Der Chilenische Cowboy

Der Chilenische Cowboy

Zwei Fremde sitzen im Zug nebeneinander: er und sie. Zufällig ergibt sich ein Gespräch, daraus folgt die Liebe Ihres Lebens. Gut, das mag für Ethan Hawke und Julie Delpy im Film „Before Sunrise“ funktioniert haben, in meiner Zug- und Busfahrtrealität (die grob geschätzte Kilometerzahl dieser führt mich locker 10 Mal um die Welt) sieht die Wirklichkeit etwas anders aus. Gestatten, meine Sitznachbarn: die ältere Dame (Duftnote: 4711, Konversation: von der Kindheit in Armut bis zur schrecklichen Jugend von heute), der Teenager (Duftnote: Vanille-Deo und Zigaretten, Konversation: kaugummischmatzendes I-Pod-Hören), der Manager (Duftnote: hauptsache teuer, Konversation: nach 10 Minuten SEINES Handygesprächs kenne ICHFriedensfoto mit Huaso Lalo die Kurse sämtlicher DAX-Aktien) und so weiter und so kunterbunt fort. Auf meiner Busreise von Santiago nach Mendoza, Argentinien, erwartete mich ein ganz besonderes Exemplar aus der Kuriositätenkiste Reisepartner. Zuerst sah ich die Stiefel – kniehohe Cowboystiefel mit Fransen – dann das rot-blau-weiße Chile-Fußballtrikot. Dann sah ich erschreckt die Maße: zwei Meter hoch und zwei Meter breit. „Huaso Lalo“, stellte er sich mir vor und rutschte tatsächlich ein Stück zur Seite, sodass ich doch immerhin auf einem halben Sitz Platz finden konnte (bei 9 Stunden Busfahrt ist das nicht zu verachten!). Ein Huaso ist die chilenische Version eines Cowboys. Man nehme den Marlboro Man in doppelt so breit, mit der halben Zahnreihe, zur Duftnote Tabak füge man Schweiß hinzu, den unverständlich genuschelten Slang lasse man stehen: das ist ein chilenischer Huaso. Hinzu kommt in diesem speziellen Fall, das Huaso Lalo eine nationale Berühmtheit ist. Nicht, dass ich das vorher gewusst hätte. Doch nachdem ich dem nervösen Cowboy erkläre, wie er sein Visumsformular für Argentinien ausfüllen muss, sind wir nach chilenischen Maßstäben schon enge Freunde, sodass ich (und bei Lalos Gesprächslautstärke sämtliche 50 Insassen) bald seine Erfolgsstory kennen. Lalo gesteht mir, dass er Fußballfanatiker ist, vor allem der chilenischen Nationalmannschaft. Das hätte ich bei drei übereinandergeschichteten Chile-Trikots und einer Chile Fahne auf dem Strohhut fast übersehen. Als Fußballfanatiker also, wollte er unbedingt zur WM nach Südafrika reisen, um SEINE Nationalmannschaft zu unterstützen. Dafür verkaufte er Fahnen auf der Straße. Das Fernsehen wurde so auf ihn aufmerksam und er erschien als fahnenverkaufender Huaso Lalo im Morgenprogramm. Ein Unternehmer sah dies und ergriff die Gelegenheit, um für sich zu werben. Er schenkte Lalo das Flugticket, die Eintrittskarten sowie ein Chile-Trikot – mit dem Namen des Unternehmens versteht sich. Das freute die Geschäftskunden, das Fernsehen auch und Huaso Lalo sowieso. Das alles wird mir übrigens haarklein von Huaso Lalo berichtet und mit entsprechenden Handy-Videos akribisch dokumentiert. Jetzt ist also Huaso Lalo unterwegs nach Mendoza, um sich die „Copa America“ anzusehen (in etwa wie die EM, aber unter lateinamerikanischen Ländern). Bis dahin hat er sich vorgenommen, seine Sitznachbarin und mit ihr den gesamten Bus zu unterhalten. Dazu gehört auch: Auffrischung in Sachen deutscher Fußballgeschichte von 1954 bis 2011. Zum Leidwesen aller anderen Reisenden, sind wir in fast allen Punkten komplett unterschiedlicher Meinung. Doch nach einer Stunde erhitzter Dikussion einigen wir uns doch auf drei Punkte: deutscher Fußball ist großartig, Chile sowieso und „Schweinsteiger“ ist wirklich ein komischer Name. Zum Abschied gibt es noch ein Cueca-Tänzchen an der Grenze (weswegen wir fast schon wieder umkehren müssen) und ein Friedensfoto mit der deutschen Halb-Sitz-Nachbarin. Welches Mädchen braucht schon einen Traumprinzen, wenn es einen chilenischen Cowboy hat?!

 

 

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

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