Pupkewitz – ein Monat mit dem Zelt in Afrika

Pupkewitz – ein Monat mit dem Zelt in Afrika

Ich weiß, wie ich darauf gekommen bin, wieder nach Afrika zu gehen. Nachdem ich vor drei Jahren eines der meiner Meinung rückständigsten Länder der Welt bereist und bewohnt habe, Ghana, war es Zeit für einen positiveren Eindruck. Afrika hat mich angefixt. Und nach meinem diesjährigen Besuch schlägt mein Herz umso mehr für dieses Land.

Als wir aufbrechen, wütet in Deutschland Orkan Emma. Das ist der richtige Zeitpunkt, der eine Reise in die Wüste verlockend erscheinen lässt. Der Plan ist, im April schlank, braungebrannt und pickelfrei zurückzukehren, dank schmaler Kost und täglichem Training des Backpackens. Unsere Rucksäcke kommen uns Tonnen schwer vor, wiegen aber zusammen nicht mehr als 28 kg. Wir sind untrainiert. Dafür bietet mir die Rostlaube von Air Namibia nichts weiter an als ein veganes Menü und neidisch beäuge ich Hannas Milchkaffee. Etwas anderes bleibt mir auch nicht zu tun, denn für den Emirates-verwöhnten Vielflieger wird keinerlei on board entertainment geboten. Weder in-seat noch sonst wie. Es sei denn, man interessiert sich für Golf. Das tu ich nicht. Vielleicht aber die ganzen käsefüßigen Khakiträger mit ihren Jagdzeitschriften auf dem Schoß. Das Publikum ist gruselig, wir senken den Altersdurchschnitt.

Um 9.20h kommen wir in Namibia an und werden schier von der Hitze erschlagen. Zum Glück kommt unser Gepäck mit uns an, also können wir gleich die dicken Klamotten umpacken und dann Geld abheben. Die Rand aus dem Automaten muss ich für den Taxifahrer doch noch in Namibische Dollar wechseln, hier weiß keiner so recht, was läuft, ach Afrika. Die Fahrt ins Zentrum Windhuks ist entspannt und die Landschaft betrachten wir mit offenem Mund. In der Touristeninfo erfahren wir, dass wir heute noch den Intercape Mainliner nach Vic Falls in Simbabwe erreichen können – und schmeißen zum ersten und nicht zum letzten Mal alle unsere Pläne um. Wir überlassen unser Gepäck zunächst der Obhut des Offices und Gottes Wohlwollen und besorgen uns unser Ticket im Checker’s Supermarkt gegenüber. Um unser Busticket auszudrucken brauchen drei angeödete und unmotivierte Angestellte sage und schreibe eine Stunde. Wir können es kaum glauben, dass wir es dann doch in den Händen halten.

Der Intercape Bus trifft eine Stunde zu spät ein, fast hätten wir uns noch in den falschen gesetzt. Aber da es erst eine weitere Stunde später wirklich losgeht, haben wir genug Zeit, uns zu organisieren. Den Platz ergattern wir oben ganz vorne – wenn nicht mittlerweile die Nacht eingebrochen wäre, könnten wir viel Landschaft sehen. Stattdessen frieren wir, denn die Klimaanlage ist wirklich eiskalt. Ich beneide unsere schlauen Mitreisenden, die sich zum Teil in Daunendecken kuscheln.

Wir erreichen die Grenze nach Sambia. Die Formalitäten brauchen viel Zeit. Das Visum kostet für Ansässige ein paar Kwacha, für Europäer 50 US$ und für Amerikaner 120 US$.  Gut wäre, wenn man jetzt US$ hätte. Was kostet es in Euro?

„Das könnt ihr euch nicht leisten“

Der lustige Mensch vom Schwarzmarkt möchte für 50US$ 55Euro haben, da lachen wir trocken und zahlen schweren Herzens und mit erleichtertem Geldbeutel 50Euro für unser ranziges 2 Tages-Visum.

Der nächste Plan wird umgeschmissen: Das wollen wir in Simbabwe nicht noch mal durchmachen, wir entscheiden uns, in Livingstone, noch in Sambia, auszusteigen.

Dort landen wir in einer Menschentraube in der letzten Ecke des Dorfes, ein gelbäugiger Schwarzer offeriert uns permanent, uns zu Jollyboys Backpackers zu bringen. Als der Busfahrer seine Seriosität bestätigt und ihm das Versprechen abknöpft, auch nichts dafür zu verlangen, rennen wir ihm verunsichert hinterher. Denn er hat sich auch noch meinen Rucksack geschnappt.

Das Backpackers ist wirklich sehr schön, es gibt eine Chillout-Zone mit Kissen, eine Bar, hilfreiche Tipps und mehr für 40 Namibische Dollar. Wir heben noch schnell Kwacha ab, US$ können wir nicht mehr wechseln, es ist schon zu spät und wir fallen frühzeitig ins Zelt.

Die Victoria Fälle sind ein einmaliges Erlebnis.Victoria Falls

Der Pick Up Truck des Backpackers bringt uns für lau. In gemieteten Regencapes attraktiv zurechtgemacht setzen wir uns dem triefenden Sprühnebel aus, bis wir bis auf die Haut durchweicht sind, dann trocknen wir uns am Sambesi.

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Zurück in der Herberge raffen wir unser Hab und Gut an uns und haben das Glück, nach einem semi-gewaltsamen Fußmarsch zufällig auf unseren Bus zu treffen. Vermutlich waren wir in der falschen Richtung unterwegs. „Ihr könnt es nicht verfehlen.“ haben sie gesagt.

Der Bus ist voll mit afrikanischen Mamas und ihren Getreidesäcken, wir quetschen uns mit unseren Rucksäcken auf die letzte Bank. Das ist durchaus halbwegs bequem, bis es nach einer Stunde des Wartens voll wird. Ein netter Herr mittleren Alters setzt sich neben uns. Wo wir denn her sind? Ach, Deutschland. Ob ich denn Hitler kenne – persönlich? Hilfe. Ich informiere den guten Menschen, dass eben jener seit geraumer Zeit verstorben ist.

„Aber Deutschland ist ein gutes Land, war früher sehr stark.“

In den Fünfzigern? Wirtschaftswunder und so?

„Damals mit den taffen jungen Männern von der Gestapo…“

Ich rede gegen eine Wand.

In Kazungula springen wir ab, ich meinem Handgepäck hinterher, das der Herr hilfsbereiterweise für mich trägt. Ich bin immer wieder überrascht, dass mir auf meinen Reisen noch nie etwas passiert ist. Entspannt drückt er es mir in die Hand und weist uns den Weg zum Ausreisebüro. Von dort hilft uns jemand weiter zur Fähre, mit der je ein Laster übergesetzt wird. Die ganzen Trucker stehen vermutlich wochenlang an, der Weg sieht aus wie ein Schrottplatz. Auf der anderen Seite nehmen wir die Verfolgung anderer Immigranten auf, momentan befinden wir uns im Niemandsland. In Europa grenzt doch tatsächlich ein Land ans andere, bist du nicht in Deutschland, bist du in Frankreich. Hier ist kilometerweit Platz, Casinos zu eröffnen oder Koka anzupflanzen.

Der gute deutsche Pass ermöglicht uns eine kostenlose Einreise nach Botsuana, im Taxi geht es zu Barclay’s, zum Sparmarkt und dann zu Thebe River Camping in Kasane, der Löwenstadt. Im Büro ist kein Mensch. Wir stapfen planlos durchs Gelände, bis wir an der Bar einen unfreundlichen Angestellten finden, der uns einen trostlosen, sumpfigen Platz weist, wo wir unser Eigenheim aus Textil aufstellen können. Sehr Vertrauen erweckend, ich kann die Malariamücken förmlich riechen und frage mich, ob ein Zäunchen von einem halben Meter Höhe wirklich einen Löwen abhalten kann. Aus dem Unterholz grunzt es, aber Erdmännchen winken uns, der Anblick von Nagetieren heitert mich immer auf. Unser Bier trinken wir in der ungemütlichen Gesellschaft von grimmigen Fernfahrern, da will keine rechte Kommunikation aufkommen. Was uns entschädigt ist der überwältigende Sternenhimmel. Hanna zeigt mir Bilder und erkennt sicherlich auch die Unterschiede von Nord- und Südhalbkugel. Ich nicht, ich genieße.

Wir brechen früh auf und von Anfang an läuft nichts unseren Plänen entsprechend. Der seltsame Taxifahrer, der uns zur Busstation bringen soll, ist teuer und lässt nicht mit sich handeln, weil wir ihn bestellt haben. Aber er erklärt uns, dass wir gar nicht direkt nach Maun fahren können, sondern zuerst nach Nata müssen um dort umzusteigen. Jede Strecke dauert ca. fünf Stunden. Großartige Aussichten. Dem Bus begegnen wir auf der Straße, weswegen wir keine Möglichkeit mehr haben, Geld abzuheben. Denkbar, dass wir uns da schwer verrechnet haben.

Die Busfahrt ist aber recht bequem und wir sehen unseren ersten Elefanten an der Straße stehen. Da weiß man doch wirklich, dass man ganz weit weg ist. Alle Sorgen sind uns genommen, als wir von einer Dame der Buscrew hören, dass man in Nata Geld wechseln kann – erst vor Ort erfahren wir allerdings, dass damit nur US Dollar gemeint waren. So haben wir nicht genug Geld zur Weiterfahrt und Nata besteht praktisch nur aus einer Tankstelle. Panisch überrede ich die leicht verdutzte Dame vom Bus, uns mitzunehmen bis zur Nata Lodge, etwa zehn Kilometer entfernt, aber auf ihrer Strecke. Dort kann man angeblich Euros tauschen, unsere letzte Hoffnung mitten im Nirgendwo.

Durch tiefen Sand kämpfen wir uns einen ewig erscheinenden Weg zur Luxuslodge – zum Glück nicht umsonst: Man wechselt unser Geld! Ich hätte die konsternierte Frau an der Rezeption am liebsten umarmt. Aber ich bin zu verschwitzt. Stattdessen beschließen wir, eine Nacht hier zu verbringen. Nachdem wir unser Eigenheim in der sengenden Mittagshitze aufgebaut haben, legen wir uns an den leicht verdreckten Pool, arbeiten an unserer Bräune und entspannen etwas.

Eine unruhige Nacht folgt, Hörnchen graben an unserem Zelt, dann hören wir Hufgetrappel… wir platzen beinahe vor Neugier, verlassen unsere schützenden vier Wände aus Textil aber dann doch nicht.

Den nächsten Morgen verschlafen wir auch prompt eine Stunde. In Windeseile ist das Zelt abgebaut. Nach dem Kaffee soll uns jemand zur Bushaltestelle bringen, aber unser Fahrer kommt und kommt nicht. Ein weiteres Mal stehen wir uns die Beine in den Bauch. Aber die Sachlage scheint sich sowieso wie ein Fähnchen im Wind gedreht zu haben: Hieß es gestern noch, der Bus fahre um 8h, ist die heutige Info 9h. Nichtsdestotrotz sitzen wir auf glühenden Kohlen bis es losgeht. Hinten auf einem Safarijeep zockeln wir dann in die Stadt, geht das nicht schneller? Kurz nach 8h sind wir da, kein Bus weit und breit.

Zwei schmutzige Kinder versuchen Kontakt mit uns aufzunehmen, aber leider können wir sie ja nicht verstehen. Man beäugt uns kritisch, wie wir Traubenzucker frühstücken.

Dabei müssen wir eigentlich gar nicht furchtbar lange warten, der Bus kommt etwa eine halbe Stunde später und wir freuen uns über zwei freie Plätze am Fenster. Zu früh. Als letztes steigt eine fette afrikanische Mama wieder ein, die sich nur etwas zu essen geholt hatte. Nun reklamiert sie ihre Rechte. Ich weiche aus neben einen streng riechenden Gesellen, der mir großzügig einen Teil, der zwei Sitze, die er einnimmt, überlässt. Ich nehme den Kampf mit ihm auf. Neben dem fetten Weib muss Hanna auf einer Pobacke nach Maun fahren.

Was wäre eine Fahrt in Botsuana ohne den obligatorischen Checkpoint Stop? Das bedeutet, man wuchtet sein gesamtes Gepäck aus dem Bus und packt dann alle seine Schuhe aus, um sie in ein matschiges Handtuch mit Desinfektionsmitteln auf dem Boden zu tunken. Da haben vor dir selbst schon etwa hunderttausend andere Menschen gestanden, um der Maul- und Klauenseuche zu trotzen. Dann packt man die nassen Schuhe wieder ein, passiert den Checkpoint und wartet, bis die Reifen des Busses abgespritzt sind und alle sonstigen Formalitäten erledigt. Dieses  komplett sinnlose Prozedere durchläuft man auch gerne mehrmals bei einer einzigen Tour.

Es heißt wieder aufgesattelt und eingestiegen – doch mein Europäer-Herz stockt: Auf meiner Schulter sitzt ein faustgroßer langbeiniger Käfer, der ekligste, den wir bis jetzt zu Gesicht bekommen haben. Hanna sucht panisch nach einem Handtuch, um dem Untier beizukommen. Da fasst sich ein junger Mann neben mir ein Herz, packt es an einem Bein und entsorgt es in die Freiheit. Meine Dankesbeteuerungen ernten ein Kopfschütteln.

Die Odyssee ist noch nicht vorüber, nach dem Stopp kann ich etwas mehr Platz für mich gewinnen, so dass sich mein Rücken langsam entkrampft. Die fette Wachtel allerdings hat noch schön ihr Handtäschchen neben sich gestellt. Dem nicht genug fordert sie Hannas Schmuck als Geschenk, dann die Armbanduhr. Sympathisch.

In Maun geht es als erstes zu Barclay’s, um endlich wieder Geld in der Tasche zu haben und die letzten Kwacha umzutauschen. Fehlanzeige, das System ist zusammen gebrochen, wir müssen am Automaten abheben und Kwacha werden nicht genommen.

Wir kaufen ein und nehmen das nächste Taxi zum Audi Camp. Dort sind die Mitarbeiter scheußlich unfreundlich, man muss ihnen jede Info aus der Nase ziehen: Man sollte meinen, dass sie einem vielleicht freiwillig mitteilen möchten, wo man das Zelt aufstellt, wo man Duschen und Toiletten findet. Dem ist nicht so. Die Touren sind auch allesamt erschreckend teuer. Nur einen Mokoro Trip für einen Tag können wir uns leisten. Um in den Chobe Nationalpark zu kommen, hätten wir in Kasane schauen müssen – die Chance ist vertan.

Als ich meine Wäsche wasche, erklärt mir ein freundlicher Mitarbeiter in gebrochenem Englisch, dass es besser sei, das Zelt umzusetzen, es stehe an einer heiklen Stelle. Als uns später eine deutsche Dame erzählt, dass in letzter Zeit viel aus Zelten geklaut wurde, frage ich mich, warum wir das alles nicht gleich erfahren haben. Es heißt also aufgepasst.

Wir verbringen den Abend an der Bar und betrinken uns. Ein netter Veterinär spricht uns an und wir diskutieren meine von Alkohol vernebelten Eindrücke von Afrika und Afrikanern. Er fragt uns trotzdem, ob er uns einen Drink ausgeben darf und verschwindet. Danach erfahren wir, dass er die gesamte Rechnung beglichen hat.

Wir sind unzufrieden mit dem Angebot unserer Unterkunft und beschließen uns anderweitig inspirieren zu lassen. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus bis zu den anderen Backpackers. Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es los. Allerdings haben wir ein paar Hindernisse zu überwältigen. Uns erscheint es ratsam, die Wertsachen einzuschließen. Was uns schlichtweg verweigert wird, mit dem altklugen Ratschlag, unser Zeug immer sicher bei uns zu tragen. Gute Idee. Hanna erklärt die Sachlage, dass wir uns – was hier undenkbar ist – ohne Auto auf die Straße wagen wollen. Daraufhin werden wir zu Ron, dem Manager geschickt. Auf einmal ist alles kein Problem. Nur über Nacht sollen wir unseren Kram bei uns behalten, da in den Safe gerne eingebrochen wird. Beruhigend.

Der Weg, den wir mit dem Taxi genommen hatten, ist uns auch nicht mehr wirklich klar vor Augen, also nehmen wir einen ziemlichen Umweg auf uns. Dafür kommen wir aber gleich bei Crocodile Camp Safaris raus. Die bieten allerdings keine besonderen Touren an.

Also geht es weiter zu Back to the Bridge Backpackers. Das bedeutet ca. 3km in der prallen Sonne. Wir werden immerhin nicht ausgeraubt und sogar ein Stück mitgenommen. Die Begrüßung ist herzlich und die Preise nur ein Bruchteil dessen, was Audi verlangt. Wenn die bildhübsche Helena noch ein, zwei Leute findet, die bereit sind mit uns ins Moremi Game Reserve zu fahren, würden wir liebend gern hierher umziehen. Sie verspricht, sich zu melden und wir machen uns auf den Rückweg. Nach etwa 1 km werden wir ungefragt mitgenommen. Einfach mal nett.

Dann treffen wir Norbert und Georg, ein nettes Pärchen, das uns für 50 Euro einen Flug übers Delta anbietet – wir sind spontan dabei und es lohnt sich. In einer Cessna Propellermaschine düsen wir eine Stunde herum. Danach sind unsere Mägen herumgedreht, aber wir glücklich, den Tag gut genutzt zu haben.

Okawango Delta

Unser Mokoro Trip füllt den nächsten: Die Fahrt dauert anderthalb Stunden, flott unterwegs hinten auf dem Safariauto, kalt ist das. Wir kriegen noch einen original Einbaum, damit hätten wir nicht gerechnet. Wegen uns werden Tropenwälder abgeholzt. Unser Poler ist sehr nett und antwortet ausführlich auf Hannas Fragen. Wäre ich allein unterwegs gewesen, hätten wir uns peinlich angeschwiegen. Das liegt daran, dass es mit meinem Interesse für die Flora nicht arg weit her ist und ich vorne sitze, also permanent Spinnweben aus Gesicht und Haaren entfernen muss. Es ist total unbequem aber doch auch ziemlich toll. Ein Fußmarsch durch die sengende Mittagshitze folgt. Wir stapfen vor uns hin in schützenden langen Klamotten, die Haut schon verbrannt… dafür sehen wir auf dem Weg zum Flusspferde Pool schon eine große Pavianfamilie. Die Flusspferde selbst entspannen sich tief im Wasser und wir beneiden sie. Unser Lunch, von Audi gesponsert, besteht aus Hühnchen, Ei, Apfel und zweierlei Sandwich. Da ich Vegetarierin bin, wandert ein Großteil sowieso an den Poler.

Auch der Rückweg ist anstrengend und wir sind einigermaßen froh, wieder auf dem Wagen zu sitzen. Das Highlight des Tages: Eine große Gruppe Giraffen ist zu sehen und wir können gute Fotos schießen.

Mokoros

Sonnenverbrannt und dösig warten wir auf den Anruf von Helena. Nichts passiert, trotzdem setzen wir uns um halb sechs in den Minibus zum Backpackers. Ein leichter Sonnenstich macht mir zu schaffen. Im Back to the Bridge angekommen, machen wir Bekanntschaft mit zwei Südafrikanern, Rob und Everest. Mit ihnen werden wir am Dienstag tatsächlich den Trip ins Moremi Game Reserve machen. Und zwar zu einem Zehntel des Audi-Preises. Darauf trinken wir ein Bier und ich gönne mir das einzige vegetarische Gericht auf der Karte: Griechischen Salat mit Ketchup.

Montag wird eingekauft, es dauert Stunden. Wir machen auch bedauerlicherweise die Bekanntschaft von Lars. Er wird sich uns anschließen und zwar den Preis senken, uns aber auch die nächsten Tage mit seiner Besserwisserei belästigen. Dafür sind die Südafrikaner extrem nett und hilfsbereit. Hoffentlich ist ihnen auch bewusst, dass wir nur eine Nacht im Busch bleiben, bei der Wagenladung Fleisch könnte man uns für einen Armeeversorgungstrupp halten. Sie fahren in Maun jede Milchkanne an, an der wir halten wollen, schwer zu glauben, dass wir die Straße auch per pedes überqueren könnten. Wer braucht Beine?

Am Dienstag geht es eine Stunde später als abgemacht los, um 8h morgens. Das Auto ist so voll gepackt, dass niemand die geringste Beinfreiheit hat. An unseren Plätzen ist es vielleicht am unbequemsten, aber wichtiger ist es, nicht neben Lars zu sitzen. Am Tor zum Game Reserve müssen wir mysteriöserweise 70 Pula weniger zahlen als abgemacht, das ist wohl unser Glückstag heute. Allein die Fahrt zum Camp dauert ewig und ist einigermaßen abenteuerlich, da Botsuana die stärkste Regenzeit seit Langem hatte und die Straßen teilweise überschwemmt sind. Noch dazu ist unser Vehikel eine absolute Rostlaube, da wird kein Teil ersetzt, das man nicht auch im Halbstundentakt immer wieder aufs Neue reparieren könnte.

Im uneingezäunten Camp angekommen, wird für uns ein riesiges Armeezelt aufgebaut. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Offizier konzentriert über einer riesigen Landkarte brüten. Fakt ist, ich Zwerg kann aufrecht stehen, wie dekadent. Die Südafrikaner haben so viel Kram dabei, dass für jeden Luxus gesorgt ist. Lars dagegen greift mit vollen Händen zu, ohne jemals etwas anzubieten. Liebenswert.

Die Fahrt durch den Park lohnt sich, wir sehen Kudus, eine Schildkröte, Flusspferde, Elefanten… am nächsten Morgen sollen noch Giraffen und Zebras dazu kommen. Es ist wirklich fast wie im Zoo, nur dass wir diejenigen sind, die sich im fremden Revier bewegen und den Wagen nicht verlassen dürfen.

Giraffe

Es gibt ein Gerücht, das besagt, dass Löwen Menschen nicht angreifen würden. Ich wurde eines besseren belehrt. Wir hören die Geschichte von hundert (oder zehn? Jedenfalls viele) Mosambikanern, die versucht hatten, nachts über den Krüger National Park nach Südafrika einzuwandern. Allesamt wurden von Löwen gefressen. Auch ist es in diesem Park möglich den Wagen zu verlassen, wenn man einen möglichst verantwortungslosen Guide hat. Zwei japanische Touristen meinten, Nahaufnahmen von den Kätzchen schießen zu müssen. Beide sind gerissen worden. Wir Menschen sind leichte Beute.

Allerdings erfahren wir abends auch, bevor wir todmüde und zufrieden ins Zelt fallen, dass wir schon um 11h den Park verlassen müssen. Was erklärt, warum wir am Eingang Rabatt hatten. Nach einem frühen Ausflug und einer Tasse Kaffee ohne richtige Milch, da Lars seine netterweise alleine austrinkt, brechen wir etwas spät auf. Die Riesenpfützen haben sich mittlerweile in Schlammbäder verwandelt. Hat Kaizer, unser Guide, gestern noch jedes Wasserloch angetestet, fährt er jetzt mittendurch. Und wir bleiben stecken. Fast das ganze Rad ist verschwunden und der Auspuff unter Wasser. Ich verstehe ja nichts von Autos, aber die blubbernden Geräusche klingen ungut. Es ist an der Zeit einmal Mädchen zu spielen und im Wagen zu bleiben, während Lars und Rob durch den für sie knietiefen Schlamm waten – ich wäre ertrunken –  um Fotos zu schießen und sinnlose Tipps zu geben. Letzten Endes fährt Everest den aufgebockten Wagen aus dem Schlamassel. Kaizer sieht aus wie ein Schneemann aus Schlamm. Jede weitere Pfütze beschert uns nun einen Adrenalinkick, wir verlassen den Park zwei Stunden später als erwartet.

Also sind wir einigermaßen froh, wieder im heimischen Backpackers zu sein, zu duschen und ein Glas zu trinken. Hanna hat Kopfschmerzen, aber ich genieße den Abend trotz einer eher unangenehmen Bekanntschaft. Rainer ist ein Aussteigertyp, den man nicht wirklich beneiden kann. Alkohol und Zigaretten formten seinen Körper. Wir streiten uns über Erfahrungen während der deutschen Teilung und er wird von Minute zu Minute  ekliger.

So wandere ich zum anderen Ende des Tisches, wo man über die südafrikanischen Präsidentschaftskandidaten debattiert. Folgendes Problem wird mir dargelegt: Die schwarze Mehrheit wählt aus Loyalität immer den schwarzen Kandidaten, auch wenn er dumm ist wie ein Hefezopf. Und das ist er. Anscheinend hatte er Verkehr mit einer HIV-positiven Frau. Sein Statement im Fernsehen: Macht doch nichts, ich habe nachher geduscht.

Auch die Lage in Simbabwe ist vor den Wahlen angespannter denn je. Wer etwas zu essen will, schmuggelt aus Botsuana. Die eigene Währung wird im Land nicht mehr anerkannt und Benzin gibt es nirgendwo mehr. Weswegen Mugabe regelmäßig mit einem Tanklaster (gefüllt im Nachbarstaat) und Polizeiaufgebot durchs Land zieht. Es wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre.

Der nächste Morgen beginnt trotz der langen Nacht früh wie üblich. Everest fährt uns zum Glück ungebeten in die Stadt. So erwischen wir nach einem schnellen Kaffee in Maun den 8:30h Bus nach D’Kar.

Die Fahrt wird mal wieder von zwei nervigen Checkpoint Stopps unterbrochen und müde bin ich auch noch nach ca. 4h Schlaf. Nachdem ich um 1h ins Bett gegangen bin, wurde ich noch eine Stunde lang von einem am Zelt knabbernden Hörnchen genervt. Ich bin wirklich traurig zu gehen, habe die Gesellschaft dort sehr genossen. Es ist ein Jammer, dass man solche Menschen irgendwie nur auf Reisen trifft, ein minimales Wegstück zusammen geht, sich hilft und unterstützt ohne sich richtig kennen lernen zu können. Das Leben hier scheint leicht zu sein, wenn man einen nur so flüchtigen Eindruck hat, reiten, Tiere, Abenteuer… entspannt eben. Fast etwas, das man sich vorstellen könnte.

So meine Gedanken bevor wir in D’Kar ankommen. Die Stadt wurde nach den Initialen zweier Unbekannter, in einen mittlerweile abgebrannten Baum geritzt waren, benannt. Macht wenig Sinn, aber so geht die Legende. Es handelt sich um ein winziges Nest mit einer Schule, ein paar Läden, in denen nur 20kg Reissäcke verkauft werden, und einem Museum. Kein Mensch versteht Englisch. Im Museum fragen wir nach Transport zur Dqare Qare Game Ranch, einem Geheimtipp im Reiseführer. Da das Telefon hier nicht funktioniert, wird es schwierig.

Gibt es sonst eine Möglichkeit, von hier weg zu kommen, falls das alles nicht klappt?

„Ihr könnt laufen, bis Ghanzi sind es 35km.“

Ist klar. Der nächste Bus?

„Fährt morgen.“

Also heißt es erst einmal die Mittagspause abwarten. Ein Zurück gibt es wohl nicht und Laufen erscheint mir dann doch keine realistische Alternative. Wir durchkämmen einmal das Dorf, wobei ich mich extrem unwohl fühle. Wir flüchten vor einigen kleinen Kindern, die uns nerven wollen, in den kleinen Hof hinter dem Museum und beschäftigen uns damit, einen Großteil unserer Vorräte aufzuessen.

Hatten Hannas Eltern Angst vor Menschenhändlern und sahen meine Mitbewohnerinnen mich von wilden Tieren zerfleischt – für mich ist der größte Horror alles was krabbelt, riesige flinke Insekten… und die umzingeln uns hier. RiesenkäferAlles, nur nicht hier übernachten müssen. Wir verstecken uns im Hinterzimmer des Museums vor den Viechern, da taucht dann doch der Fahrer auf. Endlich ein normaler Mensch, der sich nicht in Lappen gewickelt hat und in Klicklauten spricht.

Die Game Farm ist abgelegen, total verlassen und sieht eigentlich nobel aus. Strauße begegnen uns schon am Eingang. Wir sind die einzigen Gäste weit und breit, werden aber trotzdem mit unserem Zelt in die hinterste Ecke verfrachtet. Ein Tag Aufenthalt wird definitiv genug sein, das wissen wir schon jetzt.

Der Game Drive ist vollkommen enttäuschend. Nicht überraschend, als der Fahrer auf Hannas Frage bestätigt, dass das hier ein Jagdgebiet ist. Noch dazu ist die Kalahari momentan grün, wie alles nach dem Regen. Nicht ganz das, was ich mir unter einer Wüste vorgestellt habe.

Wir werden direkt am Zelt wieder abgesetzt. Uns wird auch bald bewusst, weshalb: Außer uns ist keine Menschenseele mehr weit und breit zu finden. Etwas zu essen und zu trinken hatten wir uns schon noch erhofft. Mal ganz davon abgesehen, dass ein ordentliches Unwetter aufzieht. Wir probieren alle Türen auf der Suche nach menschlichem Leben und entfernen uns schließlich enttäuscht vom Haus. Die Strauße nehmen die Verfolgung auf.

Auf dem Rückweg zum Zelt, das wir im kommenden Sturm ungern alleine lassen wollen,  begegnet uns unser Fahrer. Er fragt, ob es für uns okay ist, mit dem Zelt bei dem Regen… nein, natürlich nicht! In Windeseile packen wir unser Hab und Gut zusammen und bringen es in der Dunkelheit unter die verlassene Bar, wo wir die Sofas beiseite schieben und das Zelt unter Dach aufstellen können. Der gute Mann besorgt uns noch Licht und verkauft jeder drei Bier, da sieht die Welt doch schon ganz anders aus.

Die Abfahrt verläuft reibungslos, wir sind etwas zu früh in Ghanzi, können noch einkaufen und Geld tauschen (aber natürlich nicht die guten Kwacha), bevor wir den Bus um 12h nach Mamuno zur Grenze nehmen. Drei Stunden Qual ohne Lüftung, wir sitzen ungünstig auf den mittleren Plätzen und alle außer uns möchten gerne ersticken und halten deshalb die Fenster geschlossen.

An der Grenze gibt es keine Probleme, ich frage eine nette Polizistin nach Transportmöglichkeiten bis Windhuk. Sie lacht erst einmal herzlich über die Albernheiten, die wir auf dem Weg zwischen den Ländern angestellt haben. Dann organisiert sie uns ein Taxi nach Windhuk. Sehr gediegen, ich bin es gar nicht mehr gewohnt, mich anzuschnallen.

Die Nacht in Windhuk ist wirklich seltsam, um uns herum lärmen Teenies in hochhackigen Schuhen und Glitzertops. Die Sanitäranlagen sind gammelig  die  unisex Dusche ist nur mit einem wenig abschirmenden Vorhang vom Flur abgetrennt. Wir wollen zurück in den Busch!

Das obligatorische Bier bekommen wir mit den Worten „Heute ist Weihnachten“ von einem dennoch unfreundlichen Fremden ausgegeben. Man spricht deutsch. Ich fühle mich verfolgt.

Swakop soll also unser nächstes Ziel sein. An der Rezeption ernten wir ungläubige Blicke: „Ihr wollt los?“

Ja.

„Mit dem Minibus?“

Noch erschreckender erscheint, dass wir uns zu Fuß auf den kilometerlangen Weg zur Haltestelle Rhino Park machen.

Hier soll man sogar für eine Busfahrt Namen und Passnummer angeben. Telefonnummer? Haben wir nicht. Wir versuchen das Gerücht in die Welt zu setzen, dass Telefonleitungen ins ferne Deutschland noch nicht vorgedrungen sind.

Wir lassen uns noch auf der Karte zeigen, wo man uns vermutlich rauslassen wird, es scheint günstig zu liegen, großartig – nur landen wir tatsächlich mitten in der Wüstenei. Für die Fahrt in die Stadt müssen wir natürlich extra zahlen, als kleines Taschengeld für den Fahrer. Uns bleibt nichts anderes übrig als mitzuspielen. Dafür geht es direkt zum Desert Sky Backpackers, mit Schwierigkeiten, denn seitdem dieser Reiseführer gedruckt wurde, ist die Hälfte der Straßen umbenannt worden. Dabei sollte das Ding eigentlich aktuell sein.

Auch das Backpackers ist teuer, wir machen uns gleich mal auf die Suche nach etwas Günstigerem und lernen dabei etwas die Stadt kennen. Eine andere Bleibe, die wir erkunden, ist genau so verlassen wie die Wege. Menschenleer. Man fühlt sich ein wenig ins Deutschland vor dem ersten Weltkrieg versetzt, alles ist auf deutsch ausgeschildert, nur die ausgestorbenen Straßen sind breiter. Man sieht gewagte Kombinationen aus Jägerzäunen und wilhelminischen Bauten. Sind wir in der Matrix gelandet?

Da uns von Cape Cross abgeraten wurde, machen wir eine Motorbootfahrt zusammen mit zwei Baden-Württembergischen Pärchen und zwei Engländern. Es ist zwar kalt, denn in Namibia scheint ja wohl nie gutes Wetter zu sein, aber es lohnt sich. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Delphine live und in Farbe, noch dazu dürfen wir die Robbe Fluffy füttern, die frech aufs Boot klettert. Angeblich hat sie sich das selbst beigebracht – zum Leidwesen unserer Mitreisenden, die sich fürchten. Man möchte sich fast fragen, warum sie diese Tour gebucht haben.

Nachmittags gehen wir frohgemut an den einzigen wirklichen Strand, den Namibia zu bieten hat. Er gleicht der Ostsee. Darauf, dass das Wasser eiskalt ist, haben wir uns eingestellt, aber mit schwarzem Sand und bewölktem Himmel gestaltet sich das Unternehmen komplett spaßfrei.

Andreas, den wir im Backpackers kennen gelernt haben, überredet uns, einen weiteren Tag zu bleiben und zum Quadbiken mitzukommen. Danach will er sich uns bis nach Tsumeb anschließen. Das ist ein guter Plan, wäre da nicht Erhart. Erhart ist über 60 und gehört zu den Rentnern in knappen Shorts, die die halbe Welt gesehen und irgendwie doch keine Ahnung von nichts haben.

Eines Tages war er mit Andreas auf einem Markt gewesen. „Hello, my friend, how are you, make you good price!“, das Übliche bekam er zu hören.

Erhart kommt mit einer der Verkäuferinnen ins Gespräch, er meint, seine wettergegerbte Haut hätte die gleiche Farbe wie ihre.

Sie lacht, nein, wohl kaum.

Er: Doch doch, du hättest dieselbe Hautfarbe wie ich, wenn du dich mal waschen würdest und nicht den ganzen Tag hier rumsäßest!

In solchen Momenten schäme ich mich für meine Landsleute.

Das Quadbiken lohnt sich damit um so mehr, da Erhart nicht mitkommt. Bei der Anmeldung macht er einen Aufstand, weil er sein Geburtsdatum nicht angeben will. Was sollen sie denn wohl damit machen, sein Horoskop ausstellen? Wir alle würden am liebsten im Erdboden versinken, als sogar die Chefin kommen muss, um sich mit ihm zu streiten. Das Ende vom Lied ist schließlich, dass er beleidigt davon zieht.

Es dauert etwas, bis ich den Dreh rausbekomme, aber endlich die Wüste zu sehen, ist Entschädigung genug. Nichts als Dünen so weit das Auge reicht. Auch das Sandboarden macht eigentlich Spaß, wenn man nur nicht immer die Düne wieder hochklettern müsste. Unser Guide lacht über unsere Raucherlungen und Andreas ist kurz davor, ihm Geld zu bieten, uns von unten wieder abzuholen. Wir machen nur drei Abfahrten und setzen uns dann mit Sand in jeder Pore wieder aufs Bike. Ich bin begeistert.Dünen

Das Aufstehen fällt nach einem langen Abend schwer, trotzdem schaffen wir es Erharts Unkenrufen zum Trotze bis um halb 8 uns ein Taxi zu organisieren und zur Minibushaltestelle zu gelangen. Dort haben wir eine Begegnung der dritten Art. Drei verschiedene Busse warten schon, ein besonderer Frechling stürzt sich auf meinen Rucksack und will ihn gleich bei sich einladen. Andreas hält fest, Hanna schreit und ich schlage, eine Traube von etwa 20 Menschen bildet sich um uns herum. Es ist eine förmliche Prügelei und mit reiner körperlicher Gewalt gewinnen wir sie schon fast als Andreas ruft: „Okay, wer fährt uns für 80?“ Totenstille. Und dann ein ja.

Die Fahrt dauert sechs Stunden auf schmalen Sitzen, ist aber noch einigermaßen bequem trotz dröhnender Musik. Tsumeb scheint mehr nach unserem Geschmack. Wir sind wieder im Busch.

Monika, die Chefin des Mousebird Backpackers ist mir gleich nur semisympatisch. Wir sind die einzigen Camper, die Zimmer sind voll, wie sie beteuert. Wobei uns das ja egal sein kann. Dafür machen wir gleich die Bekanntschaft zweier hübscher Israelis. Sie sind schon eine ganze Weile unterwegs, seitdem sie den Militärdienst abgeschlossen haben. Vier Jahre Horror für die Kerle und zwei Jahre für die Mädels. Lächerlich, was unsere Jungs daheim so treiben. Jedenfalls haben sie ihr Auto zu Schrott gefahren, sitzen nun eine Weile hier fest und machen sich nützlich.

Andreas und Hanna unterhalten sich mit den zwei Mädels, die mit uns in den Etosha Park fahren werden, Inken und Susanne, zwei Geo-Ökologie-Studentinnen.

Es gibt noch einen Tag Aufschub bis zum Aufbruch in den Park. Daher gehen wir mit den Mädels und Andreas zum „Cultural Village“. Eine totale Pleite, mal wieder macht sich die Nebensaison bemerkbar. Nach einem Gewalt-Entenmarsch durch die pralle Hitze kommen wir an der ausgestorbenen Anlage an. Zu sehen sind ein paar baufällige Hütten verschiedener Ethnien, die mit Müll, Schuhen und Kanistern gefüllt sind. Vielleicht bin ich ja auch auf dem Holzweg und das ist alles original…

Die Natur vor der Stadtgrenze wirkt verlockend, Hanna, Inken und ich entschließen uns, die Umgebung auf der Suche nach Wanderwegen zu erkunden. Nach einigen hundert Metern biegen wir ab und treffen auf ein Polizeiauto nebst pummligem Gesetzeshüter, ein netter Mann mittleren Alters:

„Wartet einen Moment, die Damen, wohin geht es denn?“

„Wandern? Irgendwo hier in der Umgebung?“

„Da würde ich euch abraten. Vielleicht habt ihr gehört, dass es in der Gegend schwarze Mambas gibt. Die werden drei bis vier Meter lang. Ich meine, wir Einheimischen wissen, wie wir damit umgehen müssen, aber ihr Mädels von Übersee… überlegt es euch noch mal.“

Hätte uns der Schock nicht erstarren lassen, hätte er nur noch eine Staubwolke gesehen.

„Mal davon abgesehen, seid ihr ja unter euch Mädchen und momentan treibt außerdem ein Frauenmörder in der Umgebung sein Unwesen, nur dass ihr Bescheid wisst. Wenn ihr euch an der Straße haltet, seht ihr uns überall Streife fahren, aber wenn ihr auf Abwegen seid…“

Wir danken ihm und nehmen die Beine in die Hand.

Für die Tour im Etosha National Park hat sich eine rein deutsche Gruppe zusammen gefunden, was sicherlich typisch für Namibia ist. Außer Inken, Susanne, Andreas, Hanna und mir fährt noch Frank mit, ein hobbymäßiger Jäger in den typischen Khakiklamotten, der gern und viel redet und raucht wie ein Schlot.

Leider sind wir im geschlossenen Bus unterwegs, was das Fotografieren erschwert, dafür sehen wir kaum im Park angekommen die  ersten Giraffen- und Zebraherden. Wir genießen die Fahrt, aber mit der Zeit wird es anstrengend, ich schlafe bald ein als nichts mehr zu sehen ist.

Abends bewaffnen wir uns mit Taschenlampen und machen uns auf den steinigen Weg zu dem Wasserloch, das man vom Camp aus sehen kann. Die Geo-Ökologinnen interessieren sich für die Steine und Spinnentiere, denn die drei Kudus am Wasserloch wechseln sich mit schlafen ab, ein wenig packendes Erlebnis. Bald ziehen die Mädels ihrer Wege, während Andreas, Hanna und ich noch ein Bier vor Ort trinken. Unsere Geduld wird belohnt: Drei Nashörner übernehmen schließlich das Wasserloch.

Der nächste Tag ist geprägt von Regen und Magenproblemen, es gibt keine Tiere zu sehen, dafür hängen wir platt im Auto herum und verdösen den halben Tag. Neben unserem Lager ziehen zwei „Viehtransporter“ mit lärmenden amerikanischen Jugendlichen ein, von denen sich jeder einzelne abends einen Sixer Bier holt, während wir eine gute halbe Stunde darauf warten müssen, unseren wohlverdienten Amarula zu bezahlen. Nachdem wir uns die Flasche durch zwei geteilt haben, gehe ich früh ins Bett.

Unser früher Aufbruch lohnt sich: Löwen! Hinter uns bildet sich eine Autoschlange, während wir entspannt unsere Fotos schießen. Eine Stunde später sehen wir ein ganz besonders exotisches Exemplar von Dummheit: Eine Touristin stellt sich in eine Herde von Impalas, um sich fotografieren zu lassen. Wenn sie jetzt von einem Geparden angefallen werden würde, müsste ich lachen. Zurecht tot.

Löwen

Wir kommen am Spätnachmittag an, das Backpackers ist fast ausgestorben, da eine ganze Reisegruppe abgesagt hat. Wir stoßen auf Andreas‘ 31. Geburtstag an, sind aber alle etwas lahm. Ich habe gerade mehr mit meinem Magen zu tun und bekomme nur durch einen Nebel mit, dass die Geo-Ökologinnen wirklich Anfälle kriegen, weil es doch tatsächlich Menschen gibt, die nicht nur Batterien in den Hausmüll schmeißen, schlimmer noch Medikamente und zur Krönung des Ganzen landen manchmal Apfelkerne in der Gegend! Ich kann das einfach nicht als ernsthafte Diskussion wahrnehmen. Andreas macht sich lustig und ich überlege, wie sein Gepäck nach vier Monaten aussehen würde, bis oben vollgestopft mit Müll, den er hier nicht wegschmeißen sollte. Was, ich weiß, dass das kein wirkliches Argument ist, alle anderen auch tun. Die Mädels pochen auf die Vorbildfunktion von uns Europäern, während ich an die Ghana-Zeit zurückdenke, als ich meinen Müll regelmäßig im Garten verbrennen musste.

Unser Zelt scheint immer kleiner zu werden, nachts um vier bellen die Hunde um die Wette und am nächsten Tag sind die Knochen schwer. Wir spannen unser Zelt neu und ein Palast tut sich mir auf. Der Tag vergeht ereignislos. Abends macht die Crew des Backpackers Barbecue und wir sind offensichtlich nicht erwünscht. Es ist definitiv Zeit zu gehen. Auch die Geo-Ökologinnen machen sich auf den Weg – und kehren mitten in der Nacht zurück: Ihr Intercape Bus, der für 1h nachts angesetzt war, kam nicht. Also sind sie ohne Schlaf zurückgekehrt und brechen morgens mit uns auf.

Der Weg zur Bushaltestelle ist weit und gleich will man uns teure Taxis nach Otjiwarongo andrehen. Schon allein deswegen, da wir nur zu zweit sind, wird das schwierig. Wir warten Stunden. Dann entscheiden wir uns, den Versuch zu wagen, auf den Intercape aufzuspringen. Denn wir erfahren, dass ein paar andere Gäste aus dem Backpackers abgesprungen sind – sie mussten ihren Flug heute Abend noch erwischen und sind aufs Taxi umgesattelt. Da fragt sich, ob man da erst am Stichtag losfahren muss, aber jedenfalls müsste im verspäteten Intercape noch Platz sein. Die Frage ist nun, ob außer uns noch andere die Verspätung ausnutzen werden, um auf den Mainliner aufzuspringen, das könnte ein Kampf werden.

Als wir also Minibusse entdecken, fragen wir kurzerhand nach dem Preis und sind  mit einem Bruchteil des eingeplanten Preises dabei.

Die Fahrt ist ein Albtraum: Die Musik ist so unerträglich laut, dass wir uns die Ohren mit Papiertaschentüchern verstopfen. Schlafen kann ich trotzdem nicht, um das Defizit aufzuholen. Unser Fahrer ist ein Wahnsinniger, er geht mit dem schrecklichen Gedröhne mit, grüßt entgegen kommende Busfahrer mit ausgestrecktem Arm. Kurven werden geschnitten, vor Kuppen wird überholt… und dann landen wir in Katutura. Mir sagt das zunächst gar nichts, aber Hanna hat davon gehört und erbleicht sofort. Ein Township, das tagsüber relativ sicher sein mag, wo man sich aber vielleicht nicht aufhalten sollte, wenn man wie wir mit unserem tonnenschweren Gepäck nicht weit rennen kann. Man sieht Blechhütten und schmutzige Kinder. Hier  wollen die uns rausschmeißen. Als wir uns weigern auszusteigen, geht ein Grölen durch den Bus. Man amüsiert sich köstlich über uns, aber wir weichen nicht. Auch während der nächsten Stopps werfen wir ängstliche Blicke auf unser Gepäck im Anhänger. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als wir die vertraute Umgebung vom Rhino Park erreichen.

Das Taxi zum Chamäleon Backpackers ist billig, wären wir bei unserer ersten Übernachtung in Windhuk hier gelandet, hätten wir gleich einen anderen Eindruck von dieser gruseligen Stadt gehabt. Es empfangen uns angenehme Leute, ein großer Pool und ein kleiner Zeltplatz. Billige Übernachtungen inklusive Frühstück.

Dafür werden wir unsanft vom Baulärm geweckt. Direkt vor unserer „Tür“, sprich Zeltplane, befindet sich eine Baustelle. An Schubkarren vorbei schieben wir uns zur Dusche und dann in die Stadt, um die Sossusvlei Tour zu organisieren. Der Rastafari an der Rezeption hatte das nicht hinbekommen, doch wir haben gleich Erfolg und shoppen noch ein wenig.

Den Abend verbringen wir mit einer älteren Südafrikanerin, die wie so viele andere in Namibia auf geologischen Pfaden unterwegs ist, allerdings schlägt sie mehr in die New Wave Richtung. Jedenfalls erfahren wir Interessantes aus ihrer Kindheit von einer 16m langen schwarzen Mamba und von einer anderen Schlange, die drei Hunde getötet habe. Außerdem erzählt sie von ihren Kindern, die sie unbedingt nach Deutschland zum backpacken schicken will und von der öffentlichen Sicherheit, mit der es seit dem letzten Präsidenten steil bergab geht.

Es wird relativ spät, dementsprechend matschig fühlen wir uns als es am nächsten morgen auf in die Wüste geht. Wir müssen natürlich eine halbe Ewigkeit auf den Fahrer warten. Als wir auf die beiden Jungs warten, die uns auf unserer Tour begleiten, baggert uns der Fahrer zum ersten Mal an. Noch haben wir ein gequältes Lachen übrig.

CanyonDie Umgebung ist eine Entschädigung. Wir schauen uns als erstes den Sesriem Canyon an, wo wir zwei bierselige Engländer beim Baden stören. Als eine Overlander-Reisegruppe sich anschließt, ergreifen wir die Flucht. Nach dem folgenden Aufstieg auf die Elim Dune, wo wir den Sonnenuntergang genießen, fällt das Abendessen spartanisch aus: Die vegetarische Alternative besteht aus zwei Kartoffeln.

Den Sonnenaufgang erleben wir auf Düne 45 (sie ist 45km vom Camp entfernt, daher der Name), der Aufstieg ist extrem anstrengend. Es scheint, dass jede Tour aus demselben Paket besteht, es ist überfüllt mit Touristen. Dem Abstieg folgt das Frühstück und die Fahrt zu einem Parkplatz bei Sossusvlei. Zum Glück ist es bedeckt, denn wir müssen einen zehn Kilometer langen Fußmarsch hinlegen, da wir nicht extra zahlen wollen. Dass uns das nicht früher gesagt wurde, ist eigentlich eine Frechheit, aber wir fügen uns den Umständen.

Wüste

In Deathvlei besteigen die Schweizer Big Mama, die höchste Düne von allen, an deren Spitze sie zwei Tiroler treffen. Zwei Schweizer und zwei Tiroler treffen sich in Afrika auf einem Berg.

Nachmittags können wir für ein Stündchen den Pool genießen, dann ziehen wir nach Solitaire um. Der Name ist Programm, der Ort besteht aus einer Tankstelle. Um der Tristesse die Krönung aufzusetzen, gießt es wie aus Kübeln und eiskalt ist es auch. Ich freue mich ein bisschen auf die Rückfahrt. Und den Rückflug.

Zurück in Windhuk setzt sich Hanna als erstes in den nächsten Friseur: Vier Stunden soll ein Kopf voller Rastazöpfchen dauern. Als ich mehr als fünf Stunden gewartet habe, mein Buch längst ausgelesen, mache ich mir solche Sorgen, dass ich losziehe ins nächtliche Windhuk. Alles ist wie ausgestorben, nur noch Penner, Junkies und Geistesgestörte sind unterwegs. Während ich durch die Stadt stolpere hat die Friseurin Hanna längst mit dem Taxi nach Hause geschickt, weil es zu Fuß zu gefährlich ist.

Nachdem der nächste Tag der Entspannung gedient hat, verbringen wir unseren letzten Tag mit einer zwölf km langen Wanderung durch die Pampa. Wir sind auf Irrwegen unterwegs, genießen aber den Trip. Das Glück ist uns hold und wir kommen nach langen Stunden direkt an einem Restaurant raus, stinkend, klebrig und abgekämpft. Wir kommen gerade noch rechtzeitig vor der nachmittäglichen Pause. Und vor unseren seltsamen Landsmännern. Die reisen 1. Klasse.

Unseren letzten Abend feiern wir zünftig, abgegrenzt von den anderen Gästen des Backpackers Marke Beruf Sohn.

Verkatert bauen wir ein letztes Mal das Zelt ab. Der Fahrer von gestern hat uns ein gutes Angebot gemacht und will uns zum Sonderpreis zum Flughafen bringen. Mysteriöserweise ist das Auto ein anderes. Das mag daran liegen, dass der Gute sich mit dieser Fahrt schwarz etwas dazu verdient. Das bemerken wir spätestens bei der Polizeikontrolle, die uns eingehend befragt, wohin wir denn unterwegs sind und ob alles in Ordnung ist. Dann klimpert das Schmiergeld und schon sind wir da. Eine letzte afrikanische Erfahrung und das letzte Abenteuer auf dieser Reise.

Zoddl
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