Attacke

Attacke

Zu Tallin habe ich auf jeden Fall noch einen Bericht nachzuliefern – aber Vorwarnung: Zum einen habe ich gerade einen Biercocktail getrunken und weiss noch nicht, ob der menschliche Körper dafür geschaffen ist, zum anderen sitze ich gerade in Tartu an einer Gumminippeltastatur, die wahrscheinlich aus recycelten Spülhandschuhen (oder schlimmerem) hergestellt wurde und das Schreiben ist ein Alptraum!!!

Doch zur Erkundung Tallinns!

Es geschah am 12.06. diesen Jahres, 1.637 gefahrenen Kilometer seit Hamburg, auf 59 Grad nördlicher Breite. Zum ersten Mal leichter Regen. Entsprechend ziehen wir uns nach dem Frühstück für die Erkundung der estnischen Hauptstadt an. Ich ziehe einen Pullover über mein T-Shirt, Claudia trägt Unterhemd, T-Shirt, Strickweste und Regenjacke.

Am Sorgenbriefkasten des Mönchsklosters tragen wir noch keine Sorgen mit uns, auf den Stufen zur Oberstadt schon die meisten Klamotten überm Arm bzw. umgeknotet. Der Regen ist weg, die Wolken auch, die Sonne da. Auf einem Balkon sitzen wir über der Stadt, mit uns eine Getränkeverkäuferin, die ihre Touristenpreise in EEK, EUR und USD angibt und ein in mittelalterlicher Kleidung gewandetes Mädchen, das sicherheitshalber den Bildband gleich in englischer, spanischer und deutscher Sprache von ihrem Stand genommen hat und damit neben uns steht. Ja, irgendwie so europäisch sehen wir schon aus. Ihr Glück, dass sie uns nicht französisch anbieten will.

Während wir über die Zinnen unseres Carcassonnes schauen (von ursprünglich 45 Türmen der Festungsmauer stehen noch 26!), kommt ein älterer Herr dazu, fotografiert. Seinem Namensschild schenke ich keine gesteigerte Beachtung.

Durch die mittelalterlichen Gassen schlendern wir über den Burgberg zum Dom. Stille, nicht Fotografieren, nicht Filmen geben deutliche Bildzeichen vor. Insbesondere nicht fotografieren ist schade, da der Dom voller Epitaphe genannter uralter, hölzerner Stammeswappen von Adligen und anderem ehrbaren Bürgertum vergangener Zeiten ist. Viele Namen sind deutsch, hat doch die Hanse auch hier ihre Spuren hinterlassen.

Doch da geht es los, 26 von 45 Wehrtürmen sind eben manchmal noch zu wenig für die Verteidigung einer Stadt. Horden brechen in den Dom ein, schänden das Stillgebot, Knipsen die Farbe aus den Epitaphen raus und Filmen was das Zeug hält. Caudia zündet noch eine Kerze an, bevor wir uns geduckt entfernen und in Seitengräben zu den Resten der Burgfeste schlagen.

Einmal Luft holen und dann rüber zur orthodoxen Alexander Newsky  Kathedrale. Auch hier Horden, von einzelnen Schildträgern geführt und nach einem konkreten Angriffsmuster vorgehend. Kommt eine Gruppe raus, dringt die vor der Treppe ein, die auf dem Parkplatz rückt nach, welche aus dem Park übernehmen den Parkplatz…

Wir schlagen uns durch die Reihen und bestaunen die Ikonenwand (die andere wiederum verbotenerweise aber hier nicht ungemahnt bildlich festhalten). Eine Inschrift besagt, dass Alexander Newsky sich hier seine religiösen Sporen verdiente, bevor er Patriarch von Moskau wurde. „Clever von den Russen“, denke ich mir,“so bindet man ein Volkan die Sowjetunion, man macht seinen höchsten Kirchenmann zum Patriarchen von Moskau…“ Ein neben mir stehender US-Amerikaner interpretiert das anders und erläutert, der neben ihm stehenden Landsfrau asiatischen Einschlags, dass die Esten in der Zeit der Sowjetbesatzung fast ihre nationale Identität verloren hätten. „Ah, so wie die Indianer in den USA“, hake ich ein und habe einen entscheidenden Seitenhieb gelandet.

Wir verlassen die Kathedrale wieder und schlagen uns zwischen Massen an Franzosen zu einem weiteren Aussichtspunkt durch. Diesmal mit Blick Richtung Hafen – und da erkennen wir, wie die Horden Tallinn einnehmen konnten. 4 Kreuzritterschiffe (oder hiess es Kreuzfahrer?) liegen im Hafen, als grösstes die Costa Magica mit alleine 2,672 Plätzen…

Vorbei an Bogenschützen gehen wir in die Unterstadt, die eigentliche Altstadt Tallinns, worüber ich an einem anderen Tage mit besserer Tastatur den Bericht fortsetzen werde.

Still to come:
– Dominikaner lebenslänglich
– Olde Hansa
– DM Baar
Tallinn Fotogalerie

Jens Freyler
Jens Freyler
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