Planänderungen, Pelerinen und Partymeilen

Planänderungen, Pelerinen und Partymeilen

Die Hölle von Cesis

Da wir die Straßen rund um Otepää schon auswendig kennen und fast nicht mehr sehen können, entscheiden wir uns für den kürzesten Weg auf die Schnellstraße, die die Freizeitregion umringt – und stehen nach wenigen hundert Metern vorm Ende des Asphalts. Na gut, das kennen wir ja. Über unbefestigte Pisten geht es nach Westen. Diese Straße ist zwar als befestigt in unseren Karten eingetragen, aber vielleicht wollte der Hersteller da seiner Zeit voraus sein. Die Baumaschinen sind schon aktiv, im Moment verschlechtern sie aber eher den Belag und verengen die Fahrbahn.

Wir quälen uns voran und ich beschließe, für diese Reise genug von Offroad-Pisten zu haben! Als wir endlich an der Schnellstraße ankommen, ist der Traum vom schnellen weiterkommen rasch beendet. Ein Schild informiert uns, dass die Schnellstraße 2km südlich voll gesperrt ist wegen Bauarbeiten. Die Umleitung bringt uns 40km Umweg über Nebenstraßen – über asphaltierte allerdings Gott sei Dank – und bringt uns letztlich nach Vauka.

Der Grenzort zwischen Estland und Lettland ist einer der Orte, den man eigentlich von der Landkarte streichen sollte – zumindest die westlichen Außenbezirke der Stadt, durch die die Grenzstraße verläuft. Die Grenzkontrolle ist wie immer unproblematisch und Lettland erwartet uns so, wie wir es kennen: Mit schlechteren Straßen.

Doch wir wollen heute nicht mehr zu weit, nur noch bis Cesis, wenn uns auch die Baustellenpisten und der Umweg so viel Zeit gekostet haben, dass wir die Besichtigung der Stadt wohl auf den nächsten Morgen verschieben werden müssen.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Stadt im Nordosten Lettlands. Doch die Hauptstraße durch die Innenstadt ist gesperrt. Wir drehen um, wählen einen anderen Weg, stehen wieder vor einer Sperre. In der Nähe des Busbahnhofs warte ich, Claudia geht zu Fuß auf Hotelsuche. Ich werde von interessierten Leuten beobachtet, von anderen gefragt, warum das Cafe vor dem ich stehe geschlossen hat, schaue selbst einer Reisegruppe zu, die von einer historisch kostümierten Führerin geleitet wird.

Stadtführung Cesis, Lettland

Als Claudia zurück kommt, hat sie zwar die Touristen Information nicht gefunden, aber das Hotel Cesis, das wir eigentlich ansteuern wollten. Es ist ausgebucht – und man vermutet dort, die ganze Stadt sei ausgebucht, da Disconacht sei und ein Tourenwagenrennen stattfinde. Disconacht? Die können doch immer in die Disco gehen! Und warum sind deswegen die Hotels ausgebucht? Und Tourenwagenrennen? Die sollen morgen mit mir Formel 1 schauen, den Großen Preis von Indianapolis! Und dafür braucht man doch auch kein Hotel?!

Wir steuern zwei weitere an, ausgebucht. Vergeblich versuchen wir auf normalen Wegen um die Stadt zu anderen Hotels zu kommen. Überall sind die Straßen gesperrt. Über schlimme Wege, steile Sandpisten, vom Wasser unterspült holpern wir um die Stadt, suchen mit der Karte auf meinem Tankrucksack Aus- und Umwege. Das nächste Hotel. Nein, hier werden wir nicht übernachten! Definitiv!

Also raus aus der Stadt ins Skigebiet (ja, auch hier glauben sie ein Skigebiet zu haben…). Ein schönes Hotel auf dem Weg dorthin – ausgebucht – im Skigebiet dann das größte Hotel der Stadt. Ein 150-Zimmer-Betonblock, runtergekommen, auf den nach hinten raus weisenden Balkonen Jugendliche und Partywütige, die sich auf die Disconacht vorbereiten. Auch hier werden wir nicht bleiben. Einen weiteren Versuch starten wir, ein Hotel in der Nachbarstadt – ausgebucht – hier übernachten die Rennfahrer, verlassen mit Overalls bekleidet das Hotel und fahren mit normalen PKWs in Richtung Cesis.

Uns bleibt keine Wahl. Auf Disconacht und Tourenwagenrennen werden wir wohl verzichten müssen und die Sehenswürdigkeiten von Cesis (wir haben sowieso schon beeindruckendere mittelalterliche Stadtkerne gesehen! Hah!) können uns gestohlen bleiben.

Neues Ziel: Sigulda! Zurück auf die Hauptstraße, 45 schnelle Minuten sollten uns dorthin bringen. Es ist inzwischen Samstag Abend und ich hoffe, dass die Letten sich nicht auch für Sigulda ein Stadtfest ausgedacht haben, zu dem man die Hotels ausbuchen muss…

45 Minuten später stehen wir vor einer komischen Konstruktion. „Das ist die Bobbahn“, sagt Claudia. „Was für ne Bobbahn?“ „Die haben hier ne Bobbahn!“ „So ein Quatsch!“ Ich schaue auf die Karte in unserem Reiseführer. Eine Bobbahn. Ich blättere weiter. Die einzige Bobbahn des Landes, die absolut internationales Niveau habe und die man im Sommer auch mit Rollbobs befahren kann ;-) „Nein“, versichert mir Claudia, auf dieser Reise sei ich als einziger Fahrer unentbehrlich (sonst also nicht…) und wir machen keine anderen Risikosportarten als Motorradfahren… Na gut…

Doch eigentlich suchen wir auch ein Hotel. Erste Entdeckung ist das Sigulda Hotel. Keine Verhandlungen, keine Überlegungen, ich hab keine Lust mehr! Wir schlagen zu, bekommen ein schönes Zimmer und auch auf Restaurantsuche habe ich keinen Nerv mehr. Ich bin durch für diesen Tag, essen im noblen Hotelrestaurant und verbringen den Samstag Abend vorm Fernseher im Bett.

Pelerinen

Der Begriff Pelerine ist erst in meinen Wortschatz eingetreten, als ich mir ein Motorrad zugelegt hatte. Mein Tankrucksack hat nämlich eine Regenpelerine und das ist ein Gummiüberzug, den man darüber ziehen kann, damit er nicht von außen nass wird, sonder nur von innen schwitzt.

Am nächsten Morgen kommt die Regenpelerine zum ersten Mal zum Einsatz – und nicht nur die, auch Claudia und ich packen uns in unsere Regenpelerinen, bei Claudia verbirgt sich darunter eine schicke schwarze Jacke, bei mir ein Biene-Maja-Vollkörperanzug. Dabei hätten wir den an diesem Morgen gar nicht gebraucht zum Auffallen – aber zum Trocken bleiben. Zum ersten Mal regnet es nachhaltig – und das ausgerechnet in Sigulda, einer Stadt, die viele Sehenswürdigkeiten bietet – und alle draußen.

Sigulda liegt an der Gauja, einem Fluss, der hier tiefe Taleinschnitte erzeugt hat und zahlreiche Bergkuppen (ihr ahnt es, es gibt auch Skilifte hier) zurückließ. Und Bergkuppen an Flusswendungen schienen Menschen in früheren Jahren zum Bau von Burgen animiert haben. Gleich 4 Burgen bzw. Schlösser stehen hier im Umkreis weniger Kilometer. Mit der Besichtigung von Sigulda fangen wir an. In der Kirche, wo gerade der Sonntagsgottesdienst beginnt, wollen wir in unserem merkwürdigen Outfit nicht stören, im „neuen“ Schloss sitzt heute der Stadtrat, das alte Schloss ist eine Ruinenanlage auf einem Hügel. Über eine Holzbrücke gelangen wir zu ihm und laufen etwas durch die Ruinen. Auf der anderen Seite der Schlucht sehen wir eine beeindruckende Burg. Ein massiver Turm sticht in den wolkenverhangenen Himel. Welche ist das wohl? Ich versuche mich anhand der Karte im Reiseführer zur orientieren, doch mir bleibt nur zu raten.

Regenpelerine und Statue vorm Schloss von Sigulda, Lettland

Egal, zurück zum Motorrad, notdürftig den Sitz trocken rubbeln und auf zum nächsten Schloss – und wir erwischen das richtige, den Museumspark von Turaida. Wir lösen Eintrittskarten und versuchen uns etwas von den Reisegruppen abzusetzen, die hier plötzlich überall um uns sind. Ein Darrhaus (indem früher mit Kohlefeuern Getreide getrocknet hatte) und eine kleine Holzkirche eröffnen das Areal. Was folgt ist das wohl interessanteste Sehenswürdigkeit Lettlands. Die ehemalige Burg, deren Wahrzeichen eine Sonnenuhr ist, ist teils gut restauriert und die Räume mit plakativen Ausstellungen versehen. Im Verlies wartet eine mit Figuren inszenierte Folterszene, im Kellergewölbe Darstellungen der Entwicklung der Burg über die Jahrhunderte, in den oberen Etagen in lettisch und englisch erläuterte Bauelemente und Geschichten oder ein Schreibpult mit alten (deutschsprachigen) Schriften. Absolut sehenswert!

Turaida, Lettland Historische Konzertprobe in Turaida, Lettland Sonnenuhr von Turaida, Lettland

Inzwischen ist es einige Zeit trocken und insbesondere Claudia macht in ihrer Regenkombi einen ziemlich lustlosen Eindruck. Okay, Regenpelerinen runter und mutig zurück auf die Straße nach Westen.

An diesem Tag nehmen wir noch viele Kilometer auf uns, umkreisen die Hauptstadt Riga und landen am Abend (nach weiteren gesperrten Straßen) in Kuldiga, wo wir im Jana Nams Unterschlupf finden – ein günstiges Zimmer mit dem vielleicht besten Preis-/Leistungsverhältnis dieser Reise. Aber andererseits, wer würde schon Kuldiga besuchen, wenn er wüsste, was sich „spektakuläres“ hinter der einzigen noch komplett erhaltenen Holzbauweisenstadt verbirgt… ach ja – und nicht nur das, auch der zweithöchste Wasserfall Lettlands ist hier (4m) und der breiteste Wasserfall ganz Europas – ungefähr so wie die Verbindung aus Niagara Fällen und Horseshoe Falls – allerdings nur 1m hoch…

Wasserfall von Kuldiga, Lettland

Partymeilen

Der nächste Morgen bringt uns weiter nach Südwesten. In Liepaja erreichen wir die Ostseeküste und schauen uns etwas in der Stadt um. Das Städtchen wie auch der Strand sind ganz nett, es gibt sogar eine bescheidene Strandgastronomie, ein schickes Designhotel (Panorama Hotel) und ein paar sehenswerte Kirchen und Gutsherrnbauten – aber auch vieles noch verfallenes. Trotzdem überlegen wir, ob wir Lettland mit unserem bisherigen Urteil vielleicht etwas unrecht getan haben.

Aber nur etwas! Die Küstenstraße nach Süden ist nämlich wieder so schlecht wie wir es kennen und 75km weiter südlich im litauischen Palanga, erleben wir, was man wirklich aus einem Strandparadies machen kann.

Palanga war schon zu Sowjetzeiten der Sommerausflugsort der Parteioberen. Sozusagen das Heiligendamm der Russen. Zumindest die sowjetische Politprominenz muss wohl inzwischen auf die Grimm und beim Anblick von Palanga könne sogar Gorbatschow seine Perestroika bereuen… Palanga ist die Partymeile des Baltikums schlechthin. Eine kilometerlange Fußgängerzone führt von der Hauptstraße zum Strand. An ihr Bernseinverkäufer, Künstler, Cafes, Kneipen, Saloons, eine Hawaii-Bar und andere Themenkneipen, ein 4D(?)-Kino, modernste Action-Fahrgeschäfte, willkommen zur Ganzjahreskirmes! Und am Ende ein Steg, der endlos weit ins Meer zu führen scheint. Wenn sich die Hotelinfrastruktur hier noch etwas entwickelt, dann erwächst in Litauen ein Konkurrent für die Partyinseln im Mittelmeer – zumal der Flughafen von Klaipeda nur ein kleines Stück südlich von Palanga liegt.

Restaurantschiff in Klaipeda, Litauen

Feiert Ihr weiter, wir kehren zurück nach Klaipeda, verbringen den Abend mit dem Essen auf dem Flussschiff Meridiana und einem Bier mit einer motorradfahrenden 8er-Gruppe aus Bäckern und Bauern (eigene Aussage!) aus Ostholstein. Eine lustige Gruppe mit einigen Anekdoten – die beste (und wahre): Einer der Biker hatte in Polen an einer Tankstelle sein Handy verloren. Er merkte es einige Kilometer weiter, drehte um und war schon ganz happy in freudiger Erwartung, sein Handy wieder zu bekommen, als er auf die Tankstelle zufuhr und ihm alle winkten. Doch sie winkten aus Panik, da er mit brennendem Motorrad auf die Tankstelle zufuhr… der Biker aus Ostholstein hatte einen Koffer über seinen Auspuff gehängt… und dieser hatte Feuer gefangen und loderte wie eine Fackel am Heck der Maschine. Mit einem Bier, dem Hohn der anderen und keinem einzigen Kleidungsstück mehr außer denen, die er am Leib trägt, sitzt er mit uns in der Kneipe des Hotels Europa Royal.

Jens Freyler
Jens Freyler
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