Die unendliche Anreise – Ein Drama mit Küsschen

Die unendliche Anreise – Ein Drama mit Küsschen

Samuel Becket wird zu Unrecht als Autor von surrealen Theaterstücken angesehen. Denn die reale Welt ist um ein Vielfaches bizarrer als jede Leinwandkreation. Vielleicht nicht DIE reale Welt an sich, aber zumindest meine. In dieser meiner Marinela-im-bizarren-Land-Welt versuche ich nun schon seit geraumer Zeit in den Norden Argentiniens zu fahren, um dem kalten chilenischen Winter zu entfliehen. Das verzerrte Schriftbild und das laute Plätschern im Hintergrund verraten aber, dass ich immer noch vor Kälte bibbernd bei strömendem Regen in Santiago sitze. Festsitze, um genau zu sein. Wie das kommt? [Schnitt; Rückblende]. Eines gemütlich warmen Sommernachmittags surfe ich im Internet herum und entdecke per Zufall diese Anzeige: Suche Freiwillige für Spa in Argentiniens Norden. Ich überlege blitzschnell: Monat Juli, bibbernde Kälte in Chile – angenehme Frühlingwärme in Argentinien, fröstelndes Tippen im Büro in Santiago – Wellness-Massagen in Argentinien. Schon schreibe ich eine Email an die Besitzerin und melde mich als begeisterte Freiwillige. In lateinamerikanischer Lässigkeit sind wir nach zwei Emails beim „du“ und senden uns „besitos“ und alles ist geritzt. So wundert es mich denn auch nicht weiter, als ich – mittlerweile schon beim Hostel-Sitting im Süden Chiles – erstmal nichts mehr aus Argentinien höre. Bis dann der Anfang vom Anfang ohne Ende meiner Argentinischen Anreise beginnt. Ich bekomme eine Email (natürlich per Du und mit Küsschen), dass es wirklich sehr schade sei aber meine Hilfe nun doch nicht benötigt werde. Kein Problem, denke ich. Dann suche ich mir ein anderes nettes Plätzchen. In der zuckerweißen (und stets sommerlich warmen) bolivischen Stadt Sucre, finde ich ein schnuckeliges Hostel, in dem ich gegen Arbeit umsonst beherbergt und ernährt werde. Ich bin selig. Bis ich plötzlich (trotz meiner Emails per Du und mit Küsschen) nichts mehr von der Hostel-Besitzerin höre. Kein Problem, denke ich. Dann fahre ich eben so hin, nehme doch den Umweg über Argentinien und schaue einfach was sich ergibt. Schließlich bin ich in Südamerika und flexibel. Ein guter Plan B, wie ich finde. Bis ich dann entgeistert feststelle, dass ich meinen Reisepass in Santiago vergessen habe. [Schnitt. Düstere Musik] Anstatt also wie geplant, die schönere Grenzüberquerung im Süden Chiles zu unternehmen, muss ich also erst zurück in die Hauptstadt und dort über die Anden nach Argentinien rüber. Kein Problem, ich schreibe also meiner Freundin, bei der mein ganzes Hab und Gut zwischengeparkt ist, eine Email (per Du und mit Küsschen), dass ich bei ihr noch meinen Pass abholen muss. Natürlich ist diese Freundin in den USA und kommt erst in einem Monat wieder, nach Santiago, natürlich wird auch ihr Mann nicht zu Hause sein. Aber sie erklären sich bereit, den Pass für mich zu suchen und beim Consièrge für mich zu deponieren. Küsschen! Natürlich findet sich der Pass erstmal nicht und ich sehe schon mein neues Reiseziel vor mir [in schwarz-weißer Blockschrift mit Neonstrahler angeleuchtet]: Willkommen bei der Passbehörde der deutschen Botschaft in Santiago. Doch schließlich findet sich der Pass doch noch. Über das Reiseportal „Couchsurfing“, finde ich unglaublicherweise auch an all meinen geplanten argentinischen Zielen Gastgeber, die mich gerne bei sich übernachten lassen wollen (umsonst, per Du und mit vielen Küsschen). So kann ich also touristierend gen Bolivien reisen – mein Plan C gefällt mir mit Abstand am Besten! Endlich stehe ich mit gepackten Koffern (und Reisepass) bei grauem Himmel und Bindfadenregen am Busbahnhof von Santiago. Adios Regenwetter und Hola Sonnenschein. Bis ich dann eine halbe Stunde später immer noch an derselben Stelle stehe, mutterseelenallein und ohne Küsschen. Vom Bus keine Spur. Offensichtlich ist das Wetter tausend Meter höher noch schlimmer, der Grenzpass unpassierbar. Wann er wieder geöffnet wird? Morgen vielleicht oder übermorgen … so genau weiß das keiner. [Szenenwechsel] Ich sitze in drei Decken eingemummelt in einer eiskalten Wohnung in Santiago. Das Gas ist ausgefallen, es gibt kein warmes Wasser. Alle Reisepläne sind bis auf weiteres vom Andenschnee verweht. Ich warte also mit Estragon und Wladimir auf meinen Bus nach Argentinen … Bis dahin: Küsschen!

 

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

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