dann aber völlig entspannt und souverän.

Hier sieht die Atmosphäre bisher lockerer aus. Inzwischen sind
nur noch die Gäste da, die auf der Hütte übernachten wollen.
Außer der Wirtin sind das die beiden Kletterer, ein Pärchen, das
die Region in einer Bergsteigersendung gesehen hat und hier
wandern will, und ich. Demnach bin ich der einzige Gast, der
nicht durch das Fernsehen auf die Hütte aufmerksam gemacht wurde,
und alle sind aus Deutschland. Nach und nach landen wir alle am
Tisch vor der Hütte, wo man einen schönen Ausblick und Abendsonne
hat und nicht in Gefahr läuft, das Abendessen zu versäumen.

Die beiden Wanderer haben einen Führer dabei, in dem auch die
Wanderung nach Longarone enthalten ist, und den sie mir
netterweise zum Lesen geben. Noch bin ich mir nicht sicher, ob
die Strecke für mich als Gelegenheitswanderer machbar ist. Ich
habe die Karte für dieses Gebiet erst vor wenigen Tagen auf einer
Hütte erworben, als absehbar war, dass ich gut vorankomme und die
Zeit für Etappen weiter im Süden reichen könnte. Dort habe ich
gesehen, dass längs durch das Gebirge ein Weg nach Longarone
eingezeichnet ist, als letztes Stück des Dolomitenhöhenweges
Nummer drei. Im Führer wird der Weg als lang und mittelschwer
bezeichnet. Schwindelfrei und trittsicher bin ich. Ausdauer habe
ich. Auch bin ich gut eingegangen und fühle mich frisch. Was
fehlt, ist das Schlangenserum, das in dieser Region zur
Ausrüstung gehören sollte. Der schwere Rucksack wird einige
Passagen schwieriger als nötig machen, da muss ich durch. Die
Zeit wird ein Problem sein, da es auf der Strecke nur eine
einzige Quelle gibt, in der Nähe der Biwakhütte Toanella, die
aber ungenießbar schlammiges Wasser haben soll. Verwöhnt von
klaren Bergbächen, habe ich auch keinen Wasserfilter dabei. Ich
präge mir die Beschreibung im Führer ein, vor allem die
Schlüsselstellen und die Lage des Wasserlochs, für alle Fälle.

Natürlich frage ich auch die Wirtin, die tatsächlich die Wirtin
selbst ist und nicht ihre Tochter. Das Wetter soll recht gut
werden, nicht so heiß und recht bewölkt, vielleicht mit ein wenig
Regen. Wie der Weg ist? Schön, sehr schön. An einer Stelle gibt
es neue Drähte zum Festhalten. Ich erwähne das Bivacco nach dem
Ende der Gratwanderung. Sie meint, sie wäre selber schon lange
nicht mehr dort gewesen und wisse nicht, ob es sauber sei. Aber
Longarone sei von dort aus nicht weit, vielleicht drei Stunden.
Übrigens sei ich zwei Tage zu spät dran. Vorgestern ist schon
jemand den Weg gegangen, eine Frau.

Angaben über die Schwierigkeit eines Weges von einer Frau, die
nichts anderes kennt als Berge und sich erst in senkrechten
Wänden richtig wohl fühlt, sind für mich grundsätzlich keine
große Hilfe. Außerdem hat mir noch nie jemand einen Weg als zu
schwierig geschildert, vielleicht, weil ich erfahrener wirke, als
ich bin, oder weil ich immer erholt und bester Laune auf den
Schutzhütten auftauche. Jedenfalls genieße ich die Beschreibung
mit Vorsicht und schlage in meiner Kalkulation ein paar Stunden
für Stellen auf, für die ich wesentlich länger brauche als
routinierte Bergsteiger. Wenigstens habe ich erwähnt, dass ich
auf dem Weg zum Monte Pelmo umgedreht bin, sie hält die Strecke
also vermutlich nicht für schwieriger, zumindest nicht für viel
schlimmer: Sie hat mich vorhin spontan auf den nächsten Versuch
vertröstet. Für das Bivacco bin ich mit Liegematte und Schlafsack
ja ausgerüstet. Ich werde außerdem versuchen, morgen möglichst
früh aufzubrechen.

Wann wollt ihr morgen frühstücken? Ich stehe auch um halb fünf
auf, wenn ihr wollt. Diese hübsche ausgeglichen wirkende junge
Frau, ist ein genaues Gegenstück zu ihrer Kollegin im
Nachbargebirge, die womöglich ihre Tochter sein könnte. Sicher,
beide wollen das Gleiche, machen das Gleiche, wirken aber
grundverschieden. Wir einigen uns auf halb sieben.

Sehr sparsam sollen wir mit dem Wasser sein, heuer sei es
besonders schlimm. Ich will keinen Neid wecken und auch niemanden
von den befestigten Wegen abbringen, und verzichte darauf, mit
meinem Bad zu prahlen.

Ich bin fasziniert von dem sanft aber selbstverständlich
wirkenden sicheren Regiment zu beobachten, das sie führt. Was sie
wohl im Winter macht, hier dem größeren Teil des Jahres? Ich
komme nicht dazu, sie zu fragen, weiß auch nicht, ob es mich
etwas angeht. Auf jeden Fall muss es ein völlig anderes Leben
sein. Ein Kollege von ihr hat mir vor einer Woche erzählt, dass
er Schreinermeister ist, und wegen einer Stauballergie den Job
macht, und sein Geschäft so gut es geht delegiert. Hier muss es
etwas anderes sein.

Natürlich betont die Wirtin immer wieder sanft, mit einem
unwiederstehlichen Lächeln, aber nachdrücklich ihre Stellung als
Chefin im Revier, sei es mit der Zuteilung des Abendessens, der
Bemessung der Weinration oder bei der Sitzordnung zum Frühstück.

Das Brot, das es hierzu gibt, wirkt übrigens selbstgebacken und
schmeckt ausgezeichnet. Die abgepackten Vollkornbrotscheiben
lasse ich liegen. Die sind auch nach Wochen noch frisch in ihrer
Verpackung, daran darf sich jemand anders freuen. Nachdem ich das
Brot gelobt und gefragt habe, ob es selbst gebacken sei, gibt mir
die Wirtin weitere Scheiben, sobald meine Ration zur Neige geht.
Sie legt sogar zweimal nach, so dass ich tatsächlich satt werde.
Vielleicht erinnert sie sich daran, dass ich gestern erwähnt
habe, dass nach sieben Tagen seit Bruneck, der letzten Ortschaft
auf meiner Wanderung, meine Vorräte langsam zur Neige gehen. Uns
sie weiß ja, was ich heute vor mir habe.

Am Wasserhahn hinter der Hütte fülle ich so viel Wasser wie
möglich ab, nachdem mich die Wirtin noch einmal ausdrücklich auf
die Trockenheit auf dem Weg hingewiesen hat. Zwar habe ich nur
eine Flasche für eineinhalb Liter dabei, aber in meinen Magen
fülle ich vorsorglich so viel, wie hineinpasst, vielleicht zwei
Liter oder mehr.

Zum Abschied gibt es einen Händedruck, der so fest ist wie ein
Schraubstock, aber gerade nicht die Knochen bricht, einen Druck
von jemandem, der gewohnt ist, fest, hart und sicher zuzupacken,
aber auch Gefühl für die Materie in seiner Hand hat. Weiblich
sanften Druck erwartend, kann ich nicht wirklich dagegen halten.

Gratwanderung

Vorerst haben alle fünf Gäste die gleiche Strecke zu gehen, steil
hinauf durch Wald und später Büsche und Latschen, bis zu einem
Sattel, auf dem nur noch Steine wachsen. Von hier aus muss ich
irgendwie auf den Grat, sehe aber keinen Weg, und alles ist nach
oben zu so steil, dass ich nicht zum Auskundschaften einfach mal
hochklettern möchte. Das ist ein geeigneter Moment für eine
Pause. Während dieser taucht aus der Tiefe ein Wanderer auf. In
der Richtung ist auf meiner Karte kein einziger Weg
eingezeichnet. Ich frage ihn, wo er herkommt, im Verdacht, dass
er vielleicht den Grat in der anderen Richtung beschritten hat.
Nein, er kommt aus dem Tal, hat einen inoffiziellen Weg genommen,
aber er kennt den Weg zum Grat, la Spionera, zehn Meter weiter
und dann steil nach oben, bis man einen Pfad sieht.

Steil ist untertrieben. Wenn ich die Hände zu Hilfe nehme, gehe
ich noch fast aufrecht. Und ich darf mich nicht aus der Ruhe
bringen lassen, wenn die Füße auf dem etwas losen Untergrund
bisweilen ein wenig abrutschen. Einfach Schritt nach Schritt
machen, dann kommt man schon nach oben. Solche Stellen kommen
öfter. Manchmal hat man hinter sich einen richtig tiefen Abgrund,
an den man nicht denken sollte. Ich konzentriere mich auf mein
Ziel, den zu erreichenden Kamm, und es funktioniert.

Auf der kaum abgestumpften Schneide eines Grates wandere ich nach
Süden, Berge des Bosco Nero links, dahinter wohl die Friaulischen
Dolomiten, rechts nicht minder steile Berggruppen, die zur
Schiara gehören müssten. Schön ist es hier, in dieser abgesehen
von meinen Schritten völligen Ruhe, die durch den bedeckten
Himmel noch verstärkt wird. Grandios ist die Aussicht, Berge,
steile Felsflanken, so weit man sieht, außer man richtet den
Blick nach unten. Da sieht man einen ordentlich ausgetretenen
schmalen Pfad, und direkt daneben einen Abgrund, der durch
Buschwerk optisch entschärft wird, darunter Dschungel ohne
sichtbare Spuren von menschlichen Eingriffen, so weit das Auge
reicht, eine grüne See, die gegen ein Steilufer brandet. Die
Büsche bilden die Gischt.

Großartig, zauberhaft, erhaben wirkt die Umgebung, stolz schreite
ich über den Pfad durch diese Welt über den Tälern, nein, einsam,
verloren in einem Meer von Bergen, ohne ein sichtbares Ufer, habe
ich mich einer Strömung ausgeliefert, in der es kein Zurück mehr
gibt. Keine der bröseligen schrofigen Flanken, die ich mich
hochgekrallt habe, möchte ich wieder hinuntersteigen. Ich setze
Schritt vor Schritt in der Hoffnung, dass das Wetter hält, der
Weg nicht wesentlich schwieriger wird, und ich keinen Fehler
mache.

Im Wasser sieht man keine Spuren, hier sehr wohl. Der Pfad, auf
dem ich bequem wandere, ist ein Beweis, dass ich nicht der erste
und nicht der einzige bin, der hier geht. Außerdem gibt es
Schilder, die Jagdgebiete markieren. Der Weg wird auch von
Jägersteigen gekreuzt. Die Menschen, die hier arbeiten, müssen
trittsicher sein wie Gämsen, um sich mit über die Schulter
baumelndem Gewehr und womöglich einer schweren unhandlichen Beute
im Rucksack auf, quer und ab in diesem fast senkrecht steilen
Gelände durch Dickicht und bröseligen Boden zu bewegen.

Leichter haben es die Schmetterlinge. Von denen gibt es auf
einmal immer mehr. Zu Hause sehe ich die nur noch vereinzelt, in
den nördlichen Voralpen höchstens in kleinen Gruppen. Hier
scheine ich in einen richtigen Schwarm geraten zu sein. Und der
flieht nicht vor mir. Als ob die Tiere neugierig wären, mich
erforschen möchten, fliegen sie zielstrebig auf mich zu, lassen
sich auf meiner verschwitzten Haut nieder. Ich denke an die
umschwärmten Socken von gestern. Einer verfängt sich unter meiner
Brille. Ich bleibe stehen, nehme sie ab und lasse ihn
weiterfliegen. Eigentlich schmeichelt es, so umschwärmt zu
werden, wie auf meiner ersten Dolomitenetappe, als aus allen
Richtungen Schafe auf mich zugerannt sind, mich umkreist und am
Weitergehen gehindert haben, ganz zu schweigen von dem
Zwergschwein vor der Senneshütte, das meine Hose mit dem Rüssel
vollgesaut hat. Mit Moskitos hatte ich hier zum Glück noch keine
Bekanntschft machen müssen.

Wieso habe ich auf einmal Appetit auf Pizza? Ich laufe durch eine
Oreganowiese, ein wenig Grün im hellen Stein, aber intensiv und
anregend duftend. Für solche Augenblicke liebe ich die Berge. In
Longarone wird es eine schöne große Pizza geben.

Schlüsselstellen

Kurz hinter einem der Jägersteige geht es hinab zu einem steilen
versicherte Steig. Der selber sieht eher harmlos aus, eine
schmale Felsrinne mit sehr hohen Stufen. Nur, um dort
hinzukommen, muss man eine Sandrinne queren, mindestens genauso
steil, hundert Meter tiefer im Nichts verschwindend, ohne
Sicherungsmöglichkeit. Erst einmal packe ich mein Klettersteigset
aus und studiere die Gebrauchsanweisung. In Ruhe, ohne Eile, die
Sandfalle zu queren, lege ich Gurt und V-Set an. Wozu die
Spannung? Könnte man die Versicherung nicht einfach länger
machen? Hilft nichts, ich muss erst den Schrofenhang queren,
schräg abwärts. Hochklettern ist vorhin ja auch gegangen, schon
mehrmals, Schritt für Schritt, zügig ohne Hast. Klick, ich bin an
der Versicherung, mein Puls rast, aber auf einmal fühle ich mich
unendlich sicher und ruhig. Eigentlich sieht es ab hier einfach
aus. Man kann sich links und rechts festhalten, und falls man
fallen sollte, würde man womöglich mit dem großen Rucksack bald
steckenbleiben. Festhalten? Man nehme einen Griff, versuche sich
daran festzuhalten, lege den Griff zur Seite, versuche, sich an
dem Stein darunter festzuhalten, lege ihn zur Seite, und so
weiter. Hier ist alles völlig verwittert und brüchig. Nur die
hohen Stufen, auf denen wohl doch öfter jemand geht, und die bei
Regen sicher gut gespült werden, wirken einigermaßen solide.
Irgendwie findet man immer einen Tritt, irgendwo kann man sich
auch immer festhalten, so dass man sich nie auf nur einen Griff
oder Tritt verlassen muss. Dass man sich nach jedem Haken in der
Wand umhängen muss, wirkt eher störend. Aber ich habe ja gesehen,
wie unzuverlässig der Untergrund ist.

Als gegen Ende der versicherten Strecke die Stufen immer größer
werden, ist meine Geduld zu Ende. Ich stelle mich frontal zum
Drahtseil, nehme es fest in beide Hände, stemme mich mit den
Füßen gegen den senkrechten Fels und hangle mich so Schritt für
Schritt an der Wand abwärts. Das kommt mir zwar geschummelt vor,
ist aber momentan für mich die schnellste Lösung. Das Seil schaut
neu aus, und auf die Haken übe ich zumindest keine abrupte
Belastung aus. Dies war wohl die Stelle am Draht, die die Wirtin
gemeint hat. Und ich bin mir nicht sicher, ob man sie nicht hätte
umgehen können. Ob ein ungesicherter Steig sicherer wäre, ist
eine andere Frage. Jedenfalls habe ich jetzt die Schlüsselstelle
der Etappe hinter mir, das einzige Stück mit Klettergurt in zwei
Wochen. Ab jetzt brauche ich die restliche Strecke nur noch zu
genießen. Das glaube ich eine Weile, ein kurzes Stück, bis ich
wieder ein Stahlseil sehe, nagelneu mit blitzblanken Haken – und
meinen Augen nicht traue.

Der Berg ist hier waagerecht geschichtet wie der Monte Pelmo, und
hier ragt der Berg ab Kniehöhe leicht über den Weg hinaus.
Darunter könnte man hindurchkriechen. Spannend ist aber, wo das
Seil angebracht ist: über dem Rand des Überhangs. Vermutlich ist
das so gedacht, dass man sich am Seil sichert und einhält, und
sich mit den Füßen am Rand des Weges in leichter Rückenlage
seitwärts entlanghangelt, praktisch so, wie ich es am Ende der
letzten Versicherung gemacht habe.

Ich stelle den Rucksack ab und schaue mir in Ruhe die Stelle und
die Umgebung an. Unterhalb der vielleicht zehn Meter langen
Passage fällt der Hang fast senkrecht ab, gut hundert Meter tief,
dann immer noch steil weiter, nur schütter von Büschen bewachsen,
zu wenig, um einen möglichen Sturz zu bremsen, vielleicht aber
ausreichend, um einen Körper für immer vor menschlichen Augen zu
verbergen, sofern es da unten nicht auch Jägersteige gibt.

Ich habe alles für eine anständige Sicherung dabei, bewundere den
Einsatz der Leute, die die Versicherung angelegt haben, und die
schöne Ausführung, habe aber keine Lust, mit zwanzig Kilo auf dem
Rücken in halber Rückenlage über den Abgrund zu tänzeln.

Ohne Rucksack kann ich gerade noch auf Knien und Ellbogen unter
dem Überhang durchrobben. Fast direkt dahinter fehlt auf ein paar
Metern der Weg, und man muss den oberen Rand auf einer sehr
steilen Sandrinne queren, ein paar Schritte waagerecht, dann
einen Schritt aufwärts zu einer schrägen Felsplatte, an deren
oberen Rand man sich wieder festhalten kann, nachdem man eine
große schwarze Spinne verscheucht hat. Vorsichtig richte ich mich
auf. Vor dreizehn Jahren bin ich an einer ähnlichen aber weniger
spektakulär aussehenden Stelle beim Schritt nach dem Aufrichten
fünf Meter tief abgestürzt und habe mir dabei drei Rückenwirbel
gebrochen. Dass ich immer noch laufen kann, gilt als großer
Glücksfall. Damals war allerdings Wasser im Spiel, und heute ist
es staubtrocken. Im Sand sehe ich Spuren. Die müssen von der Frau
sein, die laut Hüttenwirtin vor zwei Tagen diese Strecke gegangen
ist. Ich tippe auf Schuhgröße achtunddreißig. Damit ich nachher
mit Rucksack keine wackligen Manöver machen muss und sichere
Tritte vorfinde, trete ich die Spuren im Sand zu waagerechten
Stufen.

Beim Zurückrobben merke ich langsam, wie die Haut an Knien und
Ellbogen immer dünner wird. Um nicht auf den letzten Etappen mit
Schürfwunden herumlaufen zu müssen, klebe ich die beanspruchten
Stellen mit riesigen Pflasterstücken ab. An den Rucksack binde
ich ein langes Stück Schnur, damit ich ihn nachziehen kann. Bei
dem Manöver bemerke ich, dass der Rucksack tiefer als breit ist
und gerade noch unter dem Felsvorsprung durchpasst. Außerdem habe
ich Glück, dass der Boden von der Wand zum Abgrund hin ein wenig
ansteigt. Sonst würde der Rucksack beim Ziehen möglicherweise in
den Abgrund rutschen. Mit der gebotenen Vorsicht setze ich den
schweren Rucksack auf dem kurzen Stand nach dem Kriechstück
wieder auf. Während der paar Schritte über den Sand beginnt es zu
regnen. Die Steinplatte bekommt große dunkle Flecken. Hieß es
nicht in der Fahrschule, dass die Straße am Beginn eines Regens
am schmierigsten ist? Bloß keine Bilder von dem Unfall damals
heraufbeschwören! Mein Herzschlag geht hoch, ich spüre meinen
Puls am Hals ohne hinzufassen, obwohl es rational keinen Grund
für Nervosität gibt.

Zügig gehe ich die zwei Schritte auf der Steinplatte hoch. Die
Spinne ist schon wieder an ihrem Platz und krabbelt wie vorhin
hastig in ein Versteck. Ich glaube, sie murren zu hören.
Vermutlich wurde sie vorgestern schon einmal verscheucht. Drei
Störungen in drei Tagen, eigentlich trotzdem ein ruhiger Platz.

Jetzt wäre eine Gelegenheit, die Passage fotografisch
festzuhalten. Ich verzichte darauf, schaue mich nicht einmal
richtig um. Die Absturzstelle von damals habe ich fotografieren
lassen, sie ziert die Titelseite meines ersten Buchs, ich will
jede Parallele vermeiden. Zwar bin ich an der Stelle vorbei, aber
ich habe vorhin schon einmal gemeint, die Schlüsselstelle wäre
überstanden.

Ab jetzt wird es aber wirklich weniger spektakulär. Zwar kommen
immer wieder Stellen, an denen der Weg abgerutscht sein muss und
ein steiler Sandhang zu queren ist, aber das kann ich inzwischen.
Interessant wird noch, die Stelle zu finden, an der man den Kamm
ein letztes Mal überschreiten muss. Ich gehe in einer Art von mit
spitzen Zacken gesäumten Kessel und muss den Kesselrand an der
richtigen Stelle überqueren. Zwei der Zwischenräume zwischen den
Zacken führen laut Karte jeweils zu einem Weg ins Tal. Den
zweiten davon will ich nehmen. Allerdings gibt es viel, viel mehr
Zacken und Zwischenräume. Trotzdem finde ich die beiden Stellen.
Erstens gibt es an den entscheidenden Abzweigungen Schilder,
zweitens kann ich wohl tatsächlich eine Karte recht genau lesen,
wenn ich eine Situation ernst genug einschätze.

Hasenperspektive

Beim steilen Abstieg vom Kesselrand sieht man unten keine tiefen
Schluchten mehr, sondern eine grüne Parklandschaft, sattes Grün,
vielleicht Wiese, und dazwischen dunkle mal rundlich, mal
länglich geformte meist einzeln stehende Gehölze. Nur vom
tierischen Leben sieht man von hier aus nichts, keine Menschen,
keine großen Tiere wie Kühe, alles wirkt gepflegt aber verlassen.

Laut Karte muss ich mich jetzt ziemlich steil nach unten halten,
recht genau an einem Bachbett entlang, östlich von zwei Ruinen
und einem unbewohnten Haus, bis ich auf einen flach verlaufenden
Weg treffe. Bald verliere ich die Markierungen aus dem Auge und
klettere das Bachbett hinunter. Das geht sowieso einfacher. Den
Weg finde ich, auch Schilder, auf denen aber keines der Ziele
angegeben ist, die ich anpeile. Da ich mich in dieser einsamen
Gegend nicht verlaufen möchte, gehe ich genau nach Karte und
peile über eine Wiese, über die ein Weg laufen müsste, den aber
in den letzten Wochen offensichtlich niemand gegangen ist. Mitten
auf der Wiese, im Meterhohen Gras, sehe ich tatsächlich auf
einmal einen Stein mit einer roten Markierung auf dem Boden. Ich
habe richtig gepeilt und bin ganz stolz auf mich.

Hier fehlen die Kühe, die das Gras kurz halten. Die Ruinen deuten
darauf hin, dass die Region schon einmal intensiver
bewirtschaftet war. Vermutlich ist der Wassermangel ein Grund
dafür, dass man die Gegend immer mehr auflässt.

Bald sehe ich eine Gruppe von steinernen Häusern, von denen eines
das Bivacco Toanella sein muss. Es ist auch ein direkter Weg dort
hin auf der Karte eingezeichnet. Allerdings ist in der Natur hier
nur eine Wiese mit von Menschen und großen Tieren unberührtem,
sehr hohem Gras zu sehen. Außerdem geht es durch eine Bodenwelle,
in der man leicht seine exakte Richtung verlieren kann. Und die
müsste man sehr genau treffen, da es zwischendurch eine tiefe
Böschung gibt, die laut Karte und Augenschein aus der Ferne nur
an einer kurzen Stelle leicht zu passieren ist.

Da ich nicht hundert Meter vor dem Bivacco in einem Graben enden
möchte, entscheide ich mich dafür, ein Stück zurückzugehen und
einen Bogen nördlich um das Bivacco zu machen, wo deutlich ein
Pfad verläuft. Vielleicht sieht man von dort irgendwo einen
einfachen gut sichtbaren Zugang. Wie umständlich so eineinhalb
Meter Gras eine Wanderung machen können. Gut eine Stunde wird
mich die Ehrenrunde um die Biwakhütte mindestens kosten. Gibt es
keine Möglichkeit, hier wieder Kühe oder Schafe anzusiedeln? Wenn
das so weitergeht, wird in einigen Jahren das Bivacco in einem
Wald verschwunden sein.

Während ich mich auf einem deutlichen Pfad einer von weitem
sichtbaren beschilderten Kreuzung auf einer Anhöhe nähere, ziehen
sich recht dunkle Wolken zusammen, und es beginnt zu regnen. Als
ich die Schilder erreiche, nach Longarone und zum Bivacco,
schlagen schon rundum Blitze ein, gefolgt von furchterregend
lautem Donner. Bei schönem Wetter wäre ich noch den Abstieg nach
Longarone angegangen, aber unter diesen Umständen flüchte ich
mich ins Bivacco, heilfroh, dass das Gewitter erst jetzt anfängt.
Der Weg dort hin besteht aus akkurat niedergetretenem Gras. In
dieser geschützteren Fläche ist die Wiese so hoch wie ich. Dabei
bin ich eigentlich gar nicht so klein.

Die Hütte hat fast alles, was Selbstversorger brauchen: Ein
festes Dach, Feuerstelle, Espressomaschine, Holzspalter, Holz,
Töpfe und Kessel, ein wenig Geschirr, und im Obergeschoß eiserne
Bettgestelle. Nur Wasser fehlt. Zwar stehen ein paar nicht ganz
leere bis halbvolle Wasserflaschen herum, aber ich weiß nicht was
drin ist, und seit wann. Wände und Decken sind mit Inschriften
verziert, die Betten sind voller Mäuseköttel. Ich mache eines der
Betten so sauber wie möglich, lege meine Matte und den Schlafsack
darauf, den Rucksack als Kopfkissen, mich als Mäuseschreck, denke
nicht mehr an die Tiere und schlafe ganz gut. Am Morgen entdecke
ich sogar die mäusesichere Eisenkiste mit den Wolldecken. Auch
einen Temperatursturz könnte man hier also überleben, wenn man
sich gründlich umsieht.

Abstieg nach Longarone

Am Morgen bin ich froh, dass vorerst nur ein einziger Pfad durch
das mannshohe Gras führt, ich mich also praktisch nicht verlaufen
kann. Innerhalb weniger Minuten bin ich patschnass, obwohl es
nicht mehr regnet und obwohl ich Regenhose und Regenjacke anhabe.
Zumindest die Schuhe hätten länger dicht halten können. Jetzt
weiß ich zumindest, wie sich ein Hase in einer Wiese fühlen muss,
nicht ganz, der Hase hätte jetzt alles, was er braucht, könnte
sich gemütlich durchfressen.

Ab dem Schilderbaum, an dem ich gestern zum Bivacco abgebogen
bin, laufe ich auf einem zweispurigen Weg. Nach der ersten und
letzten Steigung bin ich fast schon wieder trocken. Auf einer
ebenen Fläche unter mir stehen die Grundmauern eines Hauses im
Gras. Habe ich nicht schon einmal so etwas gesehen?

Ein Stück weiter sehe ich ein noch intakt scheinendes Haus, ganz
aus grauen Steinen. Südlich davon erblicke ich eine grüne Senke,
eine Art Kessel. Hier muss die im Führer beschriebene schlammige
Quelle sein. Der Weg führt wie auf der Karte eingezeichnet,
zwischen Haus und Quelle hindurch. Ich setze mich an meinem
Aussichtspunkt hin und knabbere ein paar Faneskekse und ein
fettes Stück Speck. Vom Haus zur Senke treibt ein Mensch eine
kleine Schafherde. Er erblickt mich, ich winke ihm kurz zu. Bis
ich da unten bin, wird noch dauern. Vermutlich tränkt er jetzt
seine Schafe.

Obwohl ich von meinem Platz aus eine ganz gute Übersicht habe,
sehe ich kein Wasserloch und auch keinen Brunnen. Meine Augen
sind aber auch nicht die besten. Und laut Karte und Reiseführer
muss dort wirklich die Quelle sein. Auch dass der Schäfer samt
Herde so zielstrebig hier hinläuft, werte ich als Anzeichen. Dass
es aber für den menschlichen Verzehr nichts rechtes sein kann,
folgere ich aus der Bezeichnung „schlammig“ aus dem Wanderführer
und aus der Angabe der Miss Bosco Nero, dass es bis Longarone
kein Wasser gibt.

Egal, mir geht es noch sehr gut, ich habe weder Durst noch
Krämpfe und sogar die staubtrockenen Brotscheibchen und den
salzigen Schinken bekomme ich gut herunter. Es schmeckt sogar,
und beim langsamen ausgiebigen Kauen wird der Mund sowieso
feucht. Möglicherweise verwertet der Körper zugeführtes Wasser
besser, wenn es knapp ist, in diesem Fall die Flüssigkeit aus dem
Speck. Wahrscheinlich aber habe ich Glück gehabt, dass gestern
trübes Wetter war und ich daher kaum schwitzen musste. Schnell
bewegt habe ich mich auch nicht, die Anstiege waren steil aber
sehr kurz, ich bin nach den kurzen Etappen der letzten Tage
ausgeruht, gut in Form und bewege mich inzwischen ökonomisch,
ohne unnötige Anstrengung, auch weil ich weiß, dass meine
Reserven knapp sein müssten. Den vorletzten Schluck aus der
Eineinhalbliterflasche habe ich vor einer Stunde genommen,
wissend, dass jetzt nur noch zwei bis drei Stunden Abstieg
folgen. Als ich gemächlich von meinem Aussichtsplatz aus
absteige, kreuzt der Schäfer noch gemächlicher meinen Weg.
Vermutlich ist er nicht viel älter als ich, aber ziemlich
verwittert und angegraut. Ich bleibe kurz stehen und nicke ihm
freundlich zu. Er kommt her und gibt mir entschlossen die Hand.
Wir gehen weiter. Irgendwie bin ich stolz auf den Händedruck.

Ab jetzt habe ich das Gefühl, dass ich die Alpenüberquerung
geschafft habe und überhaupt keine Eile. Ein paar Ecken weiter
höre ich das Plätschern eines Baches. Das Bachbett, das steil,
fast senkrecht, von einem Berg stürzend meinen Weg kreuzt, sieht
völlig trocken aus, aber das Plätschern, das Rauschen ist
eindeutig. Das Wasser muss unter den dicken weißen Geröllbrocken
fließen, die das Bachbett abdecken, so weit man sieht. Ich denke
an das Bad von vorgestern, stelle den Rucksack ab, nehme meine
Tasse und die Wasserflasche und genieße die Leichtigkeit, die
eintritt, wenn von einem Moment auf den nächsten zwanzig Kilo von
einem abfallen.

Zwar sehe ich nirgends Wasser, aber vielleicht habe ich etwas
weiter oben mehr Glück. Fels für Fels klettere ich das Bachbett
hoch, immer dem Rauschen nach. Ich glaube, das Wasser zu riechen.
Normalerweise finde ich Wasser, wenn ich genügend Durst habe, sei
es ein Bach oder ein unbewachter Wasserhahn an einem Haus
inmitten einer Ortschaft. Hier klettere ich nur etliche Meter
über trockene Steine. Vielleicht reicht der Durst nicht aus. Es
war ja mehr die Neugier, die mich zu dem Abstecher getrieben hat.
Bald weicht die der Vernunft, und ich kehre zum Rucksack zurück.
Die Strecke bis Longarone überstehe ich auch so, aber jetzt weiß
ich, dass ich nicht drei Meter neben einer leicht zugänglichen
Wasserstelle vorbeigegangen bin.

Nach und nach wird alles dichter, bunter, lebhafter, normaler –
schade und beruhigend. Mit den ersten Holzhäusern kommen die
ersten leicht zugänglichen Quellen. Langsam, vorsichtig fange ich
mit einer Tasse von dem köstlichen kostbaren Stoff an, fülle
vorsorglich meine Flasche und gehe weiter, bis ich an eine
ziemlich neue Kirche mit Ausblick auf Longarone komme. Das ist
ein modernes Städtchen oder Dorf mit ausgedehnten
Gewerbegebieten, das über einem sehr breiten Wildflussbett liegt.
Wenn man es weiß, sieht man auch die Staumauer weiter im Osten,
wo das Flüsschen Vajont unterbrochen wird, ein gruseliger
Anblick, wenn man die Geschichte des Ortes kennt. 1963 ist ein
großer Teil eines Berges in den Stausee gestürzt. Die daraus
entstandene Flutwelle hat zweitausend Menschen getötet, alle, die
im Ort waren. Die Kirche, an der ich raste und Wasser trinke, ist
eine Gedächtniskirche für das Unglück. Mehr zu dem Thema würde
den Rahmen des Textes sprengen – allein die Diskussion, ob das
Wort „Unglück“ in diesem Zusammenhang berechtigt ist.

Ich laufe weiter und freue mich auf die Pizza. Im Ort studiere
ich die Busfahrpläne und finde mehr Informationen zur Geschichte,
zur undenkbaren Katastrophe. Heute gibt es einiges dazu im
Internet.

In einer Pizzeria gibt es eine große Flasche Wasser, ein Glas
Wein, einen großen Salat und eine Pizza, die wunderbar nach
Oregano duftet. Zur Nachspeise werde ich den Bus zum Stausee
nehmen. Ich habe ja noch zweieinhalb Tage Zeit für einen
Espresso.

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2008 teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 2,33

Auch Ihr könnt Eure Bewertung abgeben. Bitte orientiert Euch am Schulnotensystem (1=sehr gut, 6=ungenügend).

Martin Schrank
1Comment
  • Reisender
    Posted at 18:02h, 20 Juli

    Note 2,5