Das ist Estland!

Das ist Estland!

In unserem Reiseführer steht (und dieser Teil stimmt ausnahmsweise): „Für die Esten ist auch Schweigen Kommunikation, insofern verstehen Sie dies bitte nicht als Unfreundlichkeit.“ Wow, ein Paradies für Männer! Hier ist Schweigen Kommunikation! War mir doch schon immer klar, dass das so ist und hier ist endlich das Fleckchen Erde, auf dem diese Erkenntnis salonfähig ist!

Und darüberhinaus hat der estische Staat für jeden Bürger ein Recht auf einen Internetanschluss festgeschrieben. Genial! Einziger Haken: Internetcafes sind nicht so wirklich weit verbreitet, weil wie soll man von jemandem dafür Geld verlangen können, wenn es ja jeder zu Hause hat? Trotzdem findet man in den meisten Hotels einen (!) kostenfreien Internetplatz – so auch diesen hier.

Jedenfalls stand heute – nach unserem Schlammbad – einer schönen Tour eigentlich nichts im Wege. Nur 130km vor uns, entschlossen wir uns, die grosse 4, 4 sein zu lassen und auf kleinere Strassen abzubiegen. Zum ersten Mal seit wir im Hafen von Klaipeda/Litauen die MS Lisco Gloria verlassen hatten, hingen Wolken am Himmel, einzelne Wolken, genug Platz für blauen Himmel, Sonne und Wärme lassend.

Die Landstrassen waren jedoch etwas trostlos. Estland ist sicherlich das reichste und am weitest entwickelte der drei baltischen Länder. Doch das scheint nur auf die Städte zuzutreffen. Über Land trifft man fast nur auf verfallende Dörfer und Höfe – naja und Störche natürlich – und Elchschilder – aber die machen sich genauso rar wie in Kanada.

Mit Tallinn (oder Talinn oder Tallina) erreicht man dann allerdings die baltische Version von Carcassone! Old Town wird auch heute noch weitgehend von einer Stadtmauer umringt, Türme, Zinnen und Wehrgänge dominieren das Stadtbild, enge Gassen dazwischen und in einem Hotel, dessen Aussenwand Bestandteil der Stadtmauer ist, haben wir sogar ein günstiges und gutes Zimmer gekriegt. Gut, der Fahrradschuppen, den sie mir zum unterstellen, des Motorrads angeboten haben, ist grösser, aber was will man schon mit einem grossen Zimmer?

Tallinn ist – wie die beiden anderen Hauptstädte – eine Stadt, die man geniessen muss. Zum wie vielten Mal schreibe ich nun von offenen Plätzen, Strassenrestaurants, Kopfsteinpflaster und und und? Es stimmt aber! Und Tallinn ist dazu (Grüsse an den holländischen EU-Mediziner aus Riga, auch diese Beschreibung trifft zu: mittelalterlich). Die Stadtmauer, die Burg in der Oberstadt, das bewehrte Rathaus. Am späten Nachmittag haben wir heute nur die ersten Schritte ohne Reiseführer durch die Stadt gewagt, aber der Eindruck hat sich in jedem Fall verfestigt, dass auch Tallinn eine ganz besondere Stadt ist. Trotzdem sollten Städtetouristen sie für das klassische verlängerte Wochenende wohl besser meiden, denn unseren Infos zufolge, wird die Stadt an Sommerwochenenden von Billigfliegerenländern heimgesucht, die hier Junggesellenabschiede feiern – und Ihr wisst, wie Engländer feiern, oder?

Doch die Krönung habe ich in einer Gasse unterhalb der Burg entdeckt – eine DM Baar – für Nicht-Esten und Nicht-Devotees übersetzt: Eine Depeche Mode-Bar!!! Wir waren am frühen Nachmittag drin, die einzigen Gäste, der Inhaber wollte uns gleich alles zeigen, doch ich habe ihm versprochen, morgen Abend wiederzukommen. Und das Versprechen werde ich halten! Ein Vorgeschmack? Das Logo der Violator-Rose, die rote Rose auf schwarzem Teppich als Muster auf der Treppe, von hinten beleuchtete Grossformatfotos überall, einen Raum mit Tanzbereich und welchee Musik dort ausschliesslich läuft, muss ich wohl nicht vertiefen. Morgen abend muss ich mal erkunden, ob dieses Geschäftsmodell lebensfähig ist. Wenn ja, dann braucht Hamburg so eine Bar!

Das ist Estland!

Jens Freyler
Jens Freyler
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