Eine Anthropologin unter Nachbarn

Eine Anthropologin unter Nachbarn

Viele denken immer, Anthropologen müssten in die verstecktesten Winkel der Welt reisen, fernab jeder menschlicher Zivilisation, um in Regenwäldern und Lehmhütten kulturelle Eigenheiten zu erforschen. Was für ein Irrglaube! Ich kann da jedem nur empfehlen mal seine Nachbarn zu besuchen. Nach nur einer kleinen Tour mit meiner Hausherrin (und Informantin) Elke durch den „campo“ (also die ländliche Nachbarschaft) bei Los Angeles hier im Süden Chiles bin ich sicher: hier würde jeder Anthropologe Forschungsmaterial für zahlreiche Monographien finden. Als Anregung, meine ersten Feldnotizen:

 

Forschungssubjekt Nr. 1: Der Wi-Wa-Wutzemann

Ich konnte mir noch nie so richtig was unter einem kauzigen Wutzelmännchen vorstellen – bis ich Don Oswaldo kennenlerne. Meine bescheidene Größe von 1,68 m untertrifft er dabei noch spielend. Don Oswaldo geht nicht, er watschelt … ich bin mir nicht sicher, ob das an den Gummistiefeln und dem matschigen Weg liegt oder ob dies seine natürliche Grazie ist. Sein Gesicht ist komplett falten-verrunzelt aber seine eisblauen Augen und vor allem sein Mund, der nie still zu stehen scheint, strotzen geradezu vor jugendlicher Energie. Wir sind hier, um mit ihm über einen Wasserkanal zu sprechen, den die Regierung neu legen will – über sein Grundstück und das angrenzende Grundstück von Elkes Schwester. Don Oswaldo ist natürlich dagegen: „Alles Schlitzohre, die wollen uns eh nur ausnehmen, diese ganze Regierung ist ein verlogener Haufen!“ Gut, Elke versteht davon nur die Hälfte, die andere Hälfte übersetze ich (in abgemildeter Form).

Später erzählt Elke, dass Don Oswaldo Chile von oben bis unten bereist hat, an der besten Universität des Landes studiert hat und (und dieses letzte „Und“ ist sein eigentliches Problem) Kommunist ist. Zur Verdeutlichung: das ist in dieser Gegend von Chile ungefähr so, als würde man bei Stoibers am Tisch sitzen und erklären man sei überzeugter Wähler der Linken. Andersherum heißt das auch, Don Oswaldo sieht rot, sobald er nur das Wort Regierung hört. Dementsprechend bekommen wir auch in allen Einzelheiten erklärt, warum dieser neu geplante Wasserkanal eine Verschwörung der Regierung gegen die Landbevölkerung ist. Selbstverständlich muss uns Don Oswaldo dabei durch den schlimmsten Schlamm seines Ackers führen, damit wir uns dies auch richtig vor Augen führen können. Nachdem ich bis zu den Knien im Schlamm versunken bin, bin ich mit ihm völlig einer Meinung. Wenn der alte Kanal funktionieren würde, würde das Wasser abgeführt werden und ich stünde hier auf einem trockenen Stück Gras und nicht mitten in der Matsche. Zum Teufel mit der Regierung! Eine halbe Stunde später (in der Don Oswaldo neben Regierungswutausbrüchen mit dem typischen chilenischen Charme mal eben nebenbei geklärt hat, wieso ich in dieser Gegend bin, seit wann ich in Chile wohne (und warum??) und natürlich ob ich einen Freund habe) sagt Elke in gewohnt ruppiger Manier – wir seien spät dran und müssten jetzt los. Das erste Mal bin ich wirklich dankbar für ihre kernige Art. Don Oswaldo beendet auch sofort und abrupt seinen Redeschwall und lässt uns ziehen. Aber nur bis zum nächsten Haus.

 

 

Forschungssubjekt Nr. 2: Die Knusperhexe

 

Versteckt zwischen roten Sträuchern liegt das schnuckeligste kleine Häuschen weit und breit. Weiß getüncht mit blauen Fensterläden zwischen grünem Gras – einfach zum anbeißen. Und heraus kommt: Knusperhausbesitzerin Petra. Zuerst bin ich mir nicht sicher, ob Petra Deutsche oder Chilenin ist, bis ich feststelle: weder noch. Petra ist Fränkin. Und Petra tut alles ohne Unterlass: rauchen, reden, auf- und abgehen. Nach 20 Minuten fällt ihr dabei auf, dass wir noch in der Tür stehen, sie mich noch gar nicht begrüßt hat und dass ihre Zigarette schon längst ausgegangen ist (ich glaube, das ist der wahre Grund, der sie in ihrem Redeschwall stoppt). Eine Kaffeetasse (Petra: „Ist der Kaffee auch stark genug?“ – „Wasser mit Kaffeegeschmack“, denke ich … – „Aber ja, ganz wunderbar, danke“, sage ich) und fünf Kekse („Bitte nehm doch noch einen. Ich weiß, die sind nicht selber gebacken, aber seitdem der Kurt tot ist… aber die sind wirklich lecker!“) und zehn Geschichtenstränge später („Also das Erdbeben, da bin ich ja kaum aus dem Haus gekommen …“ „Ich weiß noch, wie ich für Kurt – der hat ja den ganzen Tag gearbeitet – jeden Tag Kuchen backen musste. Und der hat dann gleich das halbe Blech weggefuttert.“ „Elke, wie hast Du eigentlich Deinen chilenischen Führerschein bekommen?“) erfahre ich durch Elkes wertvolle Seitenbemerkungen, dass Kurt Petras verstorbener Mann ist, dass er klapperdürr war aber ständig Hunger hatte und dass Petra seit 25 Jahren in Chile lebt und seit 20 Jahren illegal Auto fährt. Nach Kaffeetasse zwei sind wir beim nachbarschaftlichen Tratsch über die chilenische Frau des amerikanischen Nachbarn gelandet, die die argentinische Frau des chilenischen Nachbarn nicht ausstehen kann, weil die zweite die erste bei einer Feier der schweizer Freundin abschätzig von oben bis unten gemustert hat. Selbst als TV-Serien-Süchtige habe ich Probleme zu folgen. Wieder ein ruppiges: „Wir müssen schon wieder weiter Petra, danke für den Kaffee“ von Elke (ich fange an, sie dafür richtig gern zu haben) und wir brausen davon.

 

Forschungssubjekte Nr. 3: Fool’s House

 

Ein paar Misthaufen und eingekrachte Hütten später landen wir schließlich bei Familie Dönst. Diese besteht aus Pferdenärrin Angelika, ihrem Mann Rainer und Rainers Vater, der einfach nur Rainers Vater heißt. Und mit dem Elke nach geschlagenen 2 Minuten Streit bekommt. The same procedure as every time… Eigentlich wollen wir nur einen Brief abholen. Uneigentlich erklärt uns Angelika, warum Bruno so stur und widerspänstig ist („Da fehlte einfach eine liebende Hand in der Erziehung.“). Ach so – Bruno ist nicht der Sohn, sondern das Pferd. Uneigentlich erklärt uns Rainer warum Teneriffa das LETZTE ist und Chile so viel besser für Deutsche. Und uneigentlich besteht Rainers Vater auch nach 30 Minuten Diskussion mit Elke, Angelika und Rainer (ich bin nur teilnehmende Beobachterin und spiele eigentlich mit der Katze, während ich uneigentlich zuhöre), dass die Deutsche Bundesbank und die Deutsche Bank dasselbe sind. Schneller als erhofft höre ich wieder: „Wir müssen jetzt gehen!“ Doch leider nutzt Angelika diese Gelegenheit, um uns ihr neues Heim zu zeigen (in Eigenbau errichtet): Ein Wohnzimmer mit einem Sofa, einem Tisch und einem scheußlichen selbstgemalten Bild von Angelika (sie nennt es gemütlich, manch einer würde sagen abstoßend), dann noch die Küche: rosa-rot und es fehlen wirklich nur die Blümchen. Küsschen zum Abschied und weg sind wir!

 

Was für ein Ausflug! Wutzelmännchen, eine Knusperhexe und ein Haus voller Narren. Offizieller anthropologischer Arbeitstitel: „Nachbarschaftsbeziehungen der deutschen Diaspora in Chile“, Untertitel: Warum „wir müssen los“ meine neuen drei Lieblingswörter sind!

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

2 Comments
  • Reiner Doenst
    Posted at 21:22h, 07 November Antworten

    Dieser Bericht soll wohl erheitern, doch bitte nicht auf Kosten Anderer.

    Weder ist Petra eine Hexe noch gibt es auf dem Weg nicht einen einzigen Misthaufen,
    Es gab zwei zerfallene Häuser, davon war eines eine Kirche, die durch das Erdbeben 2010 beschädigt wurden, Sie sind aber inzwischen wiederhergestellt.Unsere Küche ist knall Rot und unser Wohnzimmer ist mit weit mehr als einem Bild, einem Tisch und einem Sofa ausgestattet.

    Die Autorin des Berichtes hat bei Angelika Reitstunde genommen, ist aber, ungeschickt wie sie war, vom Pferd gefallen und ohne einen Pfennig zubezahlen, von Dannen gezogen.

    Ich werde von Ihr sicher keine Reiseberichte lesen, da ich nun weiss, was ich von
    dem Wahrheitsgehalt Ihrer Beschreibungen halten kann.

    Reiner Doenst

  • Harry
    Posted at 17:11h, 04 Januar Antworten

    Der gesamte Bericht ist gar nichts aber auch wirklich nicht etwas was unter Wissenschaft zu verstehen ist. Alte Berichte von Alexander H. Waren 1000 mal besser Harry

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