Mit 4-Wheel in die Steinzeit

Mit 4-Wheel in die Steinzeit

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2009 teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.

Durch die Wüste Hamadat al-Hamra zu den Felszeichnungen im Akakus-Gebirge und dem Wadi Mathendous

Ein weites Felsdach hält die gleißende Sonne fern. Erst am Abend werden ihre Strahlen die Rückwand der Grotte treffen. Im Schatten trägt ein in Fell gekleideter Mann rötliche Farbe auf. Vorher hatte er Ockerstein zu Pulver zerstampft. Das Puder vermischte er mit dick gewordenem Akaziensaft. Behutsam führt die sehnige Hand einen faserigen Ast über die aus Sand gebackene Steinwand. Langsam zeigen sich Konturen eines schlanken Tiers. scannen0005.jpgUnter dem Plateau breitet sich ein grünes Tal aus. Zwischen Palmen und Akazien schimmert das silberne Band eines Flusses. Der Maler unter dem Steindach summt monoton vor sich hin. Er hält die linke Hand schützend über die Augen, späht in die Ferne. Dort treten ein paar Gestalten auf eine Lichtung. Sie tragen schwer, ihr Gang verrät es. Der Mann im Fels nickt zufrieden. Behutsam streift er eine Tiermaske über den Kopf. Geheimnisvolle Stille breitet sich aus. Die Jäger mit ihren Lasten nähern sich dem Plateau im Trab. Sie werfen drei feingliederige Antilopen und zwei Wildschafe von ihren Schultern ins Gras. In diesem Augenblick treffen die Strahlen des untergehenden Gestirns gelbrot die Rückwand der Grotte. Der Medizinmann mit der Maske beginnt seinen rhythmischen Tanz. Von unten blicken die Jäger auf die gemalte, rotbraune Tierherde in der Nische des Bergs. Sie erstarren kurz, folgen mit eigentümlichen Verrenkungen dem Tanz des Zauberers. Von der Seite betreten Frauen, Kinder und alte Leute die Szene. Sie stampfen die Erde mit den Füßen. Alle blicken abwechselnd verklärt auf die aus Farbe geschaffene Herde und auf die erlegten Tiere. Der Zauber des Medizinmanns hat Wirkung gezeigt. Das Dorf hat Nahrung für viele Tage.Solche Ereignisse wiederholten sich in der Sahara viele tausend Jahre lang. Wer als Reisender in Sachen Kultur die Tempel der Steinzeit besuchen will, muss vorher viele Strapazen auf sich nehmen. Sie beginnen für mich, Sohn Gregor und den Landrover bereits an der tunesischen Grenze. Dollar hier, Dollar da, Fragen über das Woher und Wohin, Passkontrolle, ein Carnet mit einem Dutzend Kopien, wieder ein paar Dollar, Passkontrolle, Schlangestehen am Versicherungsschalter, nein, keine Dollar, tunesische Dinare, Passkontrolle, Ende! Die grünen, arabischen Nummernschilder über den deutschen Tafeln, so ging es endlich hinein in Qaddafis Reich … Die Sonne ist inzwischen im Reich der lange verhassten Westmächte angelangt. In Libyen regiert der Mond, weist uns für die erste Nacht ein steiniges Feld am Rand der Straße nach Süden an. Ein kräftiger Schluck aus der Wasserflasche zum Abschluss des ersten Tags. Ein Schnaps wäre angebrachter gewesen, doch der Herr des Landes hat Alkohol verboten.

Mahmud, der Guide und Suli, der Wüstenkoch

Stopp in Ghadames, der nördlichsten Stadt der Tuareg. Wir brauchen einen Guide. Damit Leichtsinn und falscher Mut gebändigt werden, dürfen die schwierigsten Strecken nur mit einem einheimischen Begleiter erobert werden. Schließlich steht unsere Mannschaft: Mahmud, der Targi mit den auffallend großen Schneidezähnen, ist mit seinem verbeulten Pickup unser Führer. Er kennt sich aus zwischen Ghadames und dem 720 Kilometer südlich liegenden Ghat. Suliman, der füllige Koch, ist auch ein Targi, allerdings vom Stamm der Izeggaren, einst schwarze Sklaven der adligen Ihaggaren. Suli hat ein paar Brocken Englisch gelernt. „Problem“ deutet an, dass er Schwierigkeiten befürchtet, „same-same“ heißt so viel wie „ist egal, macht nichts, malish“. Vollbeladen tauchen wir ein in die Wüste Hamadat al-Hamra, erste Etappe auf dem Weg zum südlichen Fezzan. Blitzschnell verschwindet am Abend die Sonne hinter den scharfen Kämmen der Dünen. Wir beeilen uns, einen windgeschützten Schlafplatz zu finden. Wir stoßen auf eine flache, geschützte Stelle. Dann fährt uns der Schreck in die Glieder: Mitten auf unserem Lagerplatz reckt sich eine Sandviper. Bloß keine hektischen Bewegungen! Wenn sie sich angegriffen fühlt, stößt sie zu. Mahmud schleicht zu seinem klapprigen Dodge und greift nach dem langen Montiereisen. Vorsichtig nähert er sich dem züngelnden Tier von hinten und schlägt dann wild auf das sich aufbäumende Reptil ein. „Ich bin die Strecke schon Hundert  Mal gefahren, noch nie habe ich hier eine Sandviper gesehen“, keucht unser Guide. Kurz darauf sprintet ein Skorpion mit hochgestelltem Schwanz unter den warmen Motor. Unter der Plane unseres Vordachs quetscht sich eine große, giftige Spinne in den Vorraum. Jetzt schlagen wir ebenfalls zu, leiden unter Atemnot und Kreislaufstörungen, auch ohne gestochen worden zu sein.

Off-Road: Sand quillt über das Trittbrett

Am nächsten Tag gibt Mahmud Gas. Er will die Fahrtauglichkeit seiner Zöglinge prüfen. ,,Aleman“ , sagt er, und zeigt auf den Bizeps. Ein tüchtiger Deutscher darf keine Schwächen zeigen. Mahmud kann nicht sehen, wie wir unseren guten Ruf mit zusammengepressten Zähnen verteidigen. Der Sand wird tiefer. Dünen reizen, ihnen unseren Willen aufzuzwingen. Vor uns quält sich Mahmud einen endlosen Erg hinauf. Wir starren auf das Manöver, fast steht er still. Doch dann kippt der Klapperkasten nach vorn weg über den Kamm, ist verschwunden. Wir aber kleben zu dicht an unserem Vordermann, verlieren Schwung. Der Allrad-Antrieb reicht nicht aus, das Tempo sinkt. Schnell Differentialsperre rein!scannen0006.jpgAufatmen, die Reifen greifen. Doch das tiefe Profil beginnt zu graben. Das Sitzfleisch meldet den unerbittlichen Abgang: Aufsitzer total. Sand quillt über das Trittbrett. Wortlos reicht mir Gregor den Wüstenspaten. Wir beginnen zu schaufeln und mit den Händen zu graben und verlieren Mahmud aus den Augen. – Nach zwei Stunden ist der Wagen endlich frei, die Hände voller Blasen und Risse. Unsere Libyer warten seelenruhig ein paar Kilometer weiter, dösen im Schatten des Fahrzeugs. Mahmud lächelt und zeigt auf den Bizeps. „Aleman gut“ lästert er. Off-road eben.

Die Rettung per Plattfuss

Düne die zweite: Vorsichtig schleicht unser Fahrzeug am oberen Rand einer Sicheldüne entlang. Schräglage 45 Grad. Wir versuchen, nicht in den Kessel abzurutschen. Doch langsam, sanft, fast spielerisch gleitet unser Geländewagen sozusagen höllenwärts – unaufhaltsam. Grinsend rutscht Mahmud mit seiner weißen Ghalabia zu uns in die Tiefe. Der dicke Suli bleibt oben auf dem Kamm sitzen und kommentiert die Lage: „Problem!“ Mahmud drückt mit dem Fingernagel auf die  Reifenventile. Zischend sinkt der Druck von 2,8 auf 0,5 atü. Damit verbessert sich die Traktion der Reifen. Langsam aber griffig schleicht das Fahrzeug die Steilwand hoch. Auf fester Piste folgt dann des Wüstensports zweite Übung: viermal aufpumpen auf mindestens 2,0. In Ghat muss aufgetankt und Verpflegung für fünf Tage gekauft werden: frisches Obst für die ersten Tage und ein Vorrat an Brot. Der Rest der Verpflegung besteht aus Konserven. Mit Absicht. Denn der Koch hat schon nach vier Tagen Freigang bekommen. Anfangs hatte er versucht, uns zu bekochen. Nach vier Tagen gratulierten wir uns, noch am Leben zu sein. Majonäse in der Wüste, nach drei Tagen sengender Hitze noch „Frischfleisch“ am Spieß, Zwiebeln und Kartoffeln zwischen suppenden Benzinkanistern, die staubige Hinterklappe des Kombis als Küchentisch, die übliche OO-Hygiene mit Wasserflasche und der „unreinen“ Linken, dann aber zweihändig – wie anders? – Gemüse schälen und Brot schneiden, nein danke! Gregor täuscht Magenkrämpfe vor und krümmt sich, unsere bleichen Gesichter sprechen Bände.

Der tanzende Elefant hebt stolz den Kopf

In Ghat verstärkt Amrar unser Team. Der dunkelbraune Targi kennt den Akakus. Er weiß, wo sich die Felsbilder aus der Jungsteinzeit befinden. Im Teshuinat-Gebiet besteigen wir eine Düne, die sich an den Fels schmiegt. Ein Elefant tänzelt leichtfüßig, reckt den linken Fuß in die Höhe, hebt stolz den Kopf mit den kleinen Stoßzähnen. Mit faszinierender Fertigkeit haben Medizinmänner vor vielleicht 5.000 Jahren das Tier in die Felswand geritzt. Ganz langsam nimmt das Auge die Konturen eines anderen Elefanten wahr. Selbst Amra, der Kenner, ist überrascht. Der dickhäutige Tänzer ist die Kopie einer älteren Gravur, durch 1.000 und mehr Jahre Wind und Sand allmählich verwittert. Bis die Beschwörung des Jagdglücks einen Künstler der Jungsteinzeit veranlasste, an der heiligen Stelle ein Plagiat zu schaffen. Eine Felsnische weiter häusliche Szenen in der endlosen Wüste: Feingliedrige Frauen waschen sich gegenseitig die Haare, stecken Hochfrisuren, ein Kind übt einen Handstand. In einer Nische des Afar-Felsens tanzen hagere Figuren, Strichmännchen ähnlich, mit erhobenen Händen. Darüber aus einer späteren Epoche eine große, schlanke Tänzerin mit kurzem Röckchen. An Knöcheln und Handgelenk baumeln weiße Ringe. Die Felsnischen mit bis zu 10.000 Jahre alten, kultischen Darstellungen des Akakus-Gebirges, das sind die heiligen Tempel der Steinzeit.

Brot aus heißem Wüstenofen

Zu Füßen der heiligen Felsen schlagen wir unser Nachtlager auf. Amrar, der Spezialguide aus Ghat, gräbt ein großes Loch in den Wüstenboden. Aus dem Pickup holt er vorher gesammelte trockene Äste. Bis sie in der Sandmulde zu Glut werden, mischt er Mehl, Wasser, Salz und Gewürze. Der Teig wird geknetet, zwischen Amrars großen Händen hin und her geworfen und dann auf die Glut gelegt. Vorsichtig schiebt er Sand in die Mulde bis sie wieder aufgefüllt ist. Der Hunger wird immer größer, Suli überbrückt die Stunde Wartezeit mit einer Trommel-Einlage auf leeren Benzintonnen. Dann die Zeremonie der Brotverteilung: Vorsichtig hebt Amrar mit seinen Schaufelhänden den Sand aus der Grube. Fast zärtlich schiebt er seine Finger unter den hellbraunen Laib und zeigt ihn stolz, als habe er gerade ein Baby geholt. Dann bricht der dunkelbraune Targi große, dampfende Fetzen aus dem Wüstenbrot und reicht sie uns. Wir verschlingen die Köstlichkeit, achten nicht auf die scharfe Kruste, die am Gaumen ritzt, genießen die beste Brotzeit unseres Lebens.Später, als wir wieder allein sind und nördwärts durch die tausend Kilometer lange, stinklangweilige Steinwüste fahren, erinnern wir uns an das duftende Dinner. Wir hatten im Oasenstädtchen Germa, dem Ort der Trennung von unseren Begleitern, vorgesorgt. Vor einem Geschäft mit blau gestrichenen Fenstern und Türen zeigte ein abgeschlagener Kamelkopf, dass hier frisches Fleisch eingetroffen ist. Ein Lebensmittelgeschäft für alles. Auch für Mehl. Als der Verkäufer zwei Kilo abwiegt, zeigen wir auf die schwarzen Pünktchen. Das seien nur Mehlkäferchen, aber er würde das Pulver gerne durch ein Sieb schütteln, damit es schön weiß ist.Schweißtriefend graben wir dann ein Loch in den harten Boden der Kalanshyu-Ebene, zünden das unterwegs gefundene Brennholz. Dann Mehl, Wasser, Salz und Gewürz in die Schüssel. Doch was bewegt sich denn da? Die Käferchen von Germa hatten ihre Arbeit getan, Eier gelegt, die in der Hitze sich bald in Larven verwandelten. Wie auf Kommando zischten zwei mit Stiefeln bewaffnete Füße gegen die Schüssel. Mehl und Larven verteilten sich im Umkreis von 20 Meter. Zurück zur sterilisierten, chemisch gereinigten Konservenkost.

Karawanenhäuptling sucht Wasser

Der Weg vom Akakus zum Wadi Mathendous, dem nächsten Dorado für Felsbildfans, zieht sich über 200 Kilometer durch vorwiegend flache Wüste dahin. Plötzlich taucht im flimmernden Mittagslicht die Kontur einer Karawane am Horizont auf. Wir preschen quer über die Ebene. Der Leitbulle röhrt seinen Ärger in die Wüste. Die Karawanentreiber zeigen sich friedlicher. „Fen moja?“ fragt der Häuptling. Wo es Wasser gibt, will er von uns wissen. Wir, die Stadtmenschen, können helfen: Fünf Dünen zurück hat sich durch ein nächtliches Unwetter ein Teich gebildet, „Shukran“, und der Boss der Kameltreiber legt die rechte Hand auf sein Herz.

Verführung: sandige Sirenen

Die flache Steinwüste Msak Mallat, eine Hochebene, wird bedrängt von einem großen Dünengebiet. Für alleinreisende Männer eine quälende Fata Morgana: Überdimensional reihen sich runde, weibliche Formen aneinander und hintereinander, Brüste schmiegen sich an runde Rücken, pralle Schenkel, die nächste Düne gibt sich als schlanker Bauch mit einem wohlgesetzten Nabel. Es ist gut, dass spitze Basaltsteine volle Aufmerksamkeit verlangen, um einen Platten zu vermeiden. Adieu ihr sandigen Sirenen.Dann der nächste Höhepunkt, das Wadi Mathendous. Es führt früher als üblich Wasser. Die im Norden liegenden Felswände können nur barfuß erreicht werden. Drüben stehen Akazien mit großen Dornen. Doch die Felsgravuren lassen auch die sich in Fußsohlen bohrenden Spitzen vergessen. Vor 7.000 bis 9.000 Jahren gab es hier Dschungel, Wälder und Savannen. Alle heute noch in den Grünzonen Afrikas lebenden Tiere sind tief in den harten Fels gemeißelt.

Das Krokodil hinter dem Akazienbusch

Langsam waten wir durch den aalglatten Schlick am Ufer. Wie Jäger pirschen wir uns an die Felsen heran. Hinter einem Akazienbusch steht es mit gestreckten Beinen, die Schnauze schnuppernd in den Wind gehalten: ein fast zwei Meter langes Krokodil. Unter seinem starken Schwanz ein zweites, kleines Reptil, das der Mutter folgt. Ein Meisterwerk der Gravur! Der eindeutige Beweis für eine hier einst existierende Flusslandschaft. Unsere Neugier ist geweckt. Atemlos bezwingen wir die über und über mit Gravuren bedeckte Felswand. Giraffen strecken ihre langen Hälse an Felsgraten entlang, Kaffernbüffel und Rinder grasen mit gesenktem Kopf, schlanke Antilopen liegen ruhend auf der Erde, massige Nashörner donnern durch den Morast, langbeinige  Strauße stelzen über die Steppe, ein Flusspferd wälzt sich auf einem Felsen.Überwältigt fahren wir weiter. Nördlich des Oasenstädtchens Germa, in der aufregenden Dünenlandschaft von Ubari, liegen die Mandara-Seen. Wunder in der Wüste. Das Lagerfeuer knistert. Der Kopf liegt bequem am Fuß einer Sicheldüne. Die leuchtenden Sterne tanzen auf unseren Nasen. Wir schließen die Augen, hören den dumpfen Rhythmus tanzender Menschen. Der Medizinmann hat uns in seinen Bann geschlagen.

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2009 teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 1,67

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Gottfried Aigner
4 Comments
  • Esther Howoldt
    Posted at 19:58h, 20 Februar

    Super Bericht. Macht richtig Lust auf Wüstenabenteuer. Esther Howoldt

  • Tabea
    Posted at 16:58h, 21 Februar

    wunderbar, animiert zum REISEN!

  • Andreas Modery
    Posted at 10:41h, 23 Februar

    Schade – bei diesem Abenteuer wäre man gerne dabei gewesen! Kompliment und Gratulation – seit langer Zeit hat es der Autor dieses Reiseberichtes geschafft, dass ich beim Lesen das schon ewig vermisste „Karl May Gefühl“ wieder bekam. Danke!

    Meine Bewertung: 1

  • Eitan Levavi
    Posted at 09:31h, 24 Juli

    Wäre auch ich gerne dabei gewesen – eine ganz tolle Story! Note 1