Siege und Niederlagen

Siege und Niederlagen

Tartu, Estland
Am spaeten Nachmittag kamen wir in Tartu an. Die ersten beiden Gaestehaeuser hatten leider keine Zimmer mehr fuer uns, lediglich den Tipp, es bei einem Hotel etwas ausserhalb zu versuchen. Und da landeten wir dann auch, im Aleksandria. Guenstig, ein Dreibettzimmer mit grossem Dachfenster ohne Rollo in einem Land, in dem es nicht dunkel wird… Dafuer aber mir abgeschlossenem Parkplatz fuer das Motorrad und mit einer German Bier Bar (oder dem was man in Estland fuer solches haelt).

Fuer eine Besichtigung der Stadt (aelteste Universitaet des Landes, zweitgroesste Stadt,Dombibliothek und Schlosshuegel als Sehenswuerdigkeiten) ist am naechsten Morgen noch Zeit, heute schlendern wir nur in die Strassen – und stolpern ueber ein Radrennen. Teile der Innenstadt sind gesperrt, Radsportler sprinten durch die Hauptstrassen und dem Schlossberg hoch und wieder runter und wieder hoch… wir setzen uns in ein Strassencafe direkt an der Strecke und schuaen dem Spektakel zu. Ein Radrennen… ich kenn schon einige, die dies begeistert lesen…

Zu spaeterer Stunde wieder zurueck im Hotel packt uns nochmal der Hunger und ein Bier geht auch noch… doch in unserer German Bier Bar ist Livemusik mit Eintritt – ausser fuer Hotelgaeste. Das war doch mal ne gute Wahl heute! Gegen 22:30 Uhr beginnt endlich die Livemusik und sofort sind Esten auf der Tanzflaeche und schwofen. Uns fehlt natuerlich der Mut. Aber sollen die ruhig mal tanzen, Hauptsache, wir finden Schlaf!

Otepaeae, Estland
Der naechste Tag fuehrt uns nach Otepaeae, in eine beliebte estnische Freizeitregion. Im Sommer Seen, Waelder, Inlineskate- und Rollskiwege, sogar eine Rollskiarena zum Training fuer die echt toughen Wintersportler. Und im Winter? Im Winter gibt es hier mehrere (angeblich gute) Skigebiete. Ob ich mich dafuer allerdings begeistern kann angesichts dessen, dass der hoechste „Berg“ der Region 217m hoch ist? Wie lang mag da wohl die Abfahrt sein?!

Doch wir sind ja wegen eines Motorradfestivals hier und steuern gleich mal den Animatsi Campground an, wo lediglich ein paar versprengte Biker zu sehen sind und der Chef des Campingplatzes gerade das Programm anpinnt. 19:00 Uhr Ankunft der Fahrer, 20:00 Uhr Beginn. Okay, wir sind 7 Stunden zu frueh angekommen. Gehen wir doch erstmal in unserem Schloss einchecken.

Sangaste Schloss, Estland
Natuerlich haette man auch campen koennen, aber man kann durchaus Biker sein und trotzdem kein grosser Freund des Campens. Ausserdem wollte ich Claudia ein Gegengewicht bieten zu dem Motorradfest – und eine Uebernachtung in diesem Schloss klang doch so verlockend…
Das Schloss bot uns auch einen angemessenen Empfang: Man ist ausgebucht. Aber wir hatten gebucht! Na gut, dann Zimmer 23. Ein Maedchen bringt uns hoch… in eine abgewrackte Zelle ohne Bad, ohne Waschbecken… dieses Loch kann doch nicth ausgebucht sein?! Bei 40 Zimmern gibt es immerhin 2 Badezimmer. Jeweils mit eigener Minisauna. Das wird ja lustig, wenn 40 Paare sich je fuer eine Stunde im Bad einschliessen, um die Sauna zu nutzen, gehen 24 Stunden ja rum.
Beschweren hilft nichts, unser Gemecker laesst man abblitzen.

Also kaufen wir uns in Sangaste ein paar Snacks und fahren in die Gegend, um einen Picknickplatz zu suchen. Natuerlich finden wir in unserer Richtung keinen See, aber einen Bauer, der mit einem Maehdrescher sein Feld bearbeitet. Kein geeigneter Picknickplatz? Und ob! Wir setzen uns auf eine benachbarte Wiese, denn der Himmel ist voller Stoerche, die ueber dem Feld kreisen oder hinter dem Maehdrescher herstapfen, um das aufgeschreckte Kleingetier zu schnappen. Wir haben auf dieser Reise bestimmt schon 100 Stoerche gesehe und an diesem Tag werden es sicherlich 30 mehr, doch bis zum letzten Tag werden wir auf jedes besetzte Nest deuten oder in die Felder weisen, wo sie abseits der Strasse stehen.

Nach dem Picknick wollen wir wieder nach Otepaeae. Nur dort gibt es Tankstellen und unsere Maschine braucht Benzin, um die Pendelei zwischen Animatsi Campground und Sangastesowie das am naechsten Tag anstehende Motorradcorso durchzuhalten. Doch vor Otepaeae stehen wir ploetzlich im Stau. Ueber uns am Berg ist die Strasse gesperrt. Es findet ein Radrennen statt. Wir machen die Maschine aus, warten. Das Hauptfeld zieht durch, ein paar Begleitfahrzeuge hinterher, warten. Eine kleine Gruppe kommt, Begleitfahrzeuge, warten. Noch eine kleine Gruppe, Begleitfahrzeuge, wieder eine grosse. War das wieder das Hauptfeld? Wieviele Runden drehen die?

Gibt es einen alternativen Weg nach Otepaeae? Nur um den grossen See drumherum. Egal. Wir drehen um, fahren wieder nach Sueden, umkreisen den riesigen See, kehren wieder nach Norden und werdenvon einem Polizisten angehalten. Wir sollen warten – 2 Minuten. Er blickt in ein Seitenstrasse. Oh nein, nicht wieder das Radrennen! Da kommt ein Polizeimotorrad, die Dreierspitzengruppe, zwei Begleitfahrzeuge, ein Begleitmotorrad und ploetzlich winkt er uns, wir sollen folgen. Schnell schmeisse ich die Maschine an und schliesse zum Begleitmotorrad auf. Wir sind mitten in einem Radrennen, einen Hauch hinter der Spitzengruppe!!!

Radrennen Otepaa, Estland

„5km zum Ziel“ kuendigt ein Schild an. Ich schaue auf die Karte in meinem Tankrucksack. Otepaeae, das passt. Wir werden doch nicht? Ein weiteres Begleitmotorrad schliesst von hinten auf, deutet auf ein Schild, dass auf die Otepaeae Tour 2007 (das Motorradfestival) hinweist. Ich nicke. Sein Finger zeigt auf mich, dann auf sich, dann Daumen nach oben. Alles klar, wir sehen uns da! „1km bis zum Ziel“, die beiden Begleitfahrzeuge halten rechts an, das Begleitmotorrad signalisiert auch uns zu warten und ein Verfolgerduo zieht an uns vorbei und versucht zur Spitzengruppe aufzuschliessen. Auch wir folgen wieder. „300m“, „200m“, „100m“, die Ziellinie! Wir sind 6. geworden! Sechster Platz beim Radrennen von Otepaeae, ist das nicth ein Hammer?! Und ich bin sicher, wir sind die ersten, die diese Platzierung mit einem Motorrad erreicht haben!!!

Tanken, zurueck zum Schloss zum Umziehen und wieder zum Animatsi Campground, wo wir kurz nach 19:00 Uhr eintreffen.

Animatsi Campground, Estland
Vor dem Campground ist an einem Wohnwagen ein Check-In. Wir bezahlen unsere Teilnahmegebuehr (inkl. Abendessen + Fruehstueck) und ich werde gefragt, wie weit unsere Anreise war. Ich schaue auf den Kilometerzaehler: „2.332km!“ Nein, eine Tour zaehle nicht, sondern die direkte Entfernung nach Hause. Die wisse ich nicht, antworte ich, aber die ganze Strecke ueber Polen sei gewiss nicht viel weniger. Ein wohl ueberzeugendes Argument und ich schreibe genuesslich auf eine Kladde meinen Namen und unter die fuehrenden 517km eines Finnen „2.332km“. Es waere doch gelacht, wenn wir nicht den 1. Platz als weitest angereiste Biker einheimsen wuerden!

Jens Freyler
Jens Freyler
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