Marokko mit dem Motorrad

Marokko mit dem Motorrad

Früh am Morgen wache ich wegen der Kälte auf, trotz der zusätzlichen Klamotten die ich mir in der Nacht angezogen habe. Schätzungsweise 10 Grad haben wir draußen. Da die einfachen Zimmer nicht isoliert sind, dürfte es im Zimmer nicht viel wärmer sein. Bernd schläft, als sei er drei Tage durchgefahren. Neugierig gönne ich mir einen Blick nach draußen, um zu sehen, wie die Umgebung bei Tag aussieht. Es ist schon hell, obwohl es erst kurz nach 6:00 Uhr ist. Den ersten Fuß vor die Tür gesetzt, werde ich doch schon fast von den Geologen vom Vorabend über den Haufen gerannt. Die Geologen beladen hastig ihren angemieteten Kleinbus. Es sieht so aus, als hätten sie es eilig, und ich dachte immer für einen Geologen ist ein Zeitraum von einer Million Jahre gar nichts. Diese sind jedenfalls Turbogeologen.

Für ein kräftiges „Guten Morgen“ reicht es noch. „Wohin so eilig“, frage ich noch halb verschlafen und auch nur halb bekleidet? „Wir machen uns auf den Weg über den Atlas Richtung Ouarzazate“, ruft mir ein Geologe zu. „Ja, da wollen wir heute auch noch hin. Aber nicht um Steine zu suchen, sondern um offroad zu fahren“, erwidere ich.

Ein Blick auf den Pool, der direkt vor unserem Zimmer liegt, beweißt mir, dass Bernd Recht hatte. Es stehen tatsächlich Liegestühle am Pool. Es wäre also doch möglich gewesen dort notdürftig zu übernachten. Während Bernd noch weiter vor sich hin schlummert, gehe ich ins Bad, um mich meiner Morgentoilette zu widmen. Schon beim abendlichen Zähneputzen ist mir aufgefallen, dass es nur kaltes Wasser gibt. Beim Waschen kann der Morgenschock durch das kalte Wasser sogar einen Komapatienten erwachen lassen. Das Wasser ist so kalt, mich wundert, dass nicht gleich Eiswürfel aus der Leitung fallen. Ich bin gerade mit dem Vorwaschgang fertig, als das Wasser plötzlich ausgeht. Mir bleibt nur, meine Wasserflache vom Nachttisch zu holen, um mir wenigsten die Seife aus dem Gesicht zu waschen. Zu allem Übel fällt auch noch der Strom aus. Mehr schlecht als recht schaffe ich es noch, mich fertig zu machen. Da der Spülkasten der Toilette noch voll ist, kann ich diese auch noch einmal benützen. Bernd dagegen hat Pech, er muss zum Spülen später Wasser aus dem Pool holen. Aber das interessiert mich in diesem Moment nicht. Jetzt sind mir auch die 9 Euro für die Übernachtung klar.

Wie ich später erfahre, ist die Wasser- von der Stormversorgung abhängig. Ohne Strom kein Wasser, da die Wasserpumpe nicht funktioniert. So einfach ist es. Während ich mich anziehe, wacht Bernd tatsächlich auf. Ein spöttisches „Mahlzeit“ bringt ihn auf die Idee, mich nach der Zeit zu fragen. „Halb sieben“, sage ich, „die Geologen sind schon im Gebirge und haben die ersten Steine ausgegraben und Du verschläfst den halben Tag. Jetzt aber zackig aus der Koje und in die Stiefel.“ Bernd klettert mit zerknittertem Gesicht aus seinem Bett und geht ins Bad, während ich schon meine Maschine belade. Plötzlich donnert ein hallendes, lang gezogenes „Scheiße“ aus dem Zimmer. Ja der Bernd ist wach, ich hatte ihm doch vergessen zu sagen dass wir kein Wasser haben. Das ist ärgerlich, wenn man den Mund voll mit Zahnpasta hat und nichts zum Ausspülen. Kollegial wie ich bin, bringe ich ihm eine Wasserflasche und die Welt ist wieder in Ordnung. Was will man auch für 9 Euro die Nacht erwarten, wir sind in Afrika.

Mein Motorrad ist beladen, als ich mich wundere, keine Berge zu sehen. Von Marrakesch konnte man so schön das Gebirge mit den schneebedeckten Gipfeln erkennen. Wo sind wir denn, frage ich mich. Bernd, der ebenfalls seine KTM belädt, kann mir auch keine Antwort geben. Da die Hotelanlage mit Bäumen umgeben ist, kann man nicht viel sehen. Bewaffnet mit dem Fotoapparat laufe ich aus der Anlage auf die Straße zu einer kleinen Brücke. Dort sehe ich ein fast ausgetrocknetes Flussbett und einige hohe Berge um mich herum. Marrakesch ist weit und breit nicht mehr zu sehen. Wir sind schon im Atlasgebirge, wir haben dort sogar übernachtet. Ein weiterer Blick auf die Karte und das GPS bestätigt, was ich vermute. Deshalb war es auch so kühl letzte Nacht. Das GPS zeigt mir an, dass wir schon 700m über dem Meer sind.

Weder auf dem GPS noch auf der Straßenkarte ist in den nächsten 160km eine Ortschaft eingezeichnet, deshalb beschließen wir, zurück in den Ort zu fahren, um dort noch einmal unsere Tanks zu füllen. Sicher ist sicher. Voll getankt fahren wir ins Gebirge hinein. Die Landschaft ist noch grün und sehr kurvenreich, eigentlich ein Traum für jeden Biker, aber wir haben aus Franks Erfahrungen gelernt und fahren sehr vorsichtig durch die Kurven. Die Ölspuren der LKW sind nicht zu übersehen und teilweise auch zu riechen. Ein Unfall im Gebirge muss nicht sein. Am Straßenrand sind die Grasverkäufer des Rifgebirges zu Fossilienhändlern mutiert. Jeder der Männer zeigt Fossilien und glitzernde Steine in den verschiedensten Farben. Aber warum soll ich mir hier eine Fossile kaufen, wenn ich dort hinfahre, wo sie herkommen? Ich habe ja schließlich auch keinen Eimer Sand im Gepäck, den ich in die Sahara trage. Wir ignorieren die Händler am Straßenrand und überholen den einen oder anderen Kleinbus mit Touristen. Auf einer ersten kleinen Passhöhe legen wir eine Pause ein, denn dort ist ein kleiner Souvenirladen, und etwas zu trinken gibt es auch. Genau das richtige für eine Zigarettenpause und ein paar Bilder im Gebirge. Der Motor ist noch nicht einmal in die Leerlaufdrehzahl gekommen, da stehen rechts und links am Lenker die Straßenhändler mit allem möglichen Ramsch, den sie verkaufen wollen. Hauptsächlich Fossilien natürlich. Der Platz ist von den Händlern strategisch gut gewählt, da hier auch die ganzen Touristenbusse anhalten. Während ich Bilder von der schönen Berglandschaft schieße, zeigt mir einer den Straßenhändler eine Kugel aus Stein, die so groß wie ein Tennisball ist. Das Besondere an dieser Kugel ist, dass sie aufgebrochen ist. In ihrem Inneren ist die hohle Kugel an der Innenseite mit schönen blauen Kristallen bedeckt. Wunderbar sieht dieser hohle Stein aus. Anfängliche 30 Euro erschienen mir nicht einmal viel für diese wunderschöne Kristallkugel. Da ich aber kein Interesse zeige, geht der Händler immer weiter mit dem Preis herunter. Kurz vor unserer Weiterfahrt liegt der Preis schon bei 2 Euro. Aber das kommt mir jetzt zu Spanisch vor.

Über die kurvigen Bergstraßen fahren wir immer weiter den Pass hinauf. Die Landschaft ändert sich zunehmend. Die steilen Felsen, die teilweise fast senkrecht in die Tiefe abfallen, sind prima Motive für jeden Landschaftsfotografen. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Serpentinen werden immer enger und die Vegetation reduziert sich auf eine paar Gräser im Geröll. Als wir die Passhöhe des Tizi-n-Tichka-Passes auf 2.215m erreichen, gleicht die Umgebung einer Mondlandschaft. Es ist alles felsig und es ist bitterkalt. Es ist kaum zu glauben, dass nach der Überquerung die Wüste kommt und es wieder oder sogar richtig heiß werden soll.

Trotz der kalten Temperaturen muss ich eine längere Pause machen, um Bilder der Landschaft und des kurvigen Straßenverlaufs zu machen. In den tiefen, schmalen Tälern, in denen sich das Schmelzwasser sammelt, ist es sogar etwas grün. Mir ist jetzt klar, warum das Wasser heute Morgen so kalt war, es kommt von hier aus den eisigen Höhen. Die schneebedeckten Gipfel sind jetzt zum Greifen nah. Auch hier oben stehen wieder Fossilienverkäufer, die jedem Touristen solange auf die Nerven fallen, bis diese etwas kaufen. Elegant können sie sich in vielen Sprachen mit einem unterhalten. Dies kann man einfach testen, indem man ihnen keine Antwort gibt, wenn sie einen ansprechen. Der Händler denkt, man versteht ihn nicht, und ist somit gezwungen seine ganzen Sprachkenntnisse offen zu legen. Manche bringen es bis auf 6 Sprachen. Andere wiederum werfen nach der zweiten Fremdsprache schon die Flinte ins Korn. Als ein Händler mit der gleichen hohlen Kugel, die sogar die gleiche Bruchstelle aufweist auftaucht, weiß ich woran ich bin. Er öffnet die Kugel und die gleichen blauen Kristalle funkeln mir entgegen. Als ich ihm sage, dass ich die blaue Farbe nicht mag, greift er schnell in die Tasche und holt die gleiche Kugel in gelb heraus. Als ich sage, dass ich keine Fakes kaufe, gibt er alles und holt noch eine hohle Kugel mit gelben Kristallen aus seiner Tasche. Unglaublich wie Touristen hier über den Tisch gezogen werden. Es hat eine Zeit lang gedauert, aber wir haben die Händler überzeugen können, dass wir nichts kaufen werden.

Motorrad in der marokkanischen WüsteBis Bernd eine seiner weiteren letzten Zigaretten genießt, beobachte ich auf der gegenüberliegenden Seite des Tals ein paar Schafe und Ziegen, die regelrecht am felsigen Hang hängen. Ich frage Bernd, ob er schon einmal Schafe gesehen hat, die Steine fressen? „Nein“, sagt er, „wie kommst Du denn darauf?“ „Schau mal da drüben am Felshang, kein Grashalm zu sehen und die Schafe und Ziegen weiden dort.“ Es sind ungefähr hundert Schafe und Ziegen zu sehen. In dieser Höhe gibt es nichts, von was die Tiere leben können. Es ist mir klar, dass diese Tiere Steine fressen müssen, um zu überleben. Bernd ist ebenso überrascht wie ich, aber im Grunde genommen ist es ihm egal, was die Tiere fressen. Er friert und in der Not ist einem die Jacke näher als die Hose.

Wir machen uns fertig für die Abreise Richtung Wüste. Die Kälte hält auch mich nicht länger auf der Passhöhe als nötig. Die Steine fressenden Schafe und Ziegen werden mir noch eine Weile in Erinnerung bleiben. Es ist schon unglaublich. Aber jetzt geht es in die Wüste. Wie wird es dort aussehen, wenn wir den Berg hinabfahren? Vielleicht erwartet uns viel Sand – oder auch nur Geröll. Sicher wird es wärmer, aber wie warm? In vielen Reiseberichten habe ich gelesen, dass es sogar in der Wüste nachts bitterkalt wird. Ich bin gespannt wie eine Wäscheleine.

Ab hier ist auch der Punkt erreicht, von dem wir mit jedem Meter unserem eigentlichen Ziel, den Dünen von Erg Chebbi, näher kommen werden. Jede Umdrehung unserer Räder ist eine Bewegung in die richtige Richtung.

Erreicht Michael die Dünen von Erg Chebbi? Fortsetztung in unserer Neuveröffentlichung „Mit dem Motorrad in die Sahara„…

Michael Mobius
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