Ein Hostel im Süden und 4 neue Freunde

Ein Hostel im Süden und 4 neue Freunde

Da saß ich nun also im Bus und blickte nachdenklich auf Santiago, das in einem verschwommenen Lichtermeer an mir vorbeizog also ich plötzlich neben mir eine Stimme höre : „Pa‘ donde vai?“ Was chilenisch ist für: „Wohin fährst Du?“ Dies läutete ca. zwei Minuten nach der Anfahrt das Ende meiner ruhigen Busfahrt ein. Etwa eine halbe Stunde später wusste ich, dass die Stimme neben mir Reinaldo hieß, in einer Mine im Norden Chiles arbeitete und einmal im Monat für zehn Tage die Heimreise in den Süden antrat – genau in dieselbe Stadt, in die auch ich wollte: Los Angeles (ca. sieben Stunden südlich von Santiago). Nach einer weiteren Stunde wusste ich außerdem, dass Reinaldo drei Kinder hat (zwei Söhne und eine Töchter, die alle studieren), geschieden ist (weil seine Frau „andere Vorstellungen vom Leben hatte als er“, Übersetzung: sie hat ihn wegen eines anderen verlassen), er ein Haus baut und mit seinem Leben zufrieden ist. Außerdem hatte ich ebenfalls die tragische Liebesgeschichte seiner Nachbarin erfahren, die seines Arbeitskollegen und  die seines Hundes. Vier Stunden später und zahllose unterdrückte Gähner später (es war mittlerweile 2 Uhr morgens), wurde ich für mein braves Zuhören belohnt – mit einer Einladung zu einem kleinen Ausflug. So begann meine Chile-Reise gleich mit einem neuen Freund. Und es sollten noch am selben Tag drei Weitere folgen. Zunächst ging es aber auf abenteuerliche Taxifahrt durch die dustere Nacht an einen völlig abgelegenen Ort, an dem mein zukünftiger Arbeitsplatz lag, das Hostel „El Rincón“. In Anbetracht dessen, dass dieses Hostel in einem toten Winkel liegt, ist der Name „Der Winkel“ perfekt gewählt. Der völlig verschreckte Taxifahrer lässt mich also mitten in der Nacht in diesem dunklen Eckchen heraus und übergibt mich in die Obhut von Elke. Ich weiß nicht, wie alt Elke ist, aber das ist auch völlig unwichtig: sie war definitiv eine 68er Revoluzzerin. Mit ihrem Mann Winfried ist sie vor 25 Jahren aus Deutschland ausgewandert: „Nach Tchernobyl hatten wir einfach genug und wollten an einem sicheren und unverschmutzten Ort leben!“ und hat mit ihm ein ökologisches Hostel aufgebaut. Hier gibt es kein Fast-Food und keinen Lärm, dafür aber einen Gemüsegarten, eine Bibliothek mit 1000 Büchern und meine drei neuen besten Freunde: Dickie, Lola und Miley – die drei wohl faulsten Hunde der Welt. Dazu eine liebevolle Elke, die mich mit köstlichstem Essen, Wärmflaschen, belgischer Schokolade und dem obligatorischen Rotwein versorgt: Ich bin mehr als begeistert! Mein Zimmer ist voller Apfelkisten und duftet herrlich, im Wohnzimmer knistert das Holz im Ofen und hält mich wärmer als jedes Gasöfchen in Santiago und um mich herum klare Luft und völlige Stille. Das ist der Beginn einer wunderbaren Reise!

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

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